Wanderjahre in Italien: Unterschied zwischen den Versionen

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[[Ferdinand Gregorovius]] sammelte in seiner Schrift [http://gutenberg.spiegel.de/?id=5&xid=948&kapitel=1#gb_found ''Wanderjahre in Italien'']. 1856–1877. in ursprünglich fünf Bänden Aufsätze aus zwanzig Jahren (aktuelle Ausgabe: 5. Aufl. Beck, München 1997. ISBN 3-406-42803-7)
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== Aus der Campagna von Rom (1858) ==
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===Polenta===
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"Der Wein spannt die Nerventätigkeit an, aber er nährt nicht die Muskeln. Der Landmann trinkt ihn von der schlechtesten Art, einen Wein vom zweiten Aufguß; nun muß er Brot haben. Der Weizen ist zu kostbar; er pflanzt oder kauft die {{wpd|Polenta|Polenta}}, das Mehl des {{wpde|Mais|türkischen Korns}}. Wie in der Lombardei und in den Marken bedeckt die {{wpd|Campagna|Campgna}} von {{wpd|Latium |Latium}} die schöne Pflanze des orientalischen Korns, deren große goldgelbe Kolben die Natur wie ein köstliches Juwel zu betrachten scheint, denn sie hat dieselbe mit neunfacher Einhülle umwickelt. Alles Landvolk genießt die Polenta, entweder als Brei oder als Kuchen, Pizza genannt. Wenn ich jemand auf dem Wege fragte: Was hast du heute zum Frühstück gegessen?, so antwortete er: La pizza - was wirst du des Abends essen? La pizza. Ich habe sie selbst am Herde des Volkes gegessen. Man bereitet sie so: Der gelbe Mehlbrei wird zu einem Fladen geformt und dann auf einem platten Stein über Kohlenfeuer gebacken. Glühend heiß wird der Kuchen verschlungen. Die ganze Familie sitzt um ihn her und genießt in ihm ihre Mahlzeit. Abends gibt es einen Salat vom Felde mit Öl dazu, bisweilen eine Wassersuppe aus Zichorien und andern Kräutern oder Gemüsen bestehend. Oft fehlt das Öl, wie es in diesem Jahre fehlen wird, wo die Ölbäume, nachdem sie im verwichenen überreich getragen hatten, auch die geringste Frucht versagen - ein Bild menschlicher Tätigkeit, oder auch des Glücks und aller Freude, welche flutet und ebbt. Man kann sich denken, mit welcher Aufregung das Landvolk der Ernte des türkischen Korns entgegensieht. Am Ende des Julius wölbt sich der Kolben an der Pflanze, dann verlangt sie Regen. Es fiel keiner; eine glühend heiße Luft lag auf den Feldern.
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===Gebete um Regen===
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Das Volk geriet in Angst; man beschloß, den Himmel um Regen anzuflehen. Tägliche Prozessionen am Nachmittag; indem sie mich an die heidnischen Gebräuche erinnerten, an jene Rubigalischen Feste, an den Regenstein des alten Rom, den man auf der Via Appia umhertrug, an das «votisque vocabitis imbrem», konnte ich sie nicht ohne Erstaunen betrachten. Es ist wahrhaft befremdend, sich unter einem Volke zu befinden, welches noch in unserer Zeit den naiven Glauben hegt, daß die unerschütterlichen Gesetze der Natur durch Gebet und Geschrei um Gnade können aufgehoben, verändert oder beschleunigt werden. Jeden Abend zogen die Frauen Genazzanos durch den Ort, paarweise, mit ihren roten Kopftüchern, welche schleierartig herabfallen und stets getragen werden, wenn das Weib die Kirche betreten will; vor ihnen die Geistlichkeit mit einem Heiligenbild. Erreichten sie murmelnd und singend den Hauptplatz, so riefen sie mit einer an Raserei grenzenden Inbrunst drei- und mehrmal: «Grazie, Grazie, Maria!», und dieser Schrei, von hundert und aber hundert hellen Stimmen zugleich ausgestoßen, hallte in den Lüften wider. «Et Cererem clamore vocant in tecta» (bei Virgil). Jeden Tag ein anderer Heiliger: aber einer war tauber oder trockener als der andere. Meine Wirtin - sie war bis zu einem gewissen Grade aufgeklärt und besaß obendrein kein mit Mais bepflanztes Ackerland - sagte eines Abends, da wir am Tisch saßen und plötzlich vor unserer Türe jenes rasende Geschrei «Grazie, Grazie, Madonna!» erschallte: «Warum quälen sie doch die Heiligen im Himmel? Sie werden das so lange tun, bis sie böse werden und gar nicht regnen lassen!» Ich selbst war von dieser fieberhaften Aufregung angesteckt und wünschte sehnlich den Regen herbei; ja, ich besuchte die Maisfelder alle Tage; sie waren dem Verschmachten nahe. Endlich trug man Sankt Antonius von Padua in Prozession umher; indem man ihn nach jenem Kloster San Pio brachte, predigte ein Augustiner von der Treppe desselben, unter Fackelschein, während alles Volk die Straße bedeckte, und Zuhörer selbst auf die Bäume geklettert waren - eine sonderbare Szene: Der gestikulierende Mönch, das Heiligenbild, die schwarzen Kreuze, die weißen Soutanen der Chorknaben, die roten Schleier der Weiber, grelle Streiflichter der Fackeln, dunkle Bäume und die herrlichste Bläue über so mächtiger Landschaft,- und alles dies, um Regen vom Himmel herabzuziehen. Endlich bewölkte sich am dritten Tag der Himmel; es donnerte und ein tropischer Regen entstürzte mit heftiger Gewalt.
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Es scheint, daß die Götter oder die Heiligen, welche nun ihre Stelle vertreten, nichts schenken, ohne ein Opfer zu verlangen. So geschah es hier; mit dem Regen kam eine Wolkentromba, ein herrliches Phänomen, welches ich reitend beobachtete; es zog von den Volskergebirgen, blauschwarz, über das Tal, und indem es zerplatzte, verwüstete es durch Hagelgüsse einen Strich der Weinberge. Alle Nachmittage Gewitter, Wolkenbrüche, Donnerschläge und Blitze. Dann läutet man mit allen Kirchenglocken, aus Angst. Eines Tages bewegte sich der Ort, alles Volk strömte auf die Gassen; es hieß, vier Personen seien vom Blitz erschlagen worden. Das Gerücht bestätigte sich. Man brachte die Toten in ein Winzerhaus, wo die Polizei durch 24 Stunden lang Wache hielt. Am folgenden Tag stieg das wohllöbliche Gericht auf die Esel, der medichino, der kleine Doktor, und der Chirurg mit ihm, die Leichenschau zu vollziehen. Diese Toten waren zweifellos vom Blitz erschlagen worden. Gegen die Nacht holte man sie herein; sie lagen auf einem Karren, bedeckt mit schwarzen Teppichen; ihnen vorauf ging die Geistlichkeit mit Kerzen, und es begleitete sie die Totenbrüderschaft in schwarzen Mänteln, Windfackeln in den Händen. Der Anblick war ergreifend. Das Volk harrte draußen vor dem Tor. Als der feierliche Zug mit dem Gesang des Totenpsalms heraufkam und das Tor erreichte, streckten alle in unsäglicher Aufregung die Hände empor und stießen ein Klagegeheul aus, so wild, furchtbar und ängstigend, daß es auch das härteste Gemüt würde erschüttert haben. Die vom Blitz Erschlagenen werden nämlich mit Scheu betrachtet, als von Gott hingeraffte Wesen, von denen man nicht weiß, ob sie zur Verdammnis bestimmt seien. Da rissen sich Verwandte, Frauen und Kinder aus der Menge los; ein Weib rang in verzweifelter Anstrengung mit den Umstehenden, welche es festhielten, willens, sich auf die Bahre zu stürzen. Als nun die Leichen einzeln nach der Kirche gebracht wurden, wo sie auf dem Boden die Nacht durch liegen blieben, dieselben Szenen und dasselbe Klagegeschrei. Dies finstere Bild kann ich nicht mehr vergessen.
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Die Gefühle dieses Landvolks drücken sich in primitiver Weise aus, und vielfach sind die ältesten Naturzustände hier bestehengeblieben.
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===Verhältnis der Geschlechter zueinander===
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Auffallend war mir stets die fast an den Orient erinnernde Zurückhaltung beider Geschlechter von einander. Es gilt dort der Grundsatz: Männer haben mit Männern, Frauen mit Frauen zu verkehren. Man findet es lächerlich, wenn der Ehemann seine Frau am Arm führt, und das Mädchen hält seinen Ruf für gefährdet, wenn es von einem jungen Mann auf öffentlicher Straße angesprochen oder gar von ihm des Wegs begleitet wird. Dem Geliebten wird nur der «discorso» gestattet, das heißt das Zwiegespräch am Fenster oder an der Haustür, jenes alte Liebesgeschwätz, die «lenes sub noctem susurri» des Horaz. Man bringt Serenaden auf der Gitarre; und oft hörte ich Schäferständchen von Gesang und klagenden Tönen der Sackpfeife, welche des Nachts melodisch und trauervoll die Luft durchschweben. In schönen Weisen singt das Volk hier die einfachen, langausgedehnten {{wpde|Ritornell|Ritornelli}}, und es ist angenehm, im Weinberg Frage und Antwort zweier Liebenden zu hören, welche unermüdlich, wie die Zikaden des Sommers, sich singend zurufen.
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Man heiratet hier sehr früh, der junge Mann von 21 Jahren nimmt ein Weib, das oft nicht mehr als 15 Jahre zählt. Ein wirkliches Liebesverhältnis und Verkehr längerer Zeit (was man überall far amore nennt) ist eher bei dem gemeinen Manne als bei den wohlhabenden und höhern Ständen zu finden, wo die Heirat gewöhnlich ein Geschäft ist. Ich erlebte davon ein Beispiel. Ein junger Abbate von 21 Jahren, Sohn einer begüterten Familie des Orts, ging mit dem Gedanken um, in den weltlichen Stand zurückzutreten. Eines Tages kam ein Franziskanermönch von Civitella (die Franziskaner sind hier die Mittler in allen Familienangelegenheiten) zur Mutter desselben und sagte ihr: In dem Ort Pisciano befinde sich ein Mädchen von ungefähr achtundzwanzig Jahren, welches einen Mann suche: Es habe 1000 Skudi Mitgift und sei aus der besten Familie. Wenn nun sie, die Mutter, zu dieser Partie zustimme, möge sie den Sohn befragen. Der junge Mensch ging auf den Vorschlag ohne Besinnung ein; er setzte sich am folgenden Tag in seiner geistlichen Kleidung aufs Pferd und ritt nach dem Wohnort des Mädchens. Nach geschlossener Verlobung wurde der Schneider gerufen, aus dem geistlichen Rock einen weltlichen zu machen; die Schwester nähte in Eile ein Paar graue heiratsfähige, weltliche Hosen, und weil dem jungen Mann eine Weste fehlte, so schickte dessen Mutter in der Heimlichkeit zu mir, mich um eine solche für ihren Sohn zu ersuchen. Also ausgerüstet, präsentierte er sich zum zweitenmal seiner Braut in einem Winzerhaus, wo der Ehekontrakt gezeichnet wurde. Nach Verfluß von drei Wochen kam sie in einem Wagen angefahren, zwei große Säcke voll von Kupfermünzen mit sich führend, und die Trauung wurde auf der Stelle vollzogen. Der junge Ehemann hatte seine Lebensgefährtin vor dieser Zeit nur zweimal, und zwar nur auf Stunden, gesehen. Ein Stübchen im Hause der Eltern war dem Paar eingerichtet, oder vielmehr nur ein kolossales Ehebett darin aufgestellt worden, sonst aber hatte dieses Ereignis keine Veränderung hervorgebracht.
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===Ritual bei der Neuverheiratung eines Witwers===
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Ich will bei dieser Gelegenheit einer sonderbaren Sitte Latiums nicht vergessen. Eines Abends erhob sich auf dem Platz der Stadt ein fremdartiges, ohrenzerreißendes Getöse von allerhand nicht bestimmbaren Instrumenten; ich trat hinaus und fand die große wie die kleine Jugend [http://it.wikipedia.org/wiki/Genazzano Genazzanos] vor einem Hause versammelt, wo sie allem Anschein nach eine Katzenmusik darbrachte. Nie, selbst nicht auf deutschen Universitäten, hörte man eine genialer erfundene Disharmonie von Instrumenten. Denn diese stießen schauderhafte Töne aus der gewölbten Meermuschel, die aus dem Kuhhorn, jene klapperten mit Winzermessern, Spaten, eisernen Pfannen; dieser hielt ein Bündel von allerhand eisernen Dingen an einem Faden, welches er mächtig schüttelte, und jener rasselte über dem Straßenpflaster mit einer alten Kasserolle, die er im Halbkreis an einem Strick hin und her schleifte. Ihrer zehn oder zwölf läuteten mit Kuhglocken auf das allervergnüglichste. «Sagt», so fragte ich einen Herrn, welcher dem lärmenden Haufen lachend zuhörte, «was bedeutet dieses sonderbare Wesen?» «In dem Hause dort», so antwortete er, «wohnt ein Witwer, welcher eben geheiratet hat,- man bringt ihm die Scampanellata.» So heißt der ziemlich barbarische Gebrauch von dem Ausläuten der Kuhglocken. In ganz Latium herrscht diese alte Sitte, einem Ehepaar, dessen einer oder der andere Teil vorher verwitwet war, durch drei Abende vor dem Haus eine Katzenmusik zu bringen. Und so taten sie's dreimal in Genazzano, indem sie nach vollbrachtem infernalischem Spektakel durch den Ort zogen, voran auf einer Stange eine Kürbislaterne tragend; die Prozession setzte so ungestört durch alle Straßen diese höllische Musik fort, nicht anders, als zöge eine Schar Dämonen, die Nacht durchschwärmend, durch dieses friedliche Städtchen.
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Denn friedlich ist Genazzano wahrlich; seine Bewohner, sanftmütiger und auch abergläubischer als die Nachbarn, scheinen diese Gemütsart der Bedeutung der Stadt mit zu verdanken, welche ein so berühmter Wallfahrtsort ist, daß ihre reiche Kirche heute in Latium die Stelle des Tempels der Fortuna in {{wpde|Palestrina (Latium)|Präneste}} vertritt."
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(Text nach [http://gutenberg.spiegel.de/?id=5&xid=948&kapitel=1#gb_found Gutenberg.de F. Gregorovius: Wanderjahre in Italien], wo sich noch zweiunddreißig Aufsätze derselben Sammlung finden.)
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== Siehe auch ==
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* [[Italienreisen seit dem 17. Jahrhundert]]
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[[Kategorie:Werk (Deutsch)]]
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Aktuelle Version vom 16. Februar 2019, 16:51 Uhr

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