Bekenntnisse (Rousseau)

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Die Bekenntnisse von Jean-Jacques Rousseau sind die erste Autobiographie von Rang, die nicht - wie zum Beispiel die Confessiones des Augustinus, auf die sich der Titel bezieht, - die religiösen Erfahrungen, sondern das gesamte Leben, nicht zuletzt das psychologische Selbstverständnis zum Gegenstand haben.

Inhaltsverzeichnis

Textausschnitte

Ich beginne ein Unternehmen, welches beispiellos dasteht und bei dem ich keinen Nachahmer finden werde. Ich will der Welt einen Menschen in seiner ganzen Naturwahrheit zeigen, und dieser Mensch werde ich selber sein.

Ich allein. Ich verstehe in meinem Herzen zu lesen und kenne die Menschen. Meine Natur ist von der aller, die ich gesehen habe, verschieden; ich wage sogar zu glauben, nicht wie ein einziges von allen menschlichen Wesen geschaffen zu sein. Bin ich auch nicht besser, so bin ich doch anders.


Bekenntnisse 1. Buch

nach Gutenberg.de 1. Teil Kap.1
Mein Gedächtnis, welches mir lediglich angenehme Dinge zurückruft, ist das glückliche Gegengewicht gegen meine in Furcht gesetzte Einbildungskraft, die mich nur eine schmerzliche Zukunft vorhersehen läßt.

Alle Papiere, welche ich gesammelt hatte, um mein Gedächtnis zu unterstützen und mir bei diesem Unternehmen als Leitfaden zu dienen, sind in andere Hände übergegangen und werden nie mehr in die meinen zurückgelangen.

Ich habe nur einen treuen Führer, auf den ich mich verlassen kann, das ist die Verkettung der Gefühle, die mein Wesen nach und nach gestaltet haben, und durch sie wieder die Verkettung, der Ereignisse, die ihre Ursache oder Wirkung gewesen sind. Ich vergesse mein Unglück leicht, aber ich kann meine Fehler nicht vergessen, und vergesse noch weniger meine guten Eindrücke. [...] Der eigentliche Zweck meiner Bekenntnisse ist eine genaue Darlegung meines Innern in allen meinen Lebenslagen. Ich habe die Geschichte meiner Seele versprochen, und um sie treu niederzuschreiben, bedarf ich keiner anderen Erinnerungen; mir genügt, wie ich bisher stets gethan, die Einkehr in mich selbst.

[...] denn ich befürchte nicht, der Leser könnte vergessen, daß ich meine Bekenntnisse schreibe und sich dem Wahne hingeben, daß ich nur meine Rechtfertigung im Auge habe; aber er darf eben so wenig erwarten, daß ich die Wahrheit verschweige, wenn sie zu meinen Gunsten spricht.

[...]Der Abbé von Mably gab mir Briefe nach Paris mit, unter andern einen an Herrn von Fontenelle und einen andern an den Grafen von Caylus. Beide waren mir sehr angenehme Bekanntschaften, namentlich der Erstere, welcher mir bis zu seinem Tode beständig seine Freundschaft bewiesen und mir bei unseren Zusammenkünften unter vier Augen Rathschläge ertheilt hat, die ich nur besser hätte benutzen sollen. [...]


Bekenntnisse 7. Buch

nach Gutenberg.de 2. Teil Kap.1

Rousseau stellt seine Notenschreibweise mit Zahlen der Akademie der Wissenschaften vor:

Bei diesem Vorfalle hatte ich Gelegenheit wahrzunehmen, wie die alleinige, aber gründliche Kenntnis einer Sache selbst einem beschränkten Kopfe eine größere Fähigkeit zu einer richtigen Beurtheilung derselben verleiht, als alle Einsicht, welche die Pflege der Wissenschaften gewährt, wenn man nicht gleichzeitig das besondere Studium, um welches es sich handelt, betreibt. [...]

Bekenntnisse 7. Buch

Er schreibt eine Oper:

Diese Gedanken an Musik und Opern tauchten während meiner Krankheit von neuem in mir auf, und in der Fieberhitze componirte ich Lieder, Duette und Chöre. Ich bin sicher, zwei oder drei Stücke di prima intenzione gemacht zu haben, vielleicht würdig der Bewunderung von Meistern, wenn sie die Aufführung derselben hätten hören können. Ach, wenn man die Träume eines Fieberkranken aufzeichnen könnte, welche große und erhabene Sachen würde man dann bisweilen aus seiner Raserei hervorgehen sehen!

Diese Gedanken an Musik und Opern beschäftigten mich noch während meiner Genesung, wenn auch ruhiger. [...] Ehe ich diesmal die Hand ans Werk legte, nahm ich mir die Zeit, über meinen Plan nachzudenken. Ich entwarf den Plan zu einem heroischen Ballet, in dem ich drei verschiedene Gegenstände in drei nur lose zusammenhängenden Aufzügen, deren jeder einen besonderen musikalischen Charakter erhalten sollte, durchzuführen gedachte; und da ich zum Gegenstande eines jeden die Liebeshändel eines Dichters gewählt, so nannte ich diese Oper »Die galanten Musen.« In meinem ersten Aufzug, in kräftiger Musik gehalten, bildete Tasso den Mittelpunkt; in dem zweiten, in welchem zärtliche Melodien vorherrschten, Ovid; während der dritte, Anakreon mit Namen, die Heiterkeit des Dithyrambus athmen sollte.


Bekenntnisse 7. Buch

nach Gutenberg.de Kap.2

Er arbeitet als Gesandtschaftssekretär des französischen Gesandten in Venedig, den er als völlig unfähig darstellt (wofür er das Urteil vieler Diplomaten zur Bestätigung anführen kann).

Ich fand Haufen von Depeschen sowohl vom Hofe wie von anderen Gesandten, von denen er die chiffrirten Theile nicht hatte lesen können, obgleich er alle dazu nöthige Schlüssel besaß. Da ich nie auf einem Bureau gearbeitet und in meinem ganzen Leben keine von dem Minister angewandten Chifferschriften gesehen hatte, fürchtete ich anfangs in Verlegenheit zu kommen. Allein ich überzeugte mich, daß nichts einfacher war, und in weniger als acht Tagen hatte ich das Ganze dechiffrirt, was wahrhaftig nicht der Mühe werth war; denn abgesehen davon, daß die Gesandtschaft in Venedig schon überhaupt nicht viel zu thun hat, war er auch nicht der Mann dazu, daß man ihm auch nur die geringste Unterhandlung hätte anvertrauen mögen. [...]

Eifersüchtig darauf, daß ein anderer seine Geschäfte verrichtete, zu denen er sich doch unfähig fühlte, warf er [der Gesandte, F44] doch seinen ganzen Groll auf den Consul, und unmittelbar nach meiner Ankunft nahm er ihm die Secretariatsgeschäfte der Gesandtschaft ab und übertrug sie mir. Sie waren von dem Titel unzertrennlich, und deshalb forderte er mich auf, ihn anzunehmen. So lange ich bei ihm war, sandte er unter diesem Titel stets nur mich an den Senat und andere Interessenten, und im Grunde war es sehr natürlich, daß er zum Gesandtschaftssecretär lieber jemand haben wollte, der von ihm allein abhängig war, als einen Consul oder einen vom Hof ernannten Bureaubeamten.


Bekenntnisse 7. Buch

nach Gutenberg.de Kap.3

Text

1. Teil, 2. Teil

Einschätzung

Noia 64 apps kontour.png   Meinung

Rousseau kündigt ein sehr offenes, selbstkritisches Buch an und doch ist es ein Buch voller Selbstrechtfertigung. Andererseits ist bis heute ungewöhnlich, wie viele peinliche Geständnisse er macht:

  1. masochistische Bedürfnisse (Buch 1)
  2. ein Diebstahl, für den er jemanden anderen beschuldigt (Buch 2)
  3. dass er seine fünf Kinder alle ins Findelhaus brachte (Buch 8)[1]

Von heute aus gesehen scheint mir aber besonders erstaunlich, dass er bei seinen Verhältnissen zu verheirateten Frauen ein Unrechtsgefühl weder gegenüber seiner eigenen Geliebten Therese Levasseur noch gegenüber den Ehegatten dieser Frauen hat, sondern allenfalls gegenüber den Geliebten dieser Frauen (Beispiel: Saint-Lambert).--Fontane44 22:08, 31. Jul. 2010 (UTC)


Bitte ändere den Inhalt dieses Beitrags nicht. Denn er gibt eine persönliche Meinung wieder.

Anmerkungen

  1. Andere zählen noch weit mehr Geständnisse auf, die sie als peinlich empfinden, z.B. die französische Wikipedia.

Texte über Rousseaus "Bekenntnisse"