Agnes

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"Agnes" ist der Debüt-Roman des Schweizer Schriftstellers Peter Stamm (*1963).

Thema im Deutsch-Abitur


Baden-Württemberg, 2016
Für die schriftliche Abiturprüfung ab dem Schuljahr 2014 sind das Drama "Dantons Tod" von Georg Büchner und die Romane "Homo Faber" von Max Frisch sowie "Agnes" von Peter Stamm zu lesen.

Inhaltsverzeichnis

Aktuell: Der Film

  • 2. Juni: Kinostart AGNES von Regisseur Johannes Schmid nach dem gleichnamigen Roman von PETER STAMM.
In der "Kino & Curriculum"-Ausgabe von Michael Loth werden verschiedene Vorschläge zur didaktischen Umsetzung im Unterricht erläutert. Die verschiedenen Arbeitsthemen sind: Liebe und Glück, Tod, Postmoderne Literatur ..., sie richten sich an Schülerinnen und Schüler ab Klassenstufe 10 bzw. der Sekundarstufe II. Sie kann kostenlos heruntergeladen werden: http://www.film-kultur.de/glob/agnes_kc.pdf

Stimmen zum Film

"Das Grundprinzip des Romans, das Spiel mit der Grenze von Realität und Fiktion, überträgt Johannes Schmid raffiniert auf die Leinwand. Es ist das Schreiben selbst, das plötzlich etwas Gewaltiges bekommt, etwas, von dem auch eine gewisse Gefahr ausgeht."
"Mal Rausch, mal Apathie: Ein Schriftsteller versucht, die Liebe festzuhalten. "Agnes" ist die gelungene Verfilmung des Bestsellers von Peter Stamm."

Von Christoph Schröder 31. Mai 2016 DIE ZEIT

"Unscharf ist alles an ihr, unklar. Eine ätherische Erscheinung, die plötzlich auftaucht in der Bibliothek und umgehend, das ist kein Widerspruch, Raum für sich beansprucht, Aufmerksamkeit. Vorher hat man sie schon kurz im Schnee gesehen, Agnes, in blaues Licht getaucht, wie sie überhaupt beständig in dieses Licht getaucht ist. Ein Wesen auf der Welt, das der Welt fern ist und dem die Welt fern ist.
Eine Frau, die man sich greifen möchte, weil sie unangreifbar ist. Und, versteht sich, eine ideale Projektionsfläche für Wünsche, Begierden, Ansprüche. Ein Gefäß für die große gemeinsame Erzählung. Die wird es dann auch geben."

Agnes. Roman (1998)

"Agnes ist tot. Eine Geschichte hat sie getötet. Nichts ist mir von ihr geblieben als diese Geschichte. Sie beginnt an jenem Tag vor neun Monaten, als wir uns in der Chicago Public Library zum erstenmal trafen. Es war kalt, als wir uns kennenlernten. Kalt wie fast immer in dieser Stadt. Aber jetzt ist es kälter, und es schneit. Über den Michigansee kommt der Schnee und kommt der böige Wind, der selbst durch das Isolierglas der großen Fenster noch zu hören ist. Es schneit, aber der Schnee setzt sich nicht, er wird weitergetrieben und bleibt nur liegen, wo der Wind nicht hingelangt."

Die Handlung spielt in Chicago und umfasst einen Zeitraum von neun Monaten. Der Ich-Erzähler ist Schweizer und Sachbuchautor mittleren Alters. Um ein Buch über Luxuseisenbahnen zu schreiben benutzt er täglich die Universitätsbibliothek. Dort arbeitet auch die Amerikanerin Agnes, 25, die an einer Dissertation über Symmetrien in Kristallen arbeitet.

Er ist von ihr fasziniert, auch wenn sie von eher unspektakulärer Erscheinung ist, sie kommen ins Gespräch, verbringen immer mehr Zeit miteinander, lieben sich; Agnes ist eher grüblerisch, immer nachdenklich und sehr stark mit dem Tod beschäftigt, mit der Frage, was übrig bleibt, wenn man tot ist; wohingegen er eher nüchtern sachbezogen und über solche Fragen weniger nachzudenken gewillt ist. (Kap. 4-6)

Sie fordert ihn eines Tages auf, eine Geschichte über sie zu schreiben, denn er ist ja Schriftsteller, wenn er auch zur Zeit lediglich Sachbücher im Auftrag seines Verlegers verfasst. Der Ich-Erzähler beginnt also diese Geschichte zu schreiben, zunächst mit ihr zusammen, indem er ihre gemeinsame und unmittelbar zurückliegende Vergangenheit schildert, dann gelangt die Geschichte in der Gegenwart der Handlung an, es wird kurzzeitig zum Spiel, indem die beiden sich verhalten, wie er die Geschichte schreibt. Sie zieht in seine Wohnung im 27. Stock eines Hochhauses ein, ohne allerdings ihre eigene Wohnung aufzugeben, und man gewöhnt sich an das Zusammenleben. Dann verlängert er die Geschichte in die Zukunft und hier laufen Literatur und Wirklichkeit auseinander.

Auf einer dreitägigen Wanderung durch einen Nationalpark erleidet Agnes, für ihn ganz überraschend, einen Ohnmachtsanfall, der aber rasch überwunden ist. Als Agnes ihm mitteilt, dass sie von ihm schwanger sei, verweigert er sich den Konsequenzen dieser Nachricht. Sie zieht daraufhin Hals über Kopf wieder aus, er versackt in Alkohol und ist unfähig zu arbeiten. In seiner bzw. ihrer gemeinsamen Geschichte aber bekennt er sich zu dem Kind.   

Als der Ich-Erzähler erfährt, dass Agnes sehr krank ist, sucht er sie in ihrer Wohnung auf: Sie hatte ihr Kind verloren und war im Krankenhaus gewesen. Sie zieht wieder zu ihm in die Wohnung, geht vielfältigen Aktivitäten nach (Arbeit,Sport, Musik), bleibt jedoch distanziert, ungreifbar. Das tote Kind liegt zwischen ihr und ihm.

Er schreibt ihre gemeinsame Geschichte weiter, in der die Beziehung sich glücklich entwickelt, er verfasst aber noch einen zweiten Schluss, in welchem Agnes ihn verlässt bzw. allein in eine ungefähre Landschaft eintaucht und damit auch aus seinem Leben verschwindet.

Sie feiern zusammen ein trautes Weihnachtsfest, das Neujahrsfest steht vor der Tür, seine neue Bekanntschaft lädt ihn und Agnes zur Party ein, Agnes ist aber krank und will auch nicht mit. So geht er alleine zur Neujahrseinladung seiner Bekannten, verbringt mit ihr die Nacht, kommt am Morgen in seine Wohnung zurück und findet diese leer. Agnes ist weg, nichts fehlt, nur der Mantel. Auf dem Bildschirm des Computers steht der zweite Schluss ihrer Geschichte, in dem sie sich allein in eine Winterlandschaft begibt, um darin zu verschwinden bzw. in ihr aufzugehen, in sie einzugehen. Ende.

Der erste Satz des Romanes lautet: „Agnes ist tot". Der Schluss des Romans lässt also einen Selbstmord annehmen. Zuvor schon hatte Agnes davon gesprochen, dass der Tod durch Erfrieren etwas Anziehendes habe. Das Ende lässt den Leser also noch einmal auf die Geschichte und den Verlauf der Beziehung zurückblicken und Agnes‘ Äußerungen genauer überdenken: Sie war von Anfang an mit der Frage beschäftigt, was Sterben und Tod bedeutet, wie man sich dazu stellen soll und was danach kommt. Er hat diese Fragestellungen nicht an sich herangelassen. Es war ihr wichtig, etwas zu hinterlassen, eine Spur, die bleibt, und daraus erklärt sich auch der Wunsch an den Ich-Erzähler, ihre Geschichte zu schreiben, aber so, dass sie damit einverstanden sein kann. Er wiederum benutzt diese Geschichte, um die Wirklichkeit zu verlassen und seine eigenen Wunschbilder zu entwickeln von dem, wie eine glückliche Beziehung aussehen könnte (heiraten, Familie gründen etc.).

Diese Geschichte ist das Bindeglied zwischen den beiden, aber sie verfolgen unterschiedliche Ziele damit. Und schließlich ist da noch die Möglichkeit, dass der Stoff der Geschichte sich verselbstständigt und seinen eigenen Weg verlangt.

Stimmen

„Peter Stamm lässt den Erzähler nüchtern und sachlich, ohne es aber an Empfindsamkeit fehlen zu lassen, über das Scheitern einer Liebe berichten. Die Aufgabe, die Geschichte über seine Beziehung zu seiner Geliebten aufzuschreiben, sich also auch in die andere Person einzufühlen, bringt ihn und die Frau in einen unüberbrückbaren Zwiespalt. Die Grenzen zwischen Realität und Fiktion zerfließen, bis einer der beiden Protagonisten daran zerbricht.“
  • "Eiswinde in Chicago. An der Literatur erfroren: Peter Stamms gelungener Debüt-Roman"
"Peter Stamm traut dem geschriebenen Wort viel zu, und er hat allen Anlaß dazu. Bislang hat der fünfunddreißigjährige Schweizer vor allem Hörspiele verfaßt; "Agnes" ist sein erster Roman. Dieser Wechsel ins erzählende Genre ist dem Verfasser auf beeindruckende Weise geglückt. Ein dichtes Netz von Verweisen durchzieht die fein aufeinander abgestimmten Kapitel des Buches, immer wieder findet Stamm suggestive Bilder für die Kälte und die Beziehungslosigkeit, in denen er seine Figuren gefangen sieht. "Das Geheimnisvolle ist die Leere in der Mitte", beschreibt die Physikstudentin Agnes ihre geliebten Kristallgitter und charakterisiert damit zugleich ihr eigenes Leben, in dem sich Liebe nur als literarische Illusion ereignet."
Sabine Doering, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.04.1999 (F.A.Z.-Archiv)
„1.2 Hypothese zur Kälte
Die Geschichte Agnes endet mit dem Tod der Hauptfigur im Schnee. Dieser Tod ist das Ergebnis einer sich durch die Geschichte hindurchziehenden Entwicklung. Die Figuren, die im Grunde auf der Suche nach Nähe und Wärme sind, entfernen sich im Verlauf der Geschichte immer weiter von dem, was sie erreichen möchten. Der Autor unterstreicht die Distanz und Entfremdung der Protagonisten mit winterlicher Kälte, die die im Text angelegte metaphorische Kälte noch intensiviert. Diese nimmt gegen Ende der Geschichte zu und führt dann zum Kältetod im Schnee. Die Protagonisten sind innerlich leer und können diese Leere nicht mehr überwinden. Sie sind in der Welt, in der sie leben, fremd und können darin keine näheren menschlichen Beziehungen aufbauen. Die Fremdheit und Kälte, die sie von Anfang an bedrängen, aber noch nicht bedrohlich wirken, werden ihnen am Ende zum Verhängnis. Der Tod selber wird dann aber nicht mehr als Qual, sondern als Erlösung empfunden. Die Kälte, die die Protagonisten verfolgt, ist nicht mehr spürbar. Der Schnee, der sie umgibt, wird zum neuen Mantel, der sie weich und sanft umhüllt. Er lässt sie den Schmerz und die Kälte nicht mehr fühlen und gibt zum letzten Mal, die schon lang erhoffte Wärme. In der folgenden Analyse werde ich am Beispiel von Agnes untersuchen, wie und mit welchen Mitteln der Autor die Kälte in seinem Roman herstellt und entwickelt. Wie die Erzählung auf den Tod hin orientiert ist, ob sie eventuell Alternativen bietet und welche Anzeichen es dafür gibt. Es ist interessant festzustellen, auf welchen Ebenen die Kälte spielt und welche Dynamik sie entwickelt. Welche Motive es sind, die auf den Tod hinweisen und wie sie dargestellt werden. Ich werde zudem auch der Frage nachgehen, welchen Einfluss der Gegensatz von Kälte, die Wärme auf den Roman ausübt. Gibt es nur Kälte oder gibt es auch noch etwas anderes?“

Unterrichtsideen

"Der Roman ist ab dem Abitur 2014 in Baden-Württemberg Pflichtleküre, zusammen mit Max Frischs Homo Faber, die thematische Klammer heißt „Identität“. Bis es denn so weit ist, wollte ich einen ersten Versuch unter entspannteren Bedingungen vornehmen. Ich hatte mich über die Entscheidung für diesen Romans gefreut, da ich ihn sehr schätze und es noch nie eine so aktuelle Lektüre (1998), noch dazu das Debut-Werk eines noch jungen Autors, als Sternchen-Thema gegeben hatte. Ich habe mir dazu eine Reihe von Unterrichtsideen zurechtgelegt ..."
"Aspektorientierte Aufgabenstellungen und Materialien zur Analyse des Romans "Agnes" von Peter Stamm"

Materialien

  • Magret Möckel: Peter Stamm, Agnes. Königs Erläuterungen und Materialien Bd. 405, Bange-Verlag 2001
  • Schroedel Interpretationen zu Peter Stamm: Agnes. 128 Seiten, ISBN: 978-3-507-47720-9 (erscheint voraussichtlich im 3. Quartal 2011)
  • Ricarda Dreier:
 Literatur der 90er-Jahre in der Sekundarstufe II
 (Deutschdidaktik aktuell. Hrsg. von Günter Lange und Werner Ziesenis, Bd. 19).
 Schneider Verlag Hohengehren 
2005, 158 Seiten, 18 €
„Im ersten Teil des Buches erhält der Leser nicht nur einen theoretischen Überblick über literatur- und erzähltheoretische Strömungen, sondern auch einen Einblick in die narrativen und thematischen Tendenzen der Literatur der 90er-Jahre. Als Grundlage für die Unterrichtsmodelle im zweiten didaktischen Teil der Arbeit dient die Darstellung aktueller didaktischer Ansätze, die in einer Diskussion über das Verhältnis von interpretierenden und analytischen Verfahren mündet.
Die Unterrichtsmodelle im zweiten Teil versuchen die narrativen Besonderheiten und thematischen Anknüpfungspunkte der Literatur der 90er-Jahre mit angemessenen didaktischen Modellen zu verbinden und außerdem einen Ausgleich zwischen der scheinbaren Diskrepanz von literaturtheoretischen Ideen und analytischen Vorgehensweisen zu schaffen. Als Gegenstand der Unterrichtsmodelle dienen folgende Texte:
Judith Hermann: Sommerhaus, später - Benjamin von Stuckrad-Barre: Soloalbum - Peter Stamm: Agnes“.
(http://www.paedagogik.de/index.php?m=wd&wid=1028)
  • Wolfgang Pütz: Lektüreschlüssel: Peter Stamm: Agnes. 75 Seiten 3 Euro Reclam-Verlag 2011 ISBN 978-3-15-015434-2
Erstinformationen zum Werk - Inhaltsangabe - Personen (Konstellationen) - Werk-Aufbau (Strukturskizze) - Wortkommentar - Interpretation - Autor und Zeit - Rezeption - Checkliste zur Verständniskontrolle

Stichworte für Recherchen

Hintergrundwissen, Motive, Intertextuelle Bezüge

  • „Agnes von Rom" (* um 237; † ca. 250 in Rom) wird in den christlichen Kirchen als Märtyrerin, geweihte Jungfrau und Heilige verehrt. Ihr Gedenktag ist der 21. Januar. In der katholischen Kirche gilt die Heilige Agnes als Schutzpatronin der Jungfrauen, Verlobten und der Keuschheit.“ (Agnes von RomWikipedia-logo.png, Stand 20.7.2010)
  • Georges Seurat, der Pointilismus und das Bild Ein Sonntagnachmittag auf der Insel La Grande Jatte, 1884
  • Robert Frost und das Gedicht Stopping by woods on a snowy evening (1923)
  • George Mortimer Pullman und der Pullman-Streik
  • US-Feiertage: Independence Day, Columbus Day, Halloween, Thanksgiving, Christmas Evening

Literatur

  • Peter Stamm, Agnes.
    • Originalausgabe: Arche Verlag, Zürich / Hamburg 1998
    • Taschenbuch: btb. ISBN 3-442-72550-X, 154 Seiten, 7 € (D)

Linkliste

Siehe auch