Großstadtlyrik des Expressionismus

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Ernst Ludwig Kirchner – Nollendorfplatz 1912

Als Großstadtlyrik kann Lyrik bezeichnet werden, die das Leben in einer Großstadt zum Thema nimmt oder davon geprägt ist.

Inhaltsverzeichnis

Gedichte

Paul Boldt - Auf der Terrasse des Café Josty

Paul Hoeniger: Im Café Josty, 1890
Paul Hoeniger: Im Café Josty, 1890
Grand-Hotel Bellevue am Potsdamer Platz, 1903

Das Café Josty war zu Beginn des 20. Jahrhundert mit seiner Aussicht auf den verkehrsreichen Potsdamer Platz ein wichtiger Treffpunkt für Künstler, besonders des Expressionismus und der Neuen Sachlichkeit. Sie zog vor allem die Dynamik des Platzes und seine Modernität an. Paul Boldt verewigte den Blick aus dem Café in einem 1912 veröffentlichten Sonett wie folgt:[1]

Auf der Terrasse des Café Josty (1912)

Der Potsdamer Platz in ewigem Gebrüll
Vergletschert alle hallenden Lawinen
Der Straßentrakte: Trams auf Eisenschienen,
Automobile und den Menschenmüll.

5
Die Menschen rinnen über den Asphalt,

Ameisenemsig, wie Eidechsen flink.
Stirne und Hände, von Gedanken blink,
Schwimmen wie Sonnenlicht durch dunklen Wald.

Nachtregen hüllt den Platz in eine Höhle,

10
Wo Fledermäuse, weiß, mit Flügeln schlagen

Und lila Quallen liegen - bunte Öle;

Die mehren sich, zerschnitten von den Wagen. –
Aufspritzt Berlin, des Tages glitzernd Nest,
Vom Rauch der Nacht wie Eiter einer Pest.


Café Josty#20. JahrhundertWikipedia-logo.png, 22.01.2011

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Georg Heym - Berlin III

Berlin III (1911)

Schornsteine stehn in großem Zwischenraum
im Wintertag, und tragen seine Last,
des schwarzen Himmels dunkelnden Palast.
Wie goldne Stufe brennt sein niedrer Saum.

5
Fern zwischen kahlen Bäumen, manchem Haus,

Zäunen und Schuppen, wo die Weltstadt ebbt,
und auf vereisten Schienen mühsam schleppt
Ein langer Güterzug sich schwer hinaus.

Ein Armenkirchhof ragt, schwarz, Stein an Stein,

10
die Toten schaun den roten Untergang

aus ihrem Loch. Er schmeckt wie starker Wein.

Sie sitzen strickend an der Wand entlang,
Mützen aus Ruß dem nackten Schläfenbein,
zur Marseillaise, dem alten Sturmgesang.


Kerber-net.de, 22.01.2011

Georg Heym - Der Gott der Stadt

Entstanden 1910, veröffentlicht 1911

DER GOTT DER STADT (1910)

Auf einem Häuserblocke sitzt er breit.
Die Winde lagern schwarz um seine Stirn.
Er schaut voll Wut, wo fern in Einsamkeit
Die letzten Häuser in das Land verirrn.

5
Vom Abend glänzt der rote Bauch dem Baal,

Die großen Städte knieen um ihn her.
Der Kirchenglocken ungeheure Zahl
Wogt auf zu ihm aus schwarzer Türme Meer.

Wie Korybanten-Tanz dröhnt die Musik

10
Der Millionen durch die Straßen laut.

Der Schlote Rauch, die Wolken der Fabrik
Ziehn auf zu ihm, wie Duft von Weihrauch blaut.

Das Wetter schwält in seinen Augenbrauen.
Der dunkle Abend wird in Nacht betäubt.

15
Die Stürme flattern, die wie Geier schauen

Von seinem Haupthaar, das im Zorne sträubt.

Er streckt ins Dunkel seine Fleischerfaust.
Er schüttelt sie. Ein Meer von Feuer jagt
Durch eine Straße. Und der Glutqualm braust

20
Und frißt sie auf, bis spät der Morgen tagt.

http://de.wikisource.org/wiki/Der_Gott_der_Stadt Text - bei Wikisource; 22.01.2011

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Georg Heym - Die Stadt

Die Stadt (1911)

Sehr weit ist diese Nacht. Und Wolkenschein
Zerreißet vor des Mondes Untergang.
Und tausend Fenster stehn die Nacht entlang
Und blinzeln mit den Lidern, rot und klein.

5
Wie Aderwerk gehn Straßen durch die Stadt,

Unzählig Menschen schwemmen aus und ein.
Und ewig stumpfer Ton von stumpfem Sein
Eintönig kommt heraus in Stille matt.

Gebären, Tod, gewirktes Einerlei,

10
Lallen der Wehen, langer Sterbeschrei,

Im blinden Wechsel geht es dumpf vorbei.

Und Schein und Feuer, Fackeln rot und Brand,
Die drohn im Weiten mit gezückter Hand
Und scheinen hoch von dunkler Wolkenwand.


http://de.wikisource.org/wiki/Die_Stadt_(Heym) Text - bei Wikisource; 22.01.2011

Alfred Wolfenstein - Städter

Städter (1914)

Dicht wie Löcher eines Siebes stehn
Fenster beieinander, drängend fassen
Häuser sich so dicht an, daß die Straßen
Grau geschwollen wie Gewürgte stehn.

5
Ineinander dicht hineingehakt

Sitzen in den Trams die zwei Fassaden
Leute, wo die Blicke eng ausladen
Und Begierde ineinander ragt.

Unsre Wände sind so dünn wie Haut,

10
Daß ein jeder teilnimmt, wenn ich weine.

Flüstern dringt hinüber wie Gegröhle:

Und wie stumm in abgeschlossner Höhle
Unberührt und ungeschaut
Steht doch jeder fern und fühlt: alleine.


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Paul Zech - Fabrikstraße tags

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(Weitere) Stadtgedichte im Expressionismus

Zahlreiche bekannte Gedichte des Expressionismus thematisieren die Stadt bzw. das Leben in einer Stadt.

Stadt in der Malerei des Expressionismus

Nuvola apps edu miscellaneous.png   Unterrichtsidee
Darstellung der Stadt in der Malerei und in der Lyrik des Impressionismus
Stift.gif   Aufgabe
  1. Beschreibe eines der hier zu sehenden oder verlinkten Bilder.[2]
    1. Was siehst Du? Was wird dargestellt?
    2. Welche Stimmung und welche Aussage über die Stadt vermittelt das Bild?
    3. Nenne auch die verwendeten Stilmittel (Perspektive, Farben, Aufbau ...).
  2. Vergleiche die Aussage des von Dir analysierten Bildes mit der Aussage in einem der gleichzeitigen Großstadtgedichte.

Stadt um 1900

→ Stadt um 1900

Webquest

Unterrichtshilfen

  • Klaus Lill, Großstadtlyrik des Expressionismus. Reihe "du-selbst. Selbstgesteuertes Lernen im Deutschunterricht". Paderborn, Schöningh Verlag, 2007. ISBN 978-3-14-022230-3
Noia 64 apps kontour.png   Meinung

Das Heft "Großstadtlyrik des Expressionismus" von Klaus Lill in der Reihe "du:selbst" (ISBN 978-3-14-022230-3) enthält eine Reihenplanung zum Thema, die als Lernzirkel (Stationenlernen) angelegt ist. Die dafür vorgesehenen Materialien (Texte und Arbeitsaufträge) stehen im DIN-A4-Format als Kopiervorlagen zur Verfügung und sind auch gut in anderen unterrichtlichen Kontexten einsetzbar. - Die ergänzenden Lehrerinformationen geben in konzentrierter Form hilfreiche Zusatzinformationen. --Karl Kirst 21:34, 22. Jan. 2011 (UTC)


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Literatur

  • Wende, Waltraud (Hg.): Großstadtlyrik. Stuttgart : Reclam, 1999. (Universal-Bibliothek ; 9639) ISBN 3-15-009639-1

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Einzelnachweise

  1. nach: Café_Josty#20._JahrhundertWikipedia-logo.png, gesehen: 22.01.2011
  2. Diese Aufgabe lehnt sich an an eine Aufgabenstellung in: Klaus Lill, Großstadtlyrik des Expressionismus. Schöningh Verlag. ISBN 978-3-14-022230-3. S. 32: Station5, Malerei im Expressionismus

Siehe auch