Die Entscheidung: Kapitalismus vs. Klima: Unterschied zwischen den Versionen

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'''Die Entscheidung: Kapitalismus vs. Klima''' von {{wpde|Naomi Klein}} ist ihre zentrale Aussage zum Klimawandel und den politischen Möglichkeiten, ihn zu begrenzen. Amitav Ghosh hat es als "Eines der wichtigsten Bücher des Jahrzehnts" bezeichnet.
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=== Einleitung ===
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''So oder so, es verändert sich alles'' 9<ref>Gelegentlich habe ich Hervorhebungen (''fetter Kursivdruck'') hinzugefügt, um die langen Zeilen etwas übersichtlicher zu gestalten. --Fontane44</ref>
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"'''''Ich''''' habe den '''''Klimawandel''''' länger '''''geleugnet''''', als mir lieb ist. Natürlich wusste ich, dass es ihn gibt. Es war nicht so wie bei Donald Trump und den Tea-Party-Anhängern, die behaupten, das sei doch alles nur Schwindel, was schon allein daran ersichtlich sei, dass es immer noch Winter gebe. Aber ich befasste mich nicht mit den Details und überflog nur die ein­schlägigen Zeitungsartikel, besonders die wirklich erschreckenden. Das wissenschaftliche Drumherum war mir zu kompliziert, und ich sagte mir, die Umweltschützer kümmern sich schon darum. Auch an meinem 'Eli­testatus' als Vielfliegerin, attestiert durch die glänzende Karte in meiner Brieftasche, konnte ich weiterhin nichts Schlimmes finden.
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Viele von uns neigen zu dieser Art von Klimaleugnung. Wir schauen kurz hin, dann schauen wir wieder weg." (S.11/12)
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"Ich weiß noch sehr genau, wann ich aufgehört habe, meine Augen vor der Realität des Klimawandels zu verschließen, oder zumindest, wann ich '''''zum ersten Mal richtig hingesehen''''' habe. [...] Weil Bolivien ein armes Land mit einem schmalen Budget für Auslands­reisen ist, hatte Navarro Llanos vor kurzem neben dem Handels- auch noch das Klimaressort übernommen. Beim Mittagessen in einem leeren chinesischen Lokal erklärte sie mir (wobei sie mit ihren Essstäbchen ein Diagramm des globalen Emissionsverlaufs zeichnete), sie sehe den Klima­wandel als schreckliche Bedrohung für ihr Volk, aber auch als Chance.
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Eine Bedrohung aus offensichtlichen Gründen: Bolivien ist extrem ab­hängig von seinen Gletschern als Quelle für Trink- und Nutzwasser zur Bewässerung, und die schneebedeckten Gipfel, die über seiner Hauptstadt aufragen, färbten sich in besorgniserregendem Tempo grau und braun. Die Chance bestand laut Navarro Llanos darin, dass sich Länder wie ihres, die so gut wie nichts zum Hochschnellen der Emissionen beigetragen hat­ten, zu »Klimagläubigern« erklären konnten. Somit stünde ihnen finanzi­elle und technologische Unterstützung von Seiten der großen Verschmutzerländer zu, um die hohen Kosten weiterer klimabedingter Katastrophen zu stemmen und einen ökologischen Entwicklungsweg einzuschlagen." (S.13/14)
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"Wenn wir die Emissionen im nächs­ten Jahrzehnt deutlich vermindern wollen, brauchen wir eine Massenmo­bilisierung in nie gekanntem Ausmaß. Wir brauchen einen '''''Marshallplan für die Erde'''''. Dieser Plan muss Finanz- und Technologietransfers in bei­spiellosem Umfang enthalten. Er muss alle Länder mit Technologien ver­sorgen, um sicherzustellen, dass die Emissionen gesenkt und der Lebens­standard der Menschen gleichzeitig gehoben wird. Dafür bleiben uns nur zehn Jahre Zeit." (S.14)
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"Als ich mir Navarro Llanos' Schilderung der bolivianischen Sicht an­hörte, begriff ich, dass der Klimawandel - sofern man ihn ähnlich wie die eben erwähnte Flut als weltweiten Notstand behandelt - eine treibende Kraft für die Menschheit werden könnte, um uns nicht nur besser vor Wetterextremen zu schützen, sondern unsere Gesellschaften in vielerlei Hinsicht sicherer und gerechter zu machen. Die für eine rasche Abkehr von fossilen Brennstoffen und die Anpassung an künftige schwierige Wetterbedingungen erforderlichen Ressourcen könnten große Teile der Menschheit aus der Armut führen und ihnen eine öffentliche Infrastruk­tur bescheren, die schmerzlich fehlt, von sauberem Wasser bis zu Elek­trizität. Diese Zukunftsvision geht weit über die Vorstellung hinaus, den Klimawandel bloß zu überleben oder auszuhalten, ihn zu »mildern« oder sich daran »anzupassen«, wie die Vereinten Nationen es so düster formu­lieren. Es ist eine Vision davon, wie wir die Krise kollektiv dazu nutzen können, den Sprung in eine bessere Welt zu wagen, jedenfalls eine bessere Welt als die jetzige.
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Nach dem Gespräch mit Navarro Llanos stellte ich fest, dass ich nicht mehr davor zurückschreckte, mich mit den wissenschaftlichen Fakten der Klimabedrohung zu beschäftigen. Ich hörte auf, einen Bogen um Artikel und wissenschaftliche Studien zu machen, und las alles, was ich finden konnte. Ich hörte auch auf, das Problem den Umweltschützern zu überlas­sen, hörte auf, mir vorzumachen, dass es nicht mein Problem, nicht mein Job sei. Und durch Gespräche mit anderen Mitgliedern der wachsenden Klimagerechtigkeitsbewegung erkannte ich, dass der '''''Klimawandel''''' auf vie­lerlei Arten ein '''''Katalysator für positiven Wandel''''' werden könnte - indem er den progressiven Kräften das beste Argument überhaupt dafür liefert, den Wiederaufbau und die Wiederbelebung der regionalen Wirtschaft zu fordern; unsere Demokratien dem zerstörerischen Einfluss der Konzerne zu entreißen; gefährliche neue Freihandelsabkommen zu blockieren und alte umzuschreiben; in die unterentwickelte öffentliche Infrastruktur wie Massenverkehrsmittel und bezahlbaren Wohnraum zu investieren; die Privatisierung wichtiger Dienstleistungen wie die Energie- und Wasser­versorgung rückgängig zu machen; unser krankes Landwirtschaftssystem durch ein gesünderes zu ersetzen; Grenzen für Einwanderer zu öffnen, die wegen der Folgen des Klimawandels ihre Heimat verlassen mussten; end­lich die Landrechte der indigenen Völker anzuerkennen - all das würde dazu beitragen, das groteske Maß an Ungleichheit in und zwischen unse­ren Ländern zu beenden.
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Und ich begann, Anzeichen [...] dafür zu erkennen, dass die drohende Klimakrise die Grundlage für eine mächtige Massenbewegung bilden könnte, wenn die verschiedenen Zusammenhänge auf breiterer Ebene erkannt würden. Eine Massenbewe­gung, die all die scheinbar unzusammenhängenden Probleme zu einem kohärenten Bild vereinen würde. Zu einer Vorstellung davon, wie es ge­lingen kann, die Menschheit sowohl vor den verheerenden Auswirkungen eines zutiefst ungerechten Wirtschaftssystems als auch den Folgen eines destabilisierten Klimasystems zu bewahren. Ich habe dieses Buch geschrie­ben, weil ich zu der Überzeugung gelangt bin, dass der Klimaschutz ein Katalysator für diesen Wandel sein könnte." (S16/17)
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'''Ein Volks-Schock'''
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Aber ich habe es auch geschrieben, weil der Klimawandel Auslöser für eine Vielzahl unterschiedlicher und weit weniger wünschenswerter Formen ge­sellschaftlicher, politischer und wirtschaftlicher Veränderungen sein kann. [...] In meinem letzten Buch Die ''Schock-Strategie'' habe ich dargelegt, dass im Laufe der vergangenen vier Jahrzehnte Kon­zerninteressen systematisch die unterschiedlichsten Krisen ausgenutzt haben, um eine Politik durchzusetzen, die eine kleine Elite reicher macht - durch Deregulierungen, die Kürzung der Sozialausgaben und mittels groß­flächiger Privatisierungen im öffentlichen Sektor. Krisen dienten auch als Vorwand für radikale Beschneidungen der Bürgerrechte und alarmierende Menschenrechtsverletzungen.
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Vieles deutet darauf hin, dass der Klimawandel in dieser Hinsicht keine Ausnahme darstellen wird, dass auch diese Krise dazu benutzt wird, dem einen Prozent noch mehr Ressourcen zuzuschieben, anstatt Lösungen in Gang zu bringen, die eine echte Chance darauf bieten, eine Erderwärmung von desaströsem Ausmaß zu verhindern und uns vor den unvermeidli­chen Katastrophen zu schützen. Die Anfänge dieses Prozesses zeichnen sich bereits ab. Überall auf der Welt werden Staatswälder in privatisierte Nutzholzplantagen und Schutzgebiete umgewandelt, damit ihre Besit­zer sogenannte 'Emissionszertifikate' sammeln können, ein lukrativer Schwindel, auf den ich später näher eingehen werde. Es gibt einen blühen­den Handel mit 'Wetterfutures', die es Unternehmen und Banken erlau­ben, auf Wetterveränderungen zu setzen, als wären tödliche Katastrophen ein Würfelspiel in Las Vegas (zwischen 2005 und 2006 verfünffachte sich der Markt für Wetterderivate beinahe, von 9,7 Milliarden auf 45,2 Milliar­den Dollar). Weltweit operierende Rückversicherer verdienen Milliarden damit, dass sie neue Arten von Schutzkonzepten an Entwicklungsländer verkaufen, die so gut wie nichts zur Klimakrise beigetragen haben, deren Infrastruktur jedoch stark von ihren Auswirkungen betroffen ist." (S.17/18)
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"All das ist keine Überraschung. Unser '''''derzeitiges System''''' ist so aufge­baut, dass es immer neue Wege sucht, das Gemeingut zu privatisieren und '''''aus Katastrophen Profit zu generieren'''''; wenn man es ungehindert schalten und walten lässt, ist es zu gar nichts anderem in der Lage. Die Schock-Strategie ist jedoch nicht die einzige Art, wie Gesellschaften auf eine Krise reagieren. Das haben wir alle in den vergangenen Jahren erlebt, als sich die Finanzkrise, die 2008 an der Wall Street begann, auf die ganze Welt ausbreitete. Ein plötzlicher Anstieg der Lebensmittelpreise war einer der Auslöser für den Arabischen Frühling. Die '''''Sparpolitik hat zu Massenbe­wegungen in zahlreichen Ländern geführt''''', von Griechenland über Spani­en, Chile, die Vereinigten Staaten bis hin nach Quebec. Viele von uns sind inzwischen geübt in Protesten gegen diejenigen, die Krisen zynisch aus­nutzen, um den öffentlichen Sektor auszuplündern. Diese Proteste haben aber auch gezeigt, dass es nicht reicht, einfach nur Nein zu sagen. Damit Oppositionsbewegungen nicht nur ein Strohfeuer bleiben, brauchen sie eine umfassende Vision dessen, was an die Stelle unseres scheiternden Sys­tems treten soll, und tragfähige politische Strategien für die Durchsetzung dieser Ziele." (S.19)
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" 'Ihr verhandelt schon mein ganzes Leben lang.' Diesen Satz sagte die kanadische College-Studentin Anjali Appadurai, als sie auf der UN-Klimakonferenz von 2011 in Durban auf die versammelten staatlichen Unterhändler blickte. Sie übertrieb nicht. Die Regierungen der Welt be­ratschlagen bereits seit über zwei Jahrzehnten darüber, wie man den Kli­mawandel aufhalten kann - beginnend im selben Jahr, als die damals einundzwanzigjährige Anjali geboren wurde. Und dennoch, machte sie in ihrer denkwürdigen Rede klar, die sie im Namen der Jugenddelegierten hielt: 'In dieser Zeit habt ihr es versäumt, Zusagen einzuhalten, habt ihr Ziele verfehlt und Versprechen gebrochen.'
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Tatsächlich hat die internationale Organisation, die mit der Aufgabe be­traut wurde, ein 'gefährliches' Ausmaß des Klimawandels zu verhindern, in ihrem über zwanzigjährigen Bestehen (und in über neunzig offiziellen Verhandlungssitzungen seit Verabschiedung der Klimakonvention von 1992) nicht nur keine Fortschritte erzielt, sondern einen quasi '''''ununter­brochenen Prozess von Rückschritten''''' zu verzeichnen. Unsere Regierungen haben Jahre damit verschwendet, Zahlen zu frisieren und über Starttermi­ne zu zanken, und ständig versucht, sie hinauszuzögern wie Studenten ihre Studienarbeiten." (S.21)
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"Das ist die Stimmungslage seit dem Scheitern des im Vorfeld hochge­lobten UN-Klimagipfels 2009 in Kopenhagen. Am letzten Abend dieser riesigen Veranstaltung befand ich mich bei einer Gruppe von Klimage­rechtigkeitsaktivisten, darunter einer der prominentesten Campaigner in Großbritannien. Während des gesamten Gipfels strotzte der junge Mann vor Zuversicht und Gelassenheit, informierte jeden Tag Dutzende Jour­nalisten darüber, was in den jeweiligen Verhandlungsrunden herausge­kommen war und was die verschiedenen Emissionsziele in der Realität bedeuteten. Trotz der Herausforderungen war sein Optimismus über die Aussichten des Gipfels ungebrochen. Als dann alles vorbei war und das jämmerliche Ergebnis feststand, fiel er vor unseren Augen in sich zusam­men. In einem grell beleuchteten italienischen Lokal brach er in hem­mungsloses Schluchzen aus. »Ich hatte wirklich gedacht, Obama hat es kapiert«, sagte er wieder und wieder.
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Diesen Abend habe ich als den Moment in Erinnerung, '''''als die Klima­bewegung erwachsen wurde''''': Es war der Moment, als uns allen wirklich bewusst wurde, dass niemand zu unserer Rettung kommen würde. [...] Es ist tatsächlich so, dass wir ganz auf uns allein gestellt sind, und '''''jede echte Hoffnung in dieser Krise wird von unten kommen müssen'''''." (S.22)
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"Als das 2-Grad-Ziel in Kopenhagen offiziell verkündet wurde, gilb es leidenschaftliche Einwände von vielen Delegierten, die sagten, die­ses Ziel komme der 'Todesstrafe' für einige tiefliegende Inselstaaten sowie für große Teile Afrikas südlich der Sahara gleich. Tatsächlich ist es für uns alle ein äußerst riskantes Ziel: Bisher ist die Durchschnittstemperatur nur um 0,8 Grad gestiegen, und wir erleben bereits viele alarmierende Aus­wirkungen, darunter ein noch nie dagewesenes Abschmelzen des grönlän­dischen Eisschilds im Sommer 2012 und die sehr viel rascher als erwartet stattfindende Versauerung der Meere. Wenn wir zulassen, dass die Temperaturen um mehr als das Doppelte steigen, wird das zweifellos gefährliche Konsequenzen haben. [...]
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Das größere Problem - und der Grund, weshalb der Gipfel von Kopen­hagen solche Verzweiflung hervorrief - ist jedoch ein anderes: '''''Weil''''' sich die Regierungen '''''nicht auf verbindliche Ziele geeinigt''''' haben, '''''können sie ihre Zusagen nach Belieben ignorieren'''''. Und genau das passiert im Augen­blick. Die Emissionen steigen so rasch an, dass 2 Grad aus heutiger Sicht wie ein utopischer Traum erscheinen, wenn wir unser Wirtschaftssystem nicht von Grund auf ändern. Und nicht nur Umweltschützer schlagen Alarm. Im selben Bericht von 2012 warnte die Weltbank, dass 'wir uns [bis zur Jahrhundertwende] auf eine 4-Grad-Erwärmung zubewegen, die durch extreme Hitzewellen, eine Verknappung der weltweiten Nah­rungsvorräte, den Verlust von Ökosystemen und Artenvielfalt und durch lebensbedrohlich hohe Meeresspiegel gekennzeichnet ist'. Ferner hieß es, dass 'außerdem nicht sicher ist, ob eine Anpassung an die 4-Grad-Welt möglich ist'. (S.23/24)
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==== Anmerkungen ====
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<references/>
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== Teil I ==
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=== SCHLECHTES TIMING ===
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==== l Die Rechten haben recht: ====
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Die revolutionäre Kraft des Klimawandels 45
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==== 2 Heißes Geld ====
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Wie der Marktfundamentalismus den Planeten aufheizt    85
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==== 3  Öffentliche Versorgung und Kostenpflicht für Umweltverschmutzer ====
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Die Überwindung der ideologischen Hindernisse auf dem Weg zu einer neuen Ökonomie 122
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==== 4 Planen und Verbieten ====
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Die unsichtbare Hand ausschlagen, eine Bewegung in Gang setzen 152
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==== 5 Jenseits des Extraktivismus ====
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Den inneren Klimaleugner konfrontieren  200
+
 
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=== Teil II MAGISCHES DENKEN ===
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==== 6    Das Übel wird nicht an der Wurzel gepackt ====
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Die fatale Fusion von Big Business und großen Umweltschutzorganisationen
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233
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==== 7    Keine Heilsbringer ====
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Die grünen Milliardäre werden uns nicht retten 281
+
==== 8  Verdunkeln wir die Sonne ====
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Die Lösung für Verschmutzung ist... Verschrnutzung?      312
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=== TEIL III AUFBRUCH IN DIE NEUE ZEIT ===
+
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==== 9    Blockadia ====
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Die neuen Klimakrieger 355
+
==== 10 Liebe wird die Erde retten ====
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Demokratie, Divestment und bisherige Siege 407
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==== 11 Ihr und welche Armee? ====
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Die Rechte indigener Völker und die Macht
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gehaltener Versprechen 442
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==== 12 Der gemeinsame Himmel ====
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Die Atmosphäre als Allmende und die Begleichung
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unserer Schulden 466
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==== 13 Das Recht auf Regeneration ====
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Von der Extraktion zur Erneuerung 503
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=== Schluss ===
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''Schaltjahre: Gerade noch genug Zeit für das Unmögliche'' 539
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"Der Hauptgrund, der Menschen daran hindert, mit der gebotenen Tatkraft auf die Klimakrise zu reagieren, besteht weder darin, dass es zu spät wäre, noch darin, dass wir nicht wüssten, was zu tun ist. Wir haben '''''genügend Zeit''''', und es mangelt weder an '''''Ökotechnik''''' noch an grünen Vorhaben. Dass so viele von uns geneigt sind, Brad Werners provokative Frage mit Ja zu beantworten, liegt vielmehr daran, dass wir - zu Recht - fürchten, unsere poli­tische Klasse könnte sich als unfähig erweisen, die richtigen Maßnahmen zu ergreifen und die bereits vorhandenen Pläne in die Tat umzusetzen, denn dazu müsste sie sich '''''von den Grundprinzipien der alles erstickenden Ideologie des freien Markts verabschieden''''', die ihren Aufstieg zur Macht ermöglicht hat.
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Aber es liegt nicht nur an den Menschen, die wir ins Amt wählen und über die wir uns später beklagen - es liegt an uns. [...] Denn wenn wir die knisternden und rauschenden Schwarz-Weiß-Filme über Generalstreiks in den 1930er [...] Jahren sehen, können wir uni als Bürger der postindustriellen Gesellschaft einfach nicht vorstellen, noch einmal eine Mobilisierung in dieser Intensität und Stärke zu erleben." (S.552)
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"Mit anderen Worten, '''''wir sind das Produkt''''' unserer Zeit und '''''eines al­les beherrschenden ideologischen Projekts'''''. Eines Projekts, bei dem uns eingetrichtert wurde, wir seien nichts anderes als '''''selbstsüchtige Einzelwe­sen''''', die nur ihren beschränkten Vorteil maximieren wollen, während sie von einer größeren Gemeinschaft abgeschnitten bleiben, die dank ihrer gebündelten Fähigkeiten große und kleine Probleme lösen könnte. Dieses Projekt hat auch dazu geführt, dass unsere Regierungen über zwanzig Jah­re hilflos zusahen, wie aus der Klimakrise als Problem unserer Enkel ein Problem wurde, das bereits heute an unsere Tür klopft.
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All dies ist der Grund dafür, dass jeder Versuch, gegen die Erderwärmung vorzugehen, fruchtlos ist, wenn er nicht als Bestandteil einer grö­ßeren Auseinandersetzung um Weltanschauungen verstanden wird, als ein Prozess der Neuformulierung und Neuerfindung des Kollektiven, Kommunalen, der Allmenden, der Zivilgesellschaft und der Bürgerrech­te, Bereiche, die jahrelang Angriffen ausgesetzt waren und vernachlässigt wurden. Das Überwältigende an der Klimakrise ist nämlich, dass zu ihrer Überwindung sehr viele Regeln gleichzeitig gebrochen werden müssen - Regeln, die in nationale Gesetze und internationale Handelsabkommen eingeflossen sind, aber auch mächtige, ungeschriebene Regeln, nach denen eine Regierung, will sie an der Macht bleiben, keine Steuern erhöhen oder große Investitionen ablehnen darf, und seien deren Folgen noch so zerstö­rerisch. Und natürlich wird auch jede Regierung abgestraft, die plant, jene Bereiche unserer Wirtschaft allmählich abzubauen, die uns alle in Gefahr bringen.
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[...]
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'''''Wie''''' also '''''verändert man''''' eine Weltsicht, '''''eine unhinterfragte Ideologie?''''' Wichtig ist dabei die Entscheidung, welche politischen Kämpfe wir zuerst führen wollen - wegweisende Schlachten, die nicht nur darauf abzielen, Gesetze zu novellieren, sondern Denkmuster zu verändern. (S.552/53)
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= Zur Behandlung im Unterricht =
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== Arbeitsfragen ==
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=== Zur Einleitung ===
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* Wie erklärt Naomi Klein, dass das Phänomen menschlich verursachter Klimawandel nur registriert wird, aber nicht ernsthaft dagegen vorgegangen wird?
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* Was hat ihre Einstellung verändert?
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* Was meint sie mit ihrer Aussage, dass "die Klima­bewegung erwachsen wurde"?
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* Gibt es Gründe, weshalb gegen den Klimawandel nicht genügend vorgegangen wird, die Klein nicht nennt?
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* Wen meint sie mit dem "wir" von dem sie spricht? Gibt es dieses "wir"?
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* Gibt es Alternativen zu der Strategie, die sie andeutet?
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=== Zum Schluss ===
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* Weshalb wird - nach Klein - nicht ernsthaft gegen den Klimawandel vorgegangen?
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* Ist das eine zureichende Erklärung oder gibt es noch andere Gründe?
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* Sind Menschen nicht doch in der Tat im Prinzip Individuen und insofern "selbstsüchtige Einzelwesen"?
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* Wie verändert man "eine unhinterfragte Ideologie"?
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* Ist eine andere Veränderung wichtiger?
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== Interviews, Rezensionen u.a. ==
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* Stephan Kaufmann: [http://www.fr-online.de/wirtschaft/naomi-klein-ueber-den-klimawandel--das-wirtschaftssystem-in-frage-stellen-,1472780,30246116.html "Das Wirtschaftssystem in Frage stellen"] Interview mit Naomi Klein, FR 29.3.2015
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:[...] Mir ist klar geworden: Alle diese Kämpfe müssen vereint werden, um den Klimawandel zu stoppen. Denn er ist nicht allein eine Frage von Temperaturen und CO2-Konzentrationen in der Luft. Er ist eine soziale Frage, die alle gesellschaftlichen Bereiche betrifft. [...]
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:Um den Klimawandel effektiv zu bekämpfen, brauchen wir eine Wiederbelebung der regionalen Wirtschaft, wir müssen den Einfluss der Konzerne zurückdrängen, Freihandelsabkommen blockieren. Es müssen große Summen in den Umbau der Agrarwirtschaft und der öffentlichen Infrastruktur fließen, die Energie- und Wasserversorgung und den Umbau der Städte, um den Verkehr zu vermindern. Ein riesiges Programm, dass schnell umgesetzt werden muss. Ist das möglich? Natürlich. Ist das möglich, ohne die Grundregeln des deregulierten Kapitalismus anzugreifen? Keinesfalls.
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:''Was sind diese „Grundregeln“?''
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:Privatisierung des öffentlichen Sektors, Deregulierung der Unternehmen, Senkung von Einkommens- und Unternehmenssteuern bei gleichzeitigen Einschnitten bei öffentlichen Ausgaben. Und daneben das Primat der Rendite – nichts geschieht, wenn es sich nicht für Investoren lohnt. All dies ist unvereinbar mit einem effektiven Kampf gegen den Klimawandel. Unser Wirtschaftsmodell fordert ungehinderte Expansion. Unser Klima braucht einen Rückgang des Ressourcenverbrauchs. Nur eines dieser Regelsysteme lässt sich verändern.
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* Rezension von Thomas Meyer: Ganz düstere Aussichten in: SZ 9.3.15
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:"Die Mischung aus nüchterner Analyse und drastischer Darstellung gibt ihrer imponierenden Streitschrift den Zunder.Klein geht von der vielfach schon belegten Voraussetzung aus, dass die politische Einstellung eines Menschen seine Position zum Klimawandel bestimmt. Mehr als das: Die Leugner des Klimawandels sind Opfer eines komplexen Geflechts aus Kohärenzbedürfnissen und Angst.
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:Wie Klein zeigen kann, ist es nämlich Industrie und Politikern wichtig, dass eingeschlagene Wege, wenn sie schon nicht richtig sind, immerhin durchgesetzt werden müssen. Warum? Weil sie nun einmal gewählt wurden. (Auf diese Weise werden auch Geschichtskonstruktionen – etwa der „American Way of Life“ – zu quasireligiösen Überzeugungen, deren Glaubenssätze verteidigt werden müssen.) So wird nachträglich eine Übereinstimmung zwischen Absicht und Wirkung erzielt. Diesem Zusammenspiel widmen gigantische Denkfabriken und Labore ihre ganze Aufmerksamkeit.
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:Drohen dann Ereignisse, wie etwa Missernten, die Strategien zu widerlegen, werden Produkte entwickelt, die sich den neuen Klimabedingungen anpassen oder diesen trotzen."
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* [http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/naomi-klein-buch-die-entscheidung-ueber-klimaschutz-a-1025026.html Globalisierungskritikerin Naomi Klein: Kohle frisst Klima auf] SPON, 23.3.15
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* [http://www.perlentaucher.de/buch/naomi-klein/die-entscheidung.html Rezensionen bei Perlentaucher]
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==Bibliographische Angaben==
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Naomi Klein: ''Die Entscheidung Kapitalismus vs. Klima'', S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2015 ISBN 9783100022318
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== Linkliste ==
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* {{wpde|Naomi Klein}}
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* {{wpen|This Changes Everything}}
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== Siehe auch ==
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* [[Klimawandel]]
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* [[2052. Der neue Bericht an den Club of Rome]]
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[[Kategorie:Klimawandel]]
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[[Kategorie:Politik und Sozialwissenschaften]]
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Aktuelle Version vom 24. Februar 2019, 09:28 Uhr

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