Advents- und Weihnachtsgedichte

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Weihnachtliche Dekoration
Gedichte zu Advent und Weihnachten

Inhaltsverzeichnis

Texte

Andreas Gryphius (1616-1664)


ÜBER DIE GEBURT JESU


Nacht mehr denn licht nacht! nacht lichter als der tag /
Nacht heller als die Sonn' / in der das licht gebohren /
Das Gott / der licht /in licht wohnhaftig / ihmb erkohren:
O nacht / die alle nächt' undt tage trotzen mag.

5
O frewdenreiche nacht / in welcher ach und klag /

Und fünsternüß und was sich auff die welt verschworen
Und furcht und hellen angst und schrecken ward verloren.
Der himmel bricht! doch felt nuh mehr kein donnerschlag.

Der zeitt und nächte schuff ist diese nacht ankommen!

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Und hatt das recht der zeitt / und fleisch an sich genommen!

Und unser Fleisch und zeitt der ewikeitt vermacht.

Der jammer trübe nacht die schwartze nacht der sünden
Des grabes dunckelheit / mus durch die nacht verschwinden.
Nacht lichter als der tag; nacht mehr den lichte nacht!


Eduard Mörike (1804-1875)


ZUM NEUEN JAHR


Wie heimlicher Weise
Ein Engelein leise
Mit rosigen Füßen
Die Erde betritt,

5
So nahte der Morgen.

Jauchzt ihm, ihr Frommen,
Ein heilig Willkommen!
Ein heilig Willkommen,
Herz, jauchze du mit!

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In ihm sei's begonnen,

Der Monde und Sonnen
An blauen Gezelten
Des Himmels bewegt.
Du, Vater, du rate!

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Lenke du und wende!

Herr, dir in die Hände
Sei Anfang und Ende,
Sei alles gelegt!

Auch bei Gutenberg-DE.


Theodor Storm (1817-1888)


WEIHNACHTSABEND


Die fremde Stadt durchschritt ich sorgenvoll,
der Kinder denkend, die ich ließ zu Haus.
Weihnachten war's; durch alle Gassen scholl
der Kinderjubel und des Markts Gebraus.

5
Und wie der Menschenstrom mich fortgespült,

drang mir ein heiser Stimmlein an das Ohr:
"Kauft, lieber Herr!" Ein magres Händchen hielt
feilbietend mir ein ärmlich Spielzeug vor.

Ich schrak empor, und beim Laternenschein

10
sah ich ein bleiches Kinderangesicht;

wes Alters und Geschlecht es mochte sein,
erkannt ich im Vorübertreiben nicht.

Nur von dem Treppenstein, darauf es saß,
noch immer hört' ich, mühsam, wie es schien:

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"Kauft, lieber Herr!" den Ruf ohn' Unterlaß;

doch hat wohl keiner ihm Gehör verliehn.

Und ich? - War's Ungeschick, war es die Scham,
am Weg zu handeln mit dem Bettelkind?
Eh meine Hand zu meiner Börse kam,

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verscholl das Stimmlein hinter mir im Wind.


Doch als ich endlich war mit mir allein,
erfaßte mich die Angst im Herzen so,
als säß' mein eigen Kind auf jenem Stein
und schrie nach Brot, indessen ich entfloh.


Theodor Fontane (1819-1889)


VERSE ZUM ADVENT

Noch ist Herbst nicht ganz entflohn,
aber als Knecht Ruprecht schon
kommt der Winter hergeschritten,
und alsbald aus Schnees Mitten

5
klingt des Schlittenglöckleins Ton.


Und was jüngst noch, fern und nah,
bunt auf uns herniedersah,
weiß sind Türme, Dächer, Zweige,
und das Jahr geht auf die Neige,

10
und das schönste Fest ist da.


Tag du der Geburt des Herrn,
heute bist du uns noch fern,
aber Tannen, Engel, Fahnen
lassen uns den Tag schon ahnen,

15
und wir sehen schon den Stern.


WEIHNACHTEN

Noch einmal ein Weihnachtsfest,
Immer kleiner wird der Rest,
Aber nehm ich so die Summe,
Alles Grade, alles Krumme,

5
Alles Falsche, alles Rechte,

Alles Gute, alles Schlechte -
Rechnet sich aus all dem Braus
Doch ein richtig Leben heraus.
Und dies können ist das Beste

10
Wohl bei diesem Weihnachtsfeste.


Rainer Maria Rilke (1875-1926)


ADVENT

Es treibt der Wind im Winterwalde
die Flockenherde wie ein Hirt,
und manche Tanne ahnt, wie balde
sie fromm und lichterheilig wird,

5
und lauscht hinaus. Den weißen Wegen

streckt sie die Zweige hin - bereit.
und wehrt dem Wind und wächst entgegen
der einen Nacht der Herrlichkeit.


Joachim Ringelnatz (1883-1934)


SCHENKEN


Schenke groß oder klein, aber immer gediegen.
Wenn die Bedachten die Gaben wiegen,
sei dein Gewissen rein.

Schenke herzlich und frei.

5
Schenke dabei, was in dir wohnt

an Meinung, Geschmack und Humor,
so daß die eigene Freude zuvor
dich reichlich belohnt.

Schenke mit Geist ohne List.

10
Sei eingedenk, daß dein Geschenk

du selber bist.


Kurt Tucholsky (1890-1935)


GROSS-STADT-WEIHNACHTEN


Nun senkt sich wieder auf die heim'schen Fluren
die Weihenacht! die Weihenacht!
Was die Mamas bepackt nach Hause fuhren,
wir kriegens jetzo freundlich dargebracht.

5
Der Asphalt glitscht. Kann Emil das gebrauchen?

Die Braut kramt schämig in dem Portemonnaie.
Sie schenkt ihm, teils zum Schmuck und teils zum Rauchen,
den Aschenbecher aus Emalch glase.

Das Christkind kommt! Wir jungen Leute lauschen

10
auf einen stillen heiligen Grammophon.

Das Christkind kommt und ist bereit zu tauschen
den Schlips, die Puppe und das Lexikohn.

Und sitzt der wackre Bürger bei den Seinen,
voll Karpfen, still im Stuhl, um halber zehn,

15
dann ist er mit sich selbst zufrieden und im reinen:

"Ach ja, son Christfest is doch ooch janz scheen!"

Und frohgelaunt spricht er vom 'Weihnachtswetter',
mag es nun regnen oder schnein.
Jovial und schmauchend liest er seine Morgenblätter,

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die trächtig sind von süßen Plauderein.


So trifft denn nur auf eitel Glück hienieden
in dieser Residenz Christkindleins Flug?
Mein Gott, sie mimen eben Weihnachtsfrieden ...
"Wir spielen alle. Wer es weiß, ist klug."


Erich Kästner (1899 - 1974)


Weihnachtslied, chemisch gereinigt (1928)


(Melodie: "Morgen, Kinder, wird's was geben!")

Morgen, Kinder, wird's nichts geben!
Nur wer hat, kriegt noch geschenkt.
Mutter schenkte Euch das Leben.
Das genügt, wenn man's bedenkt.

5
Einmal kommt auch eure Zeit.

Morgen ist's noch nicht soweit.

Doch ihr dürft nicht traurig werden.
Reiche haben Armut gern.
Gänsebraten macht Beschwerden.

10
Puppen sind nicht mehr modern.

Morgen kommt der Weihnachtsmann.
Allerdings nur nebenan.

Lauft ein bisschen durch die Straßen!
Dort gibt's Weihnachtsfest genug.

15
Christentum, vom Turm geblasen,

macht die kleinsten Kinder klug.
Kopf gut schütteln vor Gebrauch!
Ohne Christbaum geht es auch.

Tannengrün mit Osrambirnen –

20
Lernt drauf pfeifen! Werdet stolz!

Reißt die Bretter von den Stirnen,
denn im Ofen fehlt's an Holz!
Stille Nacht und heil'ge Nacht –
Weint, wenn's geht, nicht! Sondern lacht!

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Morgen, Kinder, wird's nichts geben!

Wer nichts kriegt, der kriegt Geduld!
Morgen, Kinder, lernt fürs Leben!
Gott ist nicht allein dran schuld.
Gottes Güte reicht so weit ...

30
Ach, du liebe Weihnachtszeit!


(Quelle: Kästner für Erwachsene, Zürich 1966 S.35)


Werner Bergengruen (1892-1964)


GEWALT DER STILLE


Wir sind so sehr verraten,
von jedem Trost entblößt,
in all den wirren Taten
ist nichts, das uns erlöst.

5
Wir sind des Fingerzeigens,

der plumpen Worte satt,
wir woll'n den Klang des Schweigens,
das uns erschaffen hat.

Gewalt und Gier und Wille

10
der Lärmenden zerschellt.

O komm, Gewalt der Stille,
und wandle du die Welt.


Unterrichtsideen

"Bei der Auswahl der vorweihnachtlichen Unterrichtsinhalte wurde besonderer Wert auf die Handlungs- und Produktorientierung gelegt. Die hier vorgestellten zwei Unterrichtsvorhaben richten sich nach den Curricula der Klassen 5 und 6."

Linkliste

Knecht Ruprecht von Theodor Storm
Vom Christkind von Anna Ritter
Die Weihnachtsgans von Heinz Erhardt

Siehe auch