Diskussion:Motivation beim Erlernen der deutschen Sprache als Zweitsprache

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Der Schüler ist schon motiviert.... auf den Lehrer kommt es an!

‘Inhaltsdefizit’ als Dilemma im Fremdsprachenunterricht.

Den WIKI-Artikel “Motivation beim Erlernen der deutschen Sprache” habe ich mit großem Interesse gelesen. Bedauernswert fand ich jedoch die Auffassung, dass die Ursachen für den Motivationsmangel (“.. unverständlich, dass keine Motivation für die deutsche Sprache anwesend ist”) zum größtem Teil dem Schüler angekreidet werden. Ich möchte in meinem Beitrag diese Auffassung bestreiten und mit Hilfe aktueller Fachliteratur versuchen nachzuweisen, dass die entscheidende Rolle beim Motivieren der Schüler dem Lehrer bzw. der Lehrerin zufällt.

Burstall (1975) hat sich dazu folgendermaßen geäußert: “Wer seinen Unterricht motivierend gestalten möchte, sollte sich immer der Tatsache bewusst sein, dass der Lernerfolg selbst eine stark motivierende Funktion ausübt und auch die Einstellung zur Fremdsprache wesentlich beeinflusst”.

Ich werde zuerst mal den Motivationsbegriff etwas näher bestimmen.


“Motivieren ist die optimale Gestaltung der Lernsituation im Fremdsprachenunterricht zur Erzielung einer größtmöglichen Lernbereitschaft der Schüler”

Solmecke (1983)


Nahziele und Fernziele

Motivierende Faktoren beim Lernen überhaupt sind – wie wir wissen - altersabhängig. Junge Lerner haben ein Neugierverhalten. Sie sind (auch weil Deutschland und die deutsche Sprache für die meisten noch Brachland sind) anfangs extrinsisch motiviert. Junge Lerner sind angewiesen auf Nahziele: Faktoren wie Geborgenheit beim (sympathischen) Lehrer, gute Noten u.ä. sind bestimmend. Schüler in diesem Alter brauchen konkrete Verstärker (z.B. Süßigkeiten als Belohnung...). Etwas ältere Lerner hingegen verfolgen schon Fernziele: sie sind mit der Pubertät (obwohl das natürlich bei langem nicht für alle gilt!) mehr und mehr intrinsisch motiviert. Sie sind zunehmend empfänglich für abstrakte Verstärker (z.B. sprachliche Korrektheit, Nützlichkeit der Sprache ...). In diesem Lernprozess verlegt sich allmählich die Verantwortung vom Lehrer in Richtung des Schülers (sog. geteilte Verantwortung).


Motivationsfaktoren

Wenn es sich um Faktoren handelt, die die Motivation eines Schülers wesentlich prägen, werden in der Fachliteratur folgende meistens besonders betont:

1 Die gesellschaftlichen Einstellungen und Urteile gegenüber dem zielsprachlichen Land, die Meinung bzw. das (Vor-)Urteil der Eltern.

2 Individuelle Persönlichkeitserfahrungen des Schülers d.h. seine momentanen Bedürfnisse, seine Erfahrungen, sein Interesse, seine Motive

3 Die Lernsituation d.h. der Lehrer, der Lernstoff und die Unterrichtsgestaltung


Lernmotivation

Die aktive Lernbereitschaft eines Schülers ist dynamisch. Günstige Anregungsbedingungen beeinflussen nämlich die Persönlichkeitsfaktoren des Schülers. Das Gleiche gilt auch für den Lehrer: Eine gelungene Stunde kann seine Einstellung positiv beeinflussen, aufgrund dessen er seinen Unterricht beim nächsten Mal nóch besser zu gestalten versucht. Und das kann dann wieder auf die Schülermotivation wirken, eine reine Aufwärtsbewegung also!


Was meinen Schüler dazu?

Düwell (1979) und Schröder (1983) haben in ihren Untersuchungen Lernenden nach ihrem schulischen Fremdsprachenunterricht befragt. Dabei kamen als Motivationsanreger folgende heraus:

     positiv	                        negativ
  1  der Lehrer / die Lehrerin	        der Lehrer / die Lehrerin
  2  häufiger Einsatz der Fremdsprache  spärlicher Gebrauch der Fremdsprache
  3  viel Abwechslung	                wenig Variation
  4  reglmäßiger Medieneinsatz	        fehlender Medieneinsatz
  5  Verwendung literarischer Texte     Unklarheiten im Übungsbereich
  6  Interesse am Zielsprachenland      Sprechhemmungen im Unterricht
  7  Reiseabsichten	                fehlende Möglichkeit, Fremdsprache 
                                        außerhalb der Schule zu verwenden
  8  allgemeiner (beruflicher) Nutzen   Monotonie der Methode
  9  Klang der fremden Sprache          Klang der fremden Sprache
     (= ästhetisch-emotionaler Faktor)  (= ästhetisch-emotionaler Faktor)
  10 authentische Materialien	        keine ansprechenden Themen
  11 Lernfortschritte	                nachlassende Leistungen

Lernerfaktoren

Zwei Experten im Bereich der angewandten Entwicklungspsychologie des Kindes- und Jugendalters, Heinz Heckhausen und Roland Arbinger, betrachten in ihren Studien (1968 bzw.1977) folgende Lernerfaktoren als besonders wichtig:

A Die Schülermotive

1 Leistungs- und Erfolgsmotiv

  • Abstimmung Lernstoff vs. Leistungsfähigkeit: Schwierigkeitsgrad des Lernstoffes und individuelle Leistungsfähigkeit des Schülers sind sorgfaltig aufeinander abgestimmt.
  • Bewertung der individuellen Leistung: Schülerleistungen werden nicht nach ‘objektiven’ Faktoren, sondern nach dem individuellen Lernfortschritt bewertet.
  • Realistische Zielsetzung: Der Lehrer setzt dem Schüler realistische Ziele.
  • Feedback: Der Schüler bekommt ständig Feedback über seine Fortschritte.

2 Angst (Bedürfnis nach Strafvermeidung)

  • Angst wirkt kontraproduktiv: Strafmaßnahmen können Angst herbeiführen und Angst fördert das Lernen nicht!
  • Positives Verhalten stimulieren: (regelmäßiges) Bestrafen kann eine negative Einstellung zur (deutschen) Sprache erzeugen; der Lehrer sollte bemüht sein, positives Verhalten zu Loben und zu fördern

3 Identifikation mit einem Erwachsenenvorbild

  • Der Lehrer als Dreh- und Angelpunkt: Jüngere Schüler beziehen ihre Motivation vor allem aus Zuwendung und Anerkennung durch den Lehrer
  • Vertraut und zugleich kompetent: Am meisten beliebt sind Lehrer, die unterstützendes, emotional warmes und partnerschaftliches Verhalten zeigen, die aber auch über die notwendige Kompetenz, über Fachwissen und Durchsetzungsvermögen verfügen.


Weitere wesentliche Anregungen der Lernsituation:

B Die Lehrerpersönlichkeit

Über welche Eigenschaften verfügt ein Lehrer, der im Durchschnitt den Schüler zu motivieren versteht?

  • Er ist eine ‘warme’ Persönlichkeit. ‘Solche Lehrertypen verbessern den Lernerfolg in signifikanter Weise' (Ausubel, 1980)
  • ‘Er ist begeistert für sein Fach, zeigt lebhaftes Interesse für den Unterrichtsinhalt’ (Ausubel, 1980)
  • Er plant den Unterricht gut und führt ihn systematisch durch.
  • Er bietet den Lernstoff geordnet und verständlich dar.
  • Er schafft die richtigen Voraussetzungen für ‘angstfreies’ Lernen (laut Untersuchungen beeinflusst Angst vor allem die produktiven mündlichen Leistungen negativ)
  • Der ‘gute’ Lehrer stellt zu jedem Lehrbuchthema eine Liste von Transfermöglichkeiten in die Perspektive der Schüler zusammen, je nach Alter (z.B. zu Themen wie ‘Probleme mit den Eltern’, ‘Freundschaft’, ‘erste Liebe’ usw.)

C Die Unterrichtsgestaltung

Bereits 1983 hat der Sprachwissenschaftler Dieter Buttjes sich über ein ‘Inhaltsdefizit’ als das eigentliche Dilemma des Fremdsprachenunterrichts beklagt. Aus Umfragen unter Schülern stellte sich heraus,

  • dass diese einen möglichst großen ‘Realitätsbezug der Inhalte’ (Düwell, 1983) im Fremdsprachenunterricht wollen.
  • dass sie ein großes ‘Bedürfnis nach Authentizität und Konfrontation mit der Wirklichkeit’ (Radden, 1983) haben
  • dass sie sich Aktualität, Anwendbarkeit und Identifikationsmöglichkeiten im Unterricht wünschen
  • dass sie selber davon überzeugt sind, dass Lernerfolg in erheblichem Maße über Identifikation mit den Lernzielen verläuft
  • dass sie am liebsten sähen, dass ihr Leben, ihre Interessen, ihre Erfahrungen Gegenstand ihres sprachlichen Handelns im Unterricht sind

Wie gelangt man zu einem solchen ‘Wunschprogramm’? Mit welchen Mitteln kann man nun diesen von den Schülern selbst formulierten Idealzustand herbeiführen?

  • Sowieso im Unterricht: Zielsprache = Verkehrssprache! (Tipp: lesen Sie zu diesem Thema auch mal den WIKI-Artikel ‘Zielsprache ist Verkehrssprache’)
  • Weiter: die Begeisterung des Deutschlehrers, der die Fremdsprache, das Land, seine Kultur (im weitesten Sinne des Wortes), seine Leute mit ihren Sitten und Bräuchen, die junge (aber stabile) deutsche Demokratie, das fortschrittliche, moderne Nachbarland mehr oder weniger ‘verinnerlicht’ hat (ab und zu fragt Sie ein Schüler, ob Sie in Deutschland geboren sind, da vielleicht wohnhaft sind, ob die deutsche Fußballnationalmannschaft Ihrer Meinung nach Weltmeister werden sollte...., verstehen Sie, wie ich das mit dem ‘Verinnerlichen’ meine?)

Im Übrigen könnte man denken an

  • (strukturellen) Einsatz von Tageszeitungen, Jugendmagazinen (JUMA, Bravo) und (Wochen-)Zeitschriften; Ich selber bespreche mit meinen Montessorischülern aus der 9.Klasse jede Woche einen Artikel aus der ‘KinderZeit’ (die Seite in der ‘Zeit’, in der Politik, Wissen und Kultur für junge Leser und Leserinnen ausgebreitet werden) und gelegentlich auch Artikel aus der Spiegelvariante ‘Dein Spiegel’.
  • Themenbezogenes Lesen von Jugendliteratur (da kann man schon in der 7. oder 8. Klasse anfangen), es gibt (inkl. DVDs) so viel Interessantes auf dem Büchermarkt!
  • Von Anfang an (7.Klasse) themenbezogenes Üben der Sprechfertigkeit im Rollenspiel, in Simulationen über alltägliche, kontroversielle oder auch brandaktuelle Themen (manchmal als Partnerarbeit, dann mal als Gruppenarbeit)
  • Einsatz von (aktuellen) deutschsprachigen (Jugend-)Filmen u.s.w.
  • Dann und wann mal den neuesten Hit aus den Charts oder die neue CD von ...

D Abwechslung mach Appetit!

Der Deutschunterricht wird erst interessant und motivierend durch

a  regelmäßigen und variablen Einsatz von Medien
b  Wahlfreiheit für die Schüler
c  ständiges Anknüpfen an die Aktualität
d  gezielten Wechsel der Sozialformen
e  Reichtum an Übungsformen
f  Möglichkeiten zu freiem und kreiativem Sprachverhalten
g  variable Techniken bei der Textarbeit
h  die Lehrerbegeisterung fur das moderne, geeinte, freie, demokratische Deutschland mit seinen weltoffenen jungen Staatbürgern
i  den Lehrer, der aus Liebe zum deutschsprachigen Raum und dessen kultureller Vielfalt seine Schüler zu begeistern versteht, zu verführen im Stande ist...

E Wer’s die Motivationsproblematik inhaltlich versteht, bewegt sich schon auf Erfolgskurs.....

Wer Sinn und Funktion von Lerninhalten und Lernaufgaben versteht, ist in der Lage sich begründet mit dem Phänomen ‘Lernmotivation’ auseinander- zusetzen. Nur auf diesem Weg kann sachbezogene Motivation heranreifen. Das gilt nicht nur für die Schüler, es gilt in gleichem Maße (wenn nicht viel mehr noch) für den Lehrer. Der Schüler – so geht überwiegend aus der Literatur hervor – ist schon motiviert, es kommt vielmehr auf den Lehrer an! Wir Lehrer, wir sollten unseren Schülern zum Vorbild sein, weg vom Diktat der Lernprogramme und der Lehrbücher Mut zur eigenen Entscheidung zeigen und den Deutschunterricht im allgemeinen Interesse (Schüler-Lehrer- Gesellschaft) zeitgemäß gestalten. Für uns – Deutschlehrer in den Niederlanden - gilt es, das klar vorhandene Interesse der Schüler für sowohl die deutschsprachige Kultur als für die bedeutendste Sprache im mitteleuropäischen Raum auf authentische Art und Weise zu fördern und den Deutschunterricht hierzulande mit brauchbaren, sinnvollen, aktuellen und vor allem reizenden Inhalten zu versehen!


Quellen

Edmondson, Willis J. und House, J., Einführung in die Sprachforschung, 3. Auflage, Tübingen 2006

Storch, G., Deutsch als Fremdsprache – Eine Didaktik, Paderborn 1999

--Maartenmulderije 21:40, 30. Jul. 2010 (UTC)

Aus Zwei mach Eins

Hallo Maarten und Harry,

wäre es nicht sinnvoll, aus der Seite Motivation beim Erlernen der deutschen Sprache als Zweitsprache und Diskussion:Motivation beim Erlernen der deutschen Sprache als Zweitsprache eine einzige Seite zu machen? - Es könnte ja durchaus eine Seite mit unterschiedlichen Positionen sein: Entsprechende Überschriften können auf die Positionen hinweisen.

Am besten wäre es natürlich, einer von euch bzw. ihr beide macht diese. Aber vielleicht mache ich auch mal einen Vorschlag.

Gruß --Karl Kirst 12:53, 2. Aug. 2010 (UTC)

Hallo Karl,

Das wäre durchaus sinnvoll, machst du dazu mal einen Vorschlag?

Herzlichst,

Harry

Hallo Harry,
ein erster Schritt ist gemacht, indem ich einfach die Diskussionsseite eins zu eins eingefügt habe. - Das ist so aber noch unbefriedigend und für den Leser nicht schlüssig nachvollziehbar.
Wichtig ist ja, dass eine ZUM-Wiki-Seite für sich, unabhängig vom einzelnen Autor, sinvoll lesbar sein sollte. Wenn überhaupt eine individuelle Meinung eingebracht wird, dann sollte sie als Meinung durch die Vorlage:Meinung gekennzeichnet sein; siehe hierzu Hilfe:Meinung.
Gruß --Karl Kirst 13:34, 2. Aug. 2010 (UTC)
Jetzt sieht es schon besser aus, denke ich: Zwei Positionen werden deutlich; nur noch ein Teil ist als persönliche Meinung gekennzeichnet.
Gruß --Karl Kirst 13:57, 2. Aug. 2010 (UTC)

Hallo Karl,

sieht jetzt besser aus,jetzt ist es für den Leser nachvollziehbar.Bin neugierig, was die Kollegen dazu meinen.

Herzlichst,

Harry