Witiko

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Der Roman Witiko von Adalbert Stifter kann zu den historischen Romanen gerechnet werden, nimmt unter ihnen aber insofern eine Sonderstellung ein, als er wie Der Nachsommer darauf hin stilisiert ist, Allgemeingültiges auszusagen oder das "Sanfte Gesetz" zu erfüllen.

Inhaltsverzeichnis

Zum Inhalt

Die umfangreiche Erzählung berichtet von der Gründung des Adelsgeschlechts der WitigonenWikipedia-logo.png, deren Untergang Stifter in seiner Erzählung "Der Hochwald" schildert. Die Geschichte beginnt 1138 mit dem Ritt des Helden Witiko von Passau über Hauzenberg in Richtung Böhmen. Auf dem Weg begegnet er einer munteren Reiterschar, unter der sich auch der junge Wladislaw, Sohn des ehemaligen Herzogs von Böhmen befindet.

Witiko begibt sich zum gegenwärtigen Herzog Sobeslav und stellt sich in seine Dienste. [...]

Ein gut gerüstetes Heer zieht nach Osten, besiegt die Aufständischen, nimmt Znaim ein und befestigt die Herrschaft über Böhmen und Mähren.

Witiko wird zum Gutsherren seiner Gegend ernannt und errichtet eine Burg. Damit sind die Voraussetzungen erfüllt, unter denen sein Nachbar in Bayern, Heinrich von Jugelbach, ihm seine Tochter Bertha zur Frau geben wollte. Witiko heiratet sie und zieht mit seinen gut gerüsteten Kriegern noch zweimal nach Italien, um mit Kaiser Friedrich Barbarossa die kaiserlichen Städte Oberitaliens gegen das aufständische Mailand zu unterstützen.


W-Logo.gif Witiko, Wikipedia – Die freie Enzyklopädie, 13.9.07 - Der Text ist unter der Lizenz „Creative Commons Attribution/Share Alike“ verfügbar; zusätzliche Bedingungen können anwendbar sein. Siehe die Nutzungsbedingungen für Einzelheiten. In der Wikipedia ist eine Liste der Autoren verfügbar.

Zur Funktion der Textausschnitte

Hier werden zum Vergleich mit Stifters Nachsommer ebenfalls zwei Liebesszenen vorgestellt.

Textausschnitte

Es klang fast wie Gesang von Lerchen ("das Ganze tun")

Die erste Begegnung

Sogleich trat das Mädchen, welches keine Rosen hatte, in den Wald zurück, das andere blieb stehen. Der Reiter ging zu demselben hin. Da er bei ihm angekommen war, sagte er: »Was stehst du mit deinen Rosen hier da?«

»Ich stehe hier in meiner Heimat da«, antwortete das Mädchen; »stehst du auch in derselben, daß du frägst, oder kamst du wo anders her?«

»Ich komme anders woher«, sagte der Reiter.

»Wie kannst du dann fragen?« entgegnete das Mädchen.

»Weil ich es wissen möchte«, antwortete der Reiter.

»Und wenn ich wissen möchte, was du willst«, sagte das Mädchen.

»So würde ich es dir vielleicht sagen«, antwortete der Reiter.

»Und ich würde dir vielleicht sagen, warum ich mit den Rosen hier stehe«, entgegnete das Mädchen.

»Nun, warum stehst du da?« fragte der Reiter.

»Sage zuerst, was du willst«, erwiderte das Mädchen.

»Ich weiß nicht, warum ich es nicht sagen sollte«, erwiderte der Reiter, »ich suche mein Glück.«

»Dein Glück? hast du das verloren?« sagte das Mädchen, »oder suchst du ein anderes Glück, als man zu Hause hat?«

»Ja«, antwortete der Reiter, »ich gehe nach einem großen Schicksale, das dem rechten Manne ziemt.«

»Kennst du dieses Schicksal schon, und weißt du, wo es liegt?« fragte das Mädchen.

»Nein«, sagte der Reiter, »das wäre ja nichts Rechtes, wenn man schon wüßte, wo das Glück liegt, und nur hingehen dürfte, es aufzuheben. Ich werde mir mein Geschick erst machen.«

»Und bis du der rechte Mann, wie du sagst?« fragte das Mädchen.

»Ob ich der rechte Mann bin«, antwortete der Reiter, »siehe, das weiß ich noch nicht; aber ich will in der Welt das Ganze tun, was ich nur immer tun kann.«

»Dann bist du vielleicht der rechte«, erwiderte das Mädchen, [...]


Witiko Es klang fast ...

Der Schein ging über Feld und Wald

In einfachen Gewändern

[...] Vor dem Steine war eine Bank aus Holz, und neben der Bank stand Bertha, die Tochter Heinrichs. Zu ihren Füßen war grüner Rasen, unter ihr graues Gestein, ober ihr graues Gestein, und hinter ihr der dunkle Wald.

Sie hatte nicht wie damals, da Witiko sie zuerst gesehen hatte, die weißen Ärmel des Hemdes und die Zöpfe, sondern ein reiches veilchenfarbenes Kleid und die Haare in einem silbernen Netze.

Sie stand, und sah auf Witiko, Witiko sah auf sie.

Dann sagte sie: »Bist du gekommen, Witiko?«

»Ich bin gekommen«, sagte er, »und du stehst wieder wie meine Weissagung am Rande des Waldes, aber ohne Rosen.«

»Man könnte allerlei Kränze tragen«, sagte Bertha, »von dem Heidekraute, von dem wohlriechenden Kunigundenkraute, von den grünen Blättern der Preußelbeeren.«

»Die dunkelrote Waldrose ist dein schönster Schmuck«, entgegnete Witiko, »und mein Glück. O Bertha, du bist sehr schön geworden.«

»Du bist auch schön geworden, Witiko«, sagte Bertha, »und du bist zwei Jahre in dem oberen Plane jenseits des Waldes gewesen.«

»Meine Mutter hat dort ein kleines Haus«, antwortete Witiko.

»Und in dem Hause bist du gewesen«, sagte Bertha, »du hast geholfen, kleine Arbeit zu tun, du bist zu Leuten in die Stuben gegangen, du hast Leute in deine Stube geladen, du bist auf deinem grauen Pferde die Wege um Plan geritten, du hast Nachbarn in dem Walde und fern des Waldes besucht, und bist auf den Berg gegangen, auf welchem das rote Kreuz steht.«

»Ich habe von dem Berge auf die Wälder geschaut, die rings um ihn zu sehen sind«, antwortete Witiko.

»Die Mädchen von Plan nennen den Berg Witikos Berg«, sagte Bertha.

»Das habe ich nie gehört«, entgegnete Witiko.

»Sie haben ihn so genannt, als du dort warest«, erwiderte Bertha, »und nennen ihn so, da du fort warest. Du bist mit den Leuten des Waldes auf den Berg Wysoka und in die Stadt Prag gegangen, und hast sie wieder in ihre Heimat zurückgeführt.«

»Woher weißt du denn diese Dinge, Bertha?« fragte Witiko.

»Von der Moldau sind viele Wege herüber, mancher heilige Mann geht sammeln, und unser Knecht Wolfram kennt alle Fluren.« [...]

»So ist alles, Bertha«, sagte Witiko.

»Ich weiß es«, antwortete Bertha; »aber weißt du, was ich gesagt habe?«

»Nein, ich weiß es nicht«, antwortete Witiko.

»Ich habe gesagt«, entgegnete Bertha, »keiner soll mein Gatte werden, der nicht ist wie Witiko, oder er selber soll mein Gatte werden. So habe ich gesagt. Ihr aber, edler Witiko, seid nicht zu uns gekommen, und wisset nur, als ich Euch heute in unsern Hof reiten sah, bin ich von Euch fort zu dem Walde gegangen.«

»Und ich habe dich in dem Walde gesucht«, antwortete Witiko, »und mein Himmelgeschick hat mich dich finden lassen wie an jenem Sonntage. Du Bild des heitern Sonntages, Bertha, ich habe deinen roten Mund nicht vergessen, der auf den sonnigen Steinen gesprochen, und dein Auge nicht, das in dem Walde geglänzt hat. Da ist die schöne Dimut in dem Turme von Rowna, da ist die schöne Herzogin Gertrud in der Hofburg in Prag, da wandeln die schönen Frauen und Jungfrauen in den Straßen und Gärten von Prag, und wohnen in den hohen Häusern und Schlössern, da sind in dem Hoflager des Königs Konrad und in Nürnberg Frauen und Jungfrauen voll der Schönheit, in Plan, in Daudleb, in Wettern, in Friedberg, im Walde sind die Mädchen wie die Rosen; ich aber habe nicht vergessen, daß ich mit dir auf den Steinen des Waldes gesessen bin, und daß du höher bist als die Rosen.«

»Und doch hast du den Weg über den Wald herüber zu mir nicht gesucht«, sagte Bertha.

»Ich habe zu dir in jenem Walde unten einmal gesagt«, antwortete Witiko, »daß ich ein rechter Mann werden wolle. Und weil ich noch kein rechter Mann geworden war, bin ich aus Scham nicht gekommen, Bertha. Aber auf dem Kreuzberge bin ich gestanden, und habe auf den Wald geschaut, hinter dem ich dich zum ersten Male gesehen habe, und habe wieder auf den Wald geschaut. Ich wäre auch heute nicht gekommen, nur ein kleiner Umstand hat mich hergeführt. Aber ich wäre einmal gekommen, wenn ich ein rechter Mann geworden wäre, und hätte dann gesehen, ob du denkest wie ich.«

»Ja, Witiko, so ist auch alles recht, wie du getan hast«, sagte Bertha.

»Und ich werde kommen«, sagte Witiko.

»Und du weißt schon, wie ich denken werde«, sagte Bertha.

»So ist alles gut und klar«, sagte Witiko. [...]


Witiko

Im hohen Walde

»Und ich habe schöne Jungfrauen und Mädchen vor dir gesehen, und keine war mir lieb«, sagte Witiko.

»Siehst du?« sprach Bertha.

»Und weil ich dir lieb war, hast du mit mir geredet?« fragte Witiko.

»Weil du mir lieb warst, habe ich mit dir geredet«, antwortete Bertha.

»Und weil ich dir lieb war, bist du mit mir zu den Sitzsteinen an den Ahornen gegangen?« fragte Witiko.

»Weil du mir lieb warst, bin ich mit dir zu den Sitzsteinen an den Ahornen gegangen«, antwortete Bertha.

»Und bist neben mir auf den Steinen gesessen«, sagte Witiko.

»Und bin neben dir auf den Steinen gesessen«, sprach Bertha.

»Und mir bist du so lieb gewesen«, sagte Witiko, »daß ich immer bei dir hätte sitzen, und immer mit dir hätte reden mögen. Du bist heute wie damals gekleidet, Bertha.«

»Es ist das nämliche Gewand, welches ich an jenem Sonntage an gehabt hatte«, antwortete Bertha, »nur das schwarze Röcklein ist mir ein wenig kürzer geworden.«

»Mir ist alles wie in jener Zeit«, sagte Witiko. [...]

Da sie bei den Steinen angekommen waren, sagte Witiko: »Bertha, setze dich nieder.«

»Ich bin auf diesem gesessen«, sagte Bertha.

»So setze dich wieder auf ihn«, sprach Witiko.

Sie tat es.

»Und ich bin neben dir auf diesem gesessen«, sagte Witiko, »er ist niederer, und ich setze mich wieder auf ihn.«

Er tat es.

»Siehst du, Bertha«, sagte er, »unsere Angesichter sind nun wieder in gleicher Höhe, wie damals, da ich dich angeblickt hatte, und da du mich angeblickt hattest.«

»Bist du größer geworden, Witiko?« fragte Bertha.

»Es muß ein wenig sein«, antwortete Witiko, »da ich dir hier wieder gleich bin, und da du gesagt hast, daß dir dein Röcklein kürzer geworden ist. Mein Lederkleid dehnt sich.«

»Und so wie damals ragt dein Schwert in die niedreren Steine«, sagte Bertha, »und in den nämlichen Gewändern sitzen wir hier wie vor sechs Jahren.«

»Nur die Bäume, die jenseits der hellen Wiese stehen, an deren Rande wir sitzen«, sprach Witiko, »glänzen nun im Sonnenscheine, da sie damals im Schatten waren, und die Blätter der Ahorne über uns sind dunkel, die damals geschimmert hatten.«


Witiko

Fragen

Stift.gif   Aufgabe

1. Wie stehen Witiko und Bertha zueinander? Was ist eventuell anders als heute?[1]

2. Welche Absichten haben Witiko und Bertha?

3. Was wird deutlich, was nicht? Wo wird Handlung bzw. Sprache ausgespart?

4. Wie könnte der Dichter diese Darstellungstechnik rechtfertigen?

5. Vergleiche die Liebesszenen mit denen aus Der Nachsommer. Achte besonders auf die Sprachform.

Fußnoten

  1. Fragen 1 - 4 nach Peter Bucher. Frage 5 von Fontane44

Zur Interpretation

  • Denken wie der Wald - "Stifters »Witiko« ist einer der unbekanntesten und erstaunlichsten Romane der Weltliteratur" (Von Ulrich Greiner, www.zeit.de 20.10.05)
  • Gefühle würden nur stören (von ERNST OSTERKAMP FAZ 5.8.17) sehr kritische Rezension mit widersprechendem Kommentar eines Physikers
Wenn Osterkamp von 1000 Seiten spricht, so liegt mir eine Ausgabe mit "nur" 774 Seiten vor. --Fontane44 (Diskussion) 09:21, 11. Aug. 2019 (CEST)

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