Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart

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Die Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart des britischen Historikers Tony Judt bietet eine Übersicht der Nachkriegsgeschichte Europas aus der Perspektive der von 1989 bis 2005 veränderten europäischen Gesamtsituation. Der Book Review der New York Times zählt es zu den zehn besten Büchern aus dem Jahr 2005. Es erhielt 2006 den Arthur Ross Book Award als bestes Buch zur internationalen Politik.[1]

Obwohl Judt betont, dass er kein übergreifendes Thema und keine geschlossene Geschichte präsentiere, arbeitet er klar einige große Linien heraus.

  1. Die Zeit von 1945 – 2005 war ein Niedergang Europas. Die meisten Staaten waren durch ihre Niederlage gedemütigt (entweder die Niederlage gegenüber Hitlerdeutschland oder die gegen die Anti-Hitler-Koalition). Die einzigen europäischen Siegerstaaten von 1945, Großbritannien und die Sowjetunion, gehörten zum einem nach ihrem Selbstverständnis nur halb zu Europa und verloren zum anderen entscheidend an Gewicht. Großbritannien schon am Anfang des Zeitraums[2], die Sowjetunion mit ihrem Auseinanderfallen.
  2. Die großen Fortschrittstheorien des 19. Jahrhunderts verblassten in Europa. Im Westen kam es zum „Erlahmen politischer Leidenschaften“, im Osten zur „Diskreditierung des offiziellen Marxismus“.[3]
  3. Als „bescheidener Ersatz“ für den aufgegebenen Ehrgeiz des 19. Jahrhunderts trat das „Modell Europa“ als „spezifisch europäischer Weg zur Gestaltung der sozialen Verhältnisse in den einzelnen Ländern und den zwischenstaatlichen Beziehungen“.[4] Dabei Schätzt Judt die Tatsache, dass nach 1945 überhaupt der Aufbau gelang, als mindestens gleichbedeutend ein wie die darauf folgende europäische Einigung.[5]
  4. Die Amerikanisierung Europas in den 50er und 60er Jahren wird überschätzt. Zwar wünschten sich die Westeuropäer Schutz, doch nahmen sie ihren eigenen Machtverlust den USA übel. Auch erlebten sie den Kalten Krieg als weniger bedrohlich als die USA.
  5. Europa wurde 1945 durch Grenzverschiebungen, Vertreibungen und Völkermord ethnisch homogener. Als einzige Vielvölkerstaaten blieben Sowjetunion und Jugoslawien zurück. Doch seit den achtziger Jahren wird es wieder multikultureller. „Seit 1989 ist klarer geworden, in welchem Maß die Stabilität Nachkriegseuropas auf den Taten Stalins und Hitlers beruhte.“[6] - Andererseits ist nach Judt die Ablehnung von Völkermord zu einem durchgängigen Charakteristikum geworden,[7] und deshalb wird sich die Leugnung des Völkermords an den Armeniern durch die Türkei "als Hindernis für ihren EU-Beitritt erweisen".[8]

Einzelnachweise

  1. Council on Foreign Relations
  2. Noch 1951 „produzierte es doch doppelt so viel wie Frankreich und Deutschland zusammen“ (S.396), wurde dann aber rasch überholt.
  3. S. 22
  4. s. 22
  5. "Tatsächlich könnte man den Umstand, daß es den geschlagenen Völkern Europas gelang, sich wieder zu erholen und ihre je eigenen Kulturen und Institutionen aus den Trümmern von 30 Jahren Krieg zu bergen, durchaus höher einschätzen als den kollektiven Erfolg, der mit der Gründung einer transnationalen Union erzielt wurde." (S.929)
  6. S. 24
  7. "Die Anerkennung des Holocaust ist zur europäischen Eintrittskarte geworden." (S.933),
  8. S. 394

Bibliographische Angaben:

Tony Judt:Die Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart, München 2006, ISBN 978-3-446-20777-6. Übers. Mathias Fienbork & Hainer Kober. - Studienausgabe erhältlich bei der Bundeszentrale für politische Bildung: ISBN 3893316817

Siehe auch

Europa