Christus: Unterschied zwischen den Versionen

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Version vom 3. Oktober 2010, 17:20 Uhr

Inhaltsverzeichnis

Held und Erlöser

Gerd Theißen [1] hat herausgearbeitet, dass das Christentum als Religion sich durch zwei Axiome kennzeichnen und von anderen Religionen unterscheiden lässt:

  • Das Christentum ist - wie Judentum und Islam – eine monotheistische Religion.
  • Das Christentum ist – anders als das Judentum – eine Erlöserreligion.

Der Monotheismus – die Verehrung eines einzigen Gottes – ist mehrfach in der Geschichte entwickelt worden. Auch die griechischen Philosophen vor Sokrates – Thales von Milet, Heraklit von Ephesos, Demokritos von Abdera und andere – versuchten im 6. Jahrhundert v. Chr. das All in einer Weise zu verstehen, die in sich logisch sein sollte. Dabei kamen sie mit logischen Schlussfolgerungen zu dem Gedanken, dass es nur ein höchstes Wesen geben könne, in dem alles, was ist, seinen Ursprung habe.

Die Motivation der biblischen Propheten von Elija und Amos bis Jesaia und Jeremiah, die die Verehrung des einen Gottes JHWH auf Kosten aller anderen Götterwesen fordern, war ethisch: JHWH steht für Gerechtigkeit, vor allem Gerechtigkeit für die Schwachen. Die Heldengeschichten der Völker und der Erlösungsbetrieb am Tempel werden abgelehnt. In der Tora und vor allem in den Büchern der Geschichte kommen wohl Heldengeschichten vor:

  • Dawid besiegt den Riesen Goliath. (1 Samuel 17)
  • Der Richter/Retter Gideon besiegt die Übermacht der Midianiter. (Richter 6-8)

Aber insgesamt ist die Bibel kein Heldenepos, selbst Moses, Führer in die Freiheit und Gesetzgeber, wird von Gott für seine Aufsässigkeit bestraft. (Deuteronomium 32,48-52)

Nun sind Menschen von Heldengeschichten fasziniert. Die wenigsten Epen, Theaterstücke, Romane, Opern oder Filme kommen ohne einen Helden aus. Joseph Campbell [2] ist der Frage nachgegangen, wie die gängigen Motive der Heldengeschichte mit unseren psychischen uns sozialen Wünschen und Sehnsüchten korrespondieren. Die nachfolgende Tabelle ist aus der Auseinandersetzung mit seinem Werk, das bei vielen Hollywoodregisseuren auf dem Schreibtisch liegen dürfte, hervorgegangen:

Mythen Biografische Themen Soziale Themen Riten
Betreten der Gefahrenzone

Entscheidender Verlust

Abschluss der Lehre

Ablösung von der Herkunftsfamilie

Pubertät

Entdeckung des Ich

Gesellschaftliche Rolle finden Katechese

Initiation

Namengebung

Entdeckung der höheren Herkunft Ignoranz der anderen

Weg des Helden als normaler Entwicklungsschritt

Begabung

Bestehen im Wettbewerb

Salbung
Drachenkampf Schwarzweißprojektion

Entdeckung des Bösen

Macht Dämonenvertreibung
Unerhörte Grausamkeiten Auseinandersetzung mit der Angst

Erfahren der Härte des Lebens

Abschreckung Initiationsprüfung

Opfer

Verklärung (Apotheose)

Der Held redet mit den Tieren

Hochzeit

Wiedergewinnen der Geborgenheit an der Mutterbrust

Frieden

Wohlstand

Reichtum

Neueinkleidung

Hochzeit

Speise der Unsterblichkeit

Jungbrunnen

Paradies

Tod, erträumte Rückkehr in den Uterus Utopie und

Vision mit politischer Wirkung

Heilige Mahlzeit

Das Christentum behauptet nun,

  • dass Jesus von Nazaret, der Messias (Christos) im Sinne des Judentums, der Retter (Soter, Salvator) der Welt ist, der Erlöser eines jeden einzelnen, der einzige Held, der diesen Namen verdient.
  • dass von Jesus Christus her bestimmt werden muss, welches Heldentum übetrhaupt sinnvoll und anstrebenswert ist,
  • dass schließlich Jesu Erlöserrolle nur aufgrund seiner einzigartigen Beziehung zu dem einen Gott - er ist der Sohn Gottes - möglich ist.

Es entstehen zwei Fragen, die uns zögern lassen, uns für den Erlöser Jesus zu öffnen:

  • Ein Anhänger der homerischen Mythen oder anderer mythischer Vorstellungen von helden könnte fragen: Wie kann man die Erlösereigenschaften Christi – Geburt von der Jungfrau, Tauf-Initiation in seine ungewöhnliche Rolle, Wunder, Auferstehung, Himmelfahrt – bei ihm für wahr nehmen, ganz ähnliche Geschichten anderer Heldenfiguren aber als „Mythen und Märchen“ (2 Petrus 1,16) abtun?
  • Ein Jude oder Muslim könnte fragen: Was haben Jesus und die von ihm Beauftragten den anderen voraus? Nimmt die Idee eines Erlösers nicht gerade die Leistung der prophetischen Protestreligion wieder zurück, die darin bestanden hatte, dem faktischen Machthaber (ebenso wie anderen Menschen, zum Beispiel "Priester" und Künstler) den gestohlenen übernatürlichen Glanz zu nehmen und ihn auf seinen "Job" festzulegen, nämlich Gerechtigkeit zu üben?

Mit diesen Fragen hat sich die Kirche seit den Tagen des Paulus auseinandergesetzt, und es ist eine Hauptaufgabe der Religionsunterrichtes, die Schülerinnen und Schüler mit ihnen zu konfrontieren.

Grenzbegriffe

Was lässt sich überhaupt mit Begriffen begreifen und wie und warum? – Dabei geht es offenbar sehr unterschiedlich zu, je nachdem man es mit einer Natur- oder Geisteswissenschaft zu tun hat; immer aber geht dem Begriff die normale gesprochene Alltagssprache voraus, die in der Wolle gefärbt metaphorisch ist. Wenn nun ein alltägliches Bildwort – Verstand, Intelligenz – zum Begriff wird, dann bedeutet das nichts anderes als dass seine Benutzung geregelt – definiert - wird. Zum Beispiel sieht die Definition des Begriffs Intelligenz bestimmte Testverfahren vor, deren Ergebnis in einer Zahl ausgedrückt werden kann, dem Intelligenz-Quotienten.

  • Naturwissenschaftliche Begriffe sind formal, es sind Elemente einer mathematischen Sprache, die eindeutige Entscheidungen hinsichtlich der Objekte und der richtigen Resultate von Berechnungen ermöglicht.
  • Philologische und historische Begriffe sind ebenfalls in wissenschaftlichen Bezugssystemen eindeutig definiert, aber nicht Elemente von Berechenbarkeit. Denn das Verhalten der Menschen in der Geschichte und in der Sprache ist vieldeutig, man kann es nicht vorausberechnen oder in formale Gleichungen auflösen.
  • Philosophische Begriffe sind ihrer Natur nach perspektivisch. Von einem „Ansatz“ her bekommt man immer nur eine Seite der Wirklichkeit in den Blick. Zwar versuchen Philosophen immer wieder einen Blickpunkt einzunehmen, von dem aus sie die Blickpunkte der Philosophenkollegen „überblicken“ können; es gibt dabei sogar „Fortschritte“, aber einen Überblick über das Ganze, über Gott und die Welt, gibt es nicht und kann es nicht geben.

Alle Begriffe, von denen bis hier die Rede war – die normalen Begriffe – benennen Erfahrungen, die Menschen wirklich machen oder sich wenigstens ausdenken können. Es gibt aber noch andere: Mit Hilfe von Grenzbegriffen sind wir nämlich in der Lage, etwas zu bezeichnen, was wir noch nie in irgendeiner Form erlebt haben und uns daran als Idee, als Zielvorgabe zu orienieren.

Ein Beispiel dafür ist Gesundheit. Die Weltgesundheitsorganisation definierte 1946 in ihrer Charta: Gesundheit ist der Zustand vollständigen körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens und nicht allein das Fehlen von Krankheiten und Gebrechen. [3] Man kann es ausprobieren: Niemals wird man umfassendes Wohlbefinden an sich feststellen, schon die Suche nach Einschränkungen des vollständigen körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens vertreibt das uneingeschränkte Wohlbefinden. Unser Empfinden ist dem Wohlfühlen am nächsten, wenn wir unsere Aufmerksamkeit nicht darauf richten, sondern uns mit etwas anderem beschäftigen.


Ähnliches gilt von den anderen Grenzbegriffen der nachfolgenden Liste, die keineswegs vollständig ist.

Grenzbegriffe

...im guten Sinne ...und die Störungen bei ihrem Fehlen
Wohlbefinden

Gesundheit

Schmerz

Todesgefahr

Gerechtigkeit Willkür
Sicherheit

Geborgenheit

Angst
Frieden Hass
Ordnung Chaos
Ruhe Lärm

Stress

Selbstverwirklichung Fremdbestimmung
Summe: Heil Nichtigkeit

Die in der Tabelle benannten Grenzbegriffe bezeichnen Werte, von denen wir träumen und nach denen wir uns sehnen; aber wir können das nicht einfach auch sein lassen. Denn diese Werte haben orientierende Kraft. Dabei kann man die Gerechtigkeit der Geborgenheit vor- oder nachordnen, die Sicherheit über das Wohlbefinden stellen oder umgehkehrt: Entscheidend ist, dass Ideen vorhanden sind, denn sonst laufen wir orentierungslos durch die Wüste des Lebens.

Auch der Zusammenhang der Grenzbegriffe zu den Heldengeschichten, zu all den Romanen, Theaterstücken und Filmen, ist kaum zu übersehen. Es ist die Prämisse, die jede gute Geschichte mit "ihrem" Grenzbegriff verknüpft. James Frey [4] sagt dazu:

Hat jede spannende Geschichte ihre Prämisse? Ja. Eine und nur eine Prämisse? Ja.

Und daraus ergibt sich auch die zentrale Anweisung zur Figurenkonstruktion:

Im Zentrum der Figur: Die beherrschende Leidenschaft

Und dabei geht es um Leidenschaft für Liebe, Ruhm, Reichtum, Gesundheit, Gerechtigkeit, Sieg. Davon erzählen Schnulzen und Groschenkrimis genauso wie die großen Werke der Weltliteratur, und Theater und Film machen nichts anderes.

Die Entwicklung zum Glaubensbekenntnis

Auferstehung als "Urknall" des Christentums

Die Auferstehung Jesu ist der Urknall des Christentums.[5]

Wir wissen nahezu nichts von Jesus, was nicht durch die österliche Erfahrung eingefärbt ist. Die Metapher "Urknall" bezeichnet höchst präzise, was die österliche Erfahrung ist: Sie kann nicht als historisches Ereígnis, nicht als persönliches Erlebnis begriffen werden wie auch der Urknall nicht als physikalischer Prozess verstanden werden kann, sondern nur ihre Wirkungen lassen darauf zurückschließen, dass sie durch ein gewaltige Erlebnisse verursacht worden sein müssen. So wird auch der Urknall durch Zurückberechnen aus den erforschbaren Vorgängen im weltall erschlossen. Psychologische Erklärungshypothesen - etwa der Auferstehungsglaube sei eine Form der "Trauerarbeit" gewesen - können nicht über den zwingenden Schluss auf ein Urereignis hinwegtäuschen. Das kann man gut an einer Geschichte aus dem Johannesevangelium zeigen:

Simon Petrus, Thomas, genannt Didymus (Zwilling), Natanaël aus Kana in Galiläa, die Söhne des Zebedäus und zwei andere von seinen Jüngern waren zusammen. Simon Petrus sagte zu ihnen: Ich gehe fischen. Sie sagten zu ihm: Wir kommen auch mit. Sie gingen hinaus und stiegen in das Boot. [Johannes 21,3-4]

So schrecklich der Tod Jesu gewesen ist, es war auch eine Erleichterung. Ein Verstorbener beansprucht die Seinen nicht mehr in dem Maß wie ein Lebender. Die Jünger sind jetzt nicht mehr genötigt, sich mit den schwer vermittelbaren Forderungen der Begrpredigt auseinanderzusetzen, zu zweit aufzubrechen um den Armen das Reich Gottes zuzusagen. Sie machen jetzt das, was sie gelernt haben und können: Petrus geht fischen, und die anderen finden das eine gute Idee und machen mit. Dieses Verharren im Gewohnten durchbricht die Erfahrung der Auferstehung nachhaltig.

Die Schüler Jesu sind jetzt herausgefordert, die Anliegen Jesu weiter zu verfolgen - und zwar unabhängig, ohne Hilfe des Meisters. Wenige Jahrzehnte später gibt es nicht nur das Zusammenleben der Gemeinde Jesu und die mündliche Weitergabe seiner Botschaft und der Geschichten über ihn, sondern nachweislich auch schriftliche Aufzeichnungen, die zu Vorstufen der griechischen Bibel wurden.

Eine Kernfrage des Neuen Testamentes lautet: Was hat sich durch das Auftreten, den Tod und die Auferstehung Jesu eigentlich verändert. Die Antwort ist nicht einmal, sondern vielfach gegeben worden. Ein oft gebrauchter Begriff ist die Rechtfertigung; unter dieser Überschrift ist daher den verschiedenen neutestamentlichen Erlösungsmodellen ein eigener Artikel gewidmet.

Namen für Jesus

Schon im Neuen Testament werden die wichtigsten Namen, die in der Geschichte des Christentums zentrale Bedeutung erlangt haben, auf den Erlöser angewendet:

Griechisches und christliches Denken

Christus im Bild

Anmerkungen

  1. Gerd Theißen: Zur Bibel motivieren, Gütersloh 2003
  2. Joseph Campbell: Der Heros in tausend Gestalten (1948) tb Ausgabe dt. Frankfurt 1999
  3. Quelle: http://www.dhmd.de/forum-wissenschaft/fachtagung03/richter_vg.htm
  4. James Frey: Wie man einen verdammt guten Roman schreibt, (1987), dt. Köthen 1996, Zitate auf S. 75 und S. 33
  5. Das sagte der Gießener Rligionspädagoge Franz-Josef Bäumer auf einer Tagung der religionspädagogischen Arbeitsgemeinschaft Gießen am 30. März 2006