Wandern

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Wandern als Thema im Deutschunterricht

Eine deutsche Erfindung?

Heinz Schlaffer: Die kurze Geschichte der deutschen Literatur, Hanser Verlag 2002 S. 68 f

"Fast bis in die Gegenwart dauert eine Erfindung der Studenten vom Ende des 18. Jahrhunderts, die für die deutsche Poesie und Lebensweise folgenreich war: das Wandern. In anderen Ländern war es nie üblich; in Deutschland stirbt es zur Zeit aus. Studien Heinrich Bosses haben auf die merkwürdige Erscheinung aufmerksam gemacht, daß um I770 das traditionelle Wandern der Handwerksgesellen durch Polizeiverordnungen unterdrückt wurde, dafür aber bei den Intellektuellen in Mode kam. Der praktische Zweck der einen wandelt sich zum ästhetischen Vergnügen der anderen. Der Wanderer erschließt sich eine neue Landschaftserfahrung, die in der augenblicklichen Wahrnehmung - in Regen und Sturm auf dem Â»Schlammpfad« - wie im Ganzen - der gottgleichen Natur - die literarischen Konventionen der idyllischen und der heroischen Topographie hinter sich läßt. Von den wandernden Handwerkern übernehmen ihre Imitatoren, die Studenten, den Brauch, Lieder zu singen oder Lieder zu dichten, als wären sie beim Wandern entstanden. Goethe erinnert sich seiner jugendlichen Gewaltmärsche: Â»Mehr als jemals war ich gegen offene Welt und freie Natur gerichtet. Unterwegs sang ich mir seltsame Hymnen und Dithyramben, wovon noch eine, unter dem Titel >Wanderers Sturmlied<, übrig ist.« Viele deutsche Gedichte, von denen einige populäre Lieder geworden sind, bekunden bereits in der Überschrift oder in der ersten Zeile das Wandern als Anlaß und Hintergrund. Noch die deutsche Naturlyrik des 20. Jahrhunderts verlangt vom Leser, daß er sich in einen Wanderer versetze, ..."

Texte

Gemeinsamer Aufbrauch - getrennte Wege - doppeltes Scheitern:

Joseph Freiherr v. Eichendorff

Die zwei Gesellen

Es zogen zwei rüstge Gesellen
zum erstenmal von Haus,
so jubelnd recht in die hellen,
klingenden, singenden Wellen
des vollen Frühlings hinaus.
Die strebten nach hohen Dingen,
die wollten, trotz Lust und Schmerz,
was Rechts in der Welt vollbringen,
und wem sie vorübergingen,
dem lachten Sinnen und Herz. -
Der erste, der fand ein Liebchen,
die Schwieger kauft' Hof und Haus;
der wiegte gar bald ein Bübchen,
und sah aus heimlichem Stübchen
behaglich ins Feld hinaus.
Dem zweiten sangen und logen
die tausend Stimmen im Grund,
verlockend' Sirenen, und zogen
ihn in der buhlenden Wogen
farbig klingenden Schlund.
Und wie er auftaucht' vom Schlunde,
da war er müde und alt,
sein Schifflein das lag im Grunde,
so still wars rings in die Runde,
und über die Wasser wehts kalt.
Es singen und klingen die Wellen
des Frühlings wohl über mir;
und seh ich so kecke Gesellen,
die Tränen im Auge mir schwellen -
ach Gott, führ uns liebreich zu Dir!


Siehe auch

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