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Die Bleibenden. Flüchtlinge verändern Deutschland.

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In Die Bleibenden. Flüchtlinge verändern Deutschland beschreibt Christian Jakob, wie sich Deutschland in den nicht zuletzt unter dem Einfluss der zweiten und dritten Einwanderergeneration in seinem Verhältnis zu Einwanderung verändert hat

Noch vor einigen Jahren hatten die Flüchtlingsräte Mühe, die Öffentlichkeit auch nur für die allerhärtesten Abschiebeschicksale zu interessieren. Ihr Verhältnis zu Journalisten war das von Bittstellern.

Heute werden Flüchtlingsinitiativen mit so vielen Anfragen von Festivals, Theatern, Kunstprojekten, Filmschaffenden, Autoren, Fotografen, Publizisten, Journalisten, Akademien, Schulen, Firmen, Studenten, Wissenschaftlern, Werbeagenturen, Vereinen und NGOs bestürmt, die alle "was mit Flüchtlingen" machen wollen, dass manche es nicht mal mehr schaffen, auch nur E-Mails mit Absagen zu verschicken.

Der hier schlaglichtartig illustrierte Wandel hat gleichermaßen politische, ökonomische wie soziale Ursachen. Eine davon ist der Konflikt in Syrien. Es ist eine der größten humanitären Krisen seit dem Zweiten Weltkrieg, und sie spielt sich direkt vor den Toren Europas ab. Syrien hat es fast unmöglich gemacht, Asyl als solches zu delegitimieren. Zum anderen ist Deutschland Gewinner der Eurokrise, mit Rekordsteuereinnahmen, schwarzer Null im Haushalt, einem demografischen Problem und wachsendem Arbeitskräftemangel. Seit Langem treiben die Wirtschaftsverbände die Union mit ihren Forderungen nach mehr Zuwanderung vor sich her. Doch es gibt auch eine gesellschaftliche Dimension. Sie geht zurück in die Zeit von Rot-Grün, ab 1998. Es war die erste Bundesregierung, die sich zum Einwanderungsland bekannte. Eines ihrer zentralen Projekte war die Reform des Staatsbürgerschaftsrechts, mit beschleunigter Einbürgerung und einer Abkehr vom starren, anachronistischen Blutsprinzip bei der Staatsangehörigkeit. In den folgenden Jahren wurde heftig um ein Einwanderungsgesetz gerungen. Das Zuwanderungsgesetz von 2004 brachte zwar keineswegs den Durchbruch – der steht bis heute aus –, aber die jahrzehntelange, bleierne Verleugnung der Einwanderungsrealität war gebrochen.


Die Bleibenden. Flüchtlinge verändern Deutschland

Eine geschlossene nationale Identität wird es nicht mehr geben
Die Auseinandersetzungen um Teilhabe und rechtliche Gleichstellung sind Teil eines größeren Konflikts um Migration und Identität. Dieser ist seit dem vergangenen Jahr wieder aufgebrochen. Es war nicht die Silvesternacht in Köln, die alles wieder ins Rutschen gebracht hat. Die Verwerfungen waren vorher schon da. Die Diskussionen um die Ereignisse in Köln fungierten als Ventil.

Die "besorgten Bürger" und ihre Kumpanen aus dem Nazi-Milieu, Pegida und andere Parteienverdrossene, Neue Rechte und AfD, NPD und Autonome Kameradschaften – sie alle halten sich für das Sprachrohr einer schweigenden Mehrheit, gleichzeitig fühlen sie sich verraten von den etablierten Parteien und Medien und halluzinieren von sich als verfolgter Minderheit im eigenen Land. Der Herausgeber des rechtspopulistischen "Compact"-Magazins, Jürgen Elsässer, beklagt "totalitären Asyl-Jubel", der AfD-Rechtsaußen Björn Höcke warnt, die Deutschen könnten bald "keine Heimat mehr" haben. Es geht um Einwanderung als solche. "Keine Islamisierung" und ähnliche Forderungen sind dafür nur Chiffren. Was sie wollen, ist eine geschlossene nationale Identität. Doch die wird es nicht mehr geben. Migration ist ein Angriff auf diese anachronistische Vorstellung. Deshalb ist die Frage "Wer darf dazugehören?" so umkämpft. Die Flüchtlinge und Migrantinnen und Migranten haben ihre Antwort auf diese Frage gegeben. Sie lautet: "Viele dürfen." Sie sollten gehen, aber sie sind geblieben. Sie bestanden auf das Recht, hier ein besseres Leben zu suchen. Und damit haben sie die Zeit, in der "nur deutsch sein kann, wer deutschstämmig ist", beendet.


Die Bleibenden. Flüchtlinge verändern Deutschland

Literatur

Christian Jakob: Die Bleibenden – Wie die Flüchtlinge Deutschland seit 20 Jahren verändern, Berlin 2016.

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