Geschichte des Reisens: Unterschied zwischen den Versionen

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Version vom 5. Oktober 2017, 09:25 Uhr

DPAG 2010 33 Postkutsche

Inhaltsverzeichnis

Denkanstoß

Exkurs über den Fremden

Von GEORG  SIMMEL - Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung.
[1] Wenn das Wandern als die Gelöstheit von jedem gegebenen Raumpunkt der begriffliche Gegensatz zu der Fixiertheit an einem solchen ist, so stellt die soziologische Form des »Fremden« doch gewissermaßen die Einheit beider Bestimmungen dar - freilich auch hier offenbarend, dass das Verhältnis zum Raum nur einerseits die Bedingung, andrerseits das Symbol der Verhältnisse zu Menschen ist.
[2] Es ist hier also der Fremde nicht in dem bisher vielfach berührten Sinn gemeint, als der Wandernde, der heute kommt und morgen geht, sondern als der, der heute kommt und morgen bleibt - sozusagen der potentiell Wandernde, der, obgleich er nicht weitergezogen ist, die Gelöstheit des Kommens und Gehens nicht ganz überwunden hat.
Berlin, Duncker & Humblot, 2013 (7. Auflage) S. 509-512.

Überblick

Eine kleine Weltgeschichte des Reisens

WannWarumWohinWerWomit
MittelalterKreuzzüge,
Pilgerreisen, Wallfahrten,
Handelsreisen
Bettlerzüge
Jerusalem,
Rom, Santiago de Compostella
Ritter, Abenteurer
Gläubige
Kaufleute
landloses Volk
zu Fuß, zu Pferd, zu Schiff
15.-17. Jh.Entdeckung, Eroberung, BereicherungEl Dorado (Gold), China (Seide), Indien (Tee, Gewürze) Abenteurer (adlig, verarmt), Missionare, Seefahrerzu Fuß, zu Pferd, mit dem Schiff
18. Jh.Kavalierstour
Bildungs- und Geschäftsreise
Bildungsreise,
Entdeckungsreise
Revolutionstourismus (Paris)
Höfe Italiens und Frankreich,
Holland, England
Mittelmeerraum (Italien),
Australien, Amazonas
Adelsnachwuchs (+Hofmeister)
Kaufmannsnachswuchs
Künstler (u.a. Winkelmann, Moritz, Goethe)
James Cook, A. v. Humboldt
zu Fuß, zu Pferd, mit Kutsche
19. Jh.Kolonialtourismus,
Nationaltourismus,
Emigration
Afrika, Galapagos
der 'deutsche' Rhein,
Amerika, Frankreich
Militär, Abenteurer, Profiteure, Verwaltung
deutsche Patrioten
Handwerker, Oppositionelle, religiöse Freidenker
Schiff, Eisenbahn
20. Jh. "Wandervogel"
"Kraft durch Freude" (KDF)
Flucht und Vertreibung, Umsiedlung
Erholungs-, Freizeit-, Vergnügungs-, Abenteuer-Tourismus
Pauschaltourismus
Jugendaustausch
Heimat
Deutschland
von Ost nach West
Mittelmeerraum, Übersee
akademische Jugend
Arbeiter und Angestellte
nationale Minderheiten
Mittelstand
Schüler
zu Fuß, Eisenbahn, Auto, Bus, Schiff, Flugzeug

Lektüretipps

  • Wolfgang Schivelbusch: Geschichte der Eisenbahnreise. Zur Industrialisierung von Raum und Zeit im 19.Jahrhundert. Fischer (Tb.), Frankfurt 2000
  • Gabriele M. Knoll; Kulturgeschichte des Reisens. Von der Pilgerfahrt zum Badeurlaub. Stuttgart 2005. 160 Seiten, 120 Abb. meist in Farbe, geb.
"Der reich bebilderte Band gibt einen informativen und unterhaltsamen Überblick über rund 600 Jahre Kulturgeschichte des Reisens. Die Darstellung beginnt im Mittelalter und reicht von der Pilgerreise über die Geschäftsreise und die Kavalierstour im 18. Jahrhundert bis zum Pauschalurlaub. Historische Reiseziele und Hotelbauten werden ebenso berücksichtigt wie die Entwicklung neuer Verkehrsmittel, die Reisen in weit entfernte Länder erst möglich machten. Nicht zuletzt kommen berühmte Reisende zu Wort, von Goethe bis zu Charles de Gaulle."
Rezension dazu: www.sehepunkte.de
  • Philipp Prein: Bürgerliches Reisen im 19. Jahrhundert. Freizeit, Kommunikation und soziale Grenzen (= Kulturgeschichtliche Perspektiven; Bd. 3), Münster / Hamburg / Berlin / London: LIT 2005, 297 S.
"Wenn jemand eine Reise tut, | So kann er was verzählen". Mit diesen Versen beginnt Mathias Claudius sein 1786 erschienenes Gedicht "Urians Reise um die Welt". Im 19. Jahrhundert bekam das Verspaar Flügel, da die dialogische Struktur des Liedes im Sprichwort auf den inneren Zusammenhang von Reise und Erzählung zugespitzt, das Selbstverständnis bürgerlichen Reisens in kongenialer Weise spiegelte. Kaum ein anderes Medium ermöglichte die Verständigung über soziale und nationale Zugehörigkeit so wie der Reisebericht. In ihm konnte gleichermaßen Fremd- und Selbsterfahrung, historische Tiefe und soziale Distinktion zur Sprache gebracht und vergleichend verhandelt werden. Nicht die Mitteilung etwaiger Neuigkeiten dominiert daher die Reiseberichte des 19. Jahrhunderts, sondern die diskursive Verständigung über Erlebnisse und Eindrücke steuert Auswahl und Darstellung. [...]
Die Hauptthese der Studie, nach der Reisen im Sinne eines rite de passage Alltagsroutinen vorübergehend außer Kraft setzte und dadurch einen Gegen-Alltag schaffte, wird im dritten Kapitel diskutiert. Die Imagination eines Gegen-Alltags wurde, wie Prein überzeugend ausführt, nicht erst durch den Exotismus einer Weltreise ermöglicht, sondern auch durch spielerische, sportliche oder religiöse Praktiken auf kleineren Ausflügen. Prein zeigt, wie sich die unterschiedlichen Typen etwa der Bildungs- und Bäderreise oder der Städtetour und der Alpenbesteigung unter dem gemeinsamen Aspekt der Suche nach Alltagsalternativen integrieren lassen." (Aus der Besprechung in www.sehepunkte.de)

Linktipps

"Schon lange gehen die Menschen auf Reisen – ob mit dem Flugzeug, dem Auto, der Bahn, per Schiff, in der Kutsche, hoch zu Ross, oder ganz einfach auf Schusters Rappen. Im Laufe der Jahrhunderte haben sich die Geschwindigkeit und der Komfort beim Reisen extrem verändert. Waren sie im Mittelalter meist religiös oder wirtschaftlich motiviert, gilt uns heute die Urlaubszeit, wenn möglich mit einer Reise verbunden, als die schönste Zeit des Jahres."
Reisen im Mittelalter - Bildungsreisen - Luxusreisen - Reisen im 20. Jahrhundert - Reisen heute - Günstig und Online (www.planet-wissen.de)
Jäger und Sammler - Immer unterwegs | Nomaden - Die Weiden sind das Ziel | Die Reisen der Seßhaften | Pilgerfahrten | Fahrendes Volk | Auf der Walz | Straße als Ghetto
Die Hexe auf dem Zaun zwischen Wildnis und Zivilisation | Wandern - Die kultivierte Fußreise (www.reisegeschichte.de)
"Der Weg ist das Ziel. Unter diesem Motto lässt sich die Philosophie der Kreuzfahrt zusammenfassen. Es geht um das Erlebnis Schiff, darum, den Wind und die Wellen zu spüren, an Bord jede Annehmlichkeit zu genießen und dennoch die entlegensten Ziele des Erdballs zu erreichen. Getrieben von Reiselust und Fernweh bestiegen die ersten Kreuzfahrer vor über einhundert Jahren das Deck eines Luxusliners." (www.planet-wissen.de)
"So wird zunächst die Postkutsche mit dem Reisebus verglichen. Daraufhin werden die ersten Reisen mit der Eisenbahn der heutigen Eisenbahn gegenübergestellt, ebenso verhält es sich mit der ersten Reise mit einem Auto und der Autoreise im 20./21. Jahrhundert. Den Schluss bildet der Vergleich von Dampfschifffahrt und Luxus-Kreuzfahrt. Eine umfassende Beschreibung der Kulturgeschichte des Reisens unter den Oberbegriffen Lust und Leid würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen und so sind lediglich einzelne, aber durchaus aussagekräftige Beispiele gewählt worden. Die Vorgehensweise ist der Vergleich von Reisemitteln, die sich durch die Technik verändert haben und somit auch das Unterwegsein der Menschen beeinflusst haben."
"Von der zeithistorischen Forschung wurde die Tourismusgeschichte bislang eher stiefmütterlich behandelt, obwohl der Tourismus insbesondere ein wirtschaftlich höchst relevantes Phänomen ist. Unser Autor Rüdiger Hachtmann geht in seinem Beitrag dem vielschichtigen Phänomen „Tourismus” als Begriff und Forschungsgegenstand nach und behandelt die verschiedenen Formen und Phasen des modernen Tourismus. Außerdem diskutiert er die wichtigsten Vorschläge zu einer Theorie des Tourismus und benennt die methodischen Probleme, die seiner historischen Aufarbeitung im Wege stehen."
"Vom wandernden Handwerksgesellen bis zum Computerspezialisten, vom Pilger zum Pauschaltouristen – Europa war und ist ein Kontinent in Bewegung. Im Mittelpunkt dieses Themenstrangs stehen zwei Gruppen, die im ständigen Kontakt mit dem Fremden mehr als nur eine punktuell oder individuell wirksame Mittlerrolle in Kulturtransferprozessen innehatten, nämlich Migranten und Reisende. Ob bewusst oder unbewusst, diese Migranten und Reisenden transportierten immer etwas mehr als das offensichtlich zu Erwartende, seien es Waren, Nachrichten, Essgewohnheiten oder Ideen. Häufig waren sie auch über den bloßen Transport hinaus an Transferprozessen beteiligt. Indem sie eigene Erfahrungen und Deutungen einbrachten, erweiterten oder beschnitten sie die Inhalte (Objekte, Diskurse oder Praktiken) des Transfers. Der Themenstrang stellt die verschiedenen historischen Formen der Grenzüberschreitung und die mobilen Mittler vor, die Transferprozesse anstießen, weitertrugen oder auch blockierten."
Inhalte:
  • Kavalierstour – Bildungsreise – Grand Tour: Reisen, Bildung und Wissenserwerb in der Frühen Neuzeit
"Im Mittelpunkt der folgenden Ausführungen stehen Reisen zum Bildungs- und Wissenserwerb, wie sie im Europa der Frühen Neuzeit in adeligen und bürgerlichen Spitzenfamilien verbreitet waren. Diese Rundreisen durch Italien, Frankreich, die Niederlande, England und eine Reihe weiterer Länder werden in der Forschung als Kavalierstour, Bildungsreise und Grand Tour diskutiert.
  • Geschichte des Tourismus: Strukturen auf dem Weg zur Moderne"
"der vorliegende Beitrag ... nimmt sich vor, wichtige Strukturen, Prozesse, Typen und Trends des Tourismus vor dem Hintergrund historischer Entwicklungen im Überblick zu präsentieren. Dabei werden frühe Reiseformen in der Antike ebenso behandelt wie jene des Mittelalters, Vorläufer des modernen Tourismus und Bildungsreisen ebenso erfasst wie die bürgerliche Reisekultur. Ihnen folgen ein massentouristischer Aufschwung im 19. Jahrhundert und eine einmalige Tourismusexpansion ab den 1960er Jahren mit neuen Urlaubsstilen und Erlebniswelten, auch im Zeichen der Globalisierung."
  • Christliche Konfessionsmigration
  • Jüdische Migration
  • Arbeitsmigration, Wirtschaftsmigration
  • Politische Migration (Exil)

Siehe auch