Die Ahnen: Unterschied zwischen den Versionen

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'''Die Ahnen''' sind ein Zyklus von Kurzromanen, in dem [[Gustav Freytag]] die germanisch-deutsche Geschichte am Beispiel der Mitglieder einer Familie von der Zeit der Völkerwanderung bis nahe an seine Gegenwart darstellt. Er beginnt er mit dem Vandalen Ingo aus königlicher Familie, der in Thüringen ein kleines Königreich gründet und endet im bürgerlichen Milieu.
 
'''Die Ahnen''' sind ein Zyklus von Kurzromanen, in dem [[Gustav Freytag]] die germanisch-deutsche Geschichte am Beispiel der Mitglieder einer Familie von der Zeit der Völkerwanderung bis nahe an seine Gegenwart darstellt. Er beginnt er mit dem Vandalen Ingo aus königlicher Familie, der in Thüringen ein kleines Königreich gründet und endet im bürgerlichen Milieu.
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* [http://www.zeno.org/Literatur/M/Freytag,+Gustav/Romane/Die+Ahnen Text bei zeno.org]
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* [http://fontanefan3.blogspot.com/search/label/Die%20Ahnen Textausschnitte aus den Einzelromanen] (mit Überleitungen und Kurztexten zur Einordnung)
  
 
== Gustav Freytags Selbstzeugnis über seinen Romanzyklus ==
 
== Gustav Freytags Selbstzeugnis über seinen Romanzyklus ==
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Gustav Freytag war am Anfang des deutsch-französischen Krieges von 1870-1871 im Hauptquartier des Kronprinzen {{wpde|Friedrich III. (Deutsches Reich)|Friedrich Wilhelm}} und war von den Erfolgen der preußischen Armee beeindruckt.
 
{{Zitat|Aber die mächtigen Eindrücke jener Wochen arbeiteten in der Seele fort; schon während ich auf den Landstraßen Frankreichs im Gedränge der Männer, Rosse und Fuhrwerke einherzog, waren mir immer wieder die Einbrüche unserer germanischen Vorfahren in das römische Gallien eingefallen, ich sah sie auf Flößen und Holzschilden über die Ströme schwimmen, hörte hinter dem Hurra meiner [658] Landsleute vom fünften und elften Korps das Harageschrei der alten Franken und Alemannen, ich verglich die deutsche Weise mit der fremden, und überdachte, wie die deutschen Kriegsherren und ihre Heere sich im Laufe der Jahrhunderte gewandelt haben bis zu der nationalen Einrichtung unseres Kriegswesens, dem größten und eigentümlichsten Gebilde des modernen Staates. – Aus solchen Träumen und aus einem gewissen historischen Stil, welcher meiner Erfindung durch die Erlebnisse von 1870 gekommen war, entstand allmählich die Idee zu dem Roman »Die Ahnen«. […]
 
{{Zitat|Aber die mächtigen Eindrücke jener Wochen arbeiteten in der Seele fort; schon während ich auf den Landstraßen Frankreichs im Gedränge der Männer, Rosse und Fuhrwerke einherzog, waren mir immer wieder die Einbrüche unserer germanischen Vorfahren in das römische Gallien eingefallen, ich sah sie auf Flößen und Holzschilden über die Ströme schwimmen, hörte hinter dem Hurra meiner [658] Landsleute vom fünften und elften Korps das Harageschrei der alten Franken und Alemannen, ich verglich die deutsche Weise mit der fremden, und überdachte, wie die deutschen Kriegsherren und ihre Heere sich im Laufe der Jahrhunderte gewandelt haben bis zu der nationalen Einrichtung unseres Kriegswesens, dem größten und eigentümlichsten Gebilde des modernen Staates. – Aus solchen Träumen und aus einem gewissen historischen Stil, welcher meiner Erfindung durch die Erlebnisse von 1870 gekommen war, entstand allmählich die Idee zu dem Roman »Die Ahnen«. […]
 
Der Zusammenhang des Menschen, nicht nur mit seinen Zeitgenossen, auch mit seinen Vorfahren, und die geheimnisvolle Einwirkung derselben auf seine Seele und seinen Leib auf alle Äußerungen seiner Lebenskraft und auf sein Schicksal waren mir seit meiner Jugend besonders bedeutsam erschienen. Daß solche Abhängigkeit besteht, sehen wir überall, wenn wir [661] in den Kindern die Gesichtszüge, Gemütsanlagen, Vorzüge und Schwächen der Eltern und Großeltern erkennen. Allerdings vermag die Wissenschaft mit diesen unaufhörlichen zahllosen Variationen früheren Lebens nicht viel zu machen. In Ehrfurcht vor dem Unberechenbaren muß sie sich versagen dies Rätsel des irdischen Werdens zu lösen. Aber was sich der Einsicht des Gelehrten entzieht, darf vielleicht der Dichter anrühren, auch er mit Scheu und Vorsicht. Und wenn er lebhafter empfindet als andere, wie jeder Mensch in dem Zusammenwirken seiner Ahnen und seines Volkes und wieder des Erwerbes, den ihm das eigene Leben gibt, etwas Neues darstellt, das ebenso noch nicht da war, so mag er auch Entschuldigung finden, wenn er trotz alledem zu dem Glauben neigt, daß im letzten Grunde der Vorfahr in dem Enkel wieder lebendig wird. [...]
 
Der Zusammenhang des Menschen, nicht nur mit seinen Zeitgenossen, auch mit seinen Vorfahren, und die geheimnisvolle Einwirkung derselben auf seine Seele und seinen Leib auf alle Äußerungen seiner Lebenskraft und auf sein Schicksal waren mir seit meiner Jugend besonders bedeutsam erschienen. Daß solche Abhängigkeit besteht, sehen wir überall, wenn wir [661] in den Kindern die Gesichtszüge, Gemütsanlagen, Vorzüge und Schwächen der Eltern und Großeltern erkennen. Allerdings vermag die Wissenschaft mit diesen unaufhörlichen zahllosen Variationen früheren Lebens nicht viel zu machen. In Ehrfurcht vor dem Unberechenbaren muß sie sich versagen dies Rätsel des irdischen Werdens zu lösen. Aber was sich der Einsicht des Gelehrten entzieht, darf vielleicht der Dichter anrühren, auch er mit Scheu und Vorsicht. Und wenn er lebhafter empfindet als andere, wie jeder Mensch in dem Zusammenwirken seiner Ahnen und seines Volkes und wieder des Erwerbes, den ihm das eigene Leben gibt, etwas Neues darstellt, das ebenso noch nicht da war, so mag er auch Entschuldigung finden, wenn er trotz alledem zu dem Glauben neigt, daß im letzten Grunde der Vorfahr in dem Enkel wieder lebendig wird. [...]
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''Zu den Orten der Handlung:''
 
''Zu den Orten der Handlung:''
  
[...] an Stelle der Idisburg erhebt sich die Feste Koburg  […] Im Nest der Zaunkönige liegt der Hauptteil des Herrenbesitzes um die drei Gleichen, Vorberge des Thüringer Waldes bis in die Nähe von Erfurt, in einem Landstrich, wo die Dorfnamen, welche auf »leben« endigen, vorherrschen. (S.666) […]
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[...] an Stelle der Idisburg erhebt sich die [http://de.wikipedia.org/wiki/Veste_Coburg Feste Koburg] […]. Im Nest der Zaunkönige liegt der Hauptteil des Herrenbesitzes um die [http://de.wikipedia.org/wiki/Drei_Gleichen drei Gleichen], Vorberge des Thüringer Waldes bis in die Nähe von Erfurt, in einem Landstrich, wo die Dorfnamen, welche auf »leben« endigen, vorherrschen. (S.666) […]
  
In der letzten Erzählung »Aus einer kleinen Stadt« sind Eindrücke, welche dem Schlesier in seiner Jugendzeit kamen, sorglos und reichlich benutzt. Man kann in dem einsamen Pfarrhofe mit seiner alten Holzkirche, welche neben einem heidnischen Ringwall steht, das Dorf Wüstebriese bei Ohlau wiederfinden, in welchem der Vater meiner Mutter Pastor war. (S.671)
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In der letzten Erzählung »Aus einer kleinen Stadt« sind Eindrücke, welche dem Schlesier in seiner Jugendzeit kamen, sorglos und reichlich benutzt. Man kann in dem einsamen Pfarrhofe mit seiner alten Holzkirche, welche neben einem heidnischen Ringwall steht, das Dorf [http://klauskunze.com/ohlau/orte/wuestebriese.htm Wüstebriese] bei Ohlau wiederfinden, in welchem der Vater meiner Mutter Pastor war. (S.671)
  
 
Hauptsache bei der kleinen Handlung des Schlusses war für mich, die poetische Idee, welche die einzelnen Geschichten verbindet, noch einmal vorzuführen und auf derselben Stätte, auf welcher sich die Katastrophe der ersten Geschichte vollzog, das Ganze zu schließen. (S.673)|Gustav Freyag: Erinerungen aus meinem Leben. [http://www.zeno.org/Literatur/M/Freytag,+Gustav/Autobiographisches/Erinnerungen+aus+meinem+Leben/12.+Die+Ahnen 12. Kapitel: Die Ahnen], S.657-673}}
 
Hauptsache bei der kleinen Handlung des Schlusses war für mich, die poetische Idee, welche die einzelnen Geschichten verbindet, noch einmal vorzuführen und auf derselben Stätte, auf welcher sich die Katastrophe der ersten Geschichte vollzog, das Ganze zu schließen. (S.673)|Gustav Freyag: Erinerungen aus meinem Leben. [http://www.zeno.org/Literatur/M/Freytag,+Gustav/Autobiographisches/Erinnerungen+aus+meinem+Leben/12.+Die+Ahnen 12. Kapitel: Die Ahnen], S.657-673}}
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{{Zitat|"Freytag beschreibt eine eindeutige historische Entwicklung von der Völkerwanderung bis hin zum 'bürgerlich-patriarchalischen Idyll' (Jahn, Werner: Der geschichtliche Fortschritt im bürgerlichen historischen Roman des zwanzigsten Jahrhunderts; Rostock 1958, S.39). Für ihn ist es nur konsequent, wenn die Handlung vor der Revolution von 1848 endet. Der Bürger im wilhelminischen Deutschland ist zufrieden. Man darf allerdings nicht die Rolle dieses Bürgers dem Adel gegenüber unterschätzen. Selbstbewußt und fast gleichgestellt verhandelt der Kaufmann Markus König mit dem Hochmeister des deutschen Ritterordens, Albrecht von Brandenburg. Und gerade mit den 'Ahnen' erstellt Freytag seinen bürgerlichen Helden des 19.Jahrhunderts einen Stammbaum bis hin zum vandalischen Königshaus; auf eine derartig lange und noble Ahnenreihe können weder Hohenzollern noch Habsburg zurückblicken. [...] Ein Ergebnis dieser versuchten Objektivierung ist, daß Freytag fast ganz auf die übliche Schwarz-Weiß-Malerei verzichtet; die Feinde, ob es sich um arabische Moslems während der Kreuzzüge oder um einen napoleonischen Offizier handelt, werden mit viel Verständnis und auch Sympathie beschrieben. Dem Roman fehlt völlig die Aggressivität die spätere völkisch-konservative Romane auszeichnet."  
 
{{Zitat|"Freytag beschreibt eine eindeutige historische Entwicklung von der Völkerwanderung bis hin zum 'bürgerlich-patriarchalischen Idyll' (Jahn, Werner: Der geschichtliche Fortschritt im bürgerlichen historischen Roman des zwanzigsten Jahrhunderts; Rostock 1958, S.39). Für ihn ist es nur konsequent, wenn die Handlung vor der Revolution von 1848 endet. Der Bürger im wilhelminischen Deutschland ist zufrieden. Man darf allerdings nicht die Rolle dieses Bürgers dem Adel gegenüber unterschätzen. Selbstbewußt und fast gleichgestellt verhandelt der Kaufmann Markus König mit dem Hochmeister des deutschen Ritterordens, Albrecht von Brandenburg. Und gerade mit den 'Ahnen' erstellt Freytag seinen bürgerlichen Helden des 19.Jahrhunderts einen Stammbaum bis hin zum vandalischen Königshaus; auf eine derartig lange und noble Ahnenreihe können weder Hohenzollern noch Habsburg zurückblicken. [...] Ein Ergebnis dieser versuchten Objektivierung ist, daß Freytag fast ganz auf die übliche Schwarz-Weiß-Malerei verzichtet; die Feinde, ob es sich um arabische Moslems während der Kreuzzüge oder um einen napoleonischen Offizier handelt, werden mit viel Verständnis und auch Sympathie beschrieben. Dem Roman fehlt völlig die Aggressivität die spätere völkisch-konservative Romane auszeichnet."  
|<i>Frank Westenfelder: "[http://www.westfr.de/ns-literatur/kap-2-2.htm Genese, Problematik und Wirkung nationalsozialistischer Literatur am Beispiel des historischen Romans zwischen 1890 und 1945]" Frankfurt, Bern, New York, Paris 1989 - Abschnitt II,2 zu Freytag: Die Ahnen.}}
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|Frank Westenfelder: "[http://www.westfr.de/ns-literatur/kap-2-2.htm Genese, Problematik und Wirkung nationalsozialistischer Literatur am Beispiel des historischen Romans zwischen 1890 und 1945]" Frankfurt, Bern, New York, Paris 1989 - Abschnitt II,2 zu Freytag: Die Ahnen.}}
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Aktuelle Version vom 17. Mai 2015, 12:53 Uhr

Die Ahnen sind ein Zyklus von Kurzromanen, in dem Gustav Freytag die germanisch-deutsche Geschichte am Beispiel der Mitglieder einer Familie von der Zeit der Völkerwanderung bis nahe an seine Gegenwart darstellt. Er beginnt er mit dem Vandalen Ingo aus königlicher Familie, der in Thüringen ein kleines Königreich gründet und endet im bürgerlichen Milieu.

Text

Gustav Freytags Selbstzeugnis über seinen Romanzyklus

Gustav Freytag war am Anfang des deutsch-französischen Krieges von 1870-1871 im Hauptquartier des Kronprinzen Friedrich WilhelmWikipedia-logo.png und war von den Erfolgen der preußischen Armee beeindruckt.

Aber die mächtigen Eindrücke jener Wochen arbeiteten in der Seele fort; schon während ich auf den Landstraßen Frankreichs im Gedränge der Männer, Rosse und Fuhrwerke einherzog, waren mir immer wieder die Einbrüche unserer germanischen Vorfahren in das römische Gallien eingefallen, ich sah sie auf Flößen und Holzschilden über die Ströme schwimmen, hörte hinter dem Hurra meiner [658] Landsleute vom fünften und elften Korps das Harageschrei der alten Franken und Alemannen, ich verglich die deutsche Weise mit der fremden, und überdachte, wie die deutschen Kriegsherren und ihre Heere sich im Laufe der Jahrhunderte gewandelt haben bis zu der nationalen Einrichtung unseres Kriegswesens, dem größten und eigentümlichsten Gebilde des modernen Staates. – Aus solchen Träumen und aus einem gewissen historischen Stil, welcher meiner Erfindung durch die Erlebnisse von 1870 gekommen war, entstand allmählich die Idee zu dem Roman »Die Ahnen«. […]

Der Zusammenhang des Menschen, nicht nur mit seinen Zeitgenossen, auch mit seinen Vorfahren, und die geheimnisvolle Einwirkung derselben auf seine Seele und seinen Leib auf alle Äußerungen seiner Lebenskraft und auf sein Schicksal waren mir seit meiner Jugend besonders bedeutsam erschienen. Daß solche Abhängigkeit besteht, sehen wir überall, wenn wir [661] in den Kindern die Gesichtszüge, Gemütsanlagen, Vorzüge und Schwächen der Eltern und Großeltern erkennen. Allerdings vermag die Wissenschaft mit diesen unaufhörlichen zahllosen Variationen früheren Lebens nicht viel zu machen. In Ehrfurcht vor dem Unberechenbaren muß sie sich versagen dies Rätsel des irdischen Werdens zu lösen. Aber was sich der Einsicht des Gelehrten entzieht, darf vielleicht der Dichter anrühren, auch er mit Scheu und Vorsicht. Und wenn er lebhafter empfindet als andere, wie jeder Mensch in dem Zusammenwirken seiner Ahnen und seines Volkes und wieder des Erwerbes, den ihm das eigene Leben gibt, etwas Neues darstellt, das ebenso noch nicht da war, so mag er auch Entschuldigung finden, wenn er trotz alledem zu dem Glauben neigt, daß im letzten Grunde der Vorfahr in dem Enkel wieder lebendig wird. [...]

Da sich die Erzählungen auf geschichtlichem Hintergrunde aufbauen sollten, um eine gewisse epische Größe zu erhalten, so mußten auch in jeder Erzählung die jeder Zeit besonders eigentümlichen Zustände dargestellt werden. Also das Königtum in der Bedeutung, welche es gerade hatte, die verschiedenen Stände, das Heerwesen, die Art der Kriegsführung und der [663] Regierung. Im »Ingo« herrscht deshalb König Bisino mit seinen Leibwächtern, ihm gegenüber die edlen Volkshäupter, Fürst Answald, und andere, daneben die freien Bauern. […] Ebenso wurde für jede Erzählung benutzt, was in den Dichtungen, die etwa aus der geschilderten Zeit erhalten sind, als Inhalt und leitendes Motiv am liebsten verwendet wird. Für die erste Erzählung: Der Gesang beim Mahle, das Höhnen der Gegner, die Jagd, der Zweikampf und andere Züge der deutschen Heldensage, für das »Nest der Zaunkönige«: volkstümliche kleine Geschichten aus der Tlersage und der Kauf von Weisheitsregeln. Für die »Brüder vom deutschen Hause«: Frauendienst und Ritterfahrt und die Abenteuer des Morgenlandes. Für »Marcus König«: das Leben in den Straßen der Stadt und das Treiben der Landsknechte. Für den »Rittmeister«: die prophezeienden Mädchen und die Hexenprozesse, für den »Freikorporal«: das gewaltsame Werben von Rekruten und das Schätzesuchen, letzteres in Verbindung mit der Katastrophe in Thorn. Für die letzte Erzählung endlich in vorsichtiger Weise: die Doppelgänger der Romantik. […]

Jede einzelne Geschichte soll ein einheitliches und geschlossenes Werk bilden, das vom Anfang bis zu Ende nur aus sich selber erklärt wird und dessen poetischer Wert oder Unwert nur in seinem eigenen Inhalt gefunden werden darf. Der Zusammenhang, in welchem jede spätere Geschichte mit der früheren steht, darf nur eine bescheidene Zutat sein, welche beim Lesen hier und da als förderlich für die Wirkung empfunden werden kann und, wenn sie nicht bemerkt wird, den Anteil des Lesers an der einzelnen Geschichte nicht mindert. Der Verfasser hatte während des Schreibens allerdings lebhafte Vorstellungen von dem Zusammenhange und es war für ihn besonders reizvoll, sich zu den geschilderten Menschen und Situationen die Parallelen aus späteren und früheren Zeiten zu denken. Zum Schauplatz der Erzählungen wählte ich Thüringen, [666] wo ich selbst zu wohnen pflegte, und das östliche Deutschland, welches mir, dem Preußen und Schlesier, vertraut war.

Zu den Orten der Handlung:

[...] an Stelle der Idisburg erhebt sich die Feste Koburg […]. Im Nest der Zaunkönige liegt der Hauptteil des Herrenbesitzes um die drei Gleichen, Vorberge des Thüringer Waldes bis in die Nähe von Erfurt, in einem Landstrich, wo die Dorfnamen, welche auf »leben« endigen, vorherrschen. (S.666) […]

In der letzten Erzählung »Aus einer kleinen Stadt« sind Eindrücke, welche dem Schlesier in seiner Jugendzeit kamen, sorglos und reichlich benutzt. Man kann in dem einsamen Pfarrhofe mit seiner alten Holzkirche, welche neben einem heidnischen Ringwall steht, das Dorf Wüstebriese bei Ohlau wiederfinden, in welchem der Vater meiner Mutter Pastor war. (S.671)

Hauptsache bei der kleinen Handlung des Schlusses war für mich, die poetische Idee, welche die einzelnen Geschichten verbindet, noch einmal vorzuführen und auf derselben Stätte, auf welcher sich die Katastrophe der ersten Geschichte vollzog, das Ganze zu schließen. (S.673)


Gustav Freyag: Erinerungen aus meinem Leben. 12. Kapitel: Die Ahnen, S.657-673

Wertung

"Freytag beschreibt eine eindeutige historische Entwicklung von der Völkerwanderung bis hin zum 'bürgerlich-patriarchalischen Idyll' (Jahn, Werner: Der geschichtliche Fortschritt im bürgerlichen historischen Roman des zwanzigsten Jahrhunderts; Rostock 1958, S.39). Für ihn ist es nur konsequent, wenn die Handlung vor der Revolution von 1848 endet. Der Bürger im wilhelminischen Deutschland ist zufrieden. Man darf allerdings nicht die Rolle dieses Bürgers dem Adel gegenüber unterschätzen. Selbstbewußt und fast gleichgestellt verhandelt der Kaufmann Markus König mit dem Hochmeister des deutschen Ritterordens, Albrecht von Brandenburg. Und gerade mit den 'Ahnen' erstellt Freytag seinen bürgerlichen Helden des 19.Jahrhunderts einen Stammbaum bis hin zum vandalischen Königshaus; auf eine derartig lange und noble Ahnenreihe können weder Hohenzollern noch Habsburg zurückblicken. [...] Ein Ergebnis dieser versuchten Objektivierung ist, daß Freytag fast ganz auf die übliche Schwarz-Weiß-Malerei verzichtet; die Feinde, ob es sich um arabische Moslems während der Kreuzzüge oder um einen napoleonischen Offizier handelt, werden mit viel Verständnis und auch Sympathie beschrieben. Dem Roman fehlt völlig die Aggressivität die spätere völkisch-konservative Romane auszeichnet."

Frank Westenfelder: "Genese, Problematik und Wirkung nationalsozialistischer Literatur am Beispiel des historischen Romans zwischen 1890 und 1945" Frankfurt, Bern, New York, Paris 1989 - Abschnitt II,2 zu Freytag: Die Ahnen.