Anthropologie

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Inhaltsverzeichnis

Denkanstöße

Das Feld der Philosophie ... läßt sich auf folgende Fragen bringen:

  1. Was kann ich wissen?
  2. Was soll ich tun?
  3. Was darf ich hoffen?
  4. WAS IST DER MENSCH?

Die erste Frage beantwortet die Metaphysik, die zweite die Moral, die dritte die Religion, und die vierte die Anthropologie. Im Grunde könnte man aber alles dieses zur Anthropologie rechnen, weil sich die drei ersten Fragen auf die letzte beziehen.


Aus: Immanuel Kant, Logik, Akademie-Ausgabe Bd. IX, 1968, S.968

Auf diese FRAGE hier einige ANTWORTEN:

Antike und spätere Denker

Viel Schrecklich-Großartiges gibt es. Aber nichts ist schrecklich-großartiger als der Mensch...
In jeder Lage weiß er sich zu helfen, einzig den Tod überwindet er nicht...
In seiner unermüdlichen Findigkeit wendet er sich bald zu Bösem, bald zu Gutem“


Aus: Sophokles, Chorlied aus der "Antigone"

Wenn ich sehe die Himmel, deiner Finger Werk, den Mond und die Sterne, die du bereitet hast: was ist der Mensch, daß du seiner gedenkst... Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott, mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt. Du hast ihn zum Herr gemacht über deiner Hände Werk, alles hast du unter seine Füße getan ...


Aus: Psalm 8

Herr, was ist der Mensch, daß du dich seiner annimmst ... Ist doch der Mensch gleich wie nichts; seine Zeit fährt dahin wie ein Schatten. Herr, neige deinen Himmel und fahre herab, rühre die Berge an, daß sie rauchen ... Erlöse mich und errette mich aus großen Wassern, aus der Hand der Fremden, deren Mund unnütz redet und deren rechte Hand trügt.


Aus: Psalm 144


Rene Decartes (1596 - 1650)

„Wofür also habe ich mich früher gehalten? Für einen Menschen selbstverständlich. Was aber ist ein Mensch? Soll ich sagen: ein vernünftiges Tier? Nein, denn dann würde sich die Frage anschließen, was ein Tier und was vernünftig ist, und so wäre ich aus einer Frage in mehrere und schwierigere hineingeraten. Ich habe auch keine Zeit mit derartigen Spitzfindigkeiten zu vergeuden ...

Zuerst bemerkte ich, dass ich ein Gesicht, Hände, Arme und diese ganze Gliedermaschine habe, wie man sie auch an einem Leichnam wahrnimmt; ich nannte sie Körper. ....

Also was bin ich nun? Ein denkendes Ding. Was ist das? - Ein Ding, das zweifelt, einsieht, bejaht, verneint, will, nicht will, das auch bildlich vorstelt und empfindet. Das ist in derTat nicht wenig, wenn das alles zu meiner Natur gehören soll.“ (Meditationen über die Grundlagen der Philosophie, Zweite Meditation)


Blaise Pascal (1623-1662): Pensée - Gedanken

„Wenn ich mich zuweilen damit beschäftigt habe, die vielgestaltige Unrast der Menschen zu betrachten, die Gefahren und Mühsale, denen sie sich aussetzen…, habe ich entdeckt, daß das ganze Unglück der Menschen aus einer einzigen Ursache kommt: nicht ruhig in einem Zimmer bleiben zu können … Aber als ich das näher bedachte, als ich die Ursache all unseres gefunden hatte und nun die Begründung dafür ausfindig machen wollte, habe ich entdeckt, daß es eine sehr entscheidende dafür gibt; sie liegt in dem natürlichen Unglück unseres schwachen und sterblichen Zustandes, der so erbärmlich ist, daß nichts uns trösten kann, wenn wir es näher betrachten." (§ 178)


G.W.Leibniz (1646-1716): Monadologie

„...daher ist jeder organische Körper (Leib) eines Lebendigen eine Art von göttlicher Maschine oder natürlichem Automaten, der alle künstlichen Automaten unendlich übertrifft. Eine durch menschliche Kunst verfertigte Maschine ist nämlich nicht in jedem ihrer Teile Maschine. So hat zum Beispiel der Zahn eines Messingrades Teile oder Bruchteile, die für uns nichts Künstliches mehr sind und die nichts mehr an sich haben, was in Bezug auf den Gebrauch, zu der das Rad bestimmt war, etwas Maschinenartiges verrät. Aber die Maschinen der Natur, d.h. die lebendigen Körper sind noch Maschinen in ihren kleinsten Teilen bis ins Unendliche. Das ist der Unterschied zwischen der Natur und der Technik, d.h. zwischen der göttlichen Kunstfertigkeit und der unsrigen.“ (Monadologie §64)


Jeremy Bentham (1748-1832):

„Der Tag könnte kommen, an dem die übrigen Kreaturen jene Rechte erlangen, die man ihnen nur mit tyrannischer Hand vorenthalten konnte. Die Franzosen haben bereits entdeckt, daß die Schwärze der Haut kein Grund dafür ist, jemanden schutzlos der Laune eines Peinigers auszuliefern. Es mag der Tag kommen, da man erkennt, daß die Zahl der Beine, der Haarwuchs oder das Ende des os sacrum gleichermaßen unzureichende Gründe sind, ein fühlendes Wesen demselbenSchicksal zu überlassen. Was sonst ist es, das hier die unüberwindbare Trennlinie ziehen sollte? Ist es die Fähigkeit zu denken, oder vielleicht die Fähigkeit zu sprechen? Aber ein ausgewachsenes Pferd oder ein Hund sind unvergleichlich vernünftigere Lebewesen als ein Kind, das erst einen Tag, eine Woche oder selbst einen Monat alt ist. Aber selbst vorausgesetzt, sie wären anders, was würde es nützen? Die Frage ist nicht: können sie denken? oder: können sie sprechen?, sondern: können sie leiden?“ (zitiert nach P. Singer: Praktische Ethik 1979 S.72) }}


19. / 20. Jahrhundert

Sigmund Freud:

"Das gern verleugnete Stück Wirklichkeit hinter alledem ist, daß der Mensch nicht ein sanftes, liebebedürftiges Wesen ist, das sich höchstens, wenn angegriffen, auch zu verteidigen vermag, sondern daß es zu seinen Triebbegabungen auch einen mächtigen Anteil von Aggressionsneigung rechnen darf. Infolgedessen ist ihm der Nächste nicht nur möglicher Helfer und Sexualobjekt, sondern auch eine Versuchung, seine Aggression an ihm zu befriedigen, seine Arbeitskraft ohne Entschädigung auszunützen (...), sich in den Besitz seiner Habe zu setzen, ihn zu demütigen, ihm Schmerzen zu bereiten, ihn zu martern und zu töten. HOMO HOMINI LUPUS; wer hat nach allen Erfahrungen des Lebens und der Geschichte den Mut, diesen Satz zu bestreiten? Diese grausame Aggression wartet in der Regel eine Provokation ab oder stellt sich in den Dienst einer anderen Absicht, deren Ziel auch mit milderen Mitteln zu erreichen wäre. Unter ihr günstigen Umständen, wenn die seelischen Gegenkräfte, die sie sonst hemmen, weggefallen sind, äußert sie sich auch spontan, enthüllt den Menschen als wilde Bestie, der die Schonung der eigenen Art fremd ist. Wer die Greuel der Völkerwanderung, die Einbrüche der Hunnen, die Eroberung Jerusalems durch die frommen Kreuzfahrer, ja selbst noch die Schrecken des letzen Weltkrieges in seine Einnerung ruft, wird sich vor der Tatsächlichkeit dieser Auffassung demütig beugen müssen.
Die Existenz dieser Aggressionsneigungen, die wir bei uns selbst verspüren können, beim anderen mit Recht vorauszusetzen, ist das Moment, das unser Verhältnis zum Nächsten stört und die Kultur zu ihrem Aufwand nötigt." (Das Unbehagen in der Kultur, 1930)

Jean Paul Sartre:

"Wenn der Mensch, so wie ihn der Existentialist begreift, nicht definierbar ist, so darum weil er anfangs überhaupt nichts ist. Er wird erst in der weiteren Folge sein, und er wird so sein, wie er sich geschaffen haben wird. Also gibt es keine menschliche Natur, da es keinen Gott gibt, um sie zu entwerfen." (S.12)
"Wenn Gott nicht existiert, so finden wir uns keinen Werten, keinen Geboten gegenüber, die unser Betragen rechtfertigen. So haben wir weder hinter uns noch vor uns, im Lichtreich der Werte, Rechtfertigungen oder Entschuldigungen. Wir sind allein, ohne Entschuldigungen. Das ist es, was ich durch die Worte ausdrücken will: Der Mensch ist verurteilt, frei zu sein. Verurteilt, weil er sich nicht selbst erschaffen hat, anderweit aber dennoch frei, da er, einmal in die Welt geworfen, für alles verantwortlich ist, was er tut."(Drei Essays, 1969 S.26)

Robert Spaemann:

"Das Naturgesetz, nach welchem ein Stein von oben nach unten fällt, ist diesem Stein sozusagen äußerlich. Er weiß nichts von ihm (...) Und auch der Vogel, der ein Nest baut, verfolgt nicht die Absicht, etwas für die Erhaltung der Art zu tun oder Vorsorge zu treffen ... Ein innerer Drang, ein Instinkt treibt ihn, etwas zu tun, dessen Sinn ihm selbst verborgen ist. (..) Menschen dagegen können wissen, warum sie das tun, was sie tun. Sie verhalten sich ausdrücklich und in Freiheit zum Sinn ihres Handelns. Wenn ich Lust habe, etwas Bestimmtes zu tun, durch dessen Folgen ein anderer geschädigt wird, dann kann ich mir diese Folgen vor Augen stellen und mich fragen, ob es gerecht ist, und ob ich es verantworten kann. Wir sind imstande, uns von unsern Augenblicksinteressen unabhängig zu machen und uns die objektive Rangordnung der für unser Handeln relevanten Werte zu vergegenwärtigen."( Moralische Grundbegriffe, 1981, Seite 74)

Peter Sloterdijk:

„Was Nietzsche in seiner Vision vom anbrechenden Zeitalter der letzten Menschen vor Augen hatte, ist der scheinbar unaufhaltsame Abstieg des Menschen von den alten manischen Höhen zur universellen selbstzufriedenen, semidepressiven Mittelmäßigkeit. Die letzten Menschen sind jene, die die Unterbietung des Menschen durch den Menschen als dessen Erfüllung feiern. Wer könnte leugnen, daß das Medienzeitalter zu einem Triumph der entgeisterten Vitalität geführt hat - orientiert am Leitbild sportlich-musikalischer Grenzdebilität? Der letzte Mensch: der Passant vor einem Mikrophon." (Weltfremdheit 1993, S.38)


Kurz und bündig

Das Ebenbild Gottes (Moses 1, Genesis)

„Ein Schilfrohr, das zerbrechlichste in der Welt, ist der Mensch, aber ein Schilfrohr, das denkt" (Blaise Pascal 1623-62)

zoon politikon - Wesen, das in der Gemeinschaft lebt, Aristoteles
zoon logon - Wesen, das Logos ( Sprache, Stimme, Vernunft) besitzt

homo sapiens - das Wesen, das eine Empfindung für Wesentliches hat

homo faber - das handwerkzeugelnde Wesen

homo ludens - das spielende Wesen

homo oeconomicus - das haushaltende Wesen

homo mensura - das Maß aller Dinge (Pythagoras)

homo automobilis - (ARTE am 23.10.1996 um 17.55 Uhr)

ein Wesen, das leidet und erlöst werden will (Buddhismus)

das nicht festgestellte Tier (Wesen fast ohne artspezifische Instinkte und besondere Fähigkeiten, Arnold Gehlen)

ein Gewohnheitstier (Volksmund)

Homo homini lupus est (Thomas Hobbes)

Homo homini deus est. (Ludwig Feuerbach)

Die Krone der Schöpfung ???

Der nackte Affe (Buchtitel von D. Morris, Verhaltensforscher und Zoologe, 70er Jahre)


Hintergrundinformationen

"Die einfachste Art, die Missstände in der Welt zu erklären, besteht zweifellos darin, irgend einen Menschen oder eine ganze Gruppe für alle Übel verantwortlich zu machen. Es können auch dunkle Triebe oder böse außerirdische Mächte sein, die das Leid in der Welt verursachen. An Schuldzuweisungen hat es in der kulturellen Entwicklung nie gefehlt.

Wahrscheinlicher ist jedoch, dass die theoretischen Voraussetzungen, auf die der Mensch Kultur und Zivilisation gegründet hat, falsch sind.

Wahrscheinlich ist, dass der zivilisierte Mensch bei der Beurteilung seiner selbst und seiner Geschichte immer wieder gravierende Fehler macht, die zwangsläufig unvernünftige Handlungen zur Folge haben.
Vorliegende Arbeit ist eine Theorie, die dem Ziel dient, ein Bild vom Menschen und seiner Geschichte zu entwerfen, das klarer und einfacher und daher sinnvoller ist, als die bisher bekannten Erklärungsprinzipien. Mit dieser Theorie sollte es möglich sein, die Gegenwart besser zu verstehen." (Autor: Alfred Lefelder, www.anthropologie-online.de)

Siehe auch