Ein fliehendes Pferd

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Ein fliehendes Pferd ist eine Novelle von Martin Walser.

Inhaltsverzeichnis

Martin Walser

  • Die Biografie auf der Webseite von Wasserburg am Bodensee, Martin Walsers Geburtsort, beginnt so und trifft es - in aller Kürze - ganz gut:
„Martin Walser, geboren am 24. März 1927 in Wasserburg, ist ein deutscher Schriftsteller. Er wurde bekannt durch seine Darstellung innerer Konflikte der Antihelden in seinen Romanen und Erzählungen.
Ein immer wiederkehrendes Motiv Martin Walsers ist das Scheitern am Leben. Walsers Helden tragen meist einsilbige Nachnamen ("Dorn", "Halm", "Zürn", "Lach"), und sie sind den Anforderungen, die ihre Mitmenschen oder sie selbst an sich stellen, nicht gewachsen. Der innere Konflikt, den sie deswegen mit sich austragen, findet sich in allen großen Walser-Romanen wieder. Dass die Kämpfe nur in der Seele seiner Helden brodeln, während die äußere Handlung meist Nebensache bleibt, macht Martin Walser zu einem typischen Vertreter der deutschen Nachkriegsliteratur (wie Heinrich Böll, Peter Handke oder Siegfried Lenz) …“ (www.wasserburg-bodensee.de)
Die Walser-Seiten von Radio Bremen anlässlich seines 75. Geburtstages: Interviews (Real Audio), Beiträge aus dem Archiv und Links zu weiteren Materialien.
„Jedes Mal in den vergangenen fünfzig Jahren war dieser angebliche Jubeltag für ihn ein Tag der Krise. Was er wirklich empfand und selten auszusprechen wagte, hat er seinem Tagebuch anvertraut. Für die F.A.Z. hat der Schriftsteller erstmals unveröffentlichte Passagen zusammengestellt.“ (www.faz-net.de - 10. März 2007)

Die Novelle 1978

"Als Novelle bezeichnet Martin Walser das Buch, und mit dem Erzählten entspricht er der klassischen Forderung nach Darstellung eines einzelnen Ereignisses, das inmitten der Alltäglichkeit zum >Gipfelereignis<, zum Wendepunkt wird. Wird es zum Wendepunkt? Am Ende einer realistisch- psychologisch angelegten, alle Nuancen von Ausdruckskunst erfassenden und aufs Empfindsamste durchdachten Geschichte - an ihrem Ende kann der Leser diese Frage für sich beantworten." (Quelle: Suhrkamp-Verlag, Beschreibung des Romans von Martin Walser)
  • Martin Walsers Fliehendes Pferd - für Schüler: Biographie - Der Autor im gesellschaftlichen Zusammenhang - Werkverzeichnis - „Ein fliehendes Pferd“ - „Die Gruppe 47“ - Links/Quellen (www.martinschlu.de)
Analyse und Interpretationsideen zur Novelle „Ein fliehendes Pferd“ von Martin Walser, Betty Becker (März 2002) - eine nicht mehr ganz taufrische Webseite

Der Fernsehfilm 1985

Regie Peter Beauvais; Drehbuch Peter Beauvais, Ulrich Plenzdorf
Produktion WDR / Artus Film Produktionsgesellschaft mbH
Länge 80 Minuten, Ur-/Erstaufführung ARD 6. Nov. 1985
Darsteller: Vadim Glowna als Helmut Halm - Rosel Zech als Sabine Halm - Dietmar Mues als Klaus Buch - Marita Marschall als Helene Buch
Inhalt: "Zufällig treffen sich zwei grundverschiedene Schulfreunde und ihre Frauen im Urlaub wieder; der Ferienalltag wird teils schwungvoll, teils rabiat, teils behutsam ins Bild gesetzt; dabei unterhaltsam und Walsers Meisternovelle fast ebenbürtig. "(Quelle: Lexikon Filme im Fernsehen, Verlag Rasch & Röhring, Hamburg, 1988)[...]
Martin Walser über TV-Realitäten, Literaturverfilmungen, Hape Kerkeling und Bilderstürmer … und über die erste Verfilmung der Novelle:
„Aber nicht alle Versuche waren gleichermaßen unangenehm oder peinlich. Die erste Verfilmung vom Fliehenden Pferd war einfach durch die Vorbereitung missglückt. Der Regisseur Peter Beauvais kam 14 Tage vor Drehbeginn zu mir und meinte, Herr Walser, Sie müssen mir helfen, das Drehbuch ist furchtbar! Er hatte es bei Ulrich Plenzdorf bestellt, der es aber nicht erarbeitet, sondern nur an meiner Novelle entlang geschrieben hatte. Eigentlich lächerlich, denn wenn sich ein Film so an die literarische Vorlage hält, muss er scheitern. Man muss den Roman als Steinbruch benutzen, den man zerbricht, zerstört, Stein für Stein abträgt, sonst wird kein Film draus, sondern eine Dokumentation.“

Stimmen zur Verfilmung 2007

Darsteller: Ulrich Noethen, Ulrich Tukur, Katja Riemann, Petra Schmidt-Schaller
Regie: Rainer Kaufmann
Länge (min): 96
Altersfreigabe (FSK): 12
Film-Website: www.concorde-film.de/trailer_0280
"Rainer Kaufmann ist mit der Verfilmung der bekannten Novelle Martin Walsers ein großer Wurf gelungen. Auch 27 Jahre nach deren erstem Erscheinen ist sie noch immer aktuell. Aus dem typischen, etwas monotonen Walsertext („sagte er, sagte sie“) sind unter den Drehbuchautoren Ralf Hertwig und Kathrin Richter allerdings witzige, schlagfertige Dialoge geworden. Sehr gut gewählt ist auch das Schauspielerensemble, das sich gegenseitig in seiner Andersartigkeit hervorragend ergänzt.[…]
Sehr präzise lässt Rainer Kaufmann, der für seine Komödien STADTGESPRÄCH und DIE APOTHEKERIN in den 90er Jahren bekannt geworden ist, die beiden Paare mehr und mehr aufeinander prallen. Diese Berührungen setzen auch durchaus positive, teilweise sexuelle Energien frei. Klaus will etwa Sabine beim Joggen verführen, Helmut bekommt einen Ständer, als er von Helene massiert wird. Der Film pendelt energisch zwischen potentiell erotisierter Swinger-Atmosphäre und gestressten Individuen - eine energische Mischung.[…]
EIN FLIEHENDES PFERD ist die sehr gelungene filmische Adaption der gleichnamigen Bestseller-Novelle. Eine intelligente, leichte, erotische, etwas frivole comédie humaine, wie sie nicht allzu oft in Deutschland realisiert wird." (Nana A.T. Rebhan, www.arte.tv)
"[…] Vor beinahe 30 Jahren geschrieben, hat Martin Walsers Novelle Ein fliehendes Pferd auch heute nichts von Ihrer Aktualität und Zeitlosigkeit verloren. Die Krisen in der Mitte des Lebens, Beziehungen, die in den Routinen des Alltags ersticken, die aufkommende Torschlusspanik und die Lebenslügen, das alles ist heute kein bisschen besser als damals. Doch das ist sicher nur einer der Gründe, warum Rainer Kaufmanns Adaption der Novelle, die Generationen von deutschen Gymnasiasten in die Verzweiflung getrieben haben dürfte, gut funktioniert. Vor allem hat Kaufmann in seiner Verfilmung genau die richtige Balance zwischen Werktreue und eigenem Profil gefunden – hier wirkt nichts aufgesetzt, rezitierend oder verkrampft, wie sonst oft bei Literaturverfilmungen üblich, der Film strahlt vielmehr einen natürlichen Charme aus, dem man sich nur schwer entziehen kann. Das liegt vor allem an einem glänzend aufgelegten Ensemble, das einfach prima harmoniert. Der einzige Kritikpunkt in einer ansonsten rundum gelungenen Inszenierung sind lediglich manche Dialogpassagen, die dann doch ein wenig sehr bemüht daherkommen.
Ein fliehendes Pferd wurde von der Filmbewertungsstelle Wiesbaden mit dem Prädikat „Besonders wertvoll“ ausgezeichnet." (Joachim Kurz, www.kino-zeit.de)
"Mit einer übergroßen Portion Klamauk verfilmt Rainer Kaufmann die populäre Walser-Novelle „Ein fliehendes Pferd“." (DER SPIEGEL 17.09.2007)
Der Artikel ist als Pdf /Html abrufbar und muss bezahlt werden.
"Martin Walser, heißt es, sei „ungeheuer glücklich“ über Rainer Kaufmanns Filmadaption seiner Novelle „Ein fliehendes Pferd“. Schon im Sommer war er auf dem Filmfest in München, wo der Film das erste Mal gezeigt wurde, jetzt auf der Premiere in Überlingen am Bodensee, wo Kaufmann gedreht hat. Er, Walser, habe intensiv am Drehbuch mitgearbeitet, insgesamt acht Fassungen begutachtet, wobei es ihm nicht darum gegangen sei, möglichst viel Walser-Originalton in den Film hineinzubringen: Werktreue heiße Motivtreue, nicht Texttreue. Und es rege sich in ihm auch kein Schatten von Eifersucht, wenn er daran denke, dass künftige Walser-Leser sich seine Hauptfigur Helmut Halm als den Schauspieler Ulrich Noethen vorstellen werden.[…]
Ralf Hertwig und Kathrin Richter halten sich im Drehbuch weitgehend an Walsers große Geschichte. Nur wollen sie es ein bisschen witziger machen, verwandeln Helmut Halm in einen versessenen Vogelbeobachter und schöpfen das Vogel-Wortfeld mit freudschen Versprechern humorig aus: „Ich will nicht, dass du da eindringst“ - „Du kennst dich ziemlich gut aus mit Vögeln“. Helmut Halm kriegt dann auch eine stattliche Erektion, als Klaus’ junge Freundin ihn massiert. Und beim Salatmachen reicht Sabine Klaus mit zweideutiger Geste eine Salatgurke. All das, so könnte man vermuten, entspreche dem faden Humor dieser Kleinbürger.[…]
Doch kann sich der Film einfach nicht entscheiden, ob er seine Figuren slapstickhaft denunzieren oder in ihrer tragischen Komik Größe entdecken will. Dabei ist diese Größe unerlässlich, wenn das Drama am Schluss funktionieren soll. Denn auf ein Drama zwischen Rivalen läuft alles hinaus […]" (Julia Encke 19. September 2007 Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung)
"Rainer Kaufmann hat Martin Walsers Novelle „Ein fliehendes Pferd“ verfilmt. Katja Riemann gibt die darbende Ehefrau, Ulrich Tukur den großen Angeber.
[…]Herausgekommen ist ein Spiel-Film in der ursprünglichen Bedeutung des Wortes, der von der Spielfreude eines großartig harmonierenden Ensembles lebt. Ulrich Noethen und Katja Riemann als das an sich selbst ermattete Ehepaar Helmut und Sabine, Ulrich Tukur als nervtötender Angeber Klaus Buch und Petra Schmidt-Schaller als dessen jugendfrische Geliebte Helene agieren wie auf dem Theater: ein Kammerspiel im Freien. Ihre Bühne ist die Landschaft am Ufer des Bodensees, ihre Kulisse der See und der Himmel, der zum Höhepunkt der Ereignisse naturgemäß ein gewaltiges Gewitter produziert. Wie in einer klassischen Novelle spiegelt die Natur all die gestauten Leidenschaften, die verdrängten Frustrationen, die verschüttete Lust und die bohrende Aggressivität, die sich bis dahin der dezenten Mimik der Darsteller ablesen ließ.[…]
Der Film geht einigermaßen frei mit der literarischen Vorlage um. Er transportiert sie aus den 70er-Jahren in die Gegenwart, erfindet bei Bedarf Szenen und Motive dazu - so etwa Helmuts frühmorgendliche Vogelbeobachtungen am See. Das war möglich, weil Walser den Text freigab und geradezu dazu aufforderte, ihn als Steinbruch zu behandeln. Völlig missraten ist allerdings der neue Schluss, der sich wie ein Epilog anschließt. […] Was für ein Kitsch. Bis dahin aber kann man sich „Ein fliehendes Pferd“ ganz gut anschauen." (JÖRG MAGENAU, Die Tageszeitung, www.taz.de 19.09.2007)
[…] Im Zentrum des Buches steht die Ehe, und was die Erwartung der Gesellschaft mit ihr macht. Im Zentrum des Films steht ein Männerzweikampf. Walser hatte „Ein fliehendes Pferd“ als Porträt einer saturierten Rebellion angelegt, als sarkastische Betrachtung über die Folgen der zehn Jahre alten Revolte und als Innenschau von Wohlstandsbürgern, die feige und leidenschaftslos nichts mit sich anzufangen wissen. Das könnte uns heute so einiges erzählen.
Allemal ist Walsers Novelle ein präzises kleines historisches Soziogramm der Bundesrepublik der 70er Jahre, ein Buch, das ohne ein Gramm Fett viel von seiner Entstehungsepoche erzählt. Der Männerkampf zwischen bürgerlichem Langweiler und provokantem Freigeist mag aus heutiger Sicht in seiner Schematik etwas Antiquiertes haben. Doch das wäre eine interessante Herausforderung.
Auf die Schwierigkeit, diese Story ins Heute zu übersetzen, reagiert Kaufmann mit wolkiger Beliebigkeit und schlichter Bebilderung. Nie versuchen Regie und Drehbuch, etwas freizulegen. Dem Film fehlen daher Zeit und Ort; die Handlung wurde gegenüber der Novelle um manche düstere Wendung verkürzt und konsequent ins Komödiantische, zum Teil Klamottige gewendet.
Das Resultat ist ein biederer, uninspirierter Film, dem es nie gelingt, irgendein Interesse für seinen 30 Jahre alten Stoff zu erzeugen, ihn für die Gegenwart zu aktualisieren - und plötzlich sieht Walsers Szenario überaus alt aus, wie steckengeblieben in einer Zeit, als Nacktbaden noch Chiffre gesellschaftlicher Befreiung war, und geprägt von spießig-altbackenen Herrenwitzen: „Du kennst Dich ziemlich gut aus mit Vögeln.“ - „Hehe… bisschen schon.“ (RÜDIGER SUCHSLAND, Frankfurter Rundschau, www.fr-online.de)

Weblinks

Siehe auch