Die Bildung und das Netz

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Die Bildung und das Netz ist ein Überblick über die Auswirkungen des Internets auf die Lernbedingungen für die verschiedenen Bildungsinstitutionen und für den Einzelnen, den Martin Lindner[1] 2018 veröffentlicht hat.

Darüber hinaus zeigt Lindner freilich auch auf, wo aus seiner Sicht die Bedingungen noch sehr defizitär sind, was verbessert werden könnte und wie Lerner im Netz zusammenarbeiten können, um unabhängig von Institutionen kollaborativ zu lernen (Abschnitt: Handbuch für Guerilla-LernerInnen).

Hinweis

Diese Seite ist noch im Aufbaustadium. Das erste Kapitel dient vorläufig als eine Art Leseprobe[2] Es wird bald - wie die anderen Kapitel - auf einige kurze Teilabschnitte gekürzt werden. Die darauffolgenden Abschnitte enthalten Textauszüge. In Abschnitten, wo noch nichts eingetragen ist, werden nach und nach weitere Auszüge nachgetragen.[3]

Inhaltsverzeichnis

Teil 1: Bildung in der Flachen Welt

„Das Internet ist für uns alle Neuland ...” (Kanzlerin Angela Merkel, 2013)

„Das stand ich also in Bangalore, über 500 Jahre nachdem Kolumbus mit einfachsten Navigationstechniken losgesegelt war, um Indien zu suchen, und ich kritzelte auf meinen Notizblock: ‚Die Welt ist flach wie eine Scheibe’.” (Thomas Friedman, Die Welt ist flach. Eine kurze Geschichte des 21. Jahrhunderts, 2003)

Emigranten und Immigranten

„Ja, man sah (durch das Fernglas) Land und Türme und etwas, das wie eine Statue aussah, zeigte sich in der Ferne. Nach einer Stunde konnte man dies mit bloßem Auge sehen und alle weinten und lachten durcheinander und umarmten einander vor Freude.” (Luise Faschingbauer, Emigrantin aus dem Böhmerwald, Brief über die Ankunft in New York 1888)

„In den USA sind eigentlich alle Kinder von Migranten. Im Silicon Valley ist vielleicht nur ein Drittel der IT-Szene in den USA geboren. Das hat natürlich einen immensen Einfluss auf den Umgang miteinander.” (Sebastian Thrun, Migrant und Bildungsrevolutionär)

1 | Die Neue Welt
Ich bin ein digitaler Immigrant. Die Metapher ist abgedroschen, aber bei mir stimmt es. Zuerst habe ich über 20 Jahre als Literatur- und Medienwissenschaftler an Universitäten verbracht, ein Geschöpf des alten Druckschrift-Universums. 1998, als die erste weltweite Welle der Internet-Euphorie ihrem Höhepunkt zustrebte, hielt ich vor der versammelten philosophischen Fakultät einer kleinen deutschen Universität meinen Habilitationsvortrag. Es ging um politische Metaphern in Gedichtzyklen der Vormärz-Zeit. Ende 1999 entschloss ich mich dann zur Emigration. Ich war damals Ende 30, meine Aussichten waren sehr unsicher und gerade die geisteswissenschaftliche Universität fühlte sich immer mehr an wie ein Zug, der auf einem toten Gleis ausrollte. Es war die allerletzte Chance für den Ausstieg.

Ich verließ also die Universität und meldete mich beim Arbeitsamt. Ein bisschen war das so wie damals bei meinen Urgroßonkeln aus der Oberpfalz, die sich 100 Jahre zuvor bei der New Yorker Einwanderungsbehörde auf Ellis Island gemeldet hatten. Da draußen war ja tatsächlich Neuland. Der erste Goldrausch der Digitalwirtschaft näherte sich dem Höhepunkt. Multimedia, Startup-Fieber, eCommerce-Hype, Dotcom-Boom. Überall schossen digitale Heiße-Luft-Agenturen aus dem Boden und wurden für viele Fantastillionen gleich wieder aufgekauft. Die Aktienkurse der Digitalwirtschaft explodierten.

Dem freundlichen Berater, der für weltfremde Akademiker zuständig war, sagte ich, dass ich neu anfangen wollte. Er bot mir drei einjährige Vollzeit-Umschulungen zur Auswahl an. Alle hatten mit Digitalisierung zu tun: Wissensmanagement, E-Learning und SAP. Bei SAP ging es um Zahlen und Wirtschaft, das schloss ich aus. Wissensmanagement klang vielversprechend, aber der Kurs war windig zusammengezimmert. Ich entschied mich also eher widerstrebend für e-Learning, obwohl ich das nicht zu Unrecht mit phantasielosen Klick-und-Drill-Programmen verband.

Das erwies sich dann eine gute Wahl, weil dieser besondere Kurs sehr projektorientiert aufgebaut war. Selbermachen stand im Zentrum. Und vor allem gab es Einführungen in alle wichtigen Multimedia- und Internet-Anwendungen, also Vektorgrafik, Photoshop, Flash-Animation, Webseiten-Design, HTML. Sogar ein bisschen Skriptsprachen-Programmieren war dabei. Das dauerte insgesamt ein Jahr, und für mich war es tatsächlich ein kompletter Neuanfang. Den Computer hatte ich bis dahin nur als magische Schreibmaschine benutzt. Die Jahre davor hatte ich in Seminarräumen und Bibliotheken verbracht. Im Internet war ich noch nie gewesen.

Zur gleichen Zeit ging ich privat ins Netz. Boris Becker warb damals für den Netzanbieter AOL mit dem verblüfft-begeisterten Spruch „Ich bin drin!”. Wenn sogar Boris das kann, sollte das heißen, dann kann das jeder. Also kaufte ich mir den neuen kleinen Apple iMac, dessen Design absichtlich an ein freundliches Gesicht erinnerte. Ich steckte das Modem-Kabel in die Telefonsteckdose und folgte den knappen Anweisungen. Es folgten 30 Sekunden elektronisches Fiepen und fremdartige Geräusche, und dann … dann war ich eben drin.

Es war ein Kulturschock, nicht weniger dramatisch als der erste Blick eines deutschen Hinterwäldler-Immigranten auf die Skyline von Manhattan, nach 12tägiger Überfahrt auf einem Ozeandampfer der Red Star Line. Auch ich musste erst mal richtig Englisch lernen: Im Internet war ja fast alles, was interessant war, englisch. Das hat sich erst zehn Jahre später allmählich geändert. Aber heute noch ist Englisch die Sprache, in der das Netz über sich selbst und seine Auswirkungen auf die Bildung nachdenkt. Wer sich nur im deutschen Internet bewegt, ist davon abgeschnitten.

Aus diesem Grund ist es lehrreich, sich die Biographien und die Visionen von drei digitalen Auswanderern näher anzusehen: Sebastian Thrun, Konstrukteur des selbstfahrenden Google-Autos und Superstar im Silicon Valley. Albert Wenger, ein sehr erfolgreicher Risikokapital-Investor in New York, der sich auf Netz-Startups spezialisiert hat. Und Philipp Schmidt, ein Open Source-Aktivist, der zuerst in Südafrika war und jetzt am Media Lab des MIT (Massachusetts Institute of Technology) experimentiert.

Und Thrun, Wenger und Schmidt sind nicht nur Netz-Pioniere, sie sind auch Avantgardisten der digitalen Bildung. Vielleicht ist diese Faszination für Bildungsfragen ja ein deutsches Erbe … Diese drei beschäftigen sich jedenfalls auf einem ganz anderen Niveau mit der Digitalisierung der Bildungs- und Lernprozesse, als es hierzulande üblich ist. In Deutschland fehlen Leute, die ganz selbstverständlich im Internet leben. Dabei hat jeder dieser drei Emigranten einen anderen Hintergrund und vertritt auch andere Vorstellungen. Zusammengenommen geben sie ein genaueres Bild davon, was das eigentlich ist und sein könnte: Bildung unter den Bedingungen der Digitalisierung.

Der Netz-Investor Albert WengerWikipedia-logo.png

Albert Wenger, aufgewachsen im fränkischen Oberasbach, ging mit 19 Jahren in die USA. Jetzt wohnt er in New York und ist Risikokapitalist. Solche Investoren habe ich mir immer anders vorgestellt. Wenger ist freundlich, entspannt und uneitel. Dabei hat er eine Bilderbuch-Karriere gemacht: als Schüler Sieger im Bundeswettbewerb Informatik, mit 20 Jahren Stipendiat in Harvard, Studienfächer Wirtschaft und Informatik, promoviert am Massachusetts Institute for Technology (MIT), mehrfacher Unternehmensgründer, schließlich Teilhaber von Union Square Ventures (USV) in New York.

Albert Wenger ging in die USA, weil er als Teenager mit einem Apple II angefangen hatte zu programmieren, dann aber kein quasi-verbeamteter deutscher Ingenieur werden wollte. [...]

Für Wenger wurde nicht das Internet entscheidend, sondern das World Wide Web (WWW), also derjenige Teil des Internet, den man sieht, wenn man einen Browser öffnet, in Google sucht oder auf irgendeinen Link klickt. [...] Im selben Jahr wurde der Software-Code, der das WWW ausmacht, zum öffentlichen Gut erklärt. Am MIT wurde das W3C-Konsortium gegründet, das sich seitdem um die Weiterentwicklung der Web-Standards kümmert. Erst dadurch wurde das Internet zu etwas, das auch ganz normale Menschen im Alltag benutzen konnten. Für Wenger war das ein Schlüsselerlebnis:

„Ich kann mich immer noch gut an die erste Erfahrung mit dem Web erinnern. Ende 1993 gab es einen Zugang in einem MIT-Labor. Es war eine dramatische Erfahrung, einfach nur durch das Klicken auf einen Link Inhalte aufrufen zu können, die auf weit entfernten Computern lagen. Ich weiß noch, dass jahrelang die Leute, die diese Erfahrung selbst gemacht hatten, ganz anders über das Potenzial des Web dachten als die, die nur davon gelesen hatten. … 1996 war ich überzeugt, dass das Web das größte Ding überhaupt werden würde, und ich verbrachte meine Zeit mit dem Schreiben einer Dissertation, die niemand jemals lesen würde. Also gründete ich ein Unternehmen mit zwei Professoren.”*

Es gab Schwierigkeiten mit Patentstreitigkeiten, Wenger gründete ein weiteres Web-Unternehmen und schaffte es, beim großen Börsencrash 2001 zumindest keinen großen Verlust zu machen. Das galt damals in New York als großer Erfolg. [...] Wenger beschloss, sich um andere Startups zu kümmern, und machte sich selbständig als Venture Capitalist, also als Risikokapital-Investor. Die Zeit der ganz großen Digitalfirmen war erst einmal vorbei. Wenger spezialisierte sich auf kleine Web-Startups. Er managte das wegweisende Einmann-Unternehmen delicious, das dann von Yahoo für viel Geld aufgekauft wurde. Nach diesem Erfolg wurde Wenger Partner bei der New Yorker Risikokapital-Firma Union Square Ventures (USV).

USV spezialisiert sich auf kleine, riskante Web-Startups mit vielversprechenden Ideen, gibt ihnen Startkapital und begleitet dann intensiv die Entwicklung in den ersten Jahren. Mit großem Erfolg: Twitter, Tumblr, Kickstarter, Etsy, Edmodo und Duolingo gehören zu den USV-Firmen. Dazu kommen viele andere, die in Deutschland nur die Insider kennen. Die meisten sind eher so etwas wie Hidden Champions, also digitale Entsprechungen für die unauffälligen schwäbischen Maschinenbauer, die kaum jemand kennt, obwohl sie in ihrer Branche Weltmarktführer sind. Albert Wenger hat anscheinend eine besonders gute Nase: Von den 15 bis 20 Investitionen, die er derzeit verantwortet, hat die Hälfte gute Aussichten, ein Milliarden-Business zu werden. Das ist eine exzellente Quote.

Netzwerkeffekte

Albert Wenger und seine Partner sind erfolgreich, weil sie das Wesen des Web besser verstehen als andere. Der Investitionsstrategie von USV liegt eine besondere Arbeitshypothese zugrunde:

„Wir investieren in Netzwerke. Genauer gesagt: in Webseiten, die im Kern große Netzwerke von engagierten NutzerInnen sind. Der Netzwerk-Effekt ist entscheidend: Je mehr Engagement, desto größer wird die Anziehungskraft.”*

Netzwerk-Effekt heißt: Je mehr Nutzer dazukommen, desto größer ist der Mehrwert für die Nutzer. Und dieser Wert steigt nicht linear, sondern exponentiell, weil sich mit jedem neuen Knoten im Netzwerk die Zahl der möglichen Verbindungen vervielfacht. Dann gibt es mehr Inhalte und mehr Aktivitäten, die wieder neue Nutzer anziehen, und so weiter. Ein Video auf YouTube, ein Foto auf Snapchat, ein Flohmarktangebot auf eBay oder ein Flirtangebot bei OKCupid erhalten ihren eigentlichen Wert erst durch die Verknüpfungen und die Kettenreaktionen, die sich daraus entwickeln.

Typische USV-Startups verlassen sich nicht allein auf die Inhalte, sondern setzen darauf, dass um diese Inhalte herum Communities entstehen. Leute mit gemeinsamen Interessen finden zusammen und können sich auf ganz neue Weise austauschen, anfeuern, teilen, voneinander lernen. Bei Etsy geht es um liebevoll gemachte Seiten für selbstgemachte und selbstgebastelte Produkte. Bei Wattpad geht es um selbstverfasste literarische Texte, die eine Community von Lesern und Autoren miteinander teilt. Die lebendige Vernetzung ist der eigentliche Mehrwert, aus dem das Wachstum der Plattform entsteht, und dieses Wachstum macht die Unternehmen profitabel. Geld wird hier mit Werbung verdient, die sehr genau auf die Interessen und Bedürfnisse eine bestimmten Community abgestimmt ist.

Und seit ein paar Jahren ist nun die Bildung im Web und mit dem Web eines der wichtigsten Investitionsfelder von USV.

Hacking Education

2009 veranstaltete Albert Wenger eine Konferenz mit dem programmatischen Titel Hacking Education. Das Thema: Wie könnte man Bildung und Lernen in der zukünftigen Web-Welt ganz neu denken? Hacken ist hier wertfrei gemeint, im Sinn der frühen Programmierer-Subkultur: ein bestehendes System umfunktionieren, mit kleinen geschickten Eingriffen. Viele Silicon Valley-Startups begreifen sich noch immer als solche Hacker, die mit ihrer Software alte, erstarrte System umfunktionieren: die Musikbranche, die Verlagsbranche, die Bankbranche, und eben auch das Bildungssystem. Auf der Hacking Education-Konferenz trafen sich Gründer von Profit- und Nonprofit-Startups, Software-Entwickler, Investoren, Publizisten und unkonventionelle Universitäts-Leute. Sie gingen von drei Grundannahmen aus:

Erstens: Das bestehende Bildungssystem funktioniert nicht mehr richtig. Es ist festgefahren, teuer, ineffektiv. Es vermittelt große Teile des Wissens und der Kompetenzen nicht mehr, die „lebenslange Lerner” wirklich in den nächsten Jahren und Jahrzehnten brauchen werden.

Zweitens: Zugleich ist im sozialen Web ein großer und eigendynamischer Lernraum entstanden. Erstmals ist Wissen ohne Zugangskontrolle verfügbar, jetzt und sofort, auf dem neuesten Stand. Eine Vielzahl von Apps ist denkbar, in die soziale Netzwerk-Effekte quasi eingebaut sind. Die Technik ist inzwischen reif für den alltäglichen Gebrauch durch ganz normale Menschen. Milliarden Menschen weltweit haben das Netz in der Hosentasche, im Bett, auf dem Esstisch und am Arbeitsplatz.

Und drittens entwickelt sich durch die Digitalisierung ein neuer, weltweiter Bildungsmarkt, der enorme Chancen für neue Anbieter eröffnet. Studierende investieren nicht nur immer mehr Zeit, sondern auch immer mehr privates Geld in ihre Bildungsprozesse. Die alten Institutionen können die neuen Anforderungen kaum befriedigen. Und plötzlich kann man all diejenigen, die Bedarf haben, ganz direkt und persönlich ansprechen, ohne Vermittlung durch eine große Institution.

Von der Hacking Education-Konferenz erfuhr ich damals nur durch eine Serie von kurzen Statements, die plötzlich gehäuft auf Twitter auftauchten und die mit dem rätselhaften Kürzel #hackedu markiert waren. Hashtags, also mit dem Rautezeichen (#) markierte Schlagwörter, waren damals brandneu. Alles in allem gab es über 2000 Tweets, die die Diskussionen widerspiegelten. [...]

Im Netz gibt es ein vollständiges Transkript dieser Diskussionen. Vieles davon liest sich wie ein Querschnitt durch die reformpädagogischen Debatten der letzten 100 Jahre, aber aus einer ganz anderen Perspektive. Hier dominieren pragmatische Web-Entwickler und Firmengründer. Sie wollen Geld verdienen, indem sie für konkrete Nutzer ganz konkrete Probleme lösen, Screen für Screen und Klick für Klick. Schüler, Studenten, Lernende sind in dieser Perspektive nicht mehr definiert durch ihren Status im Bildungssystem. Sie sind User: Individuen, die etwas benutzen, wenn es sie weiterbringt. [...]

Vier Bildungs-Startups

Die meisten Bildungs-Startups, die in der ersten Welle um 2010 entstanden sind, gibt es jetzt schon nicht mehr. Aber für jedes, das gescheitert ist, sind inzwischen drei neue entstanden. Im Investitionsprogramm von USV sind vier Firmen, die es geschafft haben. Zusammen geben sie einen guten Eindruck vom derzeitigen Stand des digitalen Lernens im Netz und mit dem Netz:

Skillshare ist eine Art Web-Volkshochschule. Für 10 Dollar pro Monat kann man über 1000 Online-Kurse abrufen, die praktisch brauchbare Kompetenzen vermitteln: Grafikdesign, Digitalfotografie, Geschäftliches für Selbständige. Die Kurse kann man jederzeit beginnen. Sie stammen von Fachexperten, die einige kurze Erklärvideos, Selbstlernmaterialien und Übungsprojekte bereit stellen. Zwei Marketingkurse sind etwa von Seth Godin, einem berühmten Blogger und Autor, der diese Materie auf einem ganz anderen Niveau lehrt als die durchschnittliche deutsche Fachhochschule. Das alles ist eingebettet in ein Netzwerk, in dem die Studierenden ihre Projekte und Videonotizen teilen, sich individuelle Ziele setzen und fachlich austauschen können.

Edmodo ist ein soziales Netzwerk für Lehrende und Lernende, das den gemeinsamen Lernprozess intensiver und vielfältiger macht. Das Tool wird vor allem in High Schools eingesetzt, als Alternative zu den typischen Lernmanagement-Systemen (LMS), in denen die starre Struktur der Klassenzimmer einfach in den digitalen Raum übersetzt wird. Edmodo stellt die Lehrenden ins Zentrum, aber es soll sich eher so anfühlen, wie die informellen Lern-Netzwerke, die sich offline um besonders engagierte Pädagogen herum bilden.

DuolingoWikipedia-logo.png ist mit 85 Millionen Nutzern derzeit die erfolgreichste Sprachlern-Anwendung der Welt. Man kann damit gratis 25 Sprachen lernen. Zugleich gibt es einen Crowdsourcing-Effekt: Webseiten und Texte werden mit Hilfe der Duolingo-Lerner übersetzt. Und alle Aktivitäten werden ausgewertet und machen die Software immer besser. Die Algorithmen im Hintergrund erzeugen immer neue, auf die jeweilige Person abgestimmte, Übungen. Das Ganze ist ähnlich wie in Computerspielen organisiert: Man erwirbt Punkte und erreicht immer höhere Level. Einer Universitätsstudie zufolge erreicht man in Duolingo nach 34 Stunden das Niveau, für das ein College-Grundkurs 130 Stunden braucht. Und das geschieht vor allem nebenbei, mit dem Smartphone, wenn man tagsüber gerade mal zwischendurch Zeit hat.

Codeacademy ist eine Lernumgebung für Programmiersprachen: von HTML/CSS über Javascript und PHP bis zu Python und Java. Man lernt, indem man Aufgaben direkt im Browserfenster bearbeitet. Der Code ist funktionsfähig, d.h. man sieht sofort, ob das funktioniert, was man gerade gebaut hat. Auch hier gibt es Gamification-Elemente, d.h. die Fortschritte werden in einer Art gemessen und gespiegelt, die an populäre Computerspiele erinnert.

Zumindest Codeacademy erhebt ausdrücklich den Anspruch, auch Bildung und Weiterbildung insgesamt zu revolutionieren. Die Seite hat 24 Millionen Nutzer und wirbt mit Erfolgsgeschichten von Leuten, die als Anfänger starteten und nun gute Jobs bekommen haben. [...] Das Lernen der Zukunft wird nicht mehr aus einheitlichen Lernprogrammen bestehen, online wie offline. Sicher ist nur, dass die einzelnen Lernenden ins Zentrum rücken und aus vielen Praktiken und Angeboten auswählen können. Digitale Netz-Medien sind dann nicht mehr nur Werkzeuge zur Übermittlung von Inhalten, sondern ein „Medium” in dem viel umfassenderen Sinn, in dem der Begriff zum Beispiel in der Biologie gebraucht wirs — eine Art Nährlösung, in der besondere Reaktionen stattfinden.

Vom Homeschooling zur Entschulung

Albert Wengers Hacking Education-Konferenz war euphorisch, aber es war keine unkritische Jubelveranstaltung. [...] Zwei Kritikpunkte sind bis heute aktuell:

Erstens ist der Markt eben doch nicht geeignet, die wichtigsten Leistungen des Bildungssystems ohne weiteres zu ersetzen. Im besten Fall geht es da eben nicht nur darum, schnell ein paar Kompetenzen für einen Job zu lernen, sondern um langfristige, nicht zuletzt gesellschaftliche Bildungsprozesse. Lernerfahrungen sind immer eingebettet in eine komplexe soziokulturelle Umgebung.

Zweitens neigen die Netz-Pioniere viel zu sehr dazu, sich an den Erfolgsgeschichten von ihresgleichen zu begeistern: begabten Einzelgängern, die das Bildungssystem verlassen und alles, was sie brauchen, auf eigene Faust lernen. Die meisten dieser Leute verdanken ihr Rüstzeug und vor allem ihr Selbstbewusstsein sehr privilegierten Verhältnissen. Es gibt zwar immer wieder Einzelne, die sich aus schwierigen Verhältnissen nach oben kämpfen, aber letztlich sind das immer nur Ausnahmen, die die Regel bestätigen. Es stimmt schlicht nicht, dass alle es schaffen können, die es nur wirklich wollen.

Der USV-Gründer Fred Wilson sagte auf der Konferenz, dass die neuen techno-sozialen Lerntheorien nun die Perspektive des „Homeschooling für die Massen” eröffnen — Heimunterricht und Selbstlernen auch für diejenigen, die kein privilegiertes Zuhause haben. Der Geist des HomeschoolingWikipedia-logo.png ist ein untergründiges Leitbild dieser Idee von digitaler Bildung. Unter gutverdienenden New Yorkern ist das in Mode. [...] Kann man nun aus diesem Geist des Homeschooling, das in den USA schon immer viel weiter verbreitet war als im staatsgläubigen Europa, neue Formen der Bildung für alle entwickeln? Das wäre dann der fließende Übergang aus dem reichen New Yorker Bildungsmilieu zur „Entschulung der Gesellschaft”, die der radikale Bildungsreformer Ivan Illich gefordert hatte. Illich setzte bereits 1971 große Hoffnungen auf die digitalen Technologien. Er entwarf ein Konzept, das er Learning Web nannte — eine Art Datenbank, die Leute, die etwas lernen wollen, mit denen zusammenbringt, die sie das lehren können. Damals bestand das Prä-Internet erst aus vier Forschungsservern. 45 Jahre später gibt es die nötigen technischen Voraussetzungen. Ob sich daraus gerechtere und persönlichere Bildungswege entwickeln, ist noch nicht entschieden.

Albert Wenger ist kein gewissenloser Finanzkapitalist. Auf seinem Blog Continuations schreibt er täglich über das, was ihn interessiert und bewegt. Neben dem Homeschooling und den Erfahrungen bei USV gehören dazu auch das bedingungslose Grundeinkommen und die Zukunft der Arbeit. Auch aus seiner Sicht hat die Digitalisierung nicht nur positive Auswirkungen:

„Was mich derzeit vor allem interessiert, ist es, wie wir uns in Zukunft organisieren werden, gesellschaftlich und wirtschaftlich. Und zwar angesichts zweier dramatischer Umbrüche. Erstens: das Internet. So etwas hat es vorher noch nie gegeben. Zum ersten Mal kommt die ganze Menschheit miteinander in Kontakt, auf der Stelle und praktisch kostenfrei. Und zweitens die unfassbare Steigerung des technologischen Fortschritts. Wir sind jetzt z.B. in der Lage, im Prinzip jeden auf der ganzen Welt mit Nahrung und dem ganzen Grundbedarf versorgen. Das sprengt jetzt nicht mehr unsere technologischen und natürlichen Ressourcen.

Auf lange Sicht ist das positiv, aber auf kurze Sicht ist es disruptivWikipedia-logo.png. Viele der alten Arten, unsere Wirtschaft zu organisieren, brechen gerade zusammen. Leute werden arbeitslos, Einkommen fallen usw. Ich interessiere mich dafür, wie wir das Netz benutzen können, um die Folgen der neuen Technologien zum Positiven zu wenden.” Das ist eine gute Beschreibung der Herausforderungen, vor denen wir stehen.

Der Silicon Valley-Ingenieur Sebastian ThrunWikipedia-logo.png

Sebastian Thrun ist ein deutscher Diplomingenieur.[...] 2016 wurde er von der US-Zeitschrift Foreign Policy auf Platz 4 der 100 Top Global Thinkers gewählt. Seitdem ist er einer aus der Handvoll Superstars des Silicon Valley. Sein Spezialgebiet: Roboter, die sich selbst steuern und dabei ständig weiterlernen. [...]

2003 wurde er von der Silicon Valley-Universität Stanford gerufen, um die Entwicklung eines Roboter-Autos zu leiten. StanleyWikipedia-logo.png, ein aufgerüsteter VW, gewann 2005 den hochdotierten DARPA-Wettbewerb und machte Thrun zum Wissenschafts-Star. Google wurde auf den Stanford-Professor aufmerksam und warb ihn als Chefingenieur der Street View-Autos an. Diese Autos mit den Kameras auf dem Dach erregten damals besonders in Deutschland große Empörung, als sie alle Eigenheime und Jägerzäune für Google Maps abfotografierten. 2010 wurde Thrun der Leiter von Google X, einem neuen Forschungslabor mit dem Auftrag, scheinbar unmögliche Visionen in die Realität umzusetzen: sogenannte moon shots. Google X ist ein Lieblingskind der Google-Gründer Page und Brin. Thrun teilt ihre Begeisterung für realisierte Science Fiction. [...]

Bereits ein Jahr nach der Gründung von Google X konnte Thrun das jetzt schon legendäre Google Car präsentieren, das ohne Fahrer im Stadtverkehr mitfährt. 2012 folgte die Datenbrille Google Glass, die alle Daten im Sicht- und Hörfeld ihres Trägers erfasst und mit Internet-Daten mischt.

Aber da hatte Thrun schon wieder gekündigt: zuerst die Stanford-Professur, dann auch die Leitung von Google X. Er gründete sein eigenes Startup, die Netz-Universität UdacityWikipedia-logo.png. Seine Beweggründe drückt Thrun mit dem amerikanischem Pathos aus, zu dem er überhaupt neigt: „Ich habe einen Großteil meines Lebens damit verbracht, Roboter und intelligente Maschinen zu entwickeln, die Menschen überflüssig machen – heute stehe ich auf der Seite der Menschen.”

Seitdem will er die Universitätslandschaft revolutionieren, und zwar weltweit: „Das System hat sich seit Hunderten von Jahren kaum erneuert. Es ist insbesondere in den Vereinigten Staaten ein elitäres System, das Bildung für einen kleinen Kreis von Privilegierten in den Industriestaaten anbietet. Das wollen wir ändern, und damit werden wir Geschichte schreiben.”*

Youtube Education

Warum dieser Bruch in der Biografie? Thrun selbst erzählt, dass ihn weder die Schule noch der erste Teil des Studiums besonders beeindruckt hätten. Den entscheidenden Schub bekam er erst, als er im Labor eines brillanten Informatikers mitarbeiten konnte, der neu an die Bonner Universität kam. Sicherlich war Thrun selbst ein engagierter Hochschullehrer, aber besonderen Ehrgeiz zeigte er erst, seit Youtube zum Sensationserfolg im Web wurde. 2005 gegründet und schon 2006 von Google übernommen, wurden die ersten Youtube-Videos „viral”. Das heißt, sie wurden wie bei einer Massenansteckung über soziale Netzwerke wie Facebook weitergereicht.

Einige der Youtube-Videos erreichten in wenigen Tagen über eine Million Zuschauer, und das waren nicht nur Pop-Clips und alberne Katzenfilme. Auch die „Last Lecture” des Informatik-Professors Randy Pausch gehörte dazu. Pausch, der Thruns Kollege an der Universität von Pittsburgh gewesen war, hielt 2007 eine humorvolle und lebensbejahende Vorlesung über Kindheitsträume, weil er wegen Bauchspeichelkrebs nur noch wenige Monate zu leben hatte. Der Erfolg des Videos war enorm. (Derzeit über 17,5 Millionen Aufrufe.) Anscheinend war es das, was Thrun zum Nachdenken brachte. Erstmals entwarf er den Plan für ein Startup, das Vorlesungen von Star-Professoren für alle Interessenten ins Netz stellen sollte, aber eben nicht nur als abgefilmte Vorlesungen. Thrun erinnerte sich da wohl an die eigenen Erfahrungen an der Universität Bonn.

Aus diesem Startup wurde erst einmal nichts. Thrun ging nach Stanford und zu Google und wurde selbst zum Star-Professor. 2011 trat dann er bei TED auf, einer Vortragsreihe, auf der Pioniere, Genies und sozial Engagierte ihre Ideen in zündenden 18-Minuten-Talks vorstellen. Auf den jährlichen TED-Events feiert sich das Silicon Valley als große Menschheitsbeglückungsmaschine. Coaches arbeiten wochenlang mit den Rednern, um die Auftritte brillant, witzig und emotional zu machen. Bei den Veranstaltungen live dabei zu sein, können sich nur Reiche leisten, aber alle TED-Vorträge werden für das Netz gefilmt und zu Youtube hochgeladen.

Thrun kam mit seiner Geschichte des Google Car und wurde natürlich gefeiert. (Derzeit 576.516 Aufrufe auf Youtube.) Aber ein anderer Redner stellte ihn in den Schatten: Der Ex-Hedgefonds-Manager Salman Khan präsentierte seine Khan Academy unter der unbescheidenen Überschrift: Let's use video to reinvent education (derzeit 826,186 Aufrufe). Damit gab er den Startschuss für viele neue Silicon Valley-Projekte.

Die Khan Academy ist ein Non Profit-Projekt, das den frustrierten Schülern der Welt zuerst Mathematik und inzwischen auch auch viele andere Fächer mit Hilfe von Youtube-Videos näher bringt. Khan erzählt selbst, er habe zuerst nur seinen Nichten Nachhilfe via Internet gegeben. Weil die Nachfrage so groß war, habe er dann die Lektionen provisorisch aufgezeichnet und auf Youtube gestellt. Damals gab es dort noch kaum hochwertigen Content. Khans Erfolg war spektakulär: Schon nach wenige Jahren lernten Millionen Mathe mit seinen Gratis-Nachhilfevideos.

Khan-Videos dauern fünf bis zehn Minuten und sind bewusst simpel gehalten. Man sieht eigentlich nur, wie Formeln und Graphen mit der Hand auf Schirm gekrakelt werden, während Khans Stimme entspannt und eher beiläufig im Off das Problem erklärt. Es klingt, als ob ein freundlicher Onkel einem ratlosen Teenager am Küchentisch bei den Hausaufgaben hilft. [...]

You + University + Audacity = Udacity

Thrun erinnerte sich an seine alten Youtube-Pläne. Khans Nachhilfe-Plattform gab ihm den entscheidenden Anstoß, etwas Ähnliches für die Universität zu versuchen. Mit einem Stanford-Kollegen produzierte er in den nächsten Monaten Videos im eigenen Hobbyraum. Sie wirkten sympathisch selbstgemacht, aber der fachliche Inhalt entsprach genau Thruns Stanford-Kurs zu Artificial Intelligence, den dort jedes Jahr knapp 200 Studierende besuchen.

Der Online-Kurs wurde gratis für alle Interessenten weltweit geöffnet. Wer wollte, durfte sich einschreiben und parallel zum echten Stanford-Kurs online lernen. Thruns Truppe hoffte auf ein paar tausend Teilnehmende, aber tatsächlich wurden es über 160000. Die Studierenden halfen sich gegenseitig in spontan gegründeten Online-Arbeitsgruppen und programmierten sogar noch zusätzliche Features, während der Kurs noch lief.

Der Stil der Hobbyraum-Videos war einfach und roh, noch ganz im lebendigen Stil von Salman Khan. Thrun und sein Kollege Norvig sprechen direkt in die Kamera, dann sieht man handgeschriebene Formeln, während im Off weiter erklärt wird. In relativ kurzen Abständen werden Quizfragen eingeblendet, die helfen sollen, die Konzentration zu halten. Das Ganze fühlt sich recht intim an, ganz anders als in einem riesigen Hörsaal, in dem weit weg ein Professor mit Mikrofon Formeln an die ferne Tafel schreibt. Tatsächlich waren bald nor noch 30 Stanford-Studierende im Vorlesungssaal. Die übrigen zogen es vor, den Kurs online zu absolvieren.

2 | Kapitalismus und Offenheit
"DisruptionWikipedia-logo.png ist der Schlachtruf der Revolutionäre aus dem Silicon Valley. Das Wort bedeutet soviel wie "radikale Unterbrechung" und bezeichnet die Wirkung der Digitalisierung auf alle altgewohnten Strukturen: Nichts geht mehr einfach so weiter wie gewohnt. Für Innovatoren und Investoren ist das deshalb so interessant, weil man jetzt innerhalb kürzester Zeit ganz neue Märkte erobern kann. [...]

Disruption heißt für Christensen nicht einfach, dass neue, digitale Anbieter alte Firmen hinweg fegen. Durch Disruptionsprozesse verändert sich das Markt-Spielfeld selbst, so dass sich erfolgreiche Akteure plötzlich im Abseits wiederfinden. Es geht auch nicht in erster Linie um die sensationelle technische Innovation selbst. Tatsächlich gehören die erfolgreichen Firmen fast nie den Erfindern, sondern denjenigen, die wie Bill Gates und Steve Jobs die Bausteine zu einem funktionierenden Geschäftsmodell zusammenfügen. Man fängt dabei bewusst ganz klein und einfach an. Das Wachstums- und Entwicklungspotenzial ist entscheidend.

Christensen analysiert an vielen Beispielen Prozesse, bei denen mächtige Weltmarktführer plötzlich von Konkurrenten aus dem Feld geschlagen werden, die lange Zeit ganz ungefährlich schienen, weil ihr neuartiges Angebot anfangs technisch viel primitiver und unprofitabler war. Es gibt zwei Wege der Disruption, sagt Christensen: Entweder entwickelt sich ein neues Angebot am Rand des Marktes, das erst einmal als billig und minderwertig erscheint. Keine ernsthafte Konkurrenz, aber für manche Kunden gut genug. Oder es entsteht ein ganz neuer Sektor abseits des Marktes, der andere Kunden anspricht. Und plötzlich hat sich dann die ganze Umwelt verändert, und die Dinosaurier sterben aus. Zum Beispiel wurden die ersten japanischen Plastik-Transistorradios von Teenagern um 1960 von ihrem knappen Taschengeld gekauft. Es war simple, billige Wegwerftechnik, keine Gefahr für die Hifi-Konzerne. Erst 20 Jahre später kamen deutsche Qualitätshersteller wie Grundig in Schwierigkeiten. Mit der Digitalfotografie und den Enzyklopädien ging es dann viel schneller. Das dauerte nur noch wenige Jahre. [...]"

Kreativer Kapitalismus

"Die zehn Gebote dieses neue im Kapitalismus fasste das französische Magazin Technikart gut zusammen:

"1. Du sollst alles frei weg geben: Freier Zugang für alle, keine Urheberrechte. Mehr als genug Geld lässt sich mit Zusatzservices verdienen.

2. Du sollst die Welt verändern, nicht einfach nur Dinge verkaufen.

3. Du sollst teilen, im Bewusstsein deiner sozialen Verantwortung.

4. Du sollst kreativ sein, mit dem Fokus auf Design, neuen Technologien und Naturwissenschaft.

5. Du sollst alles offenlegen. Fördere und praktiziere den Kult der Transparenz und des freien Informationsflusses. Die ganze Menschheit soll zusammenwirken und kommunizieren.

6. Du sollst keinen Achtstunden-Job haben. Stattdessen engagiere dich in smarten, flexiblen Projekten. [...]

7. Du sollst nicht aufhören, dein Leben lang zu lernen.

8. Du sollst als Enzym wirken: arbeite nicht nur, um deine Ziele zu erreichen, sondern fördere daneben auch neue Formen der Zusammenarbeit.

9. Du sollst arm sterben: Gib am Ende deinen Reichtum an andere. Sei ein Philanthrop.

10. Du sollst selbst der Staat sein. Die neuen Unternehmen sollten zumindest Partnerschaften mit Staaten bilden, sofern sie staatliche Funktionen nicht ohnehin besser erfüllen."

Das ist der Geist der kreativen Klasse des digitalen Zeitalters. Seither verschwimmen die Grenzen zwischen Profitunternehmen und den Nonprofit-Projekten der social entrepreneurs. Die bekanntesten Akteure sind die Philanthropen Bill Gates, Mark Zuckerberg und George Soros mit ihren milliardenschweren Stiftungen."

3 | Die flache Welt
"Bildung ist nicht zeitlos, und ist sie auch keine individuelle Angelegenheit. Hier entfalten sich nicht einfach verschiedene Persönlichkeiten, entsprechend ihren natürlichen Anlagen. Die Persönlichkeiten werden entfaltet, geprägt und geformt im kulturellen, politischen und eben auch technischen Systemen. Scheinbar ganz persönliche Bildungserlebnisse sind von Anfang an geprägt durch die gesellschaftliche Situation. Bildung zur Zeit Humboldts war ganz anders als Bildung um 1900 oder Bildung um 1935. Und die Bildung, die ich selbst in den 1970er Jahren erfahren habe, ist eine ganz andere als die Bildung, die meine Tochter 35 Jahre später erfährt.

Das Schlagwort Digitale Bildung meint immer: erneuerte Bildung. Bildung unter den Bedingungen des großen Umbruchs seit etwa 1990, der alle westlichen Gesellschaften betrifft. Das ist auch, aber eben nicht nur ein technologischer Umbruch. Vielleicht noch nicht einmal in erster Linie.

Wie haben sich die grundsätzlichen Bedingungen verändert, die unser lebenslanges Lernen, unser Wissenwollen und Wissenmüssen prägen? Was hat das zu tun mit dem epochalen Change, der seit den 1990er Jahren überall ausgerufen wird? Es gibt keinen passgenauen Überbegriff dafür, aber so ungefähr weiß man, wovon die Rede ist, wenn die bekannten Schlagworte fallen: Globalisierung, Automatisierung, Individualisierung, Ökonomisierung, Wissensgesellschaft. Neoliberalismus und Prekariat gehören auch dazu. All diese Schlagworte beschreiben Aspekte des globalen Wandels, der zeitlich zusammenfällt mit der Digitalisierung [...]

Mir gefällt die eingängige und vieldeutige Metapher am besten, die Thomas FriedmanWikipedia-logo.png als roten Faden für sein bekanntes Buch über die Globalisierung benutzt hat: "Die Welt ist flach". Der New York Times-Chefkolumnist ist berüchtigt dafür, komplexe Entwicklungen auf allzu simple, allzu einleuchtende Formeln zu reduzieren. Natürlich ist das zu simpel. Aber wenn man das Schlagwort wertfrei nimmt, bietet "Verflachung der Welt" einen nützlichen Blickwinkel, gerade weil es so umfassend und vage ist. Vor allem passt es gut auf die digitalen Informationsströme, die immer schneller, breiter und weltumspannender werden. Mit der Netz hat sich die digitale Sphäre um die Welt gelegt, die jederzeit alles mit allem in Verbindung setzen kann. Das betrifft Geld und Kapital, Produktions- und Logistikketten, wissenschaftliche Daten und Ideen, die Pop-Kultur und sogar die globalisierungsfeindlichen Ideologien der Islamisten und rechtsextremen Nationalisten.

Flach bedeutet: Schützende Grenzen und Einigungen werden brüchig – wirtschaftlich, gesellschaftlich und technologisch. Unsere Lebenswelt fühlt sich offener und unsicherer an. Das gilt nicht nur global, sondern auch regional, bis hinein in die tiefste Provinz. [...]

Im Blog des Weltwirtschaftsforums wurde gerade wieder prophezeit, das größte Unternehmen des Jahres 2030 werde ein Bildungstechnologie-Unternehmen sein. Weltweite Massenkurse, aber die Lehrenden werden keine Professoren-auf-Videos mehr sein, sondern künstlich-intelligente Bots. Sie personalisieren jeden Lehrplan für jede einzelne Person, und die Lernenden werden dann viermal oder gar zehnmal so schnell lernen. Das sagt ein weißbärtiger Thinktank-Futurist voraus, von dem man praktisch ausschließen kann, dass er selbst nennenswerte Erfahrungen mit dem Lernen im Netz gesammelt hat."

4 | Der große Ruck

Wenn es wirklich einen schmerzhaften Fachkräftemangel gäbe, dann gäbe es einen echten Nachfragemarkt. Dann würde man überall mit allen Mitteln nach Leuten suchen. [...]

Und seit den 1990er Jahren steckt die westliche Gesellschaft in einem schleichenden Schrumpf-Prozess. Sehr vieles von dem, was wir Digitalisierung nennen, ist kein Symptom des Wachstums, sondern des Schrumpfens. [...]

Der große wirtschaftliche Schub ist vorbei, aber der kulturelle Prozess geht seit Jahrzehnten weiter. Die immer weiter steigende Zahl der Studierenden ist auch ein Hinweis darauf, dass das Bildungssystem den Aufstieg ersetzen und simulieren muss. Und das Mediensystem erfüllt dieselbe Funktion. Die modernen Nomaden haben zwar kein Geld und keine Sicherheit, aber dafür spottbilliges Entertainment und Internet, an jedem Ort und zu jeder Zeit. [...] Ins Deutsche übertragen, handelt es sich um nichts weniger als das Ende der MittelstandsgesellschaftWikipedia-logo.png. Das ist nicht nur ein profanes Wirtschaftsphänomen. Es betrifft unsere ganze gewachsene kulturelle Identität. Und es hat einschneidende Folgen für das, was wir unter "BildungWikipedia-logo.png" verstehen. Digitale Emigranten haben das Gefühl, sich neues Land zu erobern, aber für die Daheimgebliebenen sieht es anders aus. Sie spüren vor allem, was verloren geht [...]

Tatsächlich gibt es das Wort "BildungsbürgertumWikipedia-logo.png" überhaupt erst seit den 1950er Jahren. Es steht für die nachträgliche Wiederbelebung und wieder Anknüpfung an die gute alte Buddenbrooks-Zeit. [...]

Viel von der verbleibenden Arbeit wird, so wie es derzeit aussieht, von vogelfreien Selbstständigen übernommen werden. Deshalb plädieren inzwischen Silikon Valley-Kapitalisten und die Bosse von Siemens und Telekom für das bedingungslose GrundeinkommenWikipedia-logo.png (BGE). Sie befürchten dass es sonst die Gesellschaft zerreißt. [...]

Teil 2: Digitalisierung der Bildung

5 | Verdatung, Vernetzung, das Web
"Viele Leute versuchen gerade, uns ihre Interessen als Sachzwang zu verkaufen. Misstrauen ist überall da angebracht, wo große Plattformen die Daten, die mit uns zu tun haben, in geschlossenen Datenpools sammeln, um uns dann zum um Objekt in undurchsichtigen Prozessen zu machen. Die kommerziellen Plattformen sind dann doch relativ harmlos – sie wollen Werbung verkaufen. Gefährlicher sind all jene privaten und staatlichen Datenzentralen, die behaupten zu wissen, was ist das Beste für uns ist. Immer mehr Bildungsanbieter werden künftig unser Handeln vorhersagen und uns unsere Entscheidungen abnehmen wollen – nicht nur in unseren Lernprozessen, sondern auch in unserem Bildungsbiografien.

Was verbirgt sich also hinter dem schwammigen Schlagwort Digitalisierung, oder digitale Transformation, oder wie auch immer das in drei Jahren heißen wird? Da wird vieles zusammen geworfen, was in sehr unterschiedliche Richtungen zeigt und wirkt: Datennetze und Smartphones, Facebook und Google, smarte Lieferketten und das Internet der Dinge [...]

Wenn wir also über die Auswirkungen "der Digitalisierung" auf die Bildung sprechen, müssen wir immer genau angeben, worauf wir uns gerade beziehen: Auf das Netz der Daten und Informationen? Auf das Netz der Menschen und Dinge? Oder auf das Web? Um den ganzen Komplex der Digitalisierung besser zu verstehen, schlage ich deshalb vor, ihn in drei Ebenen zu zerlegen: Verdatung, Vernetzung und Ver-Web-ung. Denn auch das Internet und das Web sind nicht deckungsgleich. Das Web baut auf dem Internet auf, als ein Internetdienst unter anderem, aber dann hat es sich schnell zu einem einer eigenen Plattform verselbstständigt.

Das sind drei getrennte Ebenen, und jede Ebene hat ihre eigentümliche Logik."

6 | Die Verdatung der Bildung
7 | Vernetzung der Bildung I: Das Internet
8 | Vernetzung der Bildung II: Vernetzte Intelligenz

Teil 3: Ver-Web-ung der Bildung

9 WWW - Die Welt als Hypertext

10 Die Bausteine des Web

11 Das soziale Web

12 Das Indie-Web

"Und das ist es wahrscheinlich, was dieser geschichtliche Moment von uns fordert. Eine radikale Neuordnung der Bildung und der Bildungstechnologie.… Etwas, das indie ist. Etwas, dass die Lerner wieder ins Zentrum gestellt. Etwas, das Lehrbücher und Prüfungen und Bildungstechnologie-Anbieter in den Hintergrund drängt.… Etwas ,das wir selbst unter eigener Kontrolle haben. Etwas, das wir selbst aufsetzen, selbst benutzen und – vielleicht, wenn wir wollen – auch mit anderen teilen."

(Audrey Watters, The Indie Web, 2014)

Ist das Netz kaputt?

Irgendwann nach 2010 kippte die Stimmung im Netz. David Weinberger und Doc Searls schlugen in ihrem zweiten Manifest (nach dem Cluetrain Manifesto von 1998) deutlich weniger optimistische Töne an. Facebook saugt das vielfältige, kleinteilige Netz in sich auf wie ein schwarzes Loch im Weltraum, sagten sie. Google verschlingt alle Daten. Amazon verschluckt alle Geschäfte. Zusammen bilden diese großen Monopol-Plattformen den Gegenentwurf zu einem offenen, verteilten Web, in dem es keine zentralen Schaltstellen und Plattformen gibt. Sie setzten uns Nutzerinnen quasi eigene Brillen auf, durch die vier die digitale Welt sehen, und sie versuchen zu verhindern, dass wir diese Brillen jemals ablegen.

Diese Brillen sind die Algorithmen, die steuern was angezeigt wird, aber auch die speziellen Smartphone-Apps, die mehr und mehr an die Stelle der Web-Browser treten: "Im Web geht es um Web-Seiten und ihre offenen Verbindungen. Bei Apps geht es um Kontrolle. Sobald wir aus dem Web aus- und in die Welt der Apps einziehen, verlieren wir den großen gemeinsamen Traum, den wir uns zusammen aufgebaut haben."

Und dann kam noch der große NSA-Schock dazu. Edward Snowden zeigte der Welt, dass Geheimdienst-Computer alles abzapfen, aufsaugen und auswerten, was im Netz geschieht. (Übrigens tun sie das mit Hilfe des Software-Unternehmens PalantirWikipedia-logo.png, einer Gründung von Peter Thiel,Wikipedia-logo.png dem wir in diesem Buch schon begegnet sind.) Auch der vielbeschworene deutsche Datenschutz ändert daran gar nichts, und tatsächlich wissen wir inzwischen, dass der deutsche BND bei diesen Spionage-Aktionen bereitwillige Helferdienste leistet. [...]

Am Ende steht die Vision von der totalen BildungscloudWikipedia-logo.png, wie sie derzeit zum Beispiel das SAP-finanzierte Hasso-Plattner-InstitutWikipedia-logo.png vorantreibt.

Das sind reale Gefahren, auf die Netzkritiker wie Sascha LoboWikipedia-logo.png und im Bildungsbereich vor allem Audrey Watters hinweisen. Sie haben recht, wenn sie politische Initiativen fordern, um dieser techno-kapitalistischen Eigendynamik Grenzen zu setzen. Trotzdem ist die Situation komplizierter, als ein einfaches Feindbild es nahelegt. Die berechtigte Skepsis schlägt leicht um in rückwärtsgewandten Pessimismus. Lobo und Watters betonen zwar immer wieder, nicht technik- und netzfeindlich zu sein, aber mitunter malen sie so düstere Untergangsszenarien, dass die positive Vision kaum mehr durchscheint.

Die Wirklichkeit ist, wie immer, kompliziert. [...]

Seit die Gefahr durch die großen Plattformen wächst, formt sich allmählich eine Gegenbewegung, die aus jungen Software-Entwicklern, Veteranen des Web und überraschend vielen Geisteswissenschaftlern und Hochschulleuten besteht: das IndieWeb. Kernidee ist die Rückkehr zum ursprünglichen, dezentralen Web-Prinzip. Im Idealfall hat jede/r einzelne eine eigene, unabhängige Webseite. Dort sammelt man die eigenen Beiträge, dort überschneiden sich die sozialen Beziehungen. Das heißt nicht, dass man Twitter, Facebook und all die anderen Plattformen boykottieren soll. Man schreibt und speichert nur alle eigenen Beiträge zunächst auf der eigenen Plattform. [...]

IndieWeb-Aktivist Maciej Ceglowski: 'Die Konsum-Vision des Web wird durch jeden Schritt gefördert, der es schwieriger macht, einen Webinhalt herzustellen oder eine Webseite zu verändern. Wenn man so tut, als ob man ein Team von Spezialisten braucht, um simple Texte online zu stellen, ist das am Ende eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Wenn wir das Web überkompliziert machen, dann nehmen wir das Gerüst weg, das es den Leuten möglich machte, sich das Nötige selbst beizubringen und alle mit unerwarteten neuen Ideen zu überraschen.… Dafür ist es lebenswichtig, dass das Web ein Mach-Web bleibt. Alles muss klein und überschaubar sein, damit die Leute das Gefühl haben, das selbst zu können, einfach durch Nachmachen.' [...]

2013 stieß Jim Groom die Initiative A Domain of One's Own (DOOO) an. Die packt das Problem an der Wurzel. Seitdem bietet die Universität[4] allen Studierenden, Lehrenden und UniversitätsmitarbeiterInnen ihre eigene Web Domain auf einem eigenen Web Space an. [...]

A Room of One's Own hat die frühe Feministen Virginia WoolffWikipedia-logo.png 1929 einen berühmten literarischen Essays betitelt. Es geht um die Selbstständigkeit einer weiblichen Schriftstellerin unter schwierigen Bedingungen: "Eine Frau muss Geld haben, und ein Zimmer für sich allein, wenn sie Romane schreiben will", lautet der erste Satz. Die Indie-Web-Bewegung überträgt das auf unsere Situation im digitalen Neuland und in der globalisierten Flachen Welt. Dann heißt das in etwa: Ein Mensch muss eine Grundabsicherung haben, und eine Web Domain für sich allein, um sich auf den lebenslangen, vielfach verschlungenen Bildungsweg zu machen."

13 Die große Umpolung

"Im supermodernen Zeitalter ist das Subjekt ermächtigt wie nie zuvor, erweitert wie nie zuvor, überfordert wie nie zuvor." ( Marc Augé, 1993) [...]

"Das radikal Neue am Netz und am Web ist nun, dass alle, die Zugang haben, grundsätzlich Zugriff auf alles haben könnten. Alle spüren das. An jeder Stelle, wo Informationen nicht verfügbar sind, die alle angehen, sagt sich jede/r: Warum ist das nicht im Netz?

Bei den wütenden Auseinandersetzungen um den Stuttgarter Bahnhof ging es auch um Planungen und Daten, die der Öffentlichkeit nicht zugänglich waren. Dabei war das bis vor kurzem ganz normal. Bürokratien versteckten immer die eigentlich wichtigen, komplizierten Informationen tief in ihrem Apparat und begründeten das mit Sachzwängen. Im Netz-Zeitalter geht das nicht mehr. Der Politikveteran Heiner Geißler, der den Streit um Stuttgart 21 schlichten sollte, sagte bei einer der live ins Netz übertragenen Anhörungen: "Alles muss auf den Tisch. Alles muss ins Netz." Dass das ist bis heute nicht geschehen ist, beschädigt die Demokratie. [...]

Die Subjektpositionen im Bildungssystem hängen direkt mit der Demokratie zusammen, und umgekehrt. Die reale wie die digitale Architektur weist Lernenden, Lehrenden und Männern bestimmte Positionen zu. Es gibt Learning Management-Systeme, die wie ein digitales Klassenzimmer funktionieren, mit digitalen Schulbänken und digitalem Fingerheben. Es gibt digitale "Lernlandschaften", die innerhalb eines engen pädagogischen Rahmens etwas Freiraum für Eigen- und Gruppenarbeit aussparen. Und es gibt Software, die mich nicht auf diese Weise in einem vorpräparierten Lernraum einschließt.

Wohlgemerkt: Nicht dass es Einschränkungen gibt, ist das Problem sondern die Art der Einschränkungen. Jede gute Software schränkt die unendlichen Möglichkeiten des Web ein. Gerade indem etwa Wikipediar oder Twitter nur sehr wenige Aktivitäten zulassen, entstehen Aktivitäten, die es sonst nie gegeben hätte. Aber die Subjektposition, die mir dabei zugewiesen wird, ist eine andere. Hier entsteht wirklich etwas Neues, das sonst nicht möglich gewesen wäre. [...]"

14 Weblernen

15 Erklärung der digitalen Lernerrechte

»We hold these truths to be self-evident, that all men are equal, that they are endowed ... with unalienable rights ...« (Unabhängigkeitserklärung der USA, 1776) _

Die zwei Versionen der Bill of Rights

Ende 2012 hatte die Aufregung über die neuen Online-Massenkurse ihren Höhepunkt erreicht. Sebastian Thrun hatte Udacity gegründet, um die Bildungslandschaft der ganzen Welt zu verändern. Seine Stanford-Kollegen gründeten Coursera, das MIT gründete edX, die Briten folgten mit FutureLearn. Der massenhafte Durchbruch für das Lernen im Netz und mit dem Netz stand unmittelbar vor der Tür, oder so schien es wenigstens damals.

Plötzlich und sehr dringend stellte sich die Frage nach den Rahmenbedingungen. Welche Regeln sollten gelten, wenn große Bildungsunternehmen den vielen kleinen Lernenden ein Angebot machen? Was sollte in den AGB stehen, welche Grundprinzipien sollten eingehalten werden? In Kalifornien fand sich eine Gruppe von Bildungspionieren zusammen, um die Interessen der Lernenden zu schützen und gemeinsam eine Charta der Rechte zu verfassen. Zu den Unterzeichnern gehören ein paar Leute, deren Namen öfter in diesem Buch auftauchen: Sebastian Thrun und seine Frau, die Stanford-Dozentin Petra Dierkes-Thrun; Philipp Schmidt vom MIT Media Lab; Audrey Watters, die Netz-Journalistin und scharfsinnige Kritikerin der Silicon Valley-Bildungsrevolution; John Seely Brown, einflussreicher Buchautor und früherer Leiter des legendären Xerox Parc-Labors.

Als offenes Dokument, an dem jede/r mitarbeiten konnte, entstand eine umfangreiche Charta: die Bill of Rights and Principles for Learning in the Digital Age. Die Charta beginnt mit den Worten: »Wir glauben, dass das Lernen, das Verlernen und Wiederlernen für unsere Kultur so lebenswichtig wird wie das Atmen. Daher glauben wir, dass alle Lernenden (students) unveräußerliche Rechte haben sollen. Sie gelten auch in den digitalen Umwelten, die gerade neu entstehen.« (Link zur ersten Charta-Version, veröffentlicht auf der Udacity-Webbseite)

Die Liste der Rechte umfasst unter anderem ein Recht auf Transparenz, das die finanziellen wie auch die pädagogischen Ziele betrifft, und ein Recht auf Privatheit und fairen Umgang mit den eigenen Daten. Inwiefern Udacity sich daran heute noch hält, ist umstritten, aber die Bill of Rights steht immer noch auf der Udacity-Webseite. Die radikaleren Unterzeichner waren hinterher unzufrieden. Die Bill war ihnen zu sehr aus der Perspektive der MOOC-Anbieter heraus geschrieben. Unter der Federführung von Philipp Schmidt eröffneten sie ein eigenes, neues Dokument: die Erklärung der »Rechte und Prinzipien für vernetzte Lernende«. Mindestens 20 Leute schrieben daran im Netz mit. Einige Überschriften wurden übernommen, aber der Text veränderte sich recht grundlegend. Die erste Bill of Rights sprach durchgängig von students, und meinte damit Leute, die an einer Institution eingeschrieben sind. In der zweiten Charta steht learner. Gemeint sind Leute, die ihr eigenes Lernen in die Hand nehmen. (Link zur zweiten Charta-Version via P2P-University)

Die zwei Dokumente wurden kaum beachtet, aber sie bezeichnen eigentlich einen sehr wichtigen Punkt. Die Lerner haben bislang keine Lobby. Bis jetzt waren »Lernerrechte« noch nie ein Thema – es gibt nur staatliche Leistungen, die gewährt, und Bildungsangebote, die wahrgenommen werden. In der Bildungslandschaft der Zukunft wird sich das ändern, und die digitalen Netz-Medien spielen dabei eine entscheidende Rolle. Die Weichen werden jetzt gestellt. Die Frage ist nur, zu wessen Gunsten. Es ist höchste Zeit, die Lernerrechte in das Zentrum der Diskussion zu rücken. Hier ist deshalb eine erste deutschsprachige Version der Erklärung der Lernerrechte, die auf dem Text der zweiten Charta beruht.

Erklärung der Lernerrechte: Präambel

Menschen, die lernen, haben das Recht auf ihre eigenen Lern- und Wissensprozesse. Das bisherige Bildungssystem machte die Lernenden zum Objekt der Pädagogen und Experten. Die Produkte und die Spuren ihres Lernens wurden von Bildungsbürokraten gesammelt und verwaltet. Mit dem Zugang zum Netz (Internet plus Web) hat sich das grundlegend geändert. Es gibt keine Sachzwänge mehr, mit denen man es rechtfertigen kann, Leute auszuschließen oder ihnen die Selbstbestimmung zu verweigern.

Im Netz können immer mehr Menschen auf aller Welt beinahe ohne Kosten lernen: Sie können sich orientieren und sich austauschen, Wissen erwerben und konstruieren, allein und mit anderen. Können heißt hier: Es ist ihnen im Prinzip möglich, wenn die Voraussetzungen dazu bestehen.

Aber Technik erscheint allzu leicht als eine verselbständigte, quasi-natürliche Umwelt, an die man sich einfach anpassen muss, wenn man im Spiel bleiben will. Viele haben ein Interesse daran, die Lern- und Wissensprozesse der Menschen für ihre eigenen Zwecke zu benutzen. Für jeden einzelnen Menschen, der nun dazu ermächtigt ist, das eigene Lernen in die Hand zu nehmen, gibt es jemand, der es ihm als freundlicher Vormund wieder aus der Hand nimmt.

Es ist gerade ein fragiler historischer Moment. Wir stehen an einer Wegscheide. Nun kommt es darauf an, das Potenzial der neuen Technologien für möglichst viele Menschen, die lernen, zu erschließen. Darum erklären wir die folgenden Lernerrechte:

Das Recht auf Zugang

Alle Menschen haben das Recht zu lernen und ihre Umwelt besser zu verstehen: Schülerinnen und Schüler, Studierende und alle anderen, ob sie an einer Bildungseinrichtung lernen oder nicht. Das ist unabhängig von Alter, Geschlecht, Ethnie, sozialem oder wirtschaftlichem Status, sexueller Orientierung, nationaler Herkunft, körperlicher Befähigung. Das gilt unabhängig von ihrer Lebensumwelt und überall auf der Welt.

Alle Menschen haben das Recht auf freien und offenen Zugang zu allen Werkzeugen und Inhalten, die ihnen dieses Lernen erleichtern – möglichst ohne technische und finanzielle Zugangsschwellen. Und diese Werkzeuge und Inhalte müssen immer wieder angepasst werden an unterschiedliche Lebensstile und Lebensumstände, an Motivationen und Lernziele, an Mobilitätsbedingungen und Zeitrahmen. Sie sollten für Leute an verschiedensten Orten, in verschiedensten Lebenssituationen und mit verschiedensten Lebensweisen offen und nutzbar sein – insbesondere auch für die Schwachen und Benachteiligten.

Bildung und Lernen im Netz und über das Netz wird zum Teil auch künftig noch auf teure Ressourcen angewiesen sein: auf Breitband-Internet, auf besondere Räume und Gebäude, auf längere Phasen freier Zeit und auf persönlichen Kontakt mit den Peers. Diese Infrastruktur bereitzustellen, ist eine öffentliche Aufgabe. Eine Investition in ein neues Ökosystem des Wissens und Lernens.

Das Recht auf aktives Lernen und Wissensproduktion

Allen Menschen, die lernen, müssen wir die Souveränität über ihr eigenes Lernen zugestehen. Und wir müssen ihnen den Raum und die Werkzeuge geben, um diese Souveränität dann Schritt für Schritt zu entwickeln. Genau das ist die ursprüngliche Bedeutung des deutschen Begriffs Bildung.

Lernen bedeutet mehr, als zum Objekt von Inhaltsvermittlung und Lehrmethoden gemacht zu werden. Wenn die Menschen Subjekt ihres eigenen Lernprozesses sind, dann werden sie aktiv: Sie denken, sie tun, sie produzieren eigene Artefakte.

Sie leisten einen Beitrag zu den Fachgebieten und Disziplinen, wie auch zum gesellschaftlichen Bildungsprozess überhaupt.

Das Recht auf den eigenen Lernprozess

Lernerdaten umfassen alle Metadaten, Zwischenprodukte und Spuren der individuellen Bildungsprozesse. Im digitalisierten Bildungssystem können sie dazu beitragen, das Lernen für alle zu erleichtern und zu verbessern. Dabei gehören die Produkte und die Spuren des Lernens zuerst den Lernenden selbst.

Die Nutzung der Lernerdaten durch die Institution muss jederzeit vollständig transparent sein, sie darf nur mit Einwilligung der Lernenden erfolgen und sie muss jederzeit widerrufbar bleiben. Anonymität ist der Regelfall, sofern es nicht im ausgesprochenen und erklärten Interesse der einzelnen Lernenden ist. Wenn die Lernenden die Einwilligung zurückziehen, dass ihre Daten über die konkrete Organisation ihres Lernprozesses hinaus genutzt werden, dürfen ihnen daraus keine Nachteile entstehen.

Jede/r Lernende soll die eigenen Produkte, Spuren und Daten für sich sammeln und benutzen können. Dafür ist es nötig, dass diese in einer geeigneten Form und in einem geeigneten technischen Format zur Verfügung gestellt werden.

Das Recht auf Vernetzung und Zirkulation

Lernende haben das Recht auf technische und juristische Rahmenbedingungen, die eine möglichst intensive Vernetzung und Zirkulation ermöglichen. Wissen bleibt dann und nur dann lebendig, wenn es zirkuliert und dabei immer neu rekonstruiert wird. Das geschieht bereits in den einfachsten Lernprozessen. In einer Netz-Umwelt wird das viel greifbarer und wirkungsvoller als je zuvor.

Das Recht auf Transparenz

Lernende, die ein Lernangebot wahrnehmen, haben ein Recht darauf zu wissen, wie sämtliche Daten von den anbietenden Organisationen genutzt und anderen zugänglich gemacht werden. Diese Information muss klar und unübersehbar auf der Webseite stehen. Teilnehmende an einem Online-Lernangebot haben ein Recht zu wissen, ob bzw. wie sich ihre Beteiligung auf eine etwaige Finanzierung der Anbieter von dritter Seite auswirkt. Sie haben ein Recht auf Fairness, Ehrlichkeit und transparente Bilanzen. Das gilt auch für Kurse, für die man nichts bezahlen muss.

Die Lernenden haben das Recht, die angestrebten Resultate eines Online-Lernangebots oder einer Online-Lernen-Initiative im Voraus zu kennen - gleich, ob es um pädagogische Ziele, Berufsbildung oder auch um grundsätzliche wissenschaftliche Erkenntnisse geht. Wenn der Anbieter irgendeine Beglaubigung der Lernergebnisse verspricht, gleich, ob es sich um eine bloße Bescheinigung handelt, um Badges (Abzeichen) oder um ein offizielles Zertifikat mit oder ohne Benotung, dann soll genau beschrieben und erklärt werden, welche Aussagekraft und Überprüfbarkeit diese Beglaubigungen besitzen.

Das Recht auf Zuwendung und Unterstützung

Lernende brauchen menschliche Unterstützung – umsichtige LehrerInnen, ModeratorInnen, MentorInnen, Lern-PartnerInnen. Sie brauchen Lernumgebungen, die auch ihre ›weichen‹ Bedürfnisse erfüllen. Das gilt umso mehr in digitalen Lernumgebungen, die zuerst einmal unpersönlich sind. Auch wenn einige von uns Peer Learning-Gemeinschaften bevorzugen - in formalen Bildungsszenarios halten wir es für fundamental, dass die Personen, die das Online-Lernen planen, betreuen und begleiten, angemessen bezahlt, geschätzt und in ihrer Arbeit unterstützt werden.

Das Recht, die eigenen Fehler zu machen

Fail forward! Fehler zu machen ist keine Panne, sondern Grundlage des Lernens. Das Recht, die eigenen Fehler zu begehen und dann diese Fehler für sich fruchtbar zu machen, muss zur Grundlage künftiger Bildungssysteme werden. SerendipityWikipedia-logo.png: Die Abschweifung und die Verirrung sind Teil des Bildungsprozesses. Bildung ist kein Apparat, sondern ein Roman. Und das gilt für alle – nicht nur für Privilegierte, die sich wie Goethes Wilhelm MeisterWikipedia-logo.png eine jahrelange Bildungsreise leisten können.

Teil 4: Bildungsbürger

16 | Eine sehr kurze Bildungsgeschichte des 20. Jahrhunderts
Lindner erklärt: Mit dem Netz hat sich nicht nur der Zugang zu Bildung verändert, "sondern auch das Wissen selbst: Im Netz und mit dem Netz entstehen neuartige Wissensarchitekturen, weil die digitalisierten Bausteine ganz anders verknüpft und verarbeitet werden können. Die Fachleute sind jetzt nicht mehr entrückte Autoritäten, die sich in perfekt formulierten Publikationen äußern, sondern Menschen, denen man online quasi beim Denken zusehen kann. Und auch die Peer-Netzwerke sind von ganz anderer Qualität als früher.

Das bedeutet tatsächlich einen fundamentalen Bruch mit den Bedingungen, unter denen früher Bildung stattfand, auch wenn die sichtbaren Auswirkungen bislang noch gar nicht so dramatisch sind. [...]

Die Idee eines verpflichtenden Wissenskanons ist verloren. Die Autoritäten büßen viel von ihrer Richtlinienkompetenz ein. Die Kommunikationen verzetteln sich. Und je mehr man sich in Online-Netzwerken aufhält, desto weniger ist man auf den Zusammenschluss mit den Leuten angewiesen, die leibhaftig im selben Raum sind."

17 | Bildungsrepublik
18 | Digitale Demenz

Teil 5: Digitale Bildung

19 | Was ist digitale Bildung?
20 | Bildungsreisen

Teil 6: Schulen im digitalen Zeitalter

"Das meiste lernen geschieht heute in unseren Städten außerhalb des Klassenzimmers. [...]" (Marshall McLuhanWikipedia-logo.png, Classrooms Without Walls, 1957)

21 | Ohne Medien keine Schule
"[...] Medien in Schulen und Hochschulen sind immer noch Unterrichtsmedien. Sie erweitern die Möglichkeiten der Lehrenden, nicht der Lernenden. [...]"

"Die Zukunft ist bereits hier, nur ist sie bis jetzt sehr ungleich verteilt." (William Gibson)

"Wer wissen möchte, wo die Zukunft einer ganzheitlichen digitalen Bildung liegt, sollte also eher zu den ReligionspädagogInnen und zur ZUM schauen als zu den EdTech-Technokraten aus den USA."

22 | Alte Schule, Neue Welt

"[...] In der Praxis bedeutet Digitalisierung oft, dass die alten Strukturen nicht verändert, sondern digital gespiegelt werden. Billiger, aber nicht besser. Es ist vorhersehbar, Dass das auch mit Schulen und Hochschulen passieren wird. Wenn wir uns das Betongold nicht mehr leisten können oder wollen, wird es jedenfalls für die Nichtprivilegierten digitale Ersatzstrukturen geben müssen. Die wirkliche Digitalisierung der Schulen wird wohl zuerst da beginnen, wo es gar nicht mehr anders geht: an Stadtteilschulen, in schrumpfenden Regionen, zunehmend bei den Migranten und Flüchtlingen. Hier gibt es keine Alternative mehr. Man muss es ausnutzen, dass diese Leute hochwertige Netzgeräte haben, die auch ihre geistigen Möglichkeiten erweitern. Selbst, wenn man es wollte – mit den alten Papier-und Druckmedien wird man sie nie zu "Gebildeten" machen.

Das wäre dann ein Disruptionsprozess im ursprünglichen Sinn. Ein anderes, billigeres und viel simpleres Bildungssystem entsteht neben dem eingeführten, teuren, hochwertigen System. So wie sich seinerzeit das massenhafte Plastik-Transistorradio mit dem unterklassigem Rock ‚n‘ Roll durchsetzte, unabhängig von den Hifi-Stereoanlagen in den edlen, weißen Bildungsbürger Wohnzimmern. Der Innovationsdruck kommt auch von außerhalb Europas, weil ärmere Länder mit jüngerer Bevölkerung viel schneller und viel billiger neue digitale Formen entwickeln werden. Genau dort liegt aber künftig auch das Zentrum der weltwirtschaftlichen Entwicklung, von der auch der Exportweltmeister Deutschland lebt. Das Muster der digitalen Schule von morgen wird eher nicht die urbane, reiche Mittelklassenmetropole Singapur sein, wie sich das unser oberster deutscher OECD-Bildungsreform vorstellt. Sie wird sich in Ländern wie Tunesien, Südafrika, Malaysia entwickeln, in Paolo Freires Brasilien oder in Ivan Illichs Mexiko. Wenn wir das auf Deutschland beziehen: Vielleicht werden ja auch hier die Letzten einmal die Ersten sein. Nicht die Gymnasien im Speckgürtel der Metropolen, sondern die Stadtteilschulen und Mittelschulen in Regionen wie Mecklenburg, Niedersachsen und der Oberpfalz werden hybride Mischungen von digitalen Netz-Medien und analoger Präsenz entwickeln müssen. Und irgendwann könnte dann dieses neue System gut genug geworden sein, um an die Stelle des alten, eingefahren Systems zu treten, das längst unreformierbar ist."

Teil 7: Die Hochschulen

23 | Professor Dr. Rip van Winkle
Zu Bolognareform u. Exzellenzinitiative: "Die letzten Reste des emanzipatorischen Geistes der 1970er Jahre ver-flüchtigten sich. Die immer jüngeren Studierenden wurden zu mündigen "Kunden" erklärt, aber zugleich immer mehr zu passiven Konsumenten von "Lehre" gemacht." "Enthusiastische, zur Selbstausbeutung bereite junge Menschen sind ja tatsächlich die eine Ressource, die Hochschulen im Überfluss besitzen." "Eine Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace (englischer Originaltitel: „A Declaration of the Independence of Cyberspace“) war einer der bis heute einflussreichsten Artikel über die Machbarkeit und Legitimierung von staatlicher Kontrolle und Hegemonie auf das schnell wachsende Internet. Er wurde von John Perry Barlowgeschrieben, einem Mitgründer der Electronic Frontier Foundation, und am 8. Februar 1996 von Davos aus online publiziert. Der Anlass, aus dem er verfasst wurde, war die Verabschiedung des Telecommunications Act von 1996 in den USA. Barlow wandte sich damit unter anderem vehement gegen die Möglichkeit einer Zensur im Internet." (Wikipedia)

24 | Die MOOC-Attacke
Was bedeutet es bei MOOCs dass sie online sind?

"Die neue Erfahrung ergibt sich erst, sobald die Inhalte und Akteure möglichst vielfältig miteinander verbunden sind. Je mehr Ideen, Fragen und Wissensbruchstücke im selben Raum sind, je mehr verschiedene Personen und Perspektiven es gibt, desto eher kommt es zu Aha-Erlebnissen und in der Folge zu verketteten Lernprozessen. Das gilt nicht nur für die einzelnen LernerInnen, sondern auch für die Gesamtheit der Lehrenden und Lernenden.

Im Grunde beruhten Lern-und Bildungsprozesse schon immer auf Netzwerken und Kettenreaktionen, aber früher war es viel schwieriger, so etwas zu erzeugen. Ein Hochschul-Campus oder ein Hochschul-Institut sind Offline-Lernräume, die das mehr oder weniger gut leisten. Doch erst die digitalen Online-Netze erzeugen eine neue Qualität, die zumindest unterschwellig auch auf die real existierenden Bildungseinrichtungen zurückwirkt. Wenn sie zu stark sind, sich zu verändern, werden sie auf diese Weise jedenfalls immer marginaler und lebloser."

25 | Die Hype-Kurve

26 | Digitalisierung der Lehre
Auswirkungen der Digitalisierung der Lehre im Rahmen der Bologna-Reform

"Das betrifft auch die Studierenden, die eigentlich als "Kunden" im Mittelpunkt der neuen Dienstleistung-Hochschule stehen sollten. Der Bologna-Ära ist ihr Alltag so detailreguliert und durchbürokratisiert wie nie zuvor. Dabei hat sich nicht einmal das Versprechen von Internationalität, Durchlässigkeit und Vergleichbarkeit erfüllt, das an die Standardisierung der Studiengänge geknüpft war. Es ist eher noch schwieriger geworden, Studiengang oder Universität zu wechseln. Und die Abschlüsse der neuen Studiengänge sind für Außenstehende noch viel undurchschaubarer, als sie es ohnehin schon waren.

Auch die Auswirkungen der Digitalisierung auf das Studium selbst sind bisher wenig beeindruckend. Die überwiegende Mehrheit der Dozierenden wie der Studierenden lebt immer noch in der 15 Jahre alten Microsoft Office-Welt, wie aktuelle Studien zeigen: Word-Dokumente werden mit E-Mail versendet, in der Kursplattform schaut man auf das digitale Schwarze Brett, PDF-Materialien werden hinauf- und herunter geladen."

"Seit 15 Jahren ist die Zeit in den Hochschulen stehen geblieben, was die Formen des individuellen und kollaborativen Arbeitens, des Wissenserwerbs und des Lernens im Netz betrifft. Es scheint fast so zu sein, als ob die Forschenden und Lehrenden umso weniger digitale Netz-Medien nutzen, je erfolgreicher als sie im akademischen Wissenschaftssystem sind. Nicht darauf angewiesen zu sein, ist ein Prestige-Signal. Einige Netzwerke von Nachwuchsforschern sind auf dem Weg zu Open Science, Aber das geschieht auf eigene Faust und in ausdrücklicher Opposition zum akademischen Korpsgeist. Was das digitale lernen im Netz und mit dem Netz angeht, gehen fast alle interessanten Experimente der letzten Jahre auf eigensinnige Einzelkämpfer und Einzelinitiativen zurück."

"Insgesamt scheint es mehr Fachhochschulen als Universitäten zu geben, die mit Netztechnologien und neuen Formen des Weblernens experimentieren. An der FH Graz und der FH Darmstadt-Dieburg gibt es Studiengänge für anspruchsvolles Netz-Marketing (Content strategy), die die nötige Web Literacy nicht nur lehren, sondern auch in die Formen des Lehrens und Lernens integriert haben. [...] Solche jungen Fachhochschulen sind beweglich, pragmatisch und spüren den Rückenwind des neoliberalen Zeitgeistes. Die praxisnahen Studiengänge müssen sich zwangsläufig auf die Digitalisierung einlassen. [...] Gerade weil sie provinziell sind, könnten die Fachhochschulen am Ende welt- und weboffener sein. Sie werden wohl auch als erste die Impulse aus den Unternehmen aufnehmen, die derzeit tatsächlich beginnen, ihre Arbeitsprozesse ins Netz zu verlagern. Trotzdem sind auch das bis jetzt auch nur sehr vereinzelte Ausnahmen, die die Regel bestätigen: Das deutsche Hochschulsystem wird weitermachen wie gehabt, solange es nur irgendwie geht."


27 | Sechs Krisen der Höheren Bildung
Die deutschen Hochschulen fühlen sich unterfinanziert, aber ihre öffentliche Förderung steht nicht grundsätzlich in Frage, anders als in den USA und in Großbritannien. Die Leute, die man zur Promotion überredet, bilden eine preiswerte, nie versiegende Ressource. Das funktioniert gut, solange der Nimbus der höheren Bildung, der sich in Deutschland besonders hartnäckig hält, für immer neuen Nachschub von Idealisten und Weltflüchtern sorgt, die die ewige Zeit Vertragsmühle in Gang halten. Trotzdem kann das auf Dauer keinen Bestand haben. Nicht wegen der großen digitalen Disruption von außen, sondern wegen innerer Aufweichungsprozesse. Sechs große Teilkrisen der Hochschule und wirken zusammen:

die Krise des Massenstudiums;
die Krise der Zertifikate;
die Krise der inneren Organisation;
die Krise der Forschung;
die Krise des Wissens;
die Krise des Studierens als Lebensform

Die digitale Netz-Medien verschärfen all diese Krisen, doch sie sind nicht die Ursache. Wohl aber sind Sie ein wichtiger Teil jeder vorstellbaren Lösung. [...]

Die Krise der Zertifikate [...]

Das alte Zertifikatssystem funktionierte im herkömmlichen Beamtenstaat, an dem sich auch die Wirtschaft früher orientierte. Und in der Zeit des Wirtschaftswachstums trafen auch nur relativ wenige Universitätsabsolventen auf einen wachsenden und vielfältigen Arbeitsmarkt. Das ändert sich seit einiger Zeit. Die Arbeitgeber sind eben so verunsichert wie die Studierenden. Für die einen werden immer neue Elite-Zertifikate für Elite-Studiengänge kreiert, um den verlorenen Abstand zur Masse wiederherzustellen, und für die anderen werden konkrete Wissensarbeitskompetenzen immer wichtiger, die man aber gerade an den Hochschulen eigentlich noch nie vermittelt bekam. [...]

Die Krise der inneren Organisation [...]

In Deutschland ist das besonders extrem: es gibt weniger Professoren als anderswo (circa 15 %) und sehr viel weniger Mittelbau-Personal. Diese organisatorische Aufwertung der Professoren ist jedoch nicht verbunden mit dem Rückgewinnung der verlorenen Autorität. [...]

Die Krise der Forschung [...]

Nach einem Konzentrationsprozess haben heute wenige Konzerne wie Elsevier und Springer das ganze Publikationswesen in der Hand. Daran hängt das ganze akademische Reputationssystem. Seit die Fach-Communities selbst nicht mehr den Überblick über ihr Fach bewahren, wird die wissenschaftliche Reputation quantitativ gemessen – vor allem durch die Zahl der Zitate durch andere Autoren in möglichst angesehenen Journalen. [...] In Berufungskommissionen liest man gar nicht mehr die Arbeiten, sondern schaut nur noch auf den automatischen citation score. [...] Das goldene Zeitalter der Sozial- und Kulturwissenschaften war die Epoche der großen Theorien zwischen ca. 1950 und 1990. Damals hatten u.a. die Soziologie, die Systemtheorie, die strukturalen Theorien der Franzosen, die Informations- und Kommunikationswissenschaften, die Kybernetik den Eindruck vermittelt, man würde jetzt die Gesellschaft und die Ökonomie sehr viel besser, gründlicher und weitreichender verstehen. [...] Gleich ob Naturwissenschaften, Sozialwissenschaften, Geisteswissenschaften – die Alleinstellung der universitären Forschung ist verloren. [...]

Die Krise der Studierenden [...]

Auf das Studium zu verzichten, wäre für die meisten ein Eingeständnis des Scheiterns. Trotzdem gibt es eine Krise der Studierenden, die zur großen Hochschulkrise beiträgt. Auch die Studierenden spüren die untergründige Verunsicherung des Universitätsbetriebs, so wie sie früher an der Selbstgewissheit der alten bürgerlichen Universität teil hatten. Die Studierenden neigen nicht zum Protest – sie sind jünger, sie sind in ein durchorganisiertes Punktesystem eingespannt, um sie herum gibt es keine kulturelle Aufbruchstimmung. Sie studieren ohne große Überzeugung und erwarten sich keine großen Ergebnisse. Sie stellen wenig in Frage. Von den Dozenten wollen Sie vor allem wissen, was man lernen muss, um die nächste Prüfung zu bestehen. [...] Wenn die Belebung nicht mehr von den Studierenden kommt und nicht mehr vom angstgetriebenen Mittelbau, nicht von den massenpublizierenden Professorenmanagern und am Ende auch nicht mehr von der Gesellschaft, die stolz ist auf die Hochschulen, auf die sie ihre Kinder schickt – woher dann?

28 | Vier Zukunftsszenarien

Ein Blick voraus

Dieses Buch hat es mit einem Feld zu tun, das sich laufend verändert. Idealer Weise ist das, was hier steht, nach fünf Jahren noch nicht veraltet. Das wäre 2022, die nahe Zukunft. Dass dann die Universitäten und Hochschulen von außen noch unverändert erscheinen werden, ist eine recht risikolose Prophezeiung. Dennoch nagen die Naturgewalten[5] der Digitalisierung unablässig an den Fundamenten, und die sechs Krisen werden sich weiter verschärfen. Früher oder später werden sich die Hochschulen verändern, und so oder so werden die digitalen Netz-Medien dabei eine Schlüsselrolle spielen. Drei unterschwellige Treiber werden dazu beitragen:

Erstens werden sich die Grenzen der Hochschule mehr und mehr auflösen, weil die Diversität der Studierenden weiter zunimmt. [...]

Und drittens wird fehlendes Geld eine entscheidende Rolle spielen. [...] Derzeit steht die deutsche Wirtschaft noch außergewöhnlich gut da, ohne dass sich das in mutigen Zukunftsinvestitionen niederschlagen würde. Sobald die Konjunktur nachlässt, und das ist mittelfristig unvermeidlich, werden sich alle Existenzfragen der Hochschulen viel schärfer stellen. Und wenn das Geld fehlt, wird die Lösung immer "Digitalisierung" sein. [...] Christoph Meinel, der Leiter des SAP-nahen Hasso Plattner-Instituts, hat 2016 seine Vision genauer ausgeführt. Am Ende soll das Datenprofil die lebenslang Lernenden wie eine digitale Krankenkarte begleiten, über Grenzen von Schulen, Hochschulen und sonstigen Einrichtungen hinweg. Die Zugangsgeräte sind dann keine vollwertigen PCs mehr, sondern nur noch eine Art Netz-Terminal.[...]

Ein Netzwerk von Empfehlungen und informellen Zeugnissen ersetzt die herkömmlichen Abschlüsse. Unternehmen suchen sich ihre Leute dann via LinkedIn, Udacity oder ähnliche Plattformen. [...]

SF Szenario 3

[...] Die alten Strukturen für Verwaltung und Logistik werden abgebaut. An die Stelle der Mensa treten Starbucks und vegane Fastfood-Ketten, an die Stelle von Studentenheimen die AirBnB-Zimmervermittlung. Die Stimmung unter den Studierenden ist gut, unerreichbares Vorbild und Modell alle Bildungsinstitutionen ist der Google-Campus. [...] Auch die verbleibende Elite umgeht die Hochschulen und folgt dem Vorbild berühmter Silicon Valley-Studienabbrecher wie dem Tesla-Chef Elon Musk. Ihre Bildung verschafft sie sich über exklusive professionelle Netzwerke. Es gilt als begehrenswertes Statussymbol, wenn man zeigen kann, dass man ein herkömmliches Studium nicht nötig hat.


29 | Die Offene Universität [...]

Offenes Curriculum

[...] Man kann und soll Curriculum sehr viel weiter verstehen, als es üblich ist. Dale und Kathy Adams (2003) geben folgende Umschreibung: "Das Curriculum umfasst alles, was in der Hochschule und außerhalb der Hochschule im Leben der Lernenden geschieht, sei es geplant oder ungeplant. Dazu gehören alle Ressourcen, die es gibt oder die fehlen: von der Qualität der Lehrenden bis zu einem Stück Kreide, einem Computer usw. Es beinhaltet die Erfahrungen der SchülerInnen, ob geplant oder versteckt. Es hängt ab von dem, was gelehrt oder nicht gelehrt wird, einschließlich der (nicht) verwendeten Bücher und Materialien, der (nicht) behandelten Themen und Fächer, der Abfolge von Kursen, Zielen, Standards… und von den zwischenmenschlichen Beziehungen." [...]

Ein Hauptgrund für die immer weiter zunehmenden Studierendenzahlen ist ja der Drang in die Metropolregionen. Studieren gehen und ein Metro-Leben führen ist für die meisten fast dasselbe. Dort holt man sich einen Großteil der höheren Bildung, dort findet man einen weiteren Horizont und eine Vielzahl von möglichen Anschlüssen, dort ergeben sich die berechenbar-unberechenbaren Zufälle, die am Ende wirklich darüber entscheiden, wo der Lebensweg hinführt. Das Studium ist ein Aufschub, ein Wartesaal und ein Inkubationsraum. Die Altenative wäre die Alternativlosigkeit: in der Provinz zu bleiben und bereits mit 18 Jahren den Berufstunnelblick einzuüben. [...]

Und der Webpionier Dave Weiner schrieb in seinem Blog: "Eine Technologie ein Korallenriff zu nennen, ist das höchste Kompliment, das ich zu vergeben habe. Überall in den tropischen Meeren sind Korallenriffe, die zu wachsen begonnen, als ein Schiff sank und die Meer-Lebewesen es sich aneignen.… Am Ende entstand daraus ein Riff, das viel größer ist als das Wrack, mit dem alles begann.«  Er bezog sich konkret auf Twitter, das damals ganz neu war, aber das größte Korallenriff von allen ist natürlich das Web selbst. [...] Vielleicht müssen wir uns in Zukunft die realexistierenden Hochschulen, diese Betonburgen und Steintempel, eher wie die Schiffe vorstellen, die Ökologen jetzt schon absichtlich versenken, damit daraus dann neue Korallenriffe entstehen.

Teil 8: Unternehmen und Organisationen

30 | Lernende Organisationen
"Lernen wird erst dann zum besonderen Problem, wenn Probleme auftreten. Das war den in den 1990er Jahren der Fall. [...] 1996 rief die EU das europäische Jahr für lebenslanges Lernen aus. Die OECD veröffentlichte das Konzeptpapier Livelong Learning for All, das erstmals direkt an die Einzelnen appellierte. Seitdem wird jede/r für das eigene Lernen selbst verantwortlich gemacht. [...]

In diesen Jahren benannte man die alte bürokratische Personalabteilung um, die im wesentlichen die Mitarbeiterakten verwaltet hatte. Sie heißt seither Personalentwicklung, weil sie das wertvolle Humankapital , die Ressource Mensch, bewahren und vermehren soll. Man sprach auch viel von Firmenkulturen. Das war schon irgendwie ernst gemeint, wirkte aber trotzdem doppelzüngig, weil ja genau zu dieser Zeit die Organisationen auf schlanke Effizienz und Shareholder Value getrimmt wurden. In der Praxis war es eine Hauptaufgabe der Personalentwickler, Leute auf möglichst humane Art zu entlassen -"freizusetzen", wie man das nannte. Sie kamen dann in Übergangsorganisationen, wo sich Leute über 45 für einen Arbeitsmarkt weiterbilden sollen, der an den Älteren trotz aller Fachkräftemangel-Jammereien kein Interesse hatte und hat. [...]

Corporate University

Selbst in Hightech-Unternehmen ist menschliches Lernen und Wissen am Ende messy – unordentlich, vermischt, kontextabhängig und in komplexe Kommunikationsprozesse eingebunden. Man muss sich das wie eine Art Ökosystem vorstellen, nicht als Apparat – Intelligenz plus Learning Analytics.

Das Wiki-Unternehmen Synaxon

"Unternehmensinformationen wurden mit Media Wiki, der Wikipedia Software ins Netz gestellt. Das Intranet wurde zum Extranet, dass von Welt Netz nur durch eine Passwortschranke getrennt ist. Alle anderen Systeme wurden abgeschaltet. Seitdem kann jeder/r alles ändern, auch sensible Geschäftsprozesse und Entscheidungen mit Folgen für das Budget. Roebers berichtet gern vom Fall einer Werkstudentin, die durch einen eigenmächtig veränderten Einkaufsprozess dem Unternehmen eine sechsstellige Summe einsparte, als Ihr Vorgesetzter im Urlaub war. Die Geschäftsführung beobachtet laufende Änderungen an besonders kritischen Stellen. Im Extremfall hat sie ein Vetorecht, aber dieses Veto wurde noch nie gebraucht Synaxon ist zu einem Unternehmen geworden, das sich weitgehend selbst organisiert. Man ist so schneller, effizienter und flexibler geworden.[...] Diese Idee von Führung besteht darin, herkömmliche Führung abzuschaffen. In der Folge hat dass Wiki-Unternehmen Synaxon noch weitere kollaborative Netz-Software eingeführt, um die Kollaboration und den Informationsfluss weiter zu verbessern. Es gibt Instant Messaging (direkte Chat-Verbindungen), Yammer (eine Art Twitter für Unternehmen, dass auch E-Mails ersetzen soll) und ein Firmen-Blog. Der Erfolg gibt Roeber Recht: der Mitarbeiterstamm ist seit der Wiki-Wende ungefähr konstant geblieben, aber man erledigt ein Viertel mehr an Aufgaben – ohne dabei mehr zu arbeiten.

Die radikale Wiki-Strategie von Synaxon ist eine Ausnahme geblieben. [...]

Der lange Weg zum Selbstlernen [...]

Die real existierende Software, die größere Unternehmen für Weiterbildung und Talentmanagement einsetzen, ist sehr weit davon entfernt, ein umfassendes und selbstbestimmtes Lernen der MitarbeiterrInnen zu unterstützen. Mittelfristig wird sich das Problem wohl dadurch erübrigen, dass sich wie bei Synaxon die gesonderten Abteilungen für Weiterbildung und Personalentwicklung allmählich auflösen. Kurze, intensive Drillphasen, in denen es um ganz kurzfristig benötigte Skills geht, wird es weiterhin geben, online oder offline, aber darüber hinaus wird Lernen und Arbeiten ineinander verschwimmen. Dann wird nicht mehr neue Software für das Lernen eingeführt, sondern der ganze Arbeitsplatz zum Web-Arbeitsplatz umgestaltet. [...]

31 | E-Learning im digitalisierten Mittelstand
E-Learning im digitalisierten Mittelstand [...] Soziales Lernen im Web gibt es erst seit fünf Jahren, und nur einige Pioniere haben damit wirklich schon intensive Erfahrungen. An vielen Stellen wird immer neu bei Null begonnen, oft mit viel Enthusiasmus, aber ohne große Kenntnis von den Erfahrungen die es schon gibt. [...] Neben solchem DIY-Content sind Blended Learning und Mobile Learning die wichtigsten Trends: Wie vermischt man am besten das Lernen im physischen Raum so mit dem Lernen im Netz, dass sich eine einheitliche (blended) Erfahrung ergibt? Und wie kommuniziert man Lerninhalte, wenn sie nicht mehr auf Schreibtisch-PCs aufgerufen werden, sondern auf mobilen Geräten? In einigen Fällen werden ganze Lernprogramme gezielt für Tablets produziert, die man zwischendurch so zur Hand nehmen kann wie früher ein Lehrbuch. [...] Lernen auf mobilen Geräten erfordert in der Praxis, dass Inhalte in möglichst granulare und minimalistische Form heruntergebrochen werden müssen. [...] Also alles, was in einen knappen Blogeintrag passt. Komplexere Inhalte müssen deshalb in kleinere, für sich stehende Elemente zerlegt werden, die möglichst nicht viel länger sind als das was man auf einer Bildschirm-Ansicht erfassen kann (Microcontent). Nicht nur aus kosten gründen, sondern auch weil solche Mikro-Inhalte auch am besten zu selbstbestimmten und eigenmotivierten Lernprozessen passt, die sich möglichst bruchlos in den Arbeitsalltag einfügen.[...]

Prozesslernen (Das Lernen von klar definierten Arbeitsschritten ist im Grunde Drill und kann deshalb vorgegeben sein.) "Die Call Center waren nur die Vorboten eines Taylorismus 4.0, der erst durch die Vernetzung möglich wird. Wie an einem digitalen Fließband "fließt" hier der digitalisierte Arbeitsgegenstand von Arbeitsschritt zu Arbeitsschritt bis zum Kunden. Das betrifft am Ende alle InformationsmitarbeiterrInnen, die es mit komplexen, aber vorstrukturierten Feldern zu tun haben – das betrifft etwa auch Tätigkeiten die bisher studierte Juristen verrichten. Die Handlungsspielräume werden dabei immer kleiner. Der Takt wird von Ticketsystemen vorgegeben, die die Einzelnen ständig mit Aufträgen versorgen. [...] Drill ist nicht gleich Drill. Es macht einen sehr großen Unterschied, ob ich ihn als ein Mittel erlebe, das mir selbst hilft, meine Welt besser in den Griff zu bekommen, oder als etwas, das vom Vorgesetzten vorgeschrieben und kontrolliert wird. [...] Ob E-Learning funktioniert, ist am Ende meistens keine Frage der raffinierten Mediendidaktik, sondern der Arbeits- und Organisationskultur. Es sind die zwei Seiten der Digitalisierung, die sich überall zeigen. Auf der einen Seite eröffnen die digitalen Netz- Medien einen neuen sozialen Handlungsraum für die Einzelnen. Auf der anderen Seite entsteht ein "Kontrollpanoptikum der Daten", das uns ins Fadenkreuz nimmt. Wenn im Bildungsdiskurs wieder einmal "die Digitalisierung" und "die Wirtschaft "beschworen wird, muss also die erste Frage eigentlich immer lauten: Welche Digitalisierung? und welche Wirtschaft?.

Produktlernen (Das Kennenlernen eines Produktes mit seinen Vorteilen und seinen Problemen ist erkundendes Lernen und sollte daher selbstgesteuert sein.) [...]

Motorsägen sind ein handfestes Produkt für Leute, die Authentizität schätzen. Die erkennbar selbstgemachten Videos verleihen dem Unternehmen und seinen Produkten Glaubwürdigkeit. Damit folgt man instinktiv der inneren Logik des Web, die das Cluetrain Manifesto schon 1999 erklärte, als es YouTube noch gar nicht gab: "Unternehmen sprechen nicht in derselben Stimme wie diese neuen, vernetzten Konversationen Im Web. In den Ohren ihrer Online-Adressaten klingt das hohl, flach, nicht menschlich.… In ein paar Jahren wird die stereotype, immer gleiche Stimme der Unternehmen so künstlich und verschraubt klingen wie die Sprache am Hof von Ludwig XIV."

32 | Lernen im Informationsraum
Link zum Kapitel: Digitalisierung und "Wissensarbeit": Der Informationsraum als Fundament der Arbeitswelt der Zukunft Bundeszentrale für politische Bidung

Was passiert, wenn nicht nur die klassische Büroarbeit, sondern auch die übrige Facharbeit sich zunehmend ins Netz verlagert? Wenn jeder Vorgang nicht nur eine zusätzliche digitale Dimension bekommt, sondern wenn diese digitale Dimension in den Vordergrund rückt? Das betrifft nicht nur die Akten, die Projektpläne, die Konzeptpapiere und die ganze Kommunikation, die damit verbunden ist. Dann wird auch ein neues Produkt zuerst mit Software entworfen und gebaut. Erst sehr spät entsteht daraus ein echtes physisches Gebilde. Die Produktion wird immer mehr automatisiert und ausgelagert. Die eigentliche Wertschöpfung findet im digitalen Raum statt. Alle digitalisierten Vorgängen sind nicht mehr an einen Ort gebunden. Das gilt auch für die Teamarbeit. Sobald dieser Punkt erreicht ist, befinden wir uns im Informationsraum, der zum Fundament der Arbeitswelt der Zukunft wird (Boes/Kämpf 2016 [Digitalisierung und"Wissensarbeit": Der Informationsraum als Fundament derArbeitswelt der Zukunft]). Der Informationsraum ist ein eigenständiger Raum, der entsteht, wenn sich die Entwicklung, die Produktion, die Lieferketten, die verketteten Arbeitsvorgänge und auch die ganze Vermarktung ins Netz verlagern. Jetzt geht es nicht mehr bloß darum, herkömmliche Prozesse mit moderne IT immer noch umfassender und effizienter zu organisieren. Und es geht auch nicht mehr bloß darum, dass überall in den Produktionshallen und Lieferketten künftig Sensoren und Chips sein werden. Fast alles, was zählt, geschieht künftig nicht mehr in den Bürogebäuden und Werkhallen, sondern im Informationsraum. Und d.h.: auch nicht mehr im lokalen Computer, sondern im Netz, im Web und in der Cloud.

Die Arbeit der Zukunft bearbeitet digitale Objekte. Das ist künftig die eigentlich konkrete Ebene. Früher pendelte man zu einem festen Arbeitsplatz, um sich dort ins Firmennetzwerk einzuklinken. Jetzt ist alles Wichtige im Netz-Computer und auf dem Screen. Früher traf man sich ständig zu Besprechungen im Konferenzraum. Jetzt trifft man sich im Netz. [...]

Die wichtigsten Produkte sind künftig die Ideen und die Baupläne, die Organisations-und Datenmodelle, die Drehbücher und die Prozesse. Selbst das Industrieprodukt ist definiert durch seine vollständige Beschreibung. Der neueste Hightech-Laufschuh existiert primär in digitaler Form, als Blaupause, als Design, als Kostenkalkulation, als Schnittpunkt von Lieferketten. Ob es dann eine Maschine in China oder in Oberfranken ist, die den Adidas-Schuh am Ende ausdruckt, ist sekundär. [...] Sogar Programmierkenntnisse werden immer unwichtiger, denn wie alle standardisierten Aufgaben wird künftig auch das Programmieren zu großen Teilen automatisiert. D.h. umgekehrt, dass alle Leute, die künftig noch einen wertvollen Beitrag liefern wollen, die Fähigkeit zum ganzheitlichen Blick brauchen werden. In Zukunft muss jede/r einzelne die komplexen Ketten und Zusammenhänge erkennen, in denen er oder sie arbeitet – und sei es, um sich rechtzeitig nach einem neuen Job um zu schauen, wenn sich absehen lässt, dass das Geschäftsmodell nicht mehr trägt. Künftig gilt: man muss keineswegs selbst alles können und beherrschen, aber man sollte mit anderen, die das können in möglichst direktem Kontakt stehen. Je isolierter und einseitiger die eigene Arbeit, desto schlechter sind die Aussichten. Im Prinzip gilt das nicht nur für Edel-Ingenieure in weltweiten Unternehmen, sondern auch für KMUs [1] in der Region, für das Handwerk, für Pflege- und Gesundheitsberufe. [...]

Außerhalb von Nischen wird es künftig nur noch zwei Sorten von Menschen geben: die einen arbeiten und lernen im vorletzten Information Raum. Und die anderen haben schlechte Karten. (Oder ein größeres Vermögen geerbt.) [...]

Man kann im Netz jederzeit ganz neue Sichtweisen finden – von Praktikern wie von Theoretikern. Dort nimmt man vieles gleichsam aus den Augenwinkeln war, so wie man im alten Büro nebenbei mitbekam, womit die Kollegen sich gerade beschäftigen. Aber auf eine andere Weise verengt sich die Wahrnehmung auch wieder zu einem Tunnelblick eigener Art. Sehr viel mehr ist sichtbar, aber alles kommt durch einen Bildschirm. Der digitale Informationsraum kann leicht die Tiefenschärfe verlieren. Am Ende vermischt sich dann alles zu einem verwirrenden Nebeneinander. Auch künstlich erzeugte 3D-Welten ändern daran prinzipiell nicht viel. Man gewinnt dort zwar eine dritte visuelle Dimension. Das macht Präsenzerfahrungen neuer Art möglich, aber zugleich verliert man auch viele feine Abstufungen und Peripheriewahrnehmungen, wenn man den Informationsraum als räumliche Kohlenstoffwelt modelliert.

Das Web ermöglicht zu dagegen eine 360-Grad-Erfahrung eigener Art – jedenfalls den Menschen, die sich in abstrakten Text-& Welten zu Hause fühlen. In jedem Fall ist es aber für alle, die sich im digitalen Information Raum aufhalten, ein großes Problem, dass Wahrnehmungsfeld der Breite und in der Tiefe zu strukturieren. Wir sind das immer noch nicht gewöhnt. In der Praxis macht man das, in dem man zwischen verschiedenen Programmen und Apps hin- Und her wechselt. Das ist der Grund, warum sich Internet-einheimische so gerne über ihr jeweiliges Setting und ihren digitalen Workflow austauschen. Wie sich der Blick in den Informationsraum für die verschiedenen Bedürfnisse und Nutzertypen strukturieren lässt, wird sich erst in den nächsten Jahren nach und nach herausstellen. Jedenfalls wird nicht nur die Arbeitswelt, sondern auch die Bildungslandschaft der Zukunft in irgendeiner Weise blended sein, also eine neuartige Synthese von analogen Kohlenstoffwelt-Begegnungen und digitalen Netz-Erfahrungen. Für das Design von reichhaltigen Wissenslandschaften und Lernerfahrungen ist das auf absehbare Zeit eine große Herausforderung.

Weil das so schwierig ist, wird sich für die nächsten Jahre und vielleicht Jahrzehnte eine neue digitale Kluft bilden: zwischen denen, die für sich eine gute Mischung (einen Blend) finden, und denen, die nur den engen Tunnelblick und das große, verwirrende Durcheinander kennen. Weil sich viele Leute künftig im Netz weiterbilden müssen, um sich zu behaupten, entsteht hier ein großer Bedarf nach Hilfestellung und Orientierung. Nötig ist LearnerExperience Design jenseits von Inhaltspräsentation und Stoffvermittlung, und zwar gerade für die Leute, die sich nicht an Schreibtischen zu Hause fühlen. Die konventionelle Didaktik ist darauf nicht annähernd vorbereitet. [...]

Arbeitsplatzlernen sollte man besser Arbeitsprozesslernen nennen. Denn man lernt während des Arbeitsprozesses für den nächsten Arbeitsschritt. Die Information sucht man sich dann aus dem Netz. Dafür ist nötig, dass "selbstbestimmte LernerInnen im Netz ihren Weg finden. Hier ist auch der Ansatzpunkt für den so genannten PerformanceSupport. [...] es macht aber einen großen Unterschied, ob man selbst die Hilfsfunktion aufruft, wenn man sie braucht, oder ob man von außen angesprochen wird. Viele erwarten, dass hier künftig auch Chat-Bots eingesetzt werden, also intelligente Programme, denen man frei formulierte Fragen stellen kann. Das setzt allerdings ein Fachgebiet voraus, dessen Semantik gerade auch in seinen Unschärfen sehr präzise erfasst ist.

An vielen Stellen ist es sinnvoller, auf soziale statt auf künstliche Intelligenz (KI) zu setzen. Dann wird man, wenn sich Probleme ergeben, auf eine Art Hilfe-Button klicken. Eine interne Suchmaschine zeigt dann die besten Tipps und Tricks, die Kollegen dazu schon geteilt haben. Das könnten dann etwa Erklärvideos sein, die Schritt für Schritt einen Lösungsweg zeigen, oder auch Links zu Blogposts und Botschaften aus dem Netzwerk. Vielleicht ist die KI auch einmal leistungsfähig genug, um solche Hilfen aus den praktischen Erfahrungen alter NutzerInnen zu extrahieren und in passender Form anzubieten. Derzeit ist das nicht abzusehen. [...] Trotzdem kann und soll man jetzt schon anfangen, dieses ganzheitliche Verständnis vom Lernen im Arbeitsprozess zu entwickeln. Gottfredson/Mosher (2011) bringen das auf die Formel der Five Moments of Need. Das sind fünf verschiedene Phasen im ständigen professionellen Weiterlernprozess, in denen man jeweils ganz unterschiedliche Hilfen und Kompetenzen braucht. Diese Phasen bezeichnen sie verkürzt mit New, More, Apply, Change, Solve. [...]

Digitale Bildung beginnt mit dem täglichen Workflow. Wie weit wir da in den nächsten Jahren wirklich über gut gemeinte Rhetorik und folgenlose Leuchtturmprojekte hinaus gelangen werden, ist nicht sicher. Aber sehr wahrscheinlich werden die wichtigsten Impulse nicht aus den Schulen und Hochschulen kommen, sondern aus den mehr oder weniger mittelständischen Unternehmen, die ihre Zusammenarbeit mit Hilfe von digitalen Netz-Medien neu organisieren."

33 | Digitale Transformation

"[...] Wenn sich große Teile des betrieblichen Lernens zu den digital vernetzten Arbeitsplätzen verschieben, werden Räume und Zeiträume frei, die für herkömmliche Weiterbildung vorgesehen waren. [...] man kann das nun ganz anders füllen – nicht mehr mit Kursen und Seminaren im alten Stil, sondern mit Einzelveranstaltungen, Barcamps und agilen Workshops. Das folgt der Logik des Netzes: Treffen von Angesicht zu Angesicht werden seltener, aber zugleich wertvoller und intensiver. Hier bilden sich Keime für Netz-Communities. Hier entspinnen sich Konversationen, die über den alltäglichen Horizont hinausgehen. Hier holt man sich Impulse, die dann ein halbes Jahr lang weiterwirken und online gepflegt werden. [...]

Derzeit sieht es so aus, als würden zukunftsweisende Formen der Bildung und Weiterbildung vor allem abseits des akademischen Raums entstehen. Inwiefern die neue Lernkultur bei Adidas wirklich gelebt wird, lässt sich jetzt noch nicht beurteilen, aber der Start war jedenfalls verblüffend konsequent und dynamisch. [...]

"Die eigentliche Adidas-Universität ist kein Marmor-Gebäude, sondern das Smartphone, das jeder ohnehin dabei hat". [...]

Die Adidas-Zentrale ist also eine Art Luftschloss, und das passt natürlich gut in eine digital entkörperlichte Welt. Das Durchschnittsalter liegt bei 30 Jahren. Es ist klar, dass sich in postmodernen Firmen dieser Art die digitale Transformation viel radikaler vollzieht als in den herkömmlichen Industrien und Bürokratien. [...]

Eine Aussage aus einem konventionelleren Unternehmen, aus Continental:

"[...] Wenn man autonomes Fahren mitentwickeln will, muss man den ganzen Prozess über die ganze Organisation verteilen. Alle 215.000 Leute tragen dann im Idealfall dazu bei, jeder ein kleines Stückchen. Und dafür brauchen Sie eben Systeme, die dieses gemeinsame Denken und diese Kollaboration ermöglichen und abbilden." [...]

Wer das Lernen im Arbeitsprozess fördern will, muss E-Mails zurückdrängen. Je mehr mit E-Mails abgewickelt wird, desto weniger kann Wissen zirkulieren und weiter wachsen. [...]

E-Mails sind für die wenigen Inhalte da, die gerade nicht ins Netz gehören, weil sie vertraulich oder schwierig sind. Das heißt umgekehrt: Alle anderen Inhalte und Impulse müssten in sozialen Netzwerken und auf durchsuchbaren, verlinkten Webseiten ausgetauscht werden. An den vernetzten Arbeitsplätzen der Zukunft gilt die Maxime "So offen wie möglich, so geschlossen wie nötig". Nur dann kann auch eine neue Lernkultur entstehen."

Working Out Loud: "Der Blogger Bryce Williams brachte das [Working Out Loud] auf eine Formel: "observable work + narrating your work = working out loud". "Laut arbeiten" bedeutet also, die eigene Arbeit nach außen wahrnehmbar zu machen (passiv) und sie zusätzlich auch selbst in Worte zu fassen (aktiv). [...]

Auch die Grenzen zwischen Arbeiten und Lernen werden auf diese Weise fließend. Harold Jarche, einer der Vordenker des neuen digital-vernetzten Corporate Learning, spricht deshalb ausdrücklich von Learning Out Loud. Das Besondere sieht er darin, dass so ein zweiter von der eigentlichen Alltagsarbeit getrennter Raum entsteht: [...] Vertrauensvolle Räume, wie etwa die Communities of Practice, geben uns einen Platz, um ohne Risiko auch halbgare Ideen auszuprobieren. [...]

Um diesen Mentalitätswandel zu erleichtern, kreierte der Berater John Stepper eine Methode, die er ebenfalls "Working Out Loud" (WOL) nennt und in einem gleichnamigen Buch beschrieben hat: Working Out Loud: for a better career and life (2015). Hier findet das offene Arbeiten getrennt vom eigentlichen Arbeitsprozess in kleinen, geschützten Selbsthilfegruppen statt. Jedes der drei bis fünf Gruppenmitglieder setzt sich ein persönliches Ziel, das mit digitaler Kollaboration zusammenhängt, und dann trifft man sich 12 Wochen lang jede Woche, um zu reflektieren, wie weit man jeweils damit gekommen ist. [...]

Wenn man auf der individuellen Ebene der euphorischen Selbstverbesserung stehen bleibt, ergibt sich das typische Diät-Problem. Die Gefahr ist, sich etwas vorzunehmen, an dem man nur scheitern kann, und dann versinkt man erst recht in Frustration und neurotischen Ausweichmanövern. Es geht aber zuerst darum, ein stützendes Gerüst von Strukturen zu schaffen und dann mit Geduld und Frustrationstoleranz langsam die eigenen Routinen zu verändern. [...]

BuurtzogWikipedia-logo.png ist dagegen eine verteilte Organisation, die Pflegeteams sind im ganzen Land verstreut. [...] Wenn jemand ein schwieriges Problem hat, etwa Wie gehe ich mit Patienten umgeht, die lebensrettende Medikamente nicht einnehmen?, Dann können sie einzelne KollegInnen oder das Team um Hilfe bitten. Wenn systematischer Weiterbildungsbedarf entsteht, etwa zu neuen Medizintechnologien oder neuen Krankheitstherapien, kann man ein Training machen, wenn es dem eigenen Team (jeweils zwischen 4 und 12 Leute) gerechtfertigt erscheint. Die Budgetverantwortung liegt bei dem Team selbst. Drei Prozent der Einkünfte sind für die Weiterbildung reserviert, und bei Bedarf kann man mehr anfordern. Herkömmliches Weiterbildungsmanagement gibt es nicht. Die Zentrale versteht sich nicht als Planungszentrale, sondern als unterstützende Plattform, die Netzwerkeffekte zum Nutzen aller ausnützt. [...]

Es gibt keinen Unterschied zwischen Arbeit und Lernen, keine Kluft zwischen Online-Vernetzung und Offline-Weiterbildung. Leitbild ist die selbstständige Fachkraft, die auch beim Lernen alle wichtigen Entscheidungen selbst trifft. Im Zentrum stehen resources, not courses.

Die Industriearbeiter von FAVI und die KrankenpflegerInnen von Buurtzog sind bessere Modelle für die lebenslang lernenden MitarbeiterInnen der Zukunft als etwa die Google – MitarbeiterInnen oder die forschenden Ingenieure der schweizerischen Hightech-Firma Zühlke. Dort ist es ganz selbstverständlich, dass 20 % der Arbeitszeit dem Lernen in Communities auf Practice gewidmet sind, und die frühe Einführung eines ESN war nur die logische Konsequenz aus der immer schon vernetzten, agilen und projekthaften Arbeitsweise.

Doch Lalouxs Fallbeispiele zeigen, das es gar keinen Grund gibt, anspruchsvolle Selbstlern-Konzepte und Formen der Selbstorganisation auf Führungskräfte oder innovative WissensarbeiterInnen in der F&E-Abteilung zu beschränken. [...]

Natürlich sieht die Vision der lernenden Organisation aus der Perspektive von LeiharbeitnehmerInnen ganz anders aus, die für ein paar Jahre für weniger Geld neben den abgesicherten Regelarbeitsplätzen arbeiten und bei jeder Krise damit rechnen müssen, auf der Straße zu stehen."

Teil 9: Handbuch für Guerilla-LernerInnen

34 | Guerilla-Lernen

"[...] die VUCA-Situation: Volatile, Uncertain, Complex, Ambiguous. Im Fluss, ungewiss, komplex, vieldeutig", ursprünglich für das Militär im Guerillakampf formuliert, ist die Situation des selbständig lernen Wollenden im Netz.

In der Pädagogik wurde solches Lernen gelehrt von Paul Freire (Pädagogik der Unterdrückten, 1968), Illich (Die Entschulung der Gesellschaft ,1971) und Illich (Tools for Conviviality, dt.: Selbstbegrenzung. Eine politische Kritik der Technik, 1975)

"Der neue Begriff Personal Computer wurde von Stewart Brand geprägt, der um 1970 den Whole Earth Catalog herausgab und 20 Jahre später das Silicon Valley-Zentralorgan Wired gründete. [...]

Audrey Watters, eine Bloggerin und Publizistin, die die Bildungsindustrien und Bildungsideologien des Silicon Valley scharfsinnig kritisiert" setzt auf "die sozialen Praktiken der Open Source-Softwareentwicklung [...] Zuerst müssen wir entscheiden: Welche Bildung wollen wir? Dann erst: Welche Technologien brauchen wir? [...] Einige der wichtigsten Silicon Valley-Leitfiguren sind bekennende Ayn Rand-Fans und kommen von privaten Montessori-Schulen: Larry Page (Google), Jeff Besos (Amazon) und sogar Jimmy Wales (Wikipedia). [...]

Das Peeragogy-Konzept des kalifornischen Hippie-Veteranen Howard Rheingold bündelt die Ansätze dieser Richtung. Diese "Peeragogik" ist keine Pädagogik (von der Erziehung Unmündiger abgeleitet), sondern eine Heutagogik (Lehr/Lern-Beziehungen unter Gleichberechtigten, und Mündigen). [...]

Nur in den kurzen Experimentierphase, in denen der Digitalkapitalismus Atem holte, war die Wirkung der Kombination PC/Netz ganz unzweideutig emanzipatorisch – im Ur-Web zwischen 1994 und 1998 an und dann noch einmal in der Blütezeit des graswurzelhaften Web 2.0 zwischen 2002 und 2008. [...]Auch die Daten der ersten Online-Surfer wurden schon durch die Kupferkabel-Netzknoten durchgeleitet. Man konnte Leitungen anzapfen und abhören wie schon beim Telefon, aber es gab noch nicht die große Cloud, in der einfach alles zwischengespeichert wird. Die ersten Cloud-Apps des Web 2.0 waren isolierte Spezialdienste. Alles war im wesentlichen gratis, weil die Startups ihr Geld von spekulierenden Risikoinvestoren bekamen. Erst um 2008 fingen Google und Facebook wirklich an, Geld zu verdienen, weil es ihnen immer besser gelang, die aggregierten Daten auszuwerten. Zur selben Zeit baute Amazon seine monströse Daten-Infrastruktur Elastic Cloud, die es nicht nur für das eigene Geschäft benutzt, sondern an unzählige weitere kleinere Web-Firmen vermietet. Und wie sich später herausstellte, begann auch die NSA genau in diesen Jahren, das alte Google-Motto auf ihre ganz eigene Weise zu interpretieren: "Die Informationen der Welt zu organisieren und zu jeder Zeit zugänglich zu machen". [...]

Bildungsinstitutionen werden sich am Ende einen ähnlich umfassenden Zugriff auf alle Bildungsdaten verschaffen wollen, wie in Google, Apple und Co. Im kommerziellen Sektor jetzt schon haben."

35 | Digitale Literanz

Lindner meint, dass das Lernen in Institutionen und in vorgegebenen Lernschritten in der jetzigen sich rapide ändernden Welt unangemessen sei. Folglich nennt er das jetzt notwendige neue Lernen im Netz in Analogie zum Guerillakrieg mit ständig wechselnden Kampfsituationen "Guerilla-Lernen". Die dafür notwendigen Fähigkeiten entwickelt er anhand der Arbeiten von Rheingold über "Digital Literacy" (dafür erfindet Lindner das neue deutsche Wort: Literanz)

Howard RheingoldWikipedia-logo.png unterscheidet fünf SchlüsselkompetenzenWikipedia-logo.png: "Man muss die eigene Aufmerksamkeit und Konzentration managen. Man muss Bullshit schnell erkennen können. Man muss sich aktiv beteiligen können an den Web-Kommunikationen und Web-Wissensprozessen. Man muss lernen, im Web mit anderen zusammenzuarbeiten. Und schließlich muss man verstehen, wie die Vernetzung auch im Offline-Leben die gewohnten Verhältnisse verändert – sozial, geistig-kulturell und wirtschaftlich. [...]

Am nützlichsten für Guerilla -LernerInnen sind vielleicht seine Bemerkungen zur Aufmerksamkeit. Rheingold leitet dazu an, ruhig und konzentriert mit dem Internet umzugehen – achtsam, nicht hastig und getrieben. In seinem Kursplan sind auch Links zu einfachen Meditationsübungen. [...]"

Man muss fähig sein, seine Aufmerksamkeit zu teilen: "So ist das auch im Netz; es gibt keinen Tunnelblick, und es geschehen immer viele Dinge gleichzeitig. Um nicht von den Ablenkungen hin- und hergeworfen zu werden, muss man also quasi einen zerstreuten, halbaufmerksamen Blick aus den Augenwinkeln trainieren, mit dem man immer vieles gleichzeitig erfasst. [...] Man muss lernen, an den richtigen Stellen quasi hinein- und wieder hinauszuzoomen. Dazu gehört auch, zwischen mehreren Apps oder auch zwischen mehreren digitalen Bildschirmen und Geräten zu wechseln."

Weiterhin empfiehlt Lindner: David AllenWikipedia-logo.png: Getting Things DoneW-Logo.gif(English). The Art of Stress-Free Productivity (2001; deutsch: Wie ich die Dinge geregelt kriege. Selbstmanagement für den Alltag):

"Allen leitet dazu an, auch kleinere Aktivitäten als persönliche Projekte zu betrachten. Als Projekt bezeichnet Allan alles, was sich nicht auf einen Blick übersehen lässt, weil es über länger als zwei Tage erstreckt oder in mehr als drei Schritten abgearbeitet werden muss. Alles, was an Anforderungen täglich herein kommt, wird in kleine Next Actionable Steps zerlegt: Das sind Aktionen, die man jetzt und sofort in einem Zug erledigen kann. Also etwa ein Einkauf, ein Telefonanruf, eine E-Mail, eine Google-Recherche, um eine ganz konkrete Frage zu klären, und so weiter. [...]

Ein alternatives Konzept von digitaler Literanz hat Doug Belshaw für Mozilla Education entwickelt. [...] Belshaw hat acht Zutaten der Digital Literacy destilliert, aus denen man die eigene Diät zusammenstellen soll. [...] Hier sind die im Überblick: Kritisch Denken entspricht ungefähr dem, was Rheingold "Bullshit-Erkennung" nennt. Hier geht es darum, Machtverhältnisse zu erkennen, mit Fragen wie: Für wen ist dieses digitale Angebote hier gedacht? Worin besteht der Nutzen für die Anbieter? Wer ist hier ausgeschlossen, und wer wird hier privilegiert? Welche unterschwelligen Annahmen werden hier transportiert? Wo liegen die Gefahren? Das hat alles sehr viel mit Text-Kompetenz zu tun sagt Belshaw.

Kreativ ist hier konkreter gefasst als der geläufige Wischiwaschi-Begriff: Es geht nicht einfach darum, sich auszudrücken, sondern darum, neue Dinge auf neue Art zu tun, um etwas zu erzeugen, was für jemand praktischen Wert hat. Das heißt, man muss vorher geeignete Probleme überhaupt erst finden, die man dann in einem eigenen kreativen Projekt bearbeiten kann. [...] Immer geht es um das Machen, um das Herstellen von Objekten.

Damit hängt für Belshaw Kommunikation und Kollaboration direkt zusammen. Unter Communicative versteht er, dass man sich gemeinsam auf ein konkretes Objekt bezieht, das man gestaltet. [...] Das kann auch durch einen Blogpost geschehen, der etwas auf den Begriff bringen, das man vorher selbst nicht verstanden hat. Darüber tauscht man sich dann auch im Netz aus. Das Objekt wird so zum "sozialen Objekt“. Auch Grafiken oder Fotos sind gute Beispiele dafür. Visuelle Kommunikation ist im Netz eine wichtige Fähigkeit. Das muss und soll gar nicht große Kunst sein. Auch ein erhellendes Foto, das man irgendwo findet und mit einer witzigen Unterschrift* versieht, [...] ist bereits ein soziales Objekt. [...]

Construktive bedeutet bei Belshaw, digitale Texte und Medieninhalte konstruieren und rekonstruieren zu können. Auch Empfänger von fremden Inhalten haben im Netz eine viel aktivere Rolle als früher. Der erste Schritt ist immer das Kopieren. Copy and Paste ist die allererste digitale Technik, die man lernen muss. Wenn man etwas interessant oder anregend findet, schneidet man es aus und sammelt es. Dann kann man das Material in eigene Zusammenhänge bringen, verformen und verändern. Digitales Konstruieren ist dabei viel leichter und risikoloser als im nicht-digitalen Raum, weil man jeden Schritt mit einem Klick rückgängig machen kann.

Cognitive meint Denkwerkzeuge und Denkgewohnheiten. Das erste kognitive Werkzeug ist das jeweilige Netz-Gerät selbst, das Smartphone oder der PC. Dazu kommen eine Vielzahl von Tools und Apps, die alle bestimmte Arten zu denken begünstigen, von der Mind Map bis zum Tagging. Zu Cognitive gehört es für Belshaw, diese Werkzeuge auszuprobieren, mit ihnen herumzuspielen, die für sich geeignetsten auszuwählen und andere zu verwerfen. Aber auch Rheingolds Achtsamkeitstechniken sind in diesem Sinne kognitiv.

Cultures heißt kulturelles Wissen und kulturelle Geläufigkeit. Die Mehrzahl ist wichtig. Man erwirbt diesen Teil von Literanz am besten, wenn man in viele digitale Umwelten für jeweils einige Zeit eintaucht. Belshaw meint hier so etwas Ähnliches wie die Minerva-Hochschule, die ihre Studierenden jedes Semester in eine andere Metropole schickt. Im Prinzip kann das jede/r im Netz selbst machen. Man erkennt den eigenen Fortschritt, sagt Belshaw, wenn man immer schneller und bruchloser zwischen verschiedenen Digitalkulturen wechseln kann.

Confident steht für Selbstsicherheit, elastische Widerstandsfähigkeit und Beharrungsvermögen. Am Anfang sind alle Leute sehr unsicher, die es in digitale Umwelten verschlägt. Man weiß nicht, welcher Klick was bewirkt und welche Tastenkombination eine Abkürzung ist, die viel Zeit und Nerven spart. Mit komplexeren Kenntnissen ist es ähnlich. Man lernt es, sag Belshaw, in dem man Probleme löst und sein Lernen als eigenes, selbstgesteuertes Projekt versteht. Da braucht man mehr als nur die Tricks aus Getting Things done. Vor allem hilft das Feedback von Peers und Mentoren. Man braucht persönliche Lern-Netzwerke und im Idealfall auch eine Community, eine Online-Gemeinschaft von Gleichgesetzten, in der man sich anfeuert und hilft.

Der achte und letzte Bereich, aus dem sich Belshaws digitale Literanz speist, ist Civic. Das meint "zivil" im Sinne von "Zivilgesellschaft": das Feld außerhalb der festgefügten Institutionen, wo sich Leute mit gemeinsamen Interessen treffen, austauschen und zusammenschließen. Draußen in der analogen Welt kann das ein Café sein, ein Co-WorkingSpaceWikipedia-logo.png, ein selbst organisiertes BarcampWikipedia-logo.png oder ein FabLabWikipedia-logo.png für Digitalbastler. Aber es könnte auch eine Volkshochschulgruppe sein, in der man kunstvolle Decken bestickt und dann auf dem Flohmarkt oder auf der Kunsthandwerk-Netzplattform etsyWikipedia-logo.png anbietet. [...] digitale Zivilgesellschaft, die sich der Diktatur widersetzt. Aber natürlich gehören zu civic alle Arten von Web-Inhalten und Lebenszeichen.* [...]

Was könnte es den durchschnittlichen Guerilla-LernerInnen nützen, mit Code und Software Entwicklung grundsätzlich vertraut zu sein? Darauf gibt es drei Antworten: Informatisch denken lernen, Web Literacy und die Fähigkeit zur digitalen Kollaboration.

Informatisch denken lernen ist nicht dasselbe wie "Informatik-Wissen" erwerben. Es geht darum, die innere Logik von Software-gesteuerten Prozessen besser verstehen zu lernen. Das sei auch für die Allgemeinbildung von Bedeutung, sagt Beat Döbeli Honegger, der selbst Informatiker und Professor an einer pädagogischen Hochschule ist. Letztlich geht es um Systemdenken, "das modellierende, vernetzte Denken, um Systeme der Wirklichkeit zu beschreiben zu simulieren und zu verstehen". Ich stimme dem zu, konzentriere mich im folgenden aber auf die Schnittmenge mit Web Literacy. [...]

Im schulischen Informatikunterricht programmieren die SchülerInnen üblicherweise entweder kleine Roboter oder Sensorenschaltungen (das soll auf industrielle Ingenieurstätigkeit vorbereiten) oder es werden Grundkenntnisse in Office-Programmen vermittelt (das soll auf Bürotätigkeiten vorbereiten). Das Web kommt in der Regel zu kurz, dabei ist gerade hier die wichtigste Schnittstelle zwischen Kulturwelt und Datenwelt. Alle 'weichen' digitalen Literanzen haben irgendwie mit dem Web zu tun. Für die Nonprofit-Firma Mozilla, die unter anderem den Open Source-Browser Firefox entwickelt, hat ein Team, zu dem auch nach Belshow gehörte, ein sehr sinnvolles Curriculum für code-bezogene Webkompetenzen ausgearbeitet.

Auf eine interaktiven Webseite sieht man dort alles auf einen Blick und kann auf einzelne Kompetenzen klicken. Dann findet man nicht nur einfache Erklärungen, sondern bekommt kleine Werkzeuge zur Verfügung gestellt, um diese Kompetenzen im kleinen praktischen Projekten spielerisch zu entwickeln. Diese Mozilla-Seite ist vorbildlich. Man könnte sie ohne großen Aufwand ins Deutsche übertragen. Eigentlich sollte das in allen Schulen benutzt werden, aber anscheinend macht das kaum jemand. Es ist kaum zu verstehen, warum nicht Mozilla und auch Wikimedia nicht privilegierte Partner der Schulen sind, wenn es um Iinformatorische Bildung geht. Aber in den unzähligen deutschen MINT-Programmen spielen das Web und die Web Literacy bislang kaum eine Rolle. [...]

Damit ist die dritte wichtige Web Literacy-Komponente angesprochen, die im weiteren Sinn mit dem Coden und der Informatik zusammenhängt. Es geht darum, eigene Fähigkeiten zu entwickeln, die in gemischten Teams brauchbar und anschlussfähig sind. Auch hier werden viele Fähigkeiten gebraucht, die kaum mit einem tieferen Verständnis von Code und Informatik zu tun haben – organisieren, präsentieren, recherchieren, kommunizieren, texten, kreativ gestalten, Zahlen erheben und auswerten, und so weiter.

Viele Leute kommen in einer hochdigitalisierten Umgebung glänzend zurecht, ohne selbst je ein Stück Quellcode gesehen zu haben. Dazu gehören nämlich die ganzen Abläufe in einer vernetzten Welt, die indirekt durch die Digitalisierung betroffen sind. Informationen werden so umgeformt, Prozesse so definiert und Ziele so gesetzt, dass sie dann von Programmen und Programmierern sinnvoll bearbeitet werden können. Es geht darum, die eigenen Fähigkeiten in die Zusammenarbeit einzubringen und so anschlussfähig zu machen, dass das Team Projekte für eine digitalisierte Welt entwickeln kann. [...]

Design ThinkingWikipedia-logo.png ist im Kern eine gute Idee, die abgeleitet wurde aus der Arbeit der Leute, die Web-Anwendungen entwerfen und gestalten, bevor man sich mit der konkreten Programmierung beschäftigt. Daraus entstand im Silicon Valley ein Methoden-Baukasten, der dann vom SAP-nahen Hasso Plattner-Institut in Potsdam auch nach Deutschland importiert wurde. Oft ist Design Thinking allerdings nicht viel mehr als ein mehr oder minder anregendes Kreativitäts-Larifari für Wochenend-Workshops. Wenn es aber ernsthaft betrieben wird, ist es eine eigene Disziplin, in der es darum geht, in konzentrierter und zeitraubender Teamarbeit komplexe Problemlösungen zu finden.

Eigentlich geht es darum, dem verengten Blickwinkel der IT-Ingenieure wie auch dem Wunschdenken der Marketingleute zu entkommen. Gute Design Thinking-Methoden zielen auf eine Haltung, die pragmatisch und empathisch zugleich ist. Sie rücken die Perspektive der real existierenden Menschen und ihren unübersichtlichen, und ordentlichen Alltag in den Blick [...]. So verstanden ist Design Thinking eng verwandt mit den emanzipatorischen Idealen des Guerilla-Lernens.

So verstandene Design-Kompetenzen sind tatsächlich für fast alle nützlich, die sich in der digitalisierten Welt durchschlagen. Das ist sozusagen die Hintertür, durch die die verdrängten sozial- und kulturwissenschaftlichen Methoden in die verarmte MINT-Welt wieder einsickern. MINT ist in aller Munde, für die Zahlenmenschen ist überall gesorgt, aber welches griffige Etikett halt die andere Hälfte, die wir in der digitalen Gesellschaft und Wirtschaft mindestens genauso brauchen? [...] für den Anfang stelle ich ZONS zur Diskussion: Zeichen, Organisation, Netzwerk, System.

Z steht für die Disziplinen, die sich nicht wie Mathematik mit Zahlen und Formeln befassen, sondern mit Zeichen und Texten. So wie es mathematische Kompetenzen gibt, gibt es auch Zeichenkompetenzen – es geht dann darum, Texte zu verstehen, zu analysieren, zu verformen und in neuen Formen zusammenzustellen. Das geht weit über das hinaus, was die akademische Semiotik abdeckt. (Semiotik ist die Wissenschaft von den Zeichen.) Solche Zeichenkompetenzen kann man grundsätzlich in allen Kultur- und sprachwissenschaftlichen Fächern erwerben und einüben. Bisher geschieht das nur am Rand, aber gerade jetzt beginnen sich mit den sogenannten Digital Humanities Disziplinen zu entwickeln, die Schriftsprache als Teil des neuen digitalen Informationsraums behandeln.

O steht für die Fähigkeit, sich zu organisieren. Wie organisiert man sich in offenen Projekten, wenn der Rahmen nicht mehr von Unternehmen, Bürokraten, Parteien, Bildungsinstitutionen vorgegeben ist? In Teams, in losen Netzwerken und auch allein? Wie entsteht Ordnung aus der digitalen Unordnung, und welche neuen Möglichkeiten geben uns die Technologien?

N steht für Netzwerk. Die Netzwerk-Perspektive verändert unseren Blick auf Firmen, Städte und menschliche Beziehungen ganz grundsätzlich. Sie hat sich parallel zur Digitalisierung entwickelt, aber erst mit der Kombination Internet/Web wurde daraus eine grundlegende Kulturtechnik. Seither hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass wir in der "Netzwerkgesellschaft" leben, aber die Konsequenzen beginnen wir gerade erst zu erahnen.

S steht für systemisches Denken. Die Systemtheorie hat ihren Ursprung in den ersten Anfängen der Digitalisierung in den 1950er Jahren. [...] Und inzwischen weiß man, dass wir es an allen interessanten Stellen nicht mit geschlossenen, eindeutig berechenbaren Systemen, sondern mit offenen komplexen und resilienten Systemen zu tun haben. Das gilt für Strömungen im Meer und in der Atmosphäre, das gilt für die biologischen Ökosysteme, und vor allem gilt es auch für unsere komplexe soziokulturelle Welt [...]" Inzwischen sind wir in einer Situation, wo "das Denken in Projekten endgültig im Mainstream angekommen ist. [...] Ein Projekt ist etwas, bei dem eigentlich nur das Ziel klar ist. Es muss sich erst herausstellen, wie man das genau macht und ob es überhaupt so funktioniert, wie gedacht. [...]"

"Das Projekt ist zur Arbeitsform des erneuerten, digital vernetzten Kapitalismus geworden. Stabile Strukturen und Berufe lösen sich auf. Große Organisationen zerfallen in kleinere beweglicher Einheiten. Der Soziologe Luc Boltanski spricht vom Leben als Projekt. [...]

Guerilla-Lernen ist Projektlernen. Das heißt: auch das eigene Lernen bekommt Projektstruktur.[...]

Lisa Rosa setzt dieses kollaborative Projekt Lernen dem herkömmlichen Unterricht entgegen – es ist dann mehr als nur eine von oben gesteuerte Unterrichtsmethode, wenn das Projekt ein eigenwertiges Ziel hat und die Teilnehmenden ihrer Tätigkeit einen persönlichen Sinn geben. [...]

In einem agilen Projekt geht es nicht um das perfekte Produkt, sondern um eines dass unter den gegebenen Umständen gut genug ist. Man will aus dem knappen Ressourcen das Bestmögliche herausholen, um so zu einem brauchbaren Resultat zu gelangen, das sich dann wieder als Ausgangspunkt für das nächste, bessere Projekt eignet. [...]

Der Heilbronner FH-Professor Detlev Kreuz [hat] mit seinen Studierenden mehrere Semester lang scrum ausprobiert und die Erfahrungen in einem Blog veröffentlicht. [...]

Bei wirklichem Projektlernen würde man sich nicht an einem Lehrplanziel orientieren, sondern an einem sinnhaften Resultat, das ein bestehendes Problem löst und wirklich für Außenstehende benutzbar ist. Das könnte zum Beispiel eine funktionsfähige Multimedia-Website sein, die ein bestimmtes Thema abdeckt oder ein ausführliches Tutorial. [...]

Zur Agilität gehört der ständige Appell an die gemeinsame Vernunft. Das (Lern-)Projekt ist ein möglichst offener Prozess des gemeinschaftlichen Nachdenkens und verbessern. Fehler werden als Teil dieses Prozesses begriffen.

Transparenz ist ein zentrales Prinzip. An jeder Stelle sollte jede/r Beteiligte einen Überblick über den Stand des Gesamtprozesses und die Einzelschritte haben. An allen zugängliches Board visualisiert das (Lern-)Projekt und zeigt jederzeit, wo man gerade steht und wo man hinwill. Das (Lern-)Projektziel ist ein möglichst einfaches, greifbares Erzeugnis mit dem man weiter arbeiten kann (minimal viable product). Agile Projekte machen auch jeden einzelnen Teilschritt möglichst "produkthaft", mit Modellen und Prototypen aller Art. Man versucht, möglichst schnell ein greifbares Produkt zu erzeugen, das man ausprobieren und von anderen kritisieren lassen kann. [...]

Ward Cunningham erzählte einmal, dass er sich in solchen Fällen immer gefragt hätte: What is the most simpel thing that could possibly work? Wie kommen wir zum einfachsten denkbaren Zwischenresultat, dass uns einen Schritt weiterbringt?"

Howard Rheingold hat mit einem Kollektiv [...] das großartige Peeragogy-Handbuch (2014) geschrieben. Es gibt einen umfassenden Überblick über Formen und Methoden und enthält viele wichtige Hinweise für die Organisation von Selbstlerngruppen. Die Autoren orientieren sich am klassischen psychologische Modell der Teambildung mit fünf Phasen: die Gruppe zusammen rufen (forming); sich zusammenraufen (storming), indem man den gemeinsamen Rahmen definiert (norming); die eigentliche Arbeit in der Gruppe, zusammen und nebeneinander (performing); und schließlich die Phase, in der die Gruppe das Projekt beschließt und sich trennt (adjourning). Es finden sich auch Hinweise auf die Organisation von Gruppen und Teams, aber keine Aussage über deren optimale Größe. Scrum-Handbücher empfehlen plus/minus zwei, also fünf bis neun. An der University of Pennsylvania hat man sechs als ideale Größe identifiziert, andere Angaben schwanken im selben Bereich. Die in Teil 8 bereits angesprochenen Working Out Loud (WOL)-Gruppen nach dem Drehbuch von John Stepper (2016) haben nur vier oder fünf Mitglieder.

WOL ist derzeit wohl das konkreteste Beispiel für eine agile Selbstlernmethode, die besonders in deutschen Unternehmen sehr populär geworden ist. [...]

Welche Institution geht wirklich von den Bedürfnissen der einzelnen LernerInnen aus, mit ihren je unterschiedlichen Lebenssituationen, mit ihren je unterschiedlichen Schwächen? Und wer hat die Ressourcen und Räume, um tatsächlich allen ein Angebot zu machen, auch in der Fläche? Da gibt es bislang nur einen Kandidaten: die Volkshochschulen. [...]

Sie sind der einzige Ort für wirklich offene Erwachsenenbildung, erschwinglich für alle. Nur hier darf man sich die eigene Schwäche eingestehen – allerdings um den Preis, nicht recht ernst genommen zu werden.

Volkshochschulkurse gelten entweder als Hobby oder als Notbehelf. Das prägt natürlich auch das Selbstbild der Lernenden, die sich von vornherein verletzlich fühlen. Die erste Gründungswelle von kommunalen Volkshochschulen (VHS) gab es nach dem Ersten Weltkrieg. Volksbildung und Demokratie gehörten zusammen. Damit war es 1933 vorbei. Die VHS-Landschaft, die wir heute kennen, bildete sich nach dem Zweiten Weltkrieg heraus. Ursprünglich ging es um Hilfe zur Selbsthilfe.

Die erste Gründungswelle von kommunalen Volkshochschulen (VHS) gab es nach dem Ersten Weltkrieg. Volksbildung und Demokratie gehörten zusammen. Damit war es 1933 vorbei. Die VHS-Landschaft, die wir heute kennen, bildete sich nach dem Zweiten Weltkrieg heraus. Ursprünglich ging es um Hilfe zur Selbsthilfe. [...]

Die digitalen Netz-Medien sind nun auch im Leben der eher innovationsskeptischen VHS-Klientel angekommen. Und allmählich entsteht auch ein großer Bildungsmarkt, auf den immer mehr digitale Konkurrenten drängen – von Sprachlern-Apps wie Babbel und duolingo bis zu digitalen Startups aus dem Silicon Valley wie Udemy, Skillshare oder Lynda, deren Webinare und asynchronen Web-Kurse vielfach Themen aus dem klassischen VHS-Kursprogramm abdecken. Derweil gehen die öffentliche Zuschüsse zurück: "reif für die Disruption", würden die Kalifornier sagen.

Doch die Volkshochschulen haben gegenüber ihren Konkurrenten einen entscheidenden Vorteil: Sie sind überall in Deutschland präsent. Niemand hat viel weiter als zwanzig Kilometer bis zur nächsten VHS. Diese Präsenz in der nicht-digitalen Kohlenstoffwelt ist gerade in der Ära der Digitalisierung kein Nachteil, sondern ein Vorteil. Es ist wahr, dass sich immer größere Teile unseres Lebens ins Netz verlagern, aber gerade dadurch werden greifbaren Anker und Anknüpfungspunkte immer wertvoller. Eine Volkshochschule aus Stein und Glas macht diffuse Lernprozesse auch ganz konkret, wenn man dort nicht mehr jede Woche zweimal drei Stunden lang in einem Kursraum sitzt. Es ist eine wichtige Rückversicherung für verunsicherte Guerilla-LernerInnen, an ein Haus des Lernens angeschlossen zu sein, das man ab und zu auch aufsucht.

Das ist der Ausgangspunkt des Konzepts Erweiterte Lernwelten, den eine Gruppe von VHS-Pionieren seit 2013 entwickelt. Mit Lernwelt ist hier die unmittelbare Umgebung der Menschen gemeint, die lernen wollen oder müssen. Sie umfasst die Offline-Lebenswelt ebenso wie die digitale Netz-Welt, soweit man sie sich selbst erschlossen hat. Und diese gemischten Lernwelten sind eben bei den typischen lernenden keineswegs besonders digital. Das gilt mehrheitlich auch noch für Jugendliche und Studierende, und umso mehr für Leute, für die der Schwerpunkt in der alltäglichen Nahwelt liegt. In Zukunft wird es nun darum gehen, sagen die VHS-Visionäre, solche Lebens-und Lernwelten digital zu erweitern. [...] Lernen, das mit dem Web und im Web erweitert wird, ermöglicht individuell gestaltete Lernpfade und Lernprojekte mit einer Kombination aus curricularen Bausteinen und frei gestalteten Elementen. Das auf vielfältige Weise zu unterstützen, müsste die Aufgabe der Volkshochschule der Zukunft sein, wenn sich sie sich als Leitinstitution einer neuen Selbsthilfe-Lernkultur versteht.

Dadurch kommt es in Erweiterten Lernwelten zu einer Erweiterung der Rollen. Die Teilnehmenden übernehmen mindestens phasenweise die Rolle als WissensproduzentInnen, InputgeberInnen und LanggestalterInnen. Sie entwickeln und gestalten selbst das mit, was früher starre Kurse waren. [...] Schon wenige Leute können sich vor Ort an überregionalen Lernprozessen beteiligen. Daraus ergeben sich für die Volkshochschulen ganz neue Möglichkeiten für Angebote und Geschäftsmodelle. [...]

Io sono

Vor neun Jahren hatte ich als Berater mit einem Projekt zu tun, das tatsächlich die echten Bedürfnisse von Guerilla-LernerInnen ins Zentrum rücken sollte. [...]

Dieses öffentlich geförderte Netzwerk sollte Io sono heißen, also auf Deutsch Ich bin, oder vielleicht auch Das bin ich. Roberto Gabellini, der Urheber der Idee, stellte sich vor, dass sich die Menschen dort mit der Zeit eine eigene Identität als Lernende und ExpertInnen in spe aufbauen, die sich mit der Zeit zwei oder drei Fachgebiete erschließen. Alle Jugendlichen sollten eine eigene Seite bekommen, die gewissermaßen das Basislager für die eigenen Lern-Expedition and darstellte. Nicht ein Account bei der Arbeitsagentur oder einer anderen Institution, sondern eine eigene persönliche Seite. Ein geschützter Raum, um meine eigenen Visionen zu entwickeln und meine eigenen Pläne zu verfolgen. Eine Homepage im Wortsinn, die bereits im großen weltweiten Web ist, aber zugleich nur für mich. Von dort aus organisiere ich meine Interessen, meine Pläne und auch meine Netz-Kommunikation, soweit sie mit meiner persönlichen Entwicklung und Bildung zu tun haben – getrennt von meinen Alltags-Ich und von meinen sonstigen sozialen Netzwerk-Profilen. Für öffentliche Lern-Aktivitäten sollte man sich ein eigenes privates Pseudonym und einen spielerischen Comic-Avatar wählen können. Lernerinnen sollten Identitäten auch ablegen und über sie hinaus wachsen können. [...]

Roberto Gabellinis Jo sono-Plattform kam am Ende doch nicht zustande, aber bis heute ist es das konsequenteste Konzept für organisiertes Selbstlernen, das ich kenne. [...]

Der ProfilPass will ein Raster liefern, damit man sich die so erworbenen Kompetenzen überhaupt erst einmal bewusst machen kann: "dass ich mehr kann, als ich jemals geglaubt habe". Weil normale Menschen Ihren ProfilPass nicht selbstständig ausfüllen können, bekommen Sie eine 90-minütige ProfilPass- Beratung. An der anderen Seite des Tisches sitzt dann ein/e BeraterIn, die sich alle zwei Jahre rezertifizieren muss. Der Erfolg des Programms und der Nutzen für die SelbstlernerInnen hält sich in Grenzen. Das ist kein Wunder bei dieser Mischung aus freundlich bevormundender Bürokratie und therapeutischer Konsultation. Das erzeugt eine Subjektposition, die nicht viel Raum lässt für einen wirklich selbst verantworteten Emanzipationsprozess.

Es geht nicht zuerst um die Zukunft, sondern um die Vergangenheit. Man sucht nach Ersatz für die Nachweise formaler Kompetenzen, die in einem 'richtigen' Lebenslauf stehen. [...]

Man könnte sich den bürokratischen Jargon und die Amtsmetaphorik von "Pass" und "Nachweis" wegdenken. Wenn sich dann die BeraterInnen wirklich als Coaches und Ermöglicher verstehen würden, und nicht als wohlmeinende Agenten eines bevormundenden Apparates… Dann wäre man am Punkt Null der neuen digitalen Bildung.

Früher oder später wird es so etwas geben, in irgendeiner Form, weil der eigeneynamischer Prozess der Verdatung und Vernetzung darauf zuläuft. Irgendwann werden wir eine digitale Bildungskarte haben, analog der Gesundheitskarte. Diese Karte wird vermutlich nur noch aus einem Code und einem Datensatz be sehen. Darüber wird dann ein Weiterbildungsbudget verwaltet, das jedem eingeräumt wird. Und zugleich wird das auch der Ort sein, an dem man die eigenen Bildungsprogramme dokumentiert.

Die entscheidende Frage wird dann sein, wem diese Daten gehören. Wer wird am Ende darüber verfügen können – wiir LernerInnen selbst oder eine übermächtige Bildungsagentur, die uns lebenslang begleitet? Wo wird diese digitale Domain liegen – im Indie-Web, gesichert mit der dezentralen Blockchain-Technologie, oder in den großen Internet-Serverfarmen einer fürsorglichen Pädagogik-Plattform? Und werden wir für unser Bildungsbudget gemeinnützige Angebote bekommen, die allen offen stehen, oder wird jeder/r zu einem isolierten Ich, das sich auf den privaten Bildungsmarkt verwiesen sieht? Das ist der Punkt, an dem eine Erklärung der LernerInnen-Rechte greifen müsste, wie sie in Teil 3 versuchsweise formuliert wurde.

"Programmiere selbst dein Leben, oder andere werden es für dich programmiere.", warnt der kritische Medienprofessor Douglas Rushkoff. "Wenn wir die erste Option wählen, bekommen wir Zugang zum Schaltpult unserer Zivilisation. Wenn wir die zweite Option wählen, kann es sein, dass es das letzte Mal war, dass man uns eine Wahl gelassen hat." Auch alle Bildungsfragen münden am Ende in sehr grundsätzliche politische Entscheidungen: Wer wollen wir sein? Und in welcher Gesellschaft, in welcher Welt wollen wir leben.?

Epilog

"Danksagung [...]

Einen kaum zu überschätzenden Anteil an diesem Buch haben die vielen Freunde aus dem Netz, von denen die meisten an verschiedensten Stellen die digitale Bildung auf ihre Weise vorwärts bringen. Jöran Muuß-Meerholz, Philippe Wampfler, Lisa Rosa, Dejan Mihajlovic, Lutz Berger, Anja C. Wagner, Sonja Samuda, Markus Deimann, Andreas Wittke und natürlich Mit Ihnen habe ich fast jede Woche über diese Themen diskutiert viele weitere Stimmen aus meiner Twitter-Timeline gehören dazu, denen ich hier nur pauschal danken kann. Ihr habt mir all die Jahre das Gefühl gegeben, mit meinen eigensinnigen Gedanken und Interessen nicht allein zu sein. Auf das kollektive Gespräch im virtuellen Großraumbüro möchte ich nicht verzichten.

Ich danke Erik-Jan Kaak und Chris Langreiter, die ich schon kenne, seit ich vor zehn Jahren begonnen habe, mich intensiv mit dem Weblernen zu beschäftigen. Als ich noch ein weltfremder Geisteswissenschaftler war, hat Erik mir gezeigt, wie man Projektmanagement und Controlling auf agile Art betreiben kann. (Das Schlagwort "agil" benutzte damals noch niemand.) Chris ist ein brillanter Software-Entwickler, der das Inntal dem Silicon Valley vorzieht, und ein unakademischer Intellektueller zugleich. Den Gesprächen mit ihm verdanke ich viel. Wenn es nach mir ginge, würden Grenzgänger von seinem Schlag an den offenen Uniiversitäten der Zukunft eine wichtige Rolle spielen.[6] [...]"

Literaturverzeichnis

Literaturverzeichnis Bildung und das Netz: Verzeichnis der Print- und E-Publikationen; Aufsätze mit Link, wo möglich

Anmerkungen

  1. auf Twitter martinlindner
  2. Das vollständige Buch ist hier zu erhalten.
  3. Dabei folgt dieser Artikel dem weiter unten beschriebenen Grundsatz von Projektlernen: "Man versucht, möglichst schnell ein greifbares Produkt zu erzeugen, das man ausprobieren und von anderen kritisieren lassen kann." - Das heißt, nach dem Wiki-Prinzip sollte hier vom Leser nach bestem Verständnis verkürzt und verlinkt werden. Nur muss beachtet werden, dass Zitate nicht verfälscht werden, d.h. Auslassungen ([...]) und verkürzende Darstellung (durch Schrägschrift und Herausnahme aus dem Zitat) gekennzeichnet werden.
  4. eine Universität in Virginia
  5. Kommentar: "Naturgewalt Digitalisierung" ist ein problematisches Bild. Noch können Menschen Entscheidungen treffen. (Fontane44)
  6. Ich wähle diesen Ausschnitt aus Lindners Danksagung, weil man viele der Genannten, z.B. Jöran, leicht auf Twitter finden kann, sie deutsch miteinander kommunizieren und eine ganze Reihe von ihnen auch nach meiner Erfahrung interessante Informationen vermitteln und angenehme Gesprächspartner sind. Fontane44

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