Die Heimkehr

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Die Heimkehr ist ein Roman von Bernhard Schlink.

Inhaltsverzeichnis

Worum geht‘s

I. Der Ich-Erzähler Peter Debauer beginnt ganz am Anfang,
in seiner frühen Jugend. Die Sommerferien verbringt er bei seinen Großeltern in der Schweiz, die Mutter ist alleinerziehend und wohnt in Deutschland. Die Zeit ist die unmittelbare Nachkriegszeit. Der Junge hat ein sehr gutes Verhältnis zu seinen gebildeten Großeltern, sie kümmern sich liebevoll um ihn, zu seiner Mutter haben sie allerdings kein Verhältnis, sie begegnen sich nie. Am Abend redigieren und editieren die Großeltern Romane, die in einer Reihe „zur Freude und zur guten Unterhaltung“ erscheinen, dabei bekommt er das Ende einer Geschichte zu Gesicht, in der ein Kriegsheimkehrer, Karl, nach Hause kommt und erfahren muss, dass seine Frau und sein Sohn mit einem anderen Mann zusammenleben. Wie die Geschichte weitergeht, erfährt der Ich-Erzähler nicht. Die Großeltern sterben bei einem Autounfall.
II. Peter Debauer studiert Jura, hat mit einer Frau ein Kind, verlässt aber beide, nachdem sie ein Verhältnis mit einem anderen Mann hatte.
Er promoviert und habilitiert, lässt die Habilitation jedoch nach sechs Jahren unbeendet liegen. Statt dessen macht er eine Kurzausbildung als Masseur in den USA, kehrt nach Deutschland zurück, wird aber nicht Masseur, sondern Lektor in einem Verlag für juristische Fachliteratur, für den er recht erfolgreich eine Fachzeitschrift und eine Reihe von Büchern herausgibt. Beim Auspacken von großelterlichen Erbstücken liest er die Druckfahnen, mit denen die Stücke eingewickelt waren, und gerät dabei in die Geschichte des Heimkehrers Karl, der mit Kameraden aus russischer Gefangenschaft entkommt und sich als einziger lebend bis Deutschland durchschlägt. Die Geschichte fesselt ihn und er stellt fest, dass sie kein Tatsachenbericht sein kann, sondern eine Adaption der Odyssee: Aus der Homer’schen Heimkehrergeschichte wird eine andere Heimkehrer-Geschichte. In dieser Phase lernt Peter Debauer eine Frau kennen, Barbara, die er lieben lernt, bis sie ihm eines Tages verrät, dass sie mit einem amerikanischen Journalisten verheiratet ist, der jederzeit bei ihr erscheinen kann. Dies geschieht tatsächlich und Peter D. flüchtet gekränkt aus dieser Beziehung.
III. Er führt ein unstetes Beziehungsleben und beginnt seine systematische Suche nach dem Autor des Heimkehrer-Romanes.
Gleichzeitig will er mehr über seinen Vater erfahren, seine Mutter erzählt ihm nur weniges: Die Beziehung zu seinem Vater sei eine Affaire zu Kriegsende gewesen, habe nur wenige Tage gedauert und damit geendet, dass sie schwanger war, er ihr einen Schweizer Pass besorgt habe und vor ihren Augen erschossen worden sei.
Die Suche nach dem Autor legt die Vermutung nahe, dass dieser ein für die Nationalsozialisten schreibender Journalist gewesen sein muss, der in seinen Artikeln dem Krieg und seinem voraussehbaren Scheitern einen existenzialistische Sinn zu geben versuchte. Nach dem Krieg muss er aber unter einem anderen Namen journalistisch auch der kommunistischen Besatzungsmacht gedient haben.
Inzwischen ereignet sich die Wiedervereinigung Ost- und Westdeutschlands und der Ich-Erzähler lehrt – zusätzlich zu seiner Tätigkeit als Lektor - ein Semester lang Verfassungsrecht an einer Ost-Berliner Universität, hört damit aber bald wieder auf. Im Flugzeug begegnet er wieder seiner alten Liebe Barbara, diese hat sich von ihrem amerikanischen Mann längst wieder getrennt und unterrichtete kurzzeitig an einer ostdeutschen Schule. Die Beiden nehmen ihre abgebrochene Beziehung wieder auf und beschließen zu heiraten.
IV. Auf dem Standesamt zieht der Beamte mangels ausreichender Dokumente in Polen Erkundigungen über Peter Debauers Geburt ein.
Dabei wird festgestellt, dass dessen Mutter einen gewissen Debauer nie geheiratet hat und … (mehr wird hier nicht verraten --Klaus Dautel.)

Stimmen in Presse, Funk und Internet

“Kaum erschienen, hat der neue Roman von Bernhard Schlink, "Die Heimkehr", bereits die Bestsellerlisten erreicht. Der Autor profitiert noch immer von seinem ersten literarischen Erfolg, dem "Vorleser". Und von jedem neuen Buch dieses gewieften Spurenlegers und Indiziensammlers erwartet man eine ähnliche Qualität. Doch die Enttäuschung ist groß.
Denn Schlink bedient sich in seinem der antiken "Odyssee" nachempfundenen Roman nur zu versiert künstlerischer, zeitgeschichtlicher und politischer Versatzstücke. Man spürt auf jeder Seite: Dieser Autor weiß, was ankommt; weiß, seine Kolportage über zwei Männerleben mit dem notwendigen gesellschaftskritischen Grundgestus zu versehen. Er weiß, Spannung aufzubauen und zu halten: Nazivergangenheit und ihre internationale Gegenwart, ein bisschen Liebe, ein bisschen Horror, philosophisch Grundsätzliches zum Guten und Bösen in der Welt. Und immer die kokette Suche nach dem eigenen Ich. Also alles, was sozusagen angesagt ist in der Zeitgeistdebatte. [...]“ (www.merkur-online.de)
“[…] „Die Heimkehr", so eine These in Bernhard Schlinks neuen gleichnamigen Roman, erweist sich als Illusion. Eine einleuchtende Schlussfolgerung der in Essays vertretenen Theorie des Autors von der "Heimat als Utopie". In "Die Heimkehr" geht es um die Dekonstruktion eines uralten Mythos.
[…] Trotz der eigentlich kühnen Konstruktion kann die Geschichte über viele zu lange Passagen hinweg die Spannung nicht halten. In sich stimmige Handlungsstränge verlieren durch ermüdende Exkurse über Recht ihre Dramatik. Szenen und Figuren wirken, unter der Last des übermächtigen theoretischen Konzepts erdrückt, oft genug wie Requisiten einer rechtswissenschaftlichen Versuchsanordnung. Bernhard Schlink wollte einen Anti-Heimkehrer-Roman schreiben, aber es ist ihm nicht gelungen, die Melancholie der Fremde oder die Sehnsucht nach Heimat lebendig werden zu lassen. Bei Schlink sind die Emotionen unter historischen Bezügen, juristischen Diskursen und philosophischen Überlegungen nachgerade erstickt. Auch wenn er sich geschickt auf die Geschichte aller Geschichten, die Odyssee, bezieht. Statt erlebter innerer Konflikte und grundlegender Gefühle unserer Existenz, wie sie Homers jahrhundertealter Epos heute noch zu vermitteln vermag, konstruierte Szenarien. "Die Heimkehr" bleibt eine Geschichte, die nüchtern und distanziert von Heimkehr erzählt, ohne sie letztendlich erfahrbar zu machen. […] (www.dradio.de)
"Die zahlreichen Verrisse haben Schlink zwar getroffen, er könne aber gut damit leben, sagt der 62-Jährige. Dass er schreibt, weil es ihn schlicht glücklich macht, hat er des öfteren betont. Auch, dass er sich als Schreibender unter keiner anderen Aufgabe als der sieht, Geschichten zu erzählen, die für ihn stimmen. "Die Literatur kann das, was wir oft sehen, ohne es zu sehen, oder hören, ohne es zu hören, in Gedanken fassen und uns auf diese Weise zu Bewusstsein bringen", so Schlink. "Ich glaube nicht, dass sie mehr kann, aber das ist schon eine Menge."
Und was kann Bernhard Schlinks "Heimkehr"-Roman? Verwirrung stiften in jedem Fall. Peter Debauer heißt der Protagonist. Er ist ein moderner Odysseus auf der Suche nach seiner Herkunft und der Frau, die er liebt. Seine Frau findet er, ebenso seine Herkunft in seinem ihm bisher unbekannten Vater: einem ehemaligen Nazi, der es nach dem Krieg zum Rechtsprofessor in den USA gebracht hat. Dessen Metier ist die dekonstruktivistische Theorie. Sie geht davon aus, dass Wirklichkeit ein unabschließbarer Interpretationsprozess ist ohne letztgültige Wahrheiten. Peter Debauer ist davon fasziniert und abgestoßen zugleich. "Ich denke, dass Dekonstruktivismus auch zu einer Beliebigkeit führt, die, wenn man sie in den Bereich des Rechts überträgt, eine Herausforderung ist", erklärt der Auor. "Um diese Herausforderung geht es auch im Buch." [...]
"Zu viel" - das trifft wohl auch auf den Roman "Die Heimkehr" zu: zu viel an Geschichte, zu viel an Bildung, zu viel an Konstruiertheit. Aber für die vielen Schlink-Leser scheint das gerade richtig zu sein. Und für Bernhard Schlink selbst ist es eine Geschichte, die für ihn stimmt. Und mehr will er ja nicht." (04.05.2006 Katja Gasser für 3Sat/Kulturzeit)
“Es war einer der überraschendsten und sonderbarsten Bucherfolge der deutschen Nachkriegsliteratur, diese Liebesgeschichte zwischen der ehemaligen KZ-Wärterin Hannah Schmitz und dem fünfzehnjährigen Jungen Michael Berg, die in Bernhard Schlinks Roman "Der Vorleser" im Mittelpunkt stand. Zehn Jahre ist das her, und der Erfolg, den das Buch in Deutschland hatte, war nichts im Vergleich zu dem überwältigenden Triumph, den es in Amerika feierte. Platz eins der Bestsellerliste, binnen kurzer Zeit war die Geschichte der reumütigen KZ-Wärterin, die nicht lesen kann und später, nach ihrer Verurteilung in Westdeutschland, das Lesen lernt, Bücher von Primo Levi, Elie Wiesel und Hannah Arendt geradezu verschlingt und sich nach der Entlassung das Leben nimmt, mehr als eine Million Mal verkauft. […]
Auch in seinem neuen Roman "Heimkehr" steht ein Ex-Nazi im Mittelpunkt. Er steht im leeren Zentrum. Er ist der abwesende Vater des Ich-Erzählers Peter Debauer, der als kleiner Junge bei seinen Großeltern in der Schweiz Ferien macht. Die redigieren fleißig Groschenromane, um sich zu ihrer Rente etwas hinzuzuverdienen, die überflüssigen Rückseiten darf der Enkel zum Malen und Schreiben verwenden - unter dem strengen Verbot, die Vorderseiten zu lesen. Denn Schund ist gefährlich für kleine Seelen.[…]
Weltkriegsende, Fall von Breslau, Flucht, Nachkriegselend, schließlich Mauerfall, Wiedervereinigung, 11. September. Das Buch läßt gar nichts aus, und zu allem Überfluß wird noch jeder Seitenstrang des Geschehens unter die Schablone von Homers Odyssee gelegt, der Urgeschichte aller Heimkehrer. Ständig kommt irgendjemand heim, ein Rivale aus Sudan, die Sagenfigur Hildebrandt, der Vater aus Rußland, Odysseus, schließlich ganz Deutschland und immer wieder der Ich-Erzähler, der sklavisch, auch im Liebesleben, dem alten Vorbild folgt: "Wenn die vergewaltigte Journalistin meine Kikonin und die verwöhnte Bettina meine Lotophagin war, stand jetzt eine einäugige Zyklopin an." Haha. Doch das schlimmste an diesem Buch des Grauens, das alles will und nichts erreicht, ist seine Sprache. […]
Bernhard Schlink hätte ein wenig Feigheit gutgetan. Etwas Vorsicht. Etwas Sorgfalt. Aber er stürmt durch die Weltgeschichte, durch die Literaturgeschichte und durch die Betten der Pfirsichwangendamen, kämpft gegen Schablonen und ist selbst in einer Endlosrille des Kitsches gefangen. Ein Jammerbild.“ (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.03.2006)

Der Text

Bernhard Schlink: Die Heimkehr. Roman. (Diogenes 2006, 384 S., ISBN 3-257-06510-8)

Siehe auch