Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht

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Inhaltsverzeichnis

Zur Herkunft

Orientalische Erzählungen im weitesten Sinne sind es. Indischen Ursprungs ist der Kern, dann wurde er persisch überformt, die älteste überlieferte Handschrift aus dem 15. Jahrhundert ist arabisch. Der erste Herausgeber, der französische Orientalist Antoine Galland, steuerte für die SchachtelgeschichteWikipedia-logo.png die getrennt überlieferten Erzählungen von Sindbad und Ali Baba und manches nur mündlich überlieferte Erzählgut, das er 1709 in Paris bei einem syrischen Erzähler kennenlernte, bei. Ein großer Teil der Erzählungen, die handschriftlich erst nach Gallands Ausgabe auftauchten, ist ägyptischen Ursprungs. Was sich den Europäern des 18. und 19. Jahrhunderts darbot und ihnen so anziehend fremdländisch orientalisch vorkam, war in der Tat ein auch bis heute kaum zu scheidendes Gemisch, das zudem bei der Übersetzung auch dem jeweiligen Zeitgeschmack angepasst wiedergegeben wurde. Dass solche Erzählungen - wie auch Grimms Märchen - ursprünglich keine Kindergeschichten, sondern volkstümliche Erwachsenenliteratur waren, wird freilich erst in einer unverkürzten Fassung deutlich. Dabei wird auch das Eigentümliche des jeweiligen Ursprungslandes und damit der große Abstand zur europäischen Tradition in Ansätzen so deutlich, dass man merkt, dass es erheblicher Bildungsanstrengungen bedürfte, dem als Europäer des 21. Jahrhunderts auch nur halbwegs gerecht zu werden.

Zum Geschlechterverhältnis

Eindrucksvoll ist, was die Geschichten von Tausendundeine Nacht über die männliche Sicht auf das Geschlechterverhältnis in der patriarchalisch muslimischen Gesellschaft aussagen. Die Rahmenerzählung weist auf die Angst des Mannes hin, der fürchtet, von seiner Frau trotz ihrer Einschließung im häuslichen Bereich betrogen zu werden. Der König Scherijar und sein Bruder Schahzaman erleiden dies Schicksal. Bezeichnenderweise erholt sich Schahzaman von der daraus entstandenen Depression erst, als er erfährt, dass es seinem Bruder genauso ergeht. Dieser, der König Scherijar, beschließt auf Nummer sicher zu gehen und sich gleichzeitig am gesamten weiblichen Geschlecht zu rächen, indem er seine Frauen von jetzt ab in der Nacht ihrer Entjungferung töten lässt. Die Tochter seines Wesirs SchehrezadWikipedia-logo.png löst dies, sein Problem, indem sie stets an seiner Seite bleibt und die Zeit, in der er nicht sexuell mit ihr verkehren will oder kann, durch ihre Geschichten ausfüllt. In einigen der Einzelgeschichten wird die Angst des Mannes noch deutlicher zum zentralen Thema. Ein Dämon führt seine Frau ständig in einem verschlossenen Kasten mit sich, damit sie ihn nicht betrügen kann, und sie weist zum Beweis, wie oft es ihr dennoch gelungen ist, stolz 570 Ringe ihrer Sexualpartner vor. Ein König wird von seiner Frau sogar mit einem abgrundtief hässlichen Schwarzen betrogen und wie zum Beleg, dass ihm damit seine Geschlechtsrolle genommen wird, von ihr an seinem gesamten Unterleib versteinert. Die Frau, die ihren Mann betrügt, erscheint somit als Hexe. Auch hier wird der Mann erst vom Bann gelöst und wieder normal, als seine Frau und ihr Geliebter getötet sind. In der Geschichte des Lastträgers und der drei Damen wird die Eifersucht des Mannes dargestellt, die er nicht nur gegenüber seiner Frau, sondern gegenüber der gesamten Frauengemeinschaft, mit der zusammen sie von der Welt der Männer abgeschlossen ist, empfindet. Denn diese drei Damen der Erzählung vergnügen sich miteinander und nutzen die kleinste Gelegenheit beim Einkaufen, um sich einen Mann als Spielzeug zu verschaffen. Ihr rechtmäßiger Herrscher, in diesem Fall durch den Kalif Harun er Raschid verkörpert, kommt nur als Gast in diese Welt und wird, als er versucht, in die Geheimnisse der Frauenwelt einzudringen, mit dem Tode bedroht.

Motivik am Beispiel der Erzählung von Kamar Ez-Zaman

Wenn man in einer Erzählung[1] von einer Prinzessin hört, die in einen Prinzen verliebt ist, von dem sie weder seinen Namen noch den Namen seines Herkunftslandes kennt, so wird man annehmen, dass die Erzählung ein Märchen ist. Wenn diese Prinzessin ihre Dienerin erschlägt, am Hals angekettet wird und sich nach Jahren durch eine kräftige Bewegung des Halses befreit, wird die Annahme zur Gewissheit.

Was hat man danach zu erwarten?

Dass ihr Geliebter, als er „von noch heftigerer Liebesleidenschaft“ zu ihr ergriffen wird, sie verlässt und einen Tag lang einem Stein nachläuft, bis er nicht mehr zurückfindet. Dass sie, als sie ihn nach Monaten wieder ausfindig macht, „um Lust und Freude noch zu erhöhen“, sich ihm gegenüber als Mann ausgibt und dass er bereit ist, mit diesem unbekannten Mann zu schlafen. Wenn sie darauf gemeinsam ein Gedicht von 24 Zeilen sprechen, dann darf man getrost darauf warten, dass es weiter geht: „Es ist mir berichtet worden, o glücklicher König, dass“ er darauf den Plan entwickelt, eine andere Frau zu heiraten, und sie deren Dienerin werden will, sich in deren Sohn verliebt, ihm einen Liebesbrief überbringen lässt und ihr Mann darauf beschließt, diesen seinen Sohn zu töten. Als Märchenkenner erwartet man nun, dass dieser nicht getötet wird. Doch warum? Weil „plötzlich sein Pferd scheute und in die Wüste davon rannte. Jenes Pferd aber hatte tausend Goldstücke gekostet, und es trug einen prächtigen Sattel, der viel Geld wert war. Darum warf der Schatzmeister das Schwert aus der Hand und eilte seinem Rosse nach. --“ „Da bemerkte Scherezad, dass der Morgen begann, und sie hielt in der verstatteten Rede an.“ Und der Leser, der es bis dahin nicht bemerkt haben sollte, weiß jetzt, dass er in einer der Erzählungen aus Tausendundeine Nacht liest.

Fußnoten

  1. Online-Text des Märchens

Ausgaben

  • Tausendundeine Nacht. Übersetzt von Claudia Ott, Beck 2004. 685 S., ISBN 3-40651-680-7
  • Tausendundeine Nacht. Ungekürzte Lesung der Ausgabe von Claudia Ott. 24 CDs, Hörbuch Verlag, Hamburg 2004, ISBN 3-89903-200-4
  • Die Erzählungen aus den Tausendundein Nächten. Vollständige deutsche Ausgabe in sechs Bänden. Nach dem arabischen Urtext der Calcuttaer Ausgabe aus dem Jahr 1839 übertragen von Enno Littmann. KOMET, ISBN 3-89836-308-2

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