Jugendbegriff

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Die „Jugend“ erscheint uns heute als eine selbstverständliche, gesellschaftlich eingeräumte Lebensphase mit spezifischen Merkmalen genau wie die Kindheit und das Erwachsenenalter. Historisch betrachtet ist die Anerkennung dieses gesonderten Lebensabschnitts jedoch noch relativ jung. „Eine so strukturierte Jugendphase [hat] sich erst im 19. Jahrhundert herausgebildet und im 20. Jahrhundert als Lebensphase für (fast) alle verbreitet“[1]. Jugend muss daher als ein soziokulturelles Phänomen betrachtet werden, das nicht einfach natürlich gegeben ist[2].

Noch im vorindustriellen Mitteleuropa des 18. Jahrhunderts war der Lebensweg vieler Heranwachsender durch den gesellschaftlichen Stand bestimmt. Die Pubertät setzte zeitlich wesentlich später als heute ein und bereits zwischen dem achten und zehnten Lebensjahr wurden Kinder in familiäre Arbeitsprozesse eingebunden. Zwar existierte bereits in dieser Zeit das Phänomen „Jugend“, doch bestanden heutige Schwierigkeiten wie (theoretisch) freie Berufswahl und Identitätsfindung in einer pluralistischen Gesellschaft noch nicht[3].

Mit der zunehmenden Industrialisierung im 19. Jahrhundert verlor die Landwirtschaft immer mehr an Bedeutung und die Fabrikarbeit etablierte sich, wodurch das Proletariat als soziale Klasse entstand. In letzterer war die Jugendphase meist sehr kurz angelegt, da nach Schulentlassung (spätestens im 14. Lebensjahr) sofort die Arbeit in der Fabrik aufgenommen wurde und wenig später bereits die Heirat folgte[4].

Jedoch entstand neben der Arbeiterklasse auch das wirtschaftlich besser gestellte Bürgertum, in dem die Jungen den väterlichen Betrieb weiterführen und vergrößern sollten und folglich eine entsprechend qualitative Ausbildung durchlaufen mussten. Ähnlich sah die Situation des Bildungsbürgertums aus: „Der soziale und ökonomische Status dieser Familien konnte nur dann in die nächste Generation verpflanzt werden, wenn die Söhne wiederum ein Studium erfolgreich abschlossen.“[5]. Die daraus resultierende längere Bildung und Ausbildungszeit „lässt sich als historische Geburtsstunde der uns heute bekannten Jugendzeit ansprechen“[6]. Die Mädchen in der bürgerlichen Schicht wurden zunächst zu Hause „auf die Ehe vorbereitet und erst im Verlauf des 20. Jahrhunderts in die <höhere> Schulbildung und damit auch in die bürgerliche Jugend einbezogen“[7]. Für Kinder des Proletariats war bis in die 1950er-Jahre eine kurze Jugend spezifisch.

Im Zuge der Bildungsexpansion der 1960er- und ´70er-Jahre wurden auch für Arbeiterkinder die Schul- bzw. Ausbildungszeiten immer länger und eine Stufe zwischen Jugend- und Erwachsenenalter etablierte sich: Die Postadoleszenz. Sie ist gekennzeichnet durch „[w]irtschaftliche Abhängigkeit […] gekoppelt mit Selbstständigkeit in allen anderen Lebensbereichen“[8], wie es etwa häufig bei Studenten der Fall ist, die zwar von zu Hause ausgezogen sind, aber noch nicht finanziell eigenständig sind.

Trotz aller Wandlungen hat sich kaum etwas an den Entwicklungsaufgaben, die Jugendliche durchlaufen müssen, geändert. Neben dem Erwerb schulischer und beruflicher Qualifikationen, um finanziell unabhängig zu werden, muss die jeweilige Geschlechterrolle ausgestaltet und eigene Lebensprinzipien gefunden werden. Dies sind schwierige Anforderungen für sie mit viel Krisenpotenzial, die jedoch elementar für die Persönlichkeitsentwicklung sind[9].

Literatur

Tillmann, K.-J.: Sozialisationstheorien – Eine Einführung in den Zusammenhang von Gesellschaft, Institution und Subjektwerdung. Reinbek bei Hamburg 2006 (14. Aufl.).

Quellen

  1. ↑ Tillmann 2006, S. 193-194
  2. ↑ vgl. ebd., S. 194
  3. ↑ vgl. Sieder bei Tillmann, S. 198
  4. ↑ vgl. Tillmann, S. 198
  5. ↑ ebd.
  6. ↑ ebd.
  7. ↑ vgl. Bilden / Diezinger zitiert bei Tillmann, S. 199
  8. ↑ Tillmann, S. 200
  9. ↑ vgl. ebd., S. 201

Siehe auch