Diskussion:Theater

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Diskussion zu Theater: Reicht Lesen aus oder sollte man eine Aufführung sehen?

rip: Du sagst, du liest Theaterstücke lieber, als dass du im Theater "Personen, die in verschiedenen Konstellationen auf einer Bühne stehen und bedeutungsschwangere Pausen machen" betrachtest.

Wenn dir hauptsächlich dies beim Gedanken an Theateraufführung einfällt, dann hast du in deinem Leben bisher hauptsächlich schlechte Inszenierungen (mit schlechten Schauspielern) gesehen. Ich finde den Vergleich ‘gelesenes Drama : gesehenes Drama’ ist wie ‘Finger auf der Landkarte : Wanderung’ sehr treffend.

apanat: Herr Rau hat gesagt: "Ich schaue nicht gerne Theaterstücke an. Epik und Lyrik ist mir viel lieber, und wenn schon Drama, dann am liebsten eines, das ich in Ruhe lesen kann. Das darf ich als Deutschlehrer gar nicht zugeben; wie seit dreihundert Jahren ist Drama immer noch die Textsorte mit dem größten kulturellen Status. Aber ich mag’s nicht besonders. Ich mag Sprache …” Das ist mir aus dem Herzen gesprochen und den Vergleich “Finger auf der Landkarte zu Wanderung" finde ich für das Lesen von Faust II im Vergleich mit einer Aufführung als völlig deplaziert (zugegeben, es spricht vieles dafür, dass der “Faust” ein Roman ist, ein “weites Feld”).

Merkwürdig, dass ich offenbar zu 90% “schlechte Inszenierungen (mit schlechten Schauspielern)” gesehen habe, z.B. am Schiller-Theater in Berlin, in allen Lear-Inszenierungen bis auf eine, die kürzlich im Fernsehen kam, etc.

Aber: Schauspieler und Inszenierungen liefern Interpretationen. Und es gibt hervorragende Schauspieler. So hat Ernst Deutsch den Nathan großartig interpretiert. Und eine Fernsehinszenierung, die den “Nathan” ganz gegen Lessings Aussageabsicht als Teil der Holocausttragödie interpretierte, war großartig, kam doch dort endlich das “nicht die Kinder bloß speist man mit Märchen ab” im Monolog vor der Ringparabel zu seinem starken Sinn (Ringparabel als Rettungsversuch vor der drohenden Vernichtung). Übrigens hat man am Burgtheater[1] offenbar von dieser Aufführung gelernt, auch wenn man sich nicht zu einer solch radikalen Interpretation durchringen mochte.

Meist bleiben Inszenierungen aus meiner Sicht, da verkürzend, weit hinter meiner eigenen Interpretation zurück. Aber so, wie Gert Westphal mir in “Joseph und seine Brüder” durch sein Lesen erst einen rechten Zugang zur mythischen Konzeption des Romans verschafft hat, so gibt es auch immer wieder Inszenierungen und Gestaltungen von Dialogen, die mein Verständnis erweitert haben.

rip: Faust II als Bühnenstück heranzuziehen, ist schon eine dicke Keule. Aber abgesehen davon: Sämtliche Dramaturgen, Regisseure und Schauspieler sind also bloße Dilettanten, die mit Theaterstücken etwas machen, wozu sie gar nicht vorgesehen sind, nämlich sie auf die Bühne zu bringen? Das kann nicht dein Ernst sein. Ein Theaterstück ist immer erst dann rezipiert, wenn man es auch auf der Bühne gesehen hat - Faust II und andere Lesedramen mal ausgenommen. Und zwar ist die Bühnenerfahrung auch dann wichtig, wenn es eine schlechte Aufführung war. Theater ist Theater und nicht nur Lesen.

apanat: “Ein Theaterstück ist immer erst dann rezipiert, wenn man es auch auf der Bühne gesehen hat”

Deshalb hat Goethe den “Zerbrochenen Krug” auch erst nach (!) seiner Inszenierung rezipiert. Kein Wunder, dass die Inszenierung so missraten ist. Außerdem ein einfacher Beweis, dass alle Inszenierungen missraten müssen, weil kein Dramaturg das Stück rezipieren kann und der Regisseur es inszeniert, bevor er es rezipiert.

Wie steht’s übrigens mit “Don Carlos”, mit dem “Stellvertreter”, “Wallenstein” alles Stücke, die man in der Lesefassung nicht versteht, sondern erst in der verkürzenden Inszenierung?

Ich denke, die Sache liegt anders. Mancher liebt Theater (Goethe und Shakespeare z.B. waren Theaterliebhaber), mancher ist mehr an der Aussage des Dichters interessiert.

rip: "Der zerbrochne Krug" ist wieder ein schlechtes Beispiel, um eine schlechte These zu unterbröckeln. Dass Goethe weder Kleists Stück ordentlich gelesen noch ihn überhaupt gemocht hat, bedeutet wohl kaum, dass dieses Stück nicht wirkungsvoll auf die Bühne gebracht werden kann.

Mancher liebt Theater [...], mancher ist mehr an der Aussage des Dichters interessiert

Das heißt also: Eine Aufführung beraubt das Stück seiner Aussage?

Ich befürchte, ich werde dich von meiner Ansicht nicht überzeugen können. Dass man eine Abneigung gegen Theateraufführungen entwickeln kann, gestehe ich jedem zu. Nur scheint es mir nicht sinnvoll, dem Theater seine Existenzberechtigung abzusprechen, nur weil es viele schlechte Aufführungen gibt. Wie schon gesagt: Auch von einer schlechten Aufführung kann man meiner Meinung nach etwas lernen. Man bekommt nur im Theater einen guten Eindruck davon, wie die Figuren im Raum wirken, und die von Herrn Rau geschmähten "bedeutungsschwangeren Pausen" können durchaus beeindruckend sein, wenn sie eben nicht übertrieben (also "bedeutungsschwanger"), sondern genau passend gespielt werden. Ein guter Schauspieler kann ganz ohne Text auf der Bühne sein und das Publikum dabei auf die folgende Szene einstimmen. Aber um das zu schätzen und zu mögen, muss man die Mittel des Theaters im Allgemeinen schätzen und mögen.

Insofern stimme ich deiner Aussage "mancher liebt Theater" (und mancher nicht) durchaus zu. Aber dass eine Aufführung mit der Aussage des Dichters nichts zu tun habe, bestreite ich.

apanat: Bei vielen Stücken wurde die Auffassung des Dichters schon bei der ersten Aufführung verfälscht. So etwa bei Schillers Räubern. Diese waren ursprünglich nicht für eine Aufführung entworfen worden. Diese Erstfassung spielte in Schillers Gegenwart. Die Theaterfassung dagegen (sie lässt sich nach dem Soufflierbuch, das erhalten geblieben ist, rekonstruieren) wurde auf Wunsch des Theaterintendanten, der politische Unannehmlichkeiten vermeiden wollte, 300 Jahre in die Vergangenheit gelegt. Der Schluss wurde geändert. - Da kann man die Auffassung des Autors nicht aus der Inszenierung entnehmen.

rip: Dass es Regisseure (oder auch Intendanten) gibt, die sich nicht um die Absichten des Autors scheren, mag wohl sein. Das wird heutzutage nicht so oft vorkommen wie zu Schillers Zeiten (jedenfalls in demokratischen Ländern). Aber meines Wissens verdankte der junge Schiller vor allem der begeisterten Aufnahme der Theateraufführungen seinen Ruhm.

apanat: Da muss ich dir ganz uneingeschränkt zustimmen. - Übrigens möchte ich auch keinesfalls behaupten, dass eine Aufführung ein Stück seiner Aussage beraube[2] Im modernen Regiertheater mag manchmal der Regisseur ein Stück völlig umdeuten (so wie das in der von mir angeführten Nathaninszenierung in sehr fruchtbarer Weise der Fall war), das ist aber nicht der Regelfall. Ich meine nur, dass man, wenn man sicher sein will, dass man die Aussage des Dichters wirklich wahrgenommen hat, das Stück sicherheitshalber lesen muss, ähnlich wie man einen Roman, nehmen wir einmal Harry Potter, nicht allein nach dem danach gedrehten Film beurteilen darf.

Anmerkungen

  1. Ich habe übrigens deinen Link verfolgt und musste feststellen, dass die Aufführungsdauer am Burgtheater mit 3 Stunden und 15 Minuten angegeben ist. Das ist mit Sicherheit strapaziös. Theater sollte über alles gehen, nur nicht über zwei Stunden. (rip)
  2. So besinne ich mich an eine Schultheateraufführung zu Kaspar Hauser, wo der Hauptdarsteller mich völlig in seinen Bann gezogen und so die verzweifelte Situation eines in die Zivilisation hineingeschleuderten Menschen intensiv verdeutlicht hat.

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