Bildung

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Inhaltsverzeichnis

Denkanstöße

[...] Im internationalen Vergleich gehört das deutsche Bildungssystem zu den sozial selektivsten. Das zeigen auch die Zahlen: Laut der aktuellen Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks kommen von 100 Kindern aus Nichtakademikerhaushalten gerade einmal 23 an der Hochschule an. Von 100 Kindern aus Akademikerhaushalten landen hingegen 83 Kinder an der Hochschule.

[...] „Es zeigte sich, dass Eltern aus sozial privilegierten Verhältnissen ihre Kinder häufiger auch ohne entsprechende Empfehlung aufs Gymnasium schicken als Eltern aus weniger privilegierten Verhältnissen.“ [...]

Definitionsversuche

Nach Robinsohn 1975 ist Bildung die Ausstattung zum Verhalten in der Welt.

In der pädagogischen Literatur werden zahlreiche weitere Definitionen des Bildungsbegriffes angeboten, die jeweils meist nicht nur definieren, sondern auch Sachaussagen beinhalten. Zum Beispiel formuliert Heinz (1991, 121): „Bildung ist die wachsende Teilhabe an der Kultur mit dem Ziel einer weitergeleiteten, harmonischen Persönlichkeit.“

Folgende Merkmale der Bildung lassen sich hieraus ableiten:

  1. Dynamik durch das Adjektiv wachsen. Bildung ist NIEMALS abschließbar.
  2. Beteiligung (Teilhabe)
  3. Kulturelle Identität, womit das Zugehörigkeitsgefühl zu einer Kultur gemeint ist.
  4. Die Zielorientierung ( Persönlichkeit) als Reifegrad der entwickelten Individualität.

Nach Klafki muss Bildung als Zusammenhang dreier Grundfähigkeiten verstanden werden. Als Fähigkeit zur Solidarität, aber auch zur Selbstbestimmungs- und Mitbestimmungsfähigkeit.

Bildung kann als Prozess oder als Ergebnis gesehen werden und ebenso als Resultat der durch Erfahrung und vielseitige Anstrengung erworbenen individuellen Prägung im Denken, Fühlen und Handeln, die das eigentlich Selbst- und Weltverhältnis des Menschen bestimmt. So ereignet sich formal im Bildungsprozess die Begegnung von Mensch und Umwelt. Genauer: Im Bildungsprozess vollzieht sich personale Selbstverwirklichung des Menschen in Verantwortlichkeit gegenüber seiner Umwelt.

Bildungskriterien (nach von Hentig)

  • Abscheu und Abwehr von Unmenschlichkeit

„Wo Unmenschlichkeit erkannt wird - im eigenen Verhalten, in den Lebensumständen, in den Taten anderer, vor allem der Mächtigen -, ist das Wichtigste in Gang gesetzt: die Unruhe über ihre Ursachen, das Nachdenken über eine mir und dir mögliche Menschlichkeit, ein Stück Verantwortung für die Welt, in der wir leben.“

  • Die Wahrnehmung von Glück

Glück und Freude gibt es auch ohne Bildung. Das Kriterium soll aber heißen: „Wo gar kein Glück aufkommt, war keine oder die falsche Bildung; es sagt sodann: Bildung soll Glücksmöglichkeiten eröffnen, Glücksempfänglichkeit, eine Verantwortung für das eigene Glück.“

  • Die Fähigkeit und der Wille, sich zu verständigen

Die Forderung nach einem Weltethos geht noch zu weit. Genügend Wertgemeinsamkeit gibt es noch nicht auf der Welt. Sie kann nur aus Verständigung in vielen konkreten Fällen entstehen. Bildung soll diese ermöglichen und die Einsicht respektive das Verständnis untereinander fördern und vertiefen.

  • Ein Bewusstsein von der Geschichtlichkeit der eigenen Existenz

Wir leben alle in Kulturen, z.T. in Mischkulturen. Diese Kulturen geraten zueinander in Widerspruch. Bewusstsein von der Geschichtlichkeit der eigenen Existenz hilft nicht, Konflikte zwischen Kulturen zu verhindern, sondern nur dazu, sie zu mildern.

  • Wachheit für letzte Fragen

Solche Fragen sind z.B. "Woher komme ich?", "Wohin gehe ich?", "Was ist der Sinn?".

  • Bereitschaft zur Selbstverantwortung und Verantwortung in der res publica (Gemeinwesen)

Dies schließt ein, dass wir alle gemeinsam in unserem Gemeinwesen darauf achten, dass alle Bürger diese Verantwortung wahrnehmen. „Darum ist eine Bildung, die nicht zur Politik führt, mich also nicht zur Wahrnehmung meiner Rolle - oder Verantwortung - im Gemeinwesen angeleitet und befähigt hat, eben keine 'Bildung'.“

(Hartmut von Hentig: Bildung. Ein EssayWikipedia-logo.png, 1996)

Die Entwicklung des Bildungsbegriffes

Der Begriff Bildung ist ein zentraler Begriff in der deutschen Pädagogik und ein durchaus äußerst anspruchsvoller Begriff mit dem Anspruch der Komplexität. Je nach Ausrichtung und Interessenlage unterscheiden sich die Ansichten, was unter dem Begriff Bildung überhaupt verstanden werden sollte. Sein Inhalt ist nicht einheitlich bestimmt, sondern er wird geprägt von dem Verständnis der Erziehung, der entsprechenden Bildungstheorie und dem postulierten Menschenbild.

In der Pädagogik erscheint Bildung vor allem als subjektive Seite der Kultur im Sinne von Aneignung und Weiterentwicklung, als Befähigung zum erfolgreichen Umgang mit der Welt (lernzieltheoretischer Ansatz) und auch als Arbeit an Verhaltensweisen, um sich das Leben und Überleben als Individuum in einer Gesellschaft zu sichern.

Die etymologische Herkunft des Begriffs Bildung verweist auch allgemein auf die Gestaltung eines Stoffs durch ein vorgegebenes Formprinzip oder ein Bild; in jedem Fall entscheidet jedoch nicht der Stoff, sondern die Form. Demnach bedeutet Bildung sowohl einen Vorgang in und aus einem Innern (= sich bilden) als auch einen Zustand und ein Ergebnis aufgrund der nicht bestimmbaren Einwirkungen von außen (= gebildet werden).

Die Wandlung des Bildungsbegriffs vollzieht sich von der Mystik bis zur Gegenwart:

  • Die Bildung als Gottesbildlichkeit - Mittelalter
  • Die Bildung als Kritikfähigkeit des Menschen - Aufklärung
  • Die Bildung als Verwirklichung der reinen Menschlichkeit - Humanismus
  • Bildung als Entfaltung der Individualität - Neuhumanismus
  • Bildung als Selbstverwirklichung - Idealismus
  • Bildung als Versuch, den Menschen durch Arbeit zu verwirklichen – Materialismus
  • Bildung als überflüssige Leerformel – Postmoderne
  • Bildung als gegenseitiges Erschließen von Mensch und Welt

Der Übertrag des Bildungsbegriffs in der pädagogischen Fachsprache erfolgt um die Mitte des 18. Jahrhunderts in der Pädagogik der Aufklärung, die Bildung aus den theologischen, mystischen und metaphysischen Zusammenhängen löst und zu einem Schlüsselwort für die Lehre von der Erziehung und dem Unterricht macht.

Zitate

Die Pädagogik oder Erziehungslehre ist entweder physisch oder praktisch. [...] Die praktische oder moralische ist diejenige, durch die der Mensch soll gebildet werden, damit er wie ein frei handelndes Wesen leben könne. [...] Sie ist Erziehung zur Persönlichkeit, Erziehung eines frei handelnden Wesens, das sich selbst erhalten, und in der Gesellschaft ein Glied ausmachen, für sich selbst aber einen innern Wert haben kann.

Immanuel Kant: Über Pädagogik

Die letzte Aufgabe unsres Daseyns: dem Begrif der Menschheit in unsrer Person, sowohl während der Zeit unsres Lebens, als auch noch über dasselbe hinaus, durch die Spuren des lebendigen Wirkens, die wir zurücklassen, einen so grossen Inhalt, als möglich, zu verschaffen, diese Aufgabe löst sich allein durch die Verknüpfung unsres Ichs mit der Welt zu der allgemeinsten, regesten und freiesten Wechselwirkung. Diess allein ist nun auch der eigentliche Massstab zur Beurtheilung der Bearbeitung jedes Zweiges menschlicher Erkenntniss.

Wilhelm von Humboldt: Theorie der Bildung des Menschen, 1793, S.34

Bildung ist die Fähigkeit, bei der Konversation mit gebildeten Leuten mitzuhalten, ohne unangenehm aufzufallen.

Dietrich Schwanitz: Bildung. Alles was man wissen muß, 1999

Bildung als Konditionierung auf die Praxisbedürfnisse des Staates und seiner Wirtschaft führt zu einer, wenngleich nicht schädlichen Anhäufung von Wissen und Techniken zum Wissenserwerb. Niemand leugnet, dass angelernter Inhalt nicht nur sich selbst repräsentiert, sondern auch den Vorgang des Lernens als einer geistigen Erfahrung. Unter der Perspektive der Kultur allerdings ist das keine Bildung des Menschen, denn seine hinreichende Ausstattung mit Instrumenten und Informationen setzt ihn noch nicht instand, entscheidungsfähig zu sein, möglichst

autonom sein Leben zu gestalten und die Voraussetzungen allgemeiner Menschenwürde anzuerkennen.


Gert Heidenreich am 13.12.2009 in SWR 2[1]

Ökonomische Aspekte

Bildung bestimmt den ökonomischen Wert (bzw. die wirtschaftliche Verwertbarkeit) des "Humankapitals":

[...] Der Blick auf die sozial Benachteiligten bedeutet unter diesen Voraussetzungen eben keinen inhaltlichen Kurswechsel. Vielmehr geht es der Bertelsmann Stiftung und den Autoren der Studie um eine noch engere Verzahnung von Bildungs- und Wirtschaftssystem. Beide sollen dem Gesetz von Angebot und Nachfrage gehorchen und mit ihren Akteuren als Wettbewerber am Marktprozess teilnehmen.

Wilhelm von Humboldt hatte vor exakt 200 Jahren, als er dem preußischen König die Grundzüge einer notwendigen Bildungsreform skizzierte, ganz andere Vorstellungen. Sie zielten vornehmlich auf die Persönlichkeitsentwicklung der Menschen und Bürger - nicht auf die Stabilisierung ökonomischer Prozesse. [...]


Thorsten Stegemann (tp vom 02.12.2009): Marodes deutsches Bildungssystem erzeugt 2,8 Billionen Euro Folgekosten • Die Bertelsmann Stiftung hat die Folgekosten der unzureichenden Bildung ausgerechnet und fordert Chancengleichheit. Aber warum macht sie das?

Verhältnis von Bildung und Erziehung

In der Literatur ist das Verhältnis nicht eindeutig festgelegt. Die Möglichkeiten reichen hier über eine synonyme Gleichsetzung bis zu Über- bzw. Unterordnung. Bei der Überordnung schließt Bildung Erziehung und Unterricht mit ein, wobei sie als Einheit von Unterricht und Erziehung fungiert. In der Unterordnung ist Bildung nur ein Teilbereich der Erziehung.

Im Allgemeinen gilt: Bildung und Erziehung ergänzen und überlagern sich gegenseitig.

Die Vollendung der Bildung, die Gebildetheit des Gebildeten, besteht in Wahrheit darin, daß einer nicht fertig und angekommen ist, sondern offen bleibt für neue Erfahrung und Selbsterfahrung.

Günther Buck

Bildung in der Presse

Nationaler Bildungsbericht 2010

Trotz steigender Bildungsinvestitionen hängt der Bildungserfolg hierzulande weiter stark von der sozialen und ethnischen Herkunft ab. Migranten bleiben die Verlierer.

Unesco-Weltbildungsbericht

"Verheerendes Ergebnis des Weltbildungsberichts: 140 Millionen Kinder und Jugendliche gehen nicht zur Schule. Die Finanzkrise bedroht die Bildung in armen Ländern."

Literatur zum Bildungsbegriff

  • Heinz, H.: Bildungstheorie. Frankfurt u.a. 1991
  • Hentig, H. v.: Bildung. Ein Essay, München, Wien 1996
  • Klafki, W.: Neue Studien zur Bildungstheorie und Didaktik. Weinheim. 5. Auflage. 1996
  • Koch, L. Bildung. In Reinhold, G./ Pollak, G./ Heim, H. (Hrsg).: Pädagogik- Lexikon. München, Wien 1999, 78 – 84
  • Lenzen, D.(Hg.): Pädagogische Grundbegriffe. Hamburg 1989
  • Köck, P./ Ott, H: Wörterbuch für Erziehung und Unterricht. Donauwörth. 5. Auflage 1994
  • Schwanitz, D.: Bildung. Alles was man wissen muß. Eichborn, Frankfurt am Main 1999, ISBN 3-8218-0818-7

Einzelnachweise

  1. Dr. Gert Heidenreich: Wir sind Kultur • Über geistige Ernährung (PDF-Datei) SWR2, Manuskript der Sendung vom 13.12.2009

Linkliste

Siehe auch