Migrantenströme und Flüchtlingswellen

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Migrantenströme und Flüchtlingswellen ist ein Abschnitt aus Münkler: Die neuen Deutschen: Ein Land vor seiner Zukunft

Inhaltsverzeichnis

Alles fließt: die Metaphorik des Fluiden

"Die Kritik ist im Übrigen verstummt, als klar wurde, dass gerade diese Metaphern die Vergeblichkeit des Vorhabens herausstellen, Migration durch die Errichtung von Mauern und Grenzzäunen zu blockieren: Ströme suchen sich, wenn sie auf physische Barrieren treffen, andere Wege, oder sie stauen sich so [...]

"Metaphern haben ihre eigenen Suggestionen, und die Metaphorik des Fluiden verweist darauf, dass Kanalisieren und Dämmen effektivere Reaktionsformen sind als Blockieren und Absperren."

Über Push- und Pullfaktoren und den Einfluss, den die Fernsehbilder von der Willkommenskultur in Afghanistan hervorriefen:

«O Scheiße, dachte ich», kommentiert Kermani das Gespräch, «so war das mit der Willkommenskultur nicht gemeint.»[8]

"Bei den Push-Faktoren sind relativ eindeutige Verbindungslinien zwischen den Ursachen und den eingetretenen Effekten zu identifizieren, während dies bei den Pull-Faktoren keineswegs der Fall ist. Hier spielen Kommunikationsverzerrungen und Missverständnisse eine sehr viel größere Rolle."

"Für den Populismus ist charakteristisch, dass er stets eine eindeutige Kausalität zwischen Ursache und Wirkung behauptet."

Das Leben im Exil und die Suche nach einer neuen Heimat: Fluchtursachen und der Faktor Zeit

„Über die längste Zeit der Geschichte war Migration von der Suche der Menschen nach wirtschaftlichen Subsistenzmöglichkeiten bestimmt; politischen Faktoren kam bei der Entstehung von Migrationsbewegungen so gut wie keine Bedeutung zu. Genuin politische Fluchtursachen hat es zwar immer gegeben, aber sie fielen zahlenmäßig nicht weiter ins Gewicht.[1] Bis ins späte 19. Jahrhundert hinein war es nämlich immer nur ein Teil der gesellschaftlich-politischen Elite, der nach einem Umsturz oder einem gescheiterten Aufstand ins Exil gehen musste und anschließend von dort aus versuchte, die Macht zurückzuerobern und wieder in die Heimat zurückzukehren."[1]

"Wahrscheinlich ist jedoch, dass die Afghanen, die nach Deutschland gekommen sind, bleiben wollen. Nach dreißig Jahren innergesellschaftlichem Krieg sehen sie für sich in Afghanistan keine Perspektive mehr und wollen das Land auf «Nimmerwiedersehen» verlassen. Sie sind Wirtschaftsmigranten und politische Flüchtlinge zugleich, und man darf bezweifeln, dass ein deutscher Entscheider im Rahmen des Asylverfahrens dies sauber auseinanderhalten kann, um am Ende zu sagen, die eine Person sei ein politischer Flüchtling mit begründetem Asylanspruch und die andere ein Wirtschaftsmigrant ohne genuin politischen Schutzanspruch. Das Problem dieser Menschen ist, dass sie zumeist selbst nicht wissen, was sie sind, politischer Flüchtling oder Arbeitsmigrant; und das Problem der deutschen Entscheider ist, dass sie auseinanderdividieren müssen, was aufgrund der bestehenden Konstellationen nicht auseinanderzudividieren ist. Der fehlende Frieden und die mangelnde Sicherheit in einem Land bringen katastrophale wirtschaftliche Verhältnisse hervor – wie lassen sich Wirtschaftsmigrant und politischer Flüchtling da auseinanderhalten? Ein Versuch, diese rechtlich vorgesehene Trennung mit moralischen Argumenten zu unterlaufen, ist die Behauptung, «der Westen» sei für Flüchtlinge wie Arbeitsmigranten gleichermaßen verantwortlich, da er nicht nur durch militärische Interventionen im Nahen und Mittleren Osten, sondern auch durch die neokoloniale Ausbeutung Afrikas die Migrantenströme und Flüchtlingswellen erst hervorgebracht habe. Deswegen könne nicht zwischen politischen Flüchtlingen und Arbeitsmigranten unterschieden werden. Die wesentlichen Ursachen der Migration seien im kapitalistischen System zu suchen, so etwa die Publizistin Daniela Dahn, daher habe es keinen Sinn, die Fluchtursachen bekämpfen zu wollen, solange dieses System fortbestehe. «Zu den Kriegs- und Armutsflüchtlingen» würden «in absehbarer Zeit die Klimaflüchtlinge hinzukommen», und dann werde der Flüchtlingsstrom ganz andere Dimensionen annehmen.[19] Sieht man genauer hin, so handelt es sich dabei um eine zutiefst widersprüchliche Argumentation: Wenn nämlich die Bekämpfung der «eigentlichen» Fluchtursachen darin bestehen soll, das kapitalistische System zu zerschlagen, dann wird «der Westen» auf Jahre hinaus mit sich selbst beschäftigt und zu keinerlei Hilfe für die Flüchtlinge fähig sein; er kann dann der von Dahn angemahnten «historischen Verantwortung» nicht nachkommen."

Die Organisation der Flucht: Schlepper, Schleuser, Menschenschmuggler

"Wer der Bundeskanzlerin vorwirft, ein doppeltes Spiel zu spielen, weil sie einerseits für die Willkommenskultur stehe und andererseits auf eine Stärkung der EU-Außengrenzen setze, hat das Problem, um das es geht, nicht verstanden." (sieh unten)

Der Fremde als Gast: Gastmetaphoriken in einer ungastlichen Welt

Normative Selbstbindungen im Umgang mit Bürgerkriegsflüchtlingen

Anmerkungen

  1. Ergänzende Zitate in Das Leben im Exil und die Suche nach einer neuen Heimat