Finanzkrise ab 2007
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Der Insolvenzantrag der US-amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers am 15. September 2008 war ein entscheidendes Ereignis im Ablauf der aktuellen internationalen Finanzkrise, die sich seit 2007 angebahnt hatte.
Inhaltsverzeichnis |
Aktuelles
- OECD: Finanzkrise vernichtete mehr als 13 Millionen Arbeitsplätze Spiegel online 26.9.11
- US-Senat kritisiert Banken, u.a. die Deutsche Bank (14.4.11)
- Ex-IWF-Chefökonom zählt Ackermann zu gefährlichsten Bankern (14.4.11)
Die Finanzkrise ab 2007 als Fallbeispiel
Die Behandlung der Finanzkrise ab 2007 als Fallbeispiel[1] ermöglicht die Einführung folgender grundlegender Themen aus dem Bereich Geld und Geldpolitik:
- Geld als Tauschmittel ohne eigenen Verbrauchswert
- Papiergeld[2], dessen Wert in der Verlässlichkeit liegt, dafür Waren zu erhalten (ursprümglich war es Gold mit der innewohnenden Fähigkeit, seinerseits als Tauschmittel zu dienen)
- Dazu die Gleichung: Geldmenge x Umlaufgeschwindigkeit = Warenmenge x Preis
- Buchgeld[3], das Geldschöpfung[4] ermöglicht, weil die Bank nur einen Teil des Geldes, was bei ihr vorliegt, zur Auszahlung vorhalten muss und den Rest als Kredit ausgeben kann
- Geldpolitik und Geldmengensteuerung über Mindestreserve
bei der Bundesbank, Offenmarktpolitik
und andere Instrumente
- Den Rückgang der Fähigkeit der Notenbanken zur Geldmengensteuerung aufgrund neuer Geldschöpfungsmöglichkeiten der Banken durch internationale Kreditrisikostreuung über Zertifikate
Darüber hinaus legt sich die Behandlung weiterer Themen nahe:
- Spekulation
- Währungspolitik
- Devisen
- Finanzderivate
Zu Entstehung und Bekämpfung
Als Grund für die Finanzkrise ab 2007 sieht Paul Krugman
schon vor der Immobilienkrise
als Hauptfehler, dass das "Schattenbanksystem", das durch die Auction Rate Securities
entstand, nicht so reguliert und abgesichert war, wie es das Banksystem seit der Weltwirtschaftskrise von 1929 Schritt für Schritt geworden ist.
Zur Überwindung der gegenwärtigen Finanz- und Wirtschaftskrise fordert Krugman:
| [...] der Staat wird schließlich entschlossener die Kontrolle übernehmen müssen - praktisch wird es auf eine vollständige befristete Verstaatlichung eines beträchtlichen Teils des Finanzsystems hinauslaufen. Um nicht missverstanden zu werden: Das ist kein langfristiges Ziel, es geht nicht darum, die Kommandostände der Wirtschaft an sich zu reißen; sobald man es mit ruhigem Gewissen tun kann, sollte man die Finanzwirtschaft wieder privatisieren, so wie Schweden nach seiner großen Rettungsaktion Anfang der neunziger Jahre das Bankwesen wieder in den Privatsektor überführt hat. Zurzeit muss man aber alle verfügbaren Mittel dafür einsetzen, dass wieder Kredite fließen, und zwar ganz ohne ideologische Scheuklappen. Nichts könnte schlimmer sein, als das Notwendige zu unterlassen, nur weil man fürchtet, Aktionen zur Rettung des Finanzsystems könnten irgendwie »sozialistisch« sein.
Krugman: Die neue Weltwirtschaftskrise, S.216/17 |
Staatshilfen in Deutschland
Eine inoffizielle Aufstellung der bisher von der Bundesrepublik Deutschland geleisteten Staatshilfen für Banken und Unternehmen kommt auf rund 64 Mrd. € an Leistungen für Eigenkapital und rund 164 Mrd. an Garantien.[5]
Meinungen
- Wie ein Riss in einer hohen Mauer (Wort des Rates der EKD zur Finanz- und Wirtschaftskrise), EKD-Texte 100, Juni 2009
- Frühere Stellungnahmen der EKD und der katholischen Deutschen Bischofskonferenz zu wirtschaftlichen Fragen
- Video, in dem Dan Roam erklärt, weshalb die Aufregung über die hohen Boni in den USA seiner Meinung nach berechtigt ist. (Die Boni waren höher als die Gewinne der Banken, weil sie nach dem Umsatz berechnet werden und nicht nach dem Gewinn.) The Bonus Battle, 9.3.2010
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Als nach dem Zusammenbruch der Lehman Bank das Weltfinanzsystem in Gefahr war, wurde es von den Regierungen der Staaten mit der größten Wirtschaftskraft innerhalb weniger Tage mit mehreren hundert Milliarden Dollar gestützt. Dennoch kam es zu einem Einbruch der Weltwirtschaft, der - manchen Schätzungen nach - für über 100 Millionen Menschen den Hungertod bedeutet hat. Wenn man eine entsprechende Summe für die Bekämpfung von Aids, Malaria und anderen Infektionskrankheiten sowie für die Eindämmung des CO2-Ausstoßes eingesetzt hätte oder einsetzen würde, ließen sich katastrophale Folgen dieser Menschheitsprobleme für viele hundert Millionen vermeiden. Die Folgen der durch die Finanzkrise entstandenen hohen Verschuldung der Staaten führen zu so fragwürdigen Finanzmanövern wie Laufzeitverlängerung von Atomkraftwerken, Verschleppung von Investitionen in Bildung und Integration, Einsparungen an den wirtschaftlich Schwächsten, die zumindest das soziale Konfliktpotential enorm erhöhen, die aber auch zu Katastrophen unbekannten Ausmaßes führen könnten. Wenn uns dieser Zusammenhang nicht nur rational, sondern auch emotional klar wäre, dann brauchten sämtliche Investmentbanker, Hedgefondsangestellte und insbesondere ihre Vorgesetzten Personenschutz, weil sie sich nicht vor tätlichen Angriffen schützen könnten. So aber regen wir uns nur darüber auf, dass sie - während das Ausmaß der Krise noch gar nicht abzusehen ist - schon wieder Millionenboni dafür erhalten, dass sie das Spiel fortführen, das die Welt in diese Krise geführt hat. -Fontane44 08:38, 28. Sep. 2010 (UTC) Bitte ändere den Inhalt dieses Beitrags nicht. Denn er gibt eine persönliche Meinung wieder. |
Unterrichtsmaterialien
- Von der Finanz- zur Wirtschaftskrise, Politik betrifft uns, Bergmoser + Höller Verlag AG, ISSN 0938-0884
Medien / Ausstellungen
- Let's make money - machen wir Geld - Dokumentarfilm von Erwin Wagenhofer
über Investmentbanker und Fondsmanager vor und während der Finanzkrise (ARD, 27.07.10)
- Inside Job
Dokumentarfilm (Oskar 2011) von Ch. Ferguson, der nach Befragen von Bankern, Politikern und Wirtschaftsprofessoren nach den Ursachen der Finanzkrise zu dem Fazit kommt, dass der Grund für die Krise in der Liberalisierung der Finanzmärkte liegt, dass aber zur Behebung der Krise gerade die heranngezogen werden, die sie ausgelöst haben.
Fußnoten
- ↑ vgl. zum Lernen an Fallbeispielen
- ↑ Bundesbank zu Bargeld
- ↑ Bundesbank zu Giralgeld
- ↑ Banken als Geldproduzenten, S.59-63
- ↑ aufgestellt am 8.1.09, danach fortgeschrieben
Literatur
- Paul R. Krugmann: Die neue Weltwirtschaftskrise, Campus Verlag, Frankfurt am Main 2009 ISBN 9783593389332 (Rezensionen, Leseprobe)
Linkliste
Grundbegriffe
- Geld und Geldpolitik (Informationsheft der Bundesbank für die Sekundarstufe II, Ausgabe Mai 2008)
- Finanzkrise ab 2007
- Geldschöpfung
- Geldmenge
- Geldpolitik
- Geldschöpfungsgewinn
- In Wikiversity wurde ein Experteninterview mit Prof. Willke zur Finanzkrise in der Wikiversity vorbereitet, das dann aber ausfiel.
Zu Ablauf, Folgen und Bewertung der Krise
- Armin Müller (tp/blogs vom 17.05.2010): Australischer Ökonom Steve Keen sah als erster die Weltfinanzkrise voraus
- Alternative Wirtschaftswissenschaftler haben Keen für seine grundlegenden Arbeiten zur Instabilität der Weltfinanzordnung und für seine frühen Warnungen vor der Subprime-Krise ausgezeichnet.
- Entstehung der Finanzkrise (Spiegel Online, 14. Oktober 2008)
- Spiegel online: Artikelserie zur Finanzkrise
- Blogartikelserie zur Finanzkrise (Texte zur Diskussion, die fortlaufend aktualisiert werden und auf andere Publikationen Bezug nehmen)
- Chronik der Finanzkrise (Blog) (letzter abgefragter Beitrag zum 31. Mai 2010)
- Chronik der Finanzkrise (WirtschaftsWoche) (geführt bis Mai 2009 mit 83 Leserkommentaren)
- Dossier der taz zur Finanzkrise
- Die Finanzkrise als Bildergeschichte ("kinderleichte" Darstellung der Krise durch die Welt am Sonntag mit charakteristischen Auslassungen)
- Als Geldfortschritt getarnter Kreditbetrug (Wilhelm Hankel in der Frankfurter Rundschau vom 25.10.08 zur Finanzkrise)
- Kurzdarstellung zu Ursachen der Krise
- Drei Videos über die Ursachen der Krise
- Animierte Grafik zur Immobilienkrise 2007
- Zitate zur Finanzkrise seit Zusammenbruch von Lehman Brothers
- Krise der Weltwirtschaft, Aus Politik und Zeitgeschichte 20/2009 vom 11.5.2009
Folgen
- Den Reichen brachte die Krise überdurchschnittliche Vermögenszuwächse (Stand Juni 2010)
- Silvio Duwe (tp vom 18.05.2010): Zahlen sollen die Anderen!
- Vertreter der Finanzindustrie und unabhängige Experten diskutieren vor dem Finanzausschuss über Bankenabgabe und Finanztransaktionssteuer. - Wer zahlt für die Finanzkrise? Vor dem Finanzausschuss sind sich Vertreter von Banken, Versicherungen und Investmentmanager vor allem in einem einig: möglichst nicht sie selbst. NGOs und Gewerkschaften hingegen machen sich für eine Finanztransaktionssteuer stark – die jedoch ist trotz einstmaliger Zustimmung der Kanzlerin nicht in den Eckpunkten der Bundesregierung enthalten. Mittlerweile lehnt Merkel die Finanztransaktionssteuer ab.
- OECD: Finanzkrise vernichtete mehr als 13 Millionen Arbeitsplätze Spiegel online 26.9.11
Zur Bewertung
- Die Ursache der Finanzkrise ab 2007 war eine Art Schneeballsystem Albrecht Müller Nachdenkseiten vom 7.9.2010
- Reinhard Jellen (tp vom 18.07.2010):
- Interview mit Robert Kurz über die globale Wirtschaftskrise, die Krise der Staatsfinanzen und Gefahren von Deflation und Inflation.
- Der Krisentheoretiker Robert Kurz hat bereits mit seinem 1991 publizierten Buch "Der Kollaps der Modernisierung" den Kapitalismus
als Wirtschaftssystem analysiert, welches aufgrund seiner eigenen Widersprüche, vornehmlich der Verdrängung menschlicher Arbeit durch Wissenschaft und Technik und den damit zunehmenden Schwierigkeiten bei der Erzeugung von Profit, alles andere als die beste aller ökonomischen Welten darstellt. Anders als der überwiegende Teil der Globalisierungskritiker erklärt er aber die aktuelle globale Krise nicht mit den moralischen Verfehlungen einer korrupten Manager- und Politiker-Kaste, sondern deutet sie als Folge der Widerspruchsdynamik eines Systems, das in seinem krisenhaften Verlauf sämtlichen Lebensbereichen seine Funktionslogik aufherrscht.
- → Digitale Revolution → (synonym: "Dritte industrielle Revolution")
- → Soziale Frage#Weiterführende Weblinks → Robert Kurz: Schwarzbuch Kapitalismus (eBook)
- Thomas Pany (tp/blogs vom10.06.2010): "Verrückte an der Macht"
- Der Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman
hält die Sparprogramme in Europa für eine "sehr große Dummheit".
- Edzard Reuter, früher Vorstandsvorsitzender der Daimler AG
- "Für mich ist die Frage nicht, ob die Krise zu schnell vorbei war, sondern ob sie ausreichend unter die Haut geht, um uns zu Konsequenzen zu zwingen." (Interview mit Die ZEIT vom 27.9.2010)
Eigentümlichkeiten des Finanzsystems, die Krisen begünstigen
Regulierungsmaßnahmen, um die Wiederholung der Krise zu verhindern
- Finanzmarktreform in den USA
- FR (15.07.2010): Kernpunkte der US-Finanzmarktreform
- Das ist die größte Reform der Finanzmärkte in den USA seit der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre. Das Dodd-Frank-Gesetz soll ein Wiederholen der schweren Finanzkrise von 2007 bis 2009 verhindern. Im Folgenden wichtige Punkte der zuletzt diskutierten Version des 2300 Seiten umfassenden Gesetzes.
- Florian Rötzer (tp/blogs vom 18.05.2010): Bundesregierung verbietet ungedeckte Leerverkäufe
- Mit einer Verfügung hat die BaFin
die riskanten Wetten, die den Euro ins Taumeln brachten, zeitweise verboten.
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