Kalteis
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Kalteis ist ein Kriminalroman von Andrea Maria Schenkel.
Kalteis: Pressestimmen und Stimmungen
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 05.08.2007, Nr. 31
- Neue Morde: Andrea Maria Schenkels zweiter Krimi (Carsten Germis)
- [...] In dieser Woche wird nun „Kalteis“, der neue Kriminalroman von Andrea Maria Schenkel, in die Buchhandlungen kommen. Die Startauflage liegt bei 50.000. Der Verlag rechnet wieder mit einem Erfolg. Bislang galt bei der Edition Nautilus schon eine Auflage von 3000 als gut. Wie schon in „Tannöd“ nimmt sich Schenkel auch in ihrem neuen Krimi wieder einen authentischen Fall zum Vorbild. Damals war es der Mord an einer Bauernfamilie auf einem bayerischen Einödhof. Im neuen Krimi ist der Vergewaltiger und Frauenmörder Johann Eichhorn Vorlage für den Mörder Josef Kalteis. Eichhorn wurde 1939 in München hingerichtet. „Dauer der Hinrichtung vom Betreten des Gefängnishofes bis zur Exekution durch die Fallschwertmaschine: 17 Sekunden“, heißt es in „Kalteis“.[...]
- Schenkel selbst ist überzeugt von ihrem zweiten Buch. „Ich denke, dass es besser ist“, sagt sie. Besser noch als der Bestseller „Tannöd“. Wie dieser ist auch der neue Krimi in einer einfachen, bisweilen sogar schlichten Sprache geschrieben. „Lehrbuchrezepte interessieren mich nicht“, sagt Schenkel. Vielleicht wirkt da noch die Enttäuschung nach, die sie empfand, als die großen Verlage ihr „Tannöd“ einfach zurückschickten. Ein freundlicher Lektor gab der Debütautorin damals gleich noch ein paar Tipps: Zur richtigen Kriminalerzählung gehöre ein Detektiv. Ein Krimi brauche einen guten Plot, spannende Charaktere und einen gehörigen Schuss Humor.
- Doch mit klassischen Detektivromanen konnte Schenkel nie viel anfangen. [...] Schenkel hat den Krimi-Preis und den „Glauser“ für das beste Debüt in diesem Jahr wohl auch deshalb erhalten, weil sie demonstrativ mit diesen Traditionen bricht. [...] Sie interessiert sich in ihren Kriminalerzählungen nicht für die Aufklärung, sondern für die Frage, warum der Böse böse wird. „Triebfedern, welche sich im gewöhnlichen Leben dem Auge des Beobachters verstecken, treten bei solchen Anlässen, wo Leben, Freiheit und Eigenthum auf dem Spiele steht, sichtbarer hervor, und so ist der Kriminalrichter im Stande, tiefere Blicke in das Menschenherz zu thun“, schrieb Friedrich Schiller 1792 in seiner Vorrede zum „Pitaval“, einer Sammlung bekannter Kriminalfälle. Schiller selbst hat mit seinem „Verbrecher aus verlorener Ehre“ aus einem authentischen Fall ein großes Stück Kriminalliteratur gemacht. Schenkel steht mit ihren Erzählungen eher in dieser deutschen Tradition der Kriminalerzählung.[...|
- Triebe & Hiebe - Nach „Tannöd“ nun „Kalteis“ (Annette Kuhn)
- "Auf die Figur des Johann Eichhorn ist sie zufällig gestoßen. Eigentlich war es ihr Mann, der ihn entdeckte. Er hatte in einem Ausstellungskatalog zur Münchner Polizeigeschichte geblättert und ihn seiner Frau hingehalten. Zuerst wollte sie nicht, es war ihr zu heftig. Aber dann ließ der Münchner Mörder sie doch nicht mehr los. Sie war erstaunt, dass ausgerechnet ihr Mann sie auf Eichhorn gebracht hatte.
- War er es doch, der „Tannöd“ lange nicht gelesen hat, weil es ihm zu brutal war. Weil er vielleicht auch Scheu vor dieser neuen Seite seiner Frau hatte. „Es ist merkwürdig, dass Männer da ein bisschen gehemmter sind. Mir ist aufgefallen, dass Frauen viel brutalere Bücher schreiben als Männer.“ Wieso das so ist, hat sie noch nicht herausgefunden.
- Die Faszination für mörderische Themen durchzieht ihr Leben wie ein roter Faden. Erst war da dieser Kakaofleck. Dieser Kakaofleck, der zum Blutfleck wurde. Dieser Blutfleck, um den sich im Kopf der achtjährigen Andrea Schenkel eine mörderische Geschichte entfaltete. Dann hat sie einen Ordner angelegt und diese Geschichte abgeheftet und bald viele andere Geschichten auch: Kriminalgeschichten, blutige Geschichten. „Andere Kinder spielen Gummitwist, ich habe lieber gelesen und geschrieben.“ (www.welt.de)
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.08.2007
- Dem Traum folgt kein Erwachen mehr
- [...] Es regiert die Parataxe, die Satzordnung ist derjenigen der Umgangssprache angepasst. Die Figuren sprechen „restricted code“ - wie es früher im Germanistikstudium hieß, das Andrea Maria Schenkel nicht absolvieren durfte, weil das ihrer Mutter nicht geheuer war. So kam sie zur Post und konnte ihre literarischen Ambitionen erst mit Anfang vierzig, als Hausfrau und Mutter dreier Kinder, ausleben. Ihr erzählerisches Verfahren beherrscht sie, sie hat einen eigenen Ton gefunden. Das große Lob, das man dem Debüt entgegenschleuderte, ist aber auch eine Bürde. Will sie denn überhaupt Kriminalliteratur schreiben? Eher nein. Heimatliteratur? Auch nicht.
- Aber Trittsicherheit im abgebildeten Milieu wird man verlangen müssen, und hier gibt es im neuen Buch Schwachstellen. München, damals immerhin die fahnengeschmückte „Hauptstadt der Bewegung“, bleibt merkwürdig blass und schematisch. Zwischen Tal und Wiesn, Ickstatt- und Lothringer Straße, Schäftlarn und Milbertshofen wird die Atmosphäre der dörflichen Großstadt mehr behauptet als in Details ausgearbeitet. Auch sprachlich verzichtet die Autorin auf Differenzierung. Die Erzählung bleibt im Hauptton einem sonderbaren Kunstbairisch treu, das zuletzt der Österreicher Wolf Haas künstlerisch weiter vorangetrieben hat. Diese überformte Umgangssprache wird aufgeladen mit Dialekteinsprengseln - etwa mit der gar nicht so geläufigen Nebenform „Tschamster“ (statt „Tschamsterer“ für Liebhaber, Hausfreund) - und mit Stilbrüchen: „Schnürsenkel“, das „große Hallo“, die „verdammte Lüge“, „alle Zeit der Welt“ sind jedenfalls Redewendungen, die nicht ins München des Jahres 1938 passen.
- Gerda, Kuni, Herta, Erna, Marlis, Kathie. Junge Frauen vom Land und aus der Stadt, deren Aufbruch ins Leben Kalteis zerstört. Die einen hätten den Aufstieg ins Bürgertum geschafft, die anderen hätten sich nicht halten können, sie landen wie das Landei Kathie in der Gosse. Der immerwährende Traum von der großen Stadt, vom Leben in Freiheit jenseits der vermeintlichen dörflichen Enge, der wird im Fall Kathies ganz schnell zu einem Abrutschen ins Milieu der (Gelegenheits-) Prostitution.
- Der Traum ist ausgeträumt, an seine Stelle müssen andere treten, und die führen geradewegs auf die schiefe Bahn des Kitsches. [...]
Stuttgarter Nachrichten 13.08.2007
- Andrea Maria Schenkel: Kalteis (Johannes von der Gathen, dpa)
- [...] Wie schon in „Tannöd“ entwirft die Autorin ein Kaleidoskop unterschiedlicher Perspektiven und Figuren. Subjektive Erzählstimmen wie die der Protagonistin Kathie stehen neben Vernehmungsprotokollen und Zeugenaussagen, es gibt keine strikte zeitliche Chronologie, das Buch beginnt mit der Hinrichtung des Täters. Fragmentierung als Erzählprinzip - „Kalteis“ ist ein sehr effektiv gebauter Patchwork- Roman, der gerade mit Auslassungen und Leerstellen seinen unheimlichen Sog entfaltet. Zum Ende hin gibt es allerdings einige sehr explizite Gewaltszenen, nichts für schwache Gemüter. [...]
- Andrea Maria Schenkel: Kalteis
- [..] „Kalteis“ hat mich nicht gepackt, es hat mich trotz der gelungenen Dramaturgie – ein wenig kalt gelassen, was aber nicht am Text selber liegt, sondern natürlich an mir, der ich eben das Vergessen predige, aber nicht wirklich vergessen kann. - Oder es liegt gerade an der gelungenen Dramaturgie, weil man sie sofort als gelungene Dramaturgie erkennen kann. Wie auch immer: „Kalteis“ ist ein nettes Buch, und hätte Andrea Maria Schenkel damit debütiert, wäre sie ähnlich gelobt worden wie für „Tannöd“. Aber weil dem nicht so ist, lobt man es als das Buch, das „Tannöd“ überwinden sollte, aber noch nicht überwunden hat.
- Das ist nun einmal der Fluch von Zweitlingen, die zwar eine Weiterentwicklung zeigen, aber noch zu sehr an der großen Blaupause hängen. Doch selbst das kann man der Autorin nicht anlasten. Sie ist dabei, sich freizuschreiben, hoffentlich auch formal, denn noch einmal möchte man ein Buch von ihr nicht mit „Tannöd“ vergleichen müssen oder darauf bestehen, es zu vergessen. Enttäuscht sein von „Kalteis“ kann nur, wer „Tannöd“ reloaded will oder überhaupt kein „Tannöd“. Alle anderen haben kein schlechtes Buch gelesen und warten auf ein anderes. (Dieter Paul Rudolph)
Krimi-September-Bestenliste 2007: Platz 1
- Andreas Maria Schenkel: Kalteis
- [...] Empathie ist ein rares Gut, und nur wenige verstehen sie so zu wecken wie Andrea Maria Schenkel. In „Kalteis“ gelingt ihr das erneut, und noch eindringlicher. Nicht der Täter Josef Kalteis und seine ebenso unergründlichen wie trivialen Motive – kaum versiegende Quelle aller Serienkiller-Thriller – stehen im Zentrum, sondern die Tat. Der Mann ist hingerichtet, und Schenkel zitiert gerade so viel aus Vernehmungsprotokollen und Gerichtsakten, dass man ihn nicht völlig aus den Augen verliert.
- Wie in „Tannöd“rekonstruiert sie in Zeugenaussagen und Protokollnotizen, in knappen plastischen Skizzen ein Stück vom Leben - und das Sterben der fünf Opfer. Anstatt jede Mordtat für sich zu erzählen, teilt sie die einzelnen Elemente der Tat – das lustvolle Aufspüren dunkelhaariger Frauen bei Radpartien ins Umland, das Ansprechen, die Vergewaltigung, die Tötung, die Zerstückelung, das Verbergen der Leichenteile – so auf, dass erst am Ende, als die letzte junge Frau umgebracht wird, eine vollständige Ermordung mit allen obszönen, verstörenden Details erzählt ist. [...] “Kalteis“ trifft ins Herz. Nicht nur durch die genaue Schilderung des Milieus, die Schenkel den Erzählungen ihrer Großmütter und Tanten verdankt. Deren Sehnsüchte sind in den Wunschträumen Kathies aufbewahrt. Kalteis ist ein Kriminalroman besonderer Art. Der literarische, gefilmte, so und so oft wiederholte Mord, den wir im Krimi voll Lustangst genießen, um uns die Wirklichkeit des Sterbens vom Leibe zu halten, wird von Andrea Maria Schenkel schmucklos ins Erleben zurückgeholt. Und erschüttert deshalb umso mehr. (Tobias Gohlis/Die Zeit)
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