Ut de Franzosentid

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Ut de Franzosentid schildert die Verhältnisse in einer mecklenburgischen Kleinstadt 1813 kurz vor dem Ende der französischen Besetzung, die durch Napoleons Sieg bei Jena und Auerstädt möglich wurde. Es ist Fritz Reuters erste größere Arbeit auf Plattdeutsch und bedeutete seinen Durchbruch als Schriftsteller.

Inhaltsverzeichnis

Textbeispiele

Müller Voß muss kurzfristig Geld beschaffen und weiß nicht aus noch ein

Eines Dags – 't was in de Tid, as dat Takeltüg, de Franzosen, ut Rußland t'rügg kamen wiren un as sick dat all bi uns so rögen würd – kloppt wer an den Herrn Amtshauptmann sin Stuw'. »Herein!« rep de oll Herr, un rinne kamm oll Möller Voß ut Gielow, mit't verkihrt En'n tauirst, un makt en Diner, de hellsch dwaslings rute kamm, as müßt bei den Herrn Amtshauptmann vör allen Dingen irst wisen, von wat för 'ne Ort Tüg sin Hosenbodden makt wir. »Gun Dag, Herr Amtshauptmann!« säd hei. »Gun Morrn, min leiw' Möller!« säd de oll Herr. – Na, wenn sei sick ok verschiedene Dagstid böden, so hadden sei doch, jedwerein up sin Ort, recht, denn de Möller stunn des Morgens Klock vir up, un bi em was 't Nahmiddagstid, un bi den Herrn Amtshauptmann was't tidig an'n Morgen, denn hei stunn Klock elwen up. – »Wat wull Hei, min leiw' Möller?« – Denn dunn würden de Möllers noch »Hei« heiten. – »Je, Herr Amtshauptmann, ick kam tau Sei in 'ne grote Sak. Ick wull Sei man mellen, ick wull nu ok Pankerott spelen.« – »Wat wull Hei, min leiw' Möller?« – »Pankerott spelen, Herr Amtshauptmann.« – »Hm, hm!« brummt de oll Herr, »das ist ja eine verzweifelte Sache«, un riwwt sick den Kopp un geiht in de Stuw' up un dal. »Wo lang' wahnt Hei all in dat Stemhäger Amt?« – »Taukamen Jehanni warden't dreiundörtig Johr.« – »Hm, hm«, brummt de Herr Amtshauptmann wider, »un wo olt is Hei, Möller?« – »In'n Arwtaust warden't fiwunsößtig Johr, känen mäglich ok sößunsößtig sin, denn wat uns' oll Paster Hammersmidt was, de was nich sihr för de Kirchenbäuker un för Schriwen äwerall nich, un de Fru Pastern, de dat Anschriwen besorgen ded – leiwer Gott, sei hadd ok süs ehr Last –, de let dat ümmer up en drei Johr ansummen, dormit dat sick de Schriweri ok lohnen ded, un gung denn eins 's Nahmiddags dörch dat Dörp un schrew de Gören an; äwer dat gung denn ümmer mihr nah de Grött un nah de Vülligkeit as nah't Öller, un min Moder säd ümmer, sei hadd mi 'n Johr in'n Schaden rekent, wil dat ick man en knendlich Kind west wir. – Äwer von fiwunsößtig bruk ick mi nicks afstriden tau laten, de bün ick wiß.« De oll Herr Amtshauptmann is währenddes in de Stuw up un dal gahn un hett mit halven Uhr tauhürt un steiht nu vör den Möller still un kickt em stiw in de Ogen rin un seggt barsch: »Möller Voß, denn is Hei vel tau olt tau Sin Vörnehmen.« – »Wo so denn?« fröggt de Möller ganz verdutzt. – »Pankerottmaken is en swer Geschäft, dor ward Hei in Sinen Öller nich mihr mit farig.« – »Meinen Sei, Herr Amtshauptmann?« – »Ja, dat mein ick. – Wi sünd dor beid tau olt tau, dat möt wi jung'n Lüd' äwerlaten. – Bedenk Hei mal, wat würden de Lüd' seggen, wenn ick Pankerott spelen wull? Sei würden seggen: de oll Amtshauptmann up den Sloß is nahrsch worden«, un läd em nahdrücklich de Hand up de Schuller, »un sei hadden recht, Möller Voß. Ne, wat denn?« – De Möller kickt sin Stäwelsnuten an un kratzt sick achter de Uhren: »Wohr is't, Herr!« – »Na«, fröggt de oll Herr un schüddelt den Möller so'n beten an de Schuller, »wo drückt Em denn de Schauh? Wat quält Em denn hauptsächlich?« – »Quälen, seggen Sei, Herr Amtshauptmann?« rep de Möller, un 't was, as hadd em 'ne Imm achter't Uhr steken, so kratzt bei. »Schinnen, Herr, süllen Sei seggen, schinnen! – De Jud', de verfluchtige Jud'! Un denn de Prinzeß, Herr Amtshauptmann, de verfluchtige Prinzeß!« – »Süht Hei, Möller, dat is ok en Hansbunkenstreich von Em, dat Hei sick in Sinen Öller in en Prozeß rin giwwt.«

Fritz Reuter: Ut de Franzosentid, 1. Kapitel

Wie Wein und Uniform vor Marodeuren retten

Der Amtshauptmann von Stavenhagen wird von Franzosen unter Waffen bedroht.

Un as hei noch so rute kickt ut dat Finster, dunn ward dat buten so lewig up den Hof, un säben französche Schassürs riden in't Dur rin, un de ein stiggt af un binnt sin Pird an de Klink von Mamsell Westphalen ehren Häuhnerstall un geiht stracks rinne nah den ollen Herrn sin Stuw' un fangt dor an, em wat vör tau ßackerieren un mit de Arm tau fuchteln, wobi de oll Herr ganz ruhig stahn bliwwt un em ankickt. – As dat äwer düller ward un de Franzos' de Plämp blank treckt, geiht de oll Herr an de Klingel un röppt nah Fritz Sahlmannen, wat sin Klafakter (Kalfaktorwas un de lopenden Geschäfte besorgen müßt, un hei seggt: »Fritz«, seggt hei, »lop runne nah den Herrn Burmeister, ob hei nich glik en beten kamen wull, denn min Latin wir wedder mal tau En'n.«

Un Fritz Sahlmann kümmt nu dal nah minen Vader un seggt: »Herr Burmeister, kamen S' fixing ruppe nah't Sloß; dat geiht süs allmeindag nich gaud!« – »Wat is 'e denn los?« fröggt min Oll. – »Up den Sloßhof hollen söß entfahmtige französche Spitzbauwen-Schassürs, un wat de Öbberst von ehr is, de is binnen bi den ollen Herrn un hett allen Respekt vergeten un hett blank treckt un fackelt em mit de nackte Plämp vör de Ogen, un de oll Herr steiht vör em steidel in En'n un rüppelt un rögt sick nich, denn hei versteiht so vel von't Französch as de Kauh von'n Sünndag.« – »Dat wir der Deuwel!« seggt min Oll un sprung up, denn hei was en kräsigen resolvierten Mann, un Furcht hadd hei nich so vel as dat Swart' unner'n Nagel, un lep up't Sloß.


Ut de Franzosentid

Bürgermeister Reuter setzt Wein ein, um den französischen Offizier von seinen Forderungen abzulenken. Da der Franzose aber trinkfester ist als seine mecklenburgischen Gegenüber, muss ein Bauer kommen, um ihm Bescheid zu geben, bis er nicht mehr Herr seiner Sinne ist.

»Je, Herr, ick kam noch mal in min Sak.« – »Dor is hüt kein Tid dortau«, seggt de oll Herr, »denn Hei süht woll, in wat för Ümstän'n wi uns befinnen.« – Un min Vader röppt: »Min leiw' Voß, kam Hei her un dau Hei en christlich Wark un legg Hei sick dwars vör den Franzosen in't Geschirr un nehm Hei'n mal tau Protokoll, äwer scharp.« – Un Möller Voß kickt minen Ollen an un kickt den Herrn Amtshauptmann an un denkt sin Deil as jenne Kuhnhahn un seggt tau sick: up so'n Gerichtsdag bün 'ck noch nich west, find't sick äwer licht in de Sak.

Min Vader geiht nu an den Herrn Amtshauptmann ran un seggt: »Herr Amtshauptmann, dit is uns' Mann, de ward mit em farig, ick kenn em.« – »Schön«, seggt de oll Herr, »min Herzenskindting, wo warden wi äwer mit de söß Kirls hir buten up den Sloßplatz farig?« – »Dit is man so'ne Marodür- und Ströper-Ban'n«, seggt min Oll, »laten S' mi man minen Willen, ick mak sei grugen«; un hei röppt Fritz Sahlmannen un seggt: »Fritz, min Sähn, gah hinnen dörch den Sloßgoren, dat di keiner süht, un lop nah den Uhrkenmaker Droz, un hei süll stantepeh sin Unneform antrecken mit de langen swarten Stifeletten un de Borenmütz un Obergewehr un Unnergewehr un süll sick dörch de lütt gräun Purt dörch den Goren sliken bet unner dat Eckfinster, un denn süll hei hausten.«


Ut de Franzosentid

Uhrmacher Droz hat noch eine französische Uniform aus seinen Tagen in Neuchâtel und kann daher den marodierenden Soldaten Angst einjagen.

Wat nu den Uhrkenmaker Droz anbedrapen deiht, so was hei von Geburt en Nöffschandeller, hadd vele Potentaten deint un ok de Franzosen un was nahsten in min Vaderstadt hacken blewen, indem dat hei 'ne Wittfru frigen ded. Sine französche Unneform hadd hei uphegt, un wenn hei des Abends in de Schummerstun'n tau'n Uhrenflicken nich mihr seihn kunn, denn treckt hei sick sin Mondierung an un gung ümmer in sin lütt Kamer up un dal; äwer in'n Horen, denn mit de Borenmütz gung't nich, de schrammt an'n Bähn. Un denn redte hei von »la grang Nationg« un »lö grang Amperör« un kommandierte dat ganze Batteljon un let rechts inswenken un links inhau'n, dat sick Fru un Kinner achter't Bedd verkröpen. Hei was äwer en gauden Mann un ded kein Kind wat, un Dags äwer lagg »la grang Nationg« in'n Kuffert, un hei flickte Uhren un puste un smerte sei un att meckelbörgsch Pölltüften un stippte sei in meckelbörgsch Speck.

Na, während des nu also de Uhrkenmaker sick de Stifeletten anknöpt un de Borenmütz upset't, satt Möller Voß mit den Franzosen tausam un let sick dat in den Herrn Amtshauptmannen sinen Rotwin sur warden, un de Franzos' stödd mit den Möller an un säd: »A Wuh!«, un de Möller namm denn sin Glas, drunk un säd: »Na nu!«, un denn stödd de Möller wedder mit den Franzosen an, un de Franzos' bedankte sick un säd: »Serwitör!«, un de Möller drunk denn ok un säd: »Sett en vör de Dör!«, un so redten sei französch mit enanner un drunken.


Ut de Franzosentid

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Textvorlage

Fritz Reuter: Ut de Franzosentid bei Wikisource