Das Leben im Exil und die Suche nach einer neuen Heimat

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Das Leben im Exil und die Suche nach einer neuen Heimat: Fluchtursachen und der Faktor Zeit ist ein Kapitel aus Münkler: Die neuen Deutschen: Ein Land vor seiner Zukunft

Hier sind als Arbeitsgrundlage Zitate zusammengestellt, die ein Referieren des Kapitelinhalts im Artikel erleichtern sollen.

„Über die längste Zeit der Geschichte war Migration von der Suche der Menschen nach wirtschaftlichen Subsistenzmöglichkeiten bestimmt; politischen Faktoren kam bei der Entstehung von Migrationsbewegungen so gut wie keine Bedeutung zu. Genuin politische Fluchtursachen hat es zwar immer gegeben, aber sie fielen zahlenmäßig nicht weiter ins Gewicht.[1] Bis ins späte 19. Jahrhundert hinein war es nämlich immer nur ein Teil der gesellschaftlich-politischen Elite, der nach einem Umsturz oder einem gescheiterten Aufstand ins Exil gehen musste und anschließend von dort aus versuchte, die Macht zurückzuerobern und wieder in die Heimat zurückzukehren. Die Rückkehr der Exilanten war entweder mit einer Amnestie oder einem neuerlichen Umsturz verbunden. Diese Abfolge von Flucht, Exil und Rückkehr war ein fester Bestandteil des Machtkampfs. Erst seit dem 19. Jahrhundert, in enger Verbindung mit der Nationsvorstellung, wurden politische Fluchtursachen dann zu einem relevanten Faktor in der Geschichte der Migration.“

„Das Exil wurde so als eine zeitlich begrenzte Etappe im Machtkampf der politischen Eliten verstanden. Exil war eine Zwischenphase und sollte nicht zu einem Dauerzustand werden – auch wenn es das für manche dann tatsächlich wurde. Doch das lange währende Exil und der Tod in der Fremde wurden eher als das individuelle Schicksal eines Gescheiterten denn als eine Möglichkeit angesehen, auf die man sich einstellen sollte. Die Vorstellung von der Zeitweiligkeit des Exils galt noch für die meisten politischen Flüchtlinge des 19. Jahrhunderts, unter denen sich zunehmend auch Literaten, Künstler, Schriftsteller und Wissenschaftler befanden. Das trug erheblich zur wachsenden Flüchtlingszahl bei. Aber sie alle, auch die Polen, die im 19. Jahrhundert die Hauptgruppe der politischen Flüchtlinge stellten, sahen sich als Exilierte auf Zeit und hatten nicht die Absicht, den Ort des Exils zu ihrer neuen Heimat zu machen.[3]"

„Nicht machtpolitische Konflikte, sondern religiöse Gegensätze haben in der europäischen Geschichte Flucht und Vertreibung in ein Massenschicksal verwandelt und dafür gesorgt, dass die Erwartung, bald zurückzukehren, durch die Suche nach einer neuen Heimat in der Fremde abgelöst wurde."

„Berlin zumal, wo die Hugenotten zeitweilig bis zu vierzig Prozent der Bevölkerung zählten, wurde nicht als Ort des Exils, sondern als neue Heimat angesehen."

„Nur wenige konnten sich mit dem Nomadismus als dauerhafte Lebensform anfreunden. Einer von ihnen war der Schriftsteller Vladimir Nabokov, in dessen Lebensbericht der Osteuropahistoriker Karl Schlögel etwas von der «Arroganz des durch Emigration von allem und zu allem frei gewordenen Migranten» ausmachen zu können meint.“

„Arbeitsmigration kann, wie gezeigt,[11] durchaus gesellschaftskonservierende Effekte haben; Flüchtlingswellen dagegen revolutionieren die sozialen Strukturen der Ausgangs- wie der Ankunftsländer"

„Mit Blick auf Deutschland in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg stellt er fest: «Der Flüchtling hat die traditionellen und eher konservativen Milieus in Deutschland zersetzt und entschieden die ‹Entbäuerlichung› und die ‹Verstädterung› beschleunigt.»[13]"

"Zurzeit ist noch nicht ausgemacht, ob es sich bei den Flüchtlingen aus Syrien und dem Irak im klassischen Sinn um Exilanten auf Zeit handelt, wie es die Flüchtlinge waren, die im Verlauf der jugoslawischen Zerfallskriege nach Deutschland kamen. Sie kehrten nach dem Ende der Kriege zum überwiegenden Teil wieder in ihre Heimat zurück."

„Wahrscheinlich ist jedoch, dass die Afghanen, die nach Deutschland gekommen sind, bleiben wollen. Nach dreißig Jahren innergesellschaftlichem Krieg sehen sie für sich in Afghanistan keine Perspektive mehr und wollen das Land auf «Nimmerwiedersehen» verlassen. Sie sind Wirtschaftsmigranten und politische Flüchtlinge zugleich, und man darf bezweifeln, dass ein deutscher Entscheider im Rahmen des Asylverfahrens dies sauber auseinanderhalten kann, um am Ende zu sagen, die eine Person sei ein politischer Flüchtling mit begründetem Asylanspruch und die andere ein Wirtschaftsmigrant ohne genuin politischen Schutzanspruch. Das Problem dieser Menschen ist, dass sie zumeist selbst nicht wissen, was sie sind, politischer Flüchtling oder Arbeitsmigrant; und das Problem der deutschen Entscheider ist, dass sie auseinanderdividieren müssen, was aufgrund der bestehenden Konstellationen nicht auseinanderzudividieren ist.“