Else Lasker-Schüler

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Else Lasker-Schüler

Setzt man sich mit der Literatur zu Beginn des 20. Jahrhunderts auseinander, kommt man nicht umhin sich mit Else Lasker-Schüler, einer deutsch-jüdische Dichterin auseinanderzusetzen. Sie wurde am 11. Februar 1869 in Elberfeld, heute Wuppertal geboren und starb am 22. Januar 1945 in Jerusalem. Man kann sie der Epoche der Moderne und des Expressionismus zuordenen. Sie hinterließ ferner auch ein künstlerisches Werk.

Inhaltsverzeichnis

Biografie

Jugend

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Else (Elisabeth) Lasker Schüler wurde am 11. Februar 1869 in Elberfeld geboren und wuchs in einem gutbürgerlichen und behüteten Elternhaus auf. Sie war das jüngste von sechs Kindern einer jüdischen Familie. Else ist die Tochter von Jeanette Schüler (1838-1897) und Aaron Schüler (1838-1890). Ihr Vater war ein wohlhabender Privatbankier und galt als ein heiterer und unkomplizierter Mensch, im Gegensatz zu ihrer Mutter.

Else galt als Wunderkind und konnte bereits mit 4 Jahren lesen und schreiben. Ab 1880 besuchte sie die Lyceum-Westschule. In der Schule hatte sie jedoch massive Probleme. Sie galt als Außenseiterin, da sie sich für etwas Besonderes hielt. Aus diesem Grund lehnte sie es ab, sich anzupassen. Da ihr Vater ein wohlhabender Privatbankier war, konnte sie die Schule, nach einer schweren Erkrankung, abbrechen und Privatunterricht im Hause ihrer Eltern nehmen.

Als Elisabeth 13 Jahre alt war, starb ihr Bruder Paul, zu welchem sie ein sehr gutes Verhältnis hatte. Im Jahre 1890 starb ihr Vater, 7 Jahre später ihre Mutter. Wie sie selbst einmal sagte, bedeutete der Verlust ihrer Mutter für sie "die Vertreibung aus dem Paradies". Durch diese einschneidenden Erlebnisse ihrer Jugend lässt sich der aufkommende Schwermut in ihren späteren Werken erklären.

Am 15. Januar 1895 heiratete sie den Arzt Dr. Jonathan Bertold Lasker und zog mit ihm nach Berlin. Sie begann Malstunden zu nehmen und ließ sich ein Atelier einrichten. Die Ehe zwischen ihr und Berthold Lasker war jedoch nur von kurzer Dauer und verlief weniger glücklich, in dieser Zeit begann sie sich verstärkt auf ihre schriftstellerischen und künstlerischen Werke zu konzentrieren. Ihr Lehrer Simon Goldberg nahm sie mit in die "Neue Gemeinschaft", einen Szenetreff für Maler, Musiker und Schriftsteller. In diesem Szenetreff fühlte sie sich wohler als bei ihrem Ehemann, ein Grund weshalb die Ehe zerbrach.

Ihr Sohn Paul (1899-1927), benannt nach ihrem verstorbenen Lieblingsbruder, wurde am 24. August 1899 geboren. Die Ehe zu Berthold Lasker war bereits zerbrochen und bestand nur noch auf dem Papier, daher ist die Identität des Vaters unbekannt. Im gleichen Jahr wurde auch ihr erster Gedichtband, Styx, veröffentlicht.

Im Jahre 1903, kurz nachdem sie sich von Bertold Lasker geschieden hatte, heiratete sie den knapp zehn Jahre jüngeren Kunsthistoriker Georg Levin, welcher sich jedoch 1911 von ihr trennte. Nach der Scheidung lebte sie von der Unterstützung durch Freunde, ihre Geldsorgen wurden durch ihren an Tuberkulose erkrankten Sohn noch weiter verstärkt. Trotzdem zeigte sie viel soziales Engagement, indem sie versuchte Bedürftigen zu helfen, beispielsweise bemühte sie sich um die Freilassung eines in Russland inhaftierten Freund namens Johannes Holzmann. Sie verliebte sich 1912 in Gottfried Benn, welcher sich jedoch nicht lebenslang an sie binden konnte. Es entstand eine verlässliche und innige Freundschaft.

Ihre Gedichtsammlung "Hebräische Balladen", in der sie sich mit ihrer Herkunft auseinandersetze, erschien im Jahre 1913. In den folgenden Jahren erschienen weitere Gedichtsammlungen, wie zum Beispiel "Prinz von Theben" im Jahre 1914, "Gesammelte Gedichte" im Jahr 1917.

Ihr Sohn Paul starb bereits 1927 im Alter von 28 Jahren. Dieser Verlust traf sie sehr hart, wodurch sie sich immer weiter aus dem öffentlichen Leben zurückzog. Sie erhält 1932 den Kleist-Preis für ihr Gesamtwerk.

Leben im Nationalsozialismus

Das Grab von Else Lasker-Schüler auf dem Ölberg in Jerusalem

Else Lasker-Schüler war eine jüdische Dichterin, wodurch ihr Leben nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten bedroht war. Nach einem tätlichen Angriffe auf offener Straße, sowie öffentlicher Demütigung durch die Bücherverbrennung, emigrierte sie in die Schweiz, nach Zürich. Sie erhielt dort jedoch ein Arbeitsverbot und immer wieder nur befristete Aufenthaltsgenehmigungen. Da sie in der Schweiz ein Arbeitsverbot hatte war sie auf die finanzielle Unterstützung von Freunden angewiesen, weiterhin musste sie ständig mit der Angst einer drohenden Abschiebung leben, aus diesem Grund wechselte sie häufig ihren Wohnort. Sie unternahm 2 Reisen nach Palästina in den Jahren 1934 und 1937. Im Jahr 1938 wurde ihr dann die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt, mit folgender Rechtfertigung:

„Durch Vorträge und Schriften versuchte sie, den seelischen und moralischen Wert der deutschen Frau verächtlich zu machen. Nach der Machtergreifung flüchtete sie nach Zürich und brachte dort ihre deutschfeindliche Einstellung durch Verbreitung von Gräuelmärchen zum Ausdruck ...“ ( aus einem Brief an den Reichsführer SS von 1938 ).

Sie unternahm, im Jahr 1939, eine weitere Reise nach Palästina, jedoch konnte sie diesmal nicht in die Schweiz zurückkehren. Die Schweizer Behörden hatten ihr den Aufenthalt verwehrt, desweiteren war der Zweite Weltkrieg ausgebrochen. 5 Jahre später wurde sie schwer krank und erlitt am 16. Januar 1945 einen Herzanfall. 6 Tage später, am 22. Januar verstarb sie. Nach ihrem Tod wurde sie auf dem Ölberg in Jerusalem beerdigt.

Private Beziehungen

Freundschaft zu Franz Marc

Franz Marc: Versöhnung. Holzschnitt zum gleichnamigen Gedicht Else Lasker-Schülers
Turm der blauen Pferde

Else Lasker Schüler pflegte von 1912 bis 1916 ein intensives Briefverhältnis mit dem Maler Franz Marc. Künstlerisch war diese Freundschaft außergewöhnlich, Marc erschaffte mit seinen Zeichnungen die Welt des Prinzen Jussuf von Theben und Lasker-Schüler antwortete mit eigenen Zeichnungen, die sie auch mit Schrift versehen hat.

Im ersten Brief stellte sich Lasker-Schüler als Jussuf, Prinz von Theben vor, nach einiger Zeit nannte sie Marc "Ruben". Bereits zu Beginn schlug Else Lasker-Schüler einen Ton an, der an die Gedichtsammlung "Meine Wunder" erinnerte: "sind Sie auch so schmerzlich verloren wie ich, daß ich keinen Weg mehr habe nur Schluchten." Sie konnte sich allerdings daran nicht erinnern, aufgrund von Medikamenten war sie physisch und psychisch an einem Tiefpunkt in ihrem Leben angelangt. Marcs erste Antworten auf die Briefe sind nicht erhalten.

Als sich Lasker-Schüler und Marc persönlich kennen lernten, war Marc in der Lage auf ihre Briefe in einer Weise zu erwidern, mit der Marc und Lasker-Schüler künstlerisch auf einem Niveau waren. "Der Blaue Reiter präsentiert Eurer Hoheit sein blaues Pferd." ist an dieser Stelle ein Zitat aus einem seiner Briefe, was den künstlerischen Charakter der Konversation widerspiegelt. Er nimmt den Namen, den Lasker-Schüler ihm gegeben hat an und bringt dieser Figur seinen Respekt entgegen. Die Frau von Franz Marc, Maria Marc wurde in den Briefen auch erwähnt, daraufhin richteten sich einige Briefe von Lasker-Schüler an das Vorleben von Marc, vor allem an die "wilde Ehe", die er mit der Malerin und Kunstgewerblerin verbrachte.

Im Jahre 1912 kam es zur ersten persönlichen Begegnung, die Familie Marce reisten nach Berlin zu Marias Eltern. Dort trafen sie sich auch mit Walden, Lasker-Schülers geschiedenem Mann. Marc war mit ihm gut befreundet und ging von einer freundschaftlichen Trennung aus, was sich aber als falsch herausstellte. Daraufhin bemerkten die Marcs, dass sie in zwei feindlich gesinnten Lagern verkehrten: Zum einen mit Else Lasker-Schüler und zum anderen mit ihrem bereits neu verheirateten Mann, Walden. Daraufhin folgten noch weitere Besuche, allerdings verliefen diese besser, da Walden nach Schweden aufbrach. Dennoch pflegte Marc gleichzeitig mit beiden eine Freundschaft, er gab Walden Tipps zur Wiederverheiratung, auch stand er Lasker-Schüler zur Seite, die noch mit dem Trennungsschmerz kämpfte. Diese doppelte Freundschaft verursachte ihrerseits hin und wieder einen unfreundlichen Ton in den Briefen.

Während des Briefwechsels wurde von Lasker-Schüler versucht, die Welt des Jussuf von Theben in ein Bild zu bringen und sie somit zu gestalten. Dabei nutzte sie die künstlerischen Gestaltungsmittel, die Marc einsetzte, aber auch seine Zeichnungen als Anregung. Die Reaktionen von Lasker-Schüler auf die Briefe von Marc waren wohl die stärksten Äußerungen, die Else Lasker-Schüler zur Kunst von anderen machte. Marc äußerte oft seine Wünsche, welche Lasker-Schüler auch erfüllte. Es kristallisierte sich ein neues Gestaltungsmittel heraus, die leuchtende Farbigkeit. Dieses Mittel hatte später noch großen Einfluss auf ihre Zeichnungen. So veränderte und entwickelte diese Brieffreundschaft auch die Kunst von Marc und Lasker-Schüler. So gestalteten beide Seiten während des weiteren Briefwechsels die Welt des Prinzen Jussuf von Theben, jeder mit seinen Anregungen. So hielt sich die Freundschaft bis zum Tod von Franz Marc im Jahre 1916 aufgrund des Krieges. Die in der Brieffreundschaft entstandene Entwicklung ihres künstlerischen Schaffens mitsamt dem neu entwickelten Gestaltungsmittel beeinflussten ihre Kunst auch über den Tod von Franz Marc hinaus.

Freundschaft zu Gottfried Benn

Gottfried Benn

Im Jahre 1912 lernte Else Lasker-Schüler Gottfried Benn kennen, zu diesem Zeitpunkt war sie 43, er 26 Jahre alt. Daraus entwickelte sich ein dichterisches Sich-Umwerben, desweiteren kam es auch zu einer intensiven künstlerischen Auseinandersetzung. Es wird auch spekuliert, dass es sich sogar zu einer Liebesbeziehung entwickelt hat, dies ist allerdings nicht belegt.

Benns erster Gedichtband "Morgue" erschien 1912 und hatte traditionelle poetische Vorstellungen gebrochen, daraufhin wurde er zu einer hoch angesehenen Person in der expressionistischen Szene. Dort war auch Else Lasker Schüler vertreten, die sich dieser Szene angeschlossen hatte. Sie wurde durch den Expressionismus stark beeinflusst, jedoch blieben ihre Gedichte individuell und wurden mit ihrer eigenen Note versehen, weshalb es schwer ist, diese eindeutig einer bestimmten Stilrichtung zuzuordnen. Der Essay "Doktor Benn" von Gottfried Benn erschien 1913, davon war Lasker-Schüler fasziniert. Grund dafür war der unkonventionelle Schreibstil und die Aggressivität des Essays.

Im Oktober desselben Jahres erschien Benns Gedichtband "Söhne", darin widmete er sich Lasker- Schüler: "Ich grüße Else Lasker Schüler: ziellose Hand aus Spiel und Blut." Dies wurde von Lasker Schüler erwidert in "Prinz von Theben", einem Buch von 1914: "Dem Doktor Benn, meinem teuren Spielgefährten Gisel, König Giselheer dem Nibelungen von seinem Jussuf." Die Metapher "Spiel" wurde somit weiter verwendet. Diese Metapher bezog Lasker-Schüler auf sich selbst, da sie sich selbst "Prinz Jussuf" und Benn "Giselheer" nannte. Diese Freundschaft war sehr intensiv, doch trotz der Liebesgedichte, die sie an ihn schrieb, ist eine intensivere Beziehung nicht belegt. Lasker-Schüler hatte einen großen Einfluss auf Benn, sie brachte ihm bei, was große Dichtung ist, obwohl er schon ein Star der Szene war. Sie nannte ihn auch einmal den "Babaren", dieser Begriff prägte Benns Leben. So fragte er sich beispielsweise -zusammen mit Nietzsche-, wo die Babaren des 20. Jahrhunderts seien, am Ende seines Lebens hatte er eine Antwort darauf gefunden. Es sind "Verbrecher und Mönche". Diese Freundschaft hatte sowohl Benn als auch Lasker-Schüler in ihren Werken und ihrem späteren Wirken beeinflusst. Das spiegelt sich dann natürlich in manchen Gedichten wider, somit hat diese Beziehung den Stil der beiden geformt und weiter entwickelt.

Die Verbindung beider Künstler brach bereits im Sommer 1914 ab. Benn heiratete und lies sich zu Beginn des ersten Weltkrieges als Lazarettarzt einziehen, da seine Praxis nicht gut lief Später war Else Lasker-Schüler zur Flucht aus dem Dritten Reich gezwungen, Benn hingegen bekannte sich zu Hitler und grenzte sich somit von allen Schriftstellern ab, die ins Exil gingen. Im Jahre 1952 bezeichnete Benn Lasker-Schüler als "Deutschlands größte Dichterin", er starb 4 Jahre danach.

Das literarische Werk

Das Werk, welches Else Lasker-Schüler hinterließ ist sehr umfangreich. Neben sehr vielen Gedichten sind drei Dramen entstanden, zum Beispiel „Die Wupper“ aus dem Jahre 1908, was gleichzeitig ihr bekanntestes Drama ist. Exemplarisch soll an ihrem lyrischen Werk gezeigt werden, wie sich ihr von vielen Tiefschlägen geprägter Lebenslauf auf ihre schriftstellerische und dichterische Tätigkeit auswirkt. In ihren Werken lassen verschiedene Themen wiederinden. Beispielsweise spielen ihre gescheiterten und vielzähligen Liebesbeziehungen eine Rolle, neben typisch expressionistischen Motiven, wie Ich-Zerfall oder Weltuntergang. Auch die religiöse Komponente darf dabei nicht vernachlässigt werden, viele Werke ihres Schaffens ab den 1930-er Jahren handeln davon. Dabei geht es ihr vor Allem um den Wunsch der Versöhnung zwischen Juden- und Christentum. Sie ist jüdischen Glaubens und besonders ab der Epoche der Machtergreifung der Nationalsozialisten massiven Repressionen ausgesetzt. Auch darauf soll im Folgenden noch eingegangen werden. Ausführlich analysiert wird zunächst das Gedicht „ein alter Tibetteppich“ aus dem Jahre 1906.

Analyse lyrischer Texte

Ein alter Tibetteppich (1906)

Deine Seele, die die meine liebet,

Ist verwirkt mit ihr im Teppichtibet.


Strahl in Strahl, verliebte Farben,

Sterne, die sich himmellang umwarben.


Unsere Füße ruhen auf der Kostbarkeit,

Maschentausendabertausendweit.


Süßer Lamasohn auf Moschuspflanzenthron,

Wie lange küßt dein Mund den meinen wohl

Und Wang die Wange buntgeknüpfte Zeiten schon?


Zentrales Thema dieses Gedichtes ist eine Liebe, das lyrische Ich spricht über diese. Das Gedicht besteht insgesamt aus 4 Strophen zu jeweils zwei Versen, in der letzten Strophe sind es drei. Die erste Strophe handelt von der Verbundenheit der Seelen beider Liebenden. Vergleichend wird hierbei ein verknüpfter Teppich hinzugezogen. In der zweiten Strophe wird die vergleichende Betrachtung fortgeführt, die Liebesverbindung wird mit Farben und Sternen verglichen. In Strophe Nummer drei ruhen die Füße auf „der Kostbarkeit“, womit der geknüpfte Teppich gemeint ist. In der letzten Strophe erfolgt nun eine direkte Ansprache der geliebten Person seitens des lyrischen Ichs. Es wird sich hierbei um eine männliche Person handeln. Die Frage nach der Länge des Kusses der beiden Liebenden lässt das Gedicht enden.

Sprachlich ist zunächst das Reimschema festzuhalten. Es ist in den Strophen jeweils der Paarreim, eine Ausnahme bildet der achte Vers, welcher sich nicht reimt. Damit sticht dieser sozusagen heraus. Hier wird der Kuss als Zeichen der innigen Verbundenheit angesprochen, was diesem die enorme Bedeutung beimisst. Da auf eine betonte immer eine unbetonte Silbe folgt, ist der Trochäus als Art des Metrums zu benennen. Der zunächst vierhebige Trochäus wird nach und nach zum sechshebigen in der letzten Strophe, was die enormen Gefühle und ihr Aufwallen widerspiegelt. Das ganze Gedicht ist von Neuschöpfungen durchzogen, da kaum Wörter eines klassischen Liebesgedichtes vorhanden sind. Vers 1 zeigt den Beginn der Vereinigung der beiden Seelen. Das lyrische Ich spricht von ursprünglich zwei getrennten Dingen („meine / deine“ ), was sich nun zusammengefügt hat. In Vers zwei wird dies nochmals als Vergleich mit einem Teppichgewebe untersetzt. Hierbei wirft sich die Frage nach der Bedeutung der Provinz „Tibet“ auf. Sie liegt weit entfernt in Zentralasien, hat den Reiz des Exotischen. Gerade im Jahre 1906 war dies ein höchstens aus Erzählungen bekannter Ort und für Mitteleuropäer fast unerreichbar. Die Verwendung ist gleichzeitig auch formaler Natur, da sich Tibet auf „liebet“ aus Vers 1 reimt. Dabei wurde das Wort aus der Überschrift umgekehrt.

Der Strahl aus Vers 3 steht wiederum für eine Beschreibung der Liebesbeziehung, welche von Leuchtkraft geprägt ist. Die Personifizierung „verliebte Farben“ soll den tiefen Liebeszustand und die Innigkeit beider Liebenden verdeutlichen. "Die Sterne umwerben sich himmellang" stellt eine Steigerungsform von lang dar und soll suggerieren, dass die Beziehung der beiden bis ins Unendliche reicht. In Vers 5 kommt dem Teppich wieder eine zentrale Bedeutungsrolle zu, er soll für Sicherheit und Geborgenheit sorgen. Das Wort „Kostbarkeit“ steht einerseits für den Teppich, andererseits auch für die Beziehung an sich, sie wird somit in einen heiligen Zustand versetzt. Der in Vers 6 folgende Neologismus „Maschentausendabertausendweit“ unterstreicht erneut die Unendlichkeit. Etwas was eng vernetzt und engmaschig ist, lässt sich schwer auftrennen, so ist es auch in der Beziehung der beiden Liebenden.

Im siebten Vers zeigt sich die Anziehungskraft des Mannes auf die Frau, indem er den aphrodisierenden Duftstoff „Moschus“ verwendet, welcher Bestandteil vieler Parfüms ist. In Vers acht wird dann die körperliche Nähe weiter verstärkt, indem der Kuss angesprochen wird. Das Nichtreimen von Vers 8 und 9 erweckt den Eindruck eines verlängerten Liebesspiels. Die Bedeutung des Wortes „bunt“ im Vers 9 lässt sich mit einem gewissen Chaos gleichsetzen, stellvertretend für eventuelle Schwierigkeiten des Paares. Somit kann der erfolgte Kuss eine Ablenkung vor den Schwierigkeiten darstellen.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass Liebe etwas ist, was sich mit konventionellen Worten nicht beschreiben lässt und deshalb die Wortneuschöpfungen nötig sind. Die Verwendung einer weit entfernten Region im Gedicht zeigt hierbei eine Fluchtmöglichkeit aus dem Alltag, welche durch die Liebe möglich wird. Etwas schier unerreichbares, hat auch immer etwas Besonderes, was in diesem Gedicht untermauert wird.

Mit dieser Analyse wird ein weiteres Thema in Else Lasker-Schülers Werken deutlich, sie kämpft gegen die klassisch-bürgerliche Rolle der Frau. Es ist äußerst ungewöhnlich, dass eine Frau zu Beginn des 20. Jahrhunderts ihre Gefühle auf eine solche Art preisgibt. Als sie beispielsweise in Berlin lebt, trägt sie auffälligen Schmuck und bunte Gewänder, was einen exzentrischen Kleidungsstil darstellt. Dieser Aspekt unterstreicht ihren Kampf gegen das klassische Rollenverständnis der Frau in der damaligen Zeit.

Weltflucht (1910)

Ich will in das Grenzenlose

Zu mir zurück,

Schon blüht die Herbstzeitlose

Meiner Seele,

Vielleicht – ist’s schon zu spät zurück!

O, ich sterbe unter Euch!

Da Ihr mich erstickt mit Euch.

Fäden möchte ich um mich ziehn –

Wirrwarr endend!

Beirrend,

Euch verwirrend,

Um zu entfliehn Meinwärts!


Dass Else Lasker-Schüler auch eine bedeutende Vertreterin der Epoche des Expressionismus war, soll anhand ihres Gedichtes „Weltflucht“ aus dem Jahre 1910 gezeigt werden. Dieses Jahr ist gleichzeitig der Beginn dieser Literaturepoche. Thema dieses Gedichtes ist der für den Expressionismus charakteristische Ich-Zerfall. Es ist erkennbar, dass das lyrische Ich wieder zu sich selbst finden möchte (Vers 12/13 „um zu entfliehn meinwärts“). Dies ist nötig geworden, da die Menschen zur Zeit der Herrschaft von Wilhelm dem II. ihre eigene Identität verloren haben, die Industrialisierung und der verstärkte Einsatz von Maschinen ließ die Menschen gefühlskalt werden. Die Verzweiflung infolge dieser gesellschaftlichen Entwicklungstendenzen ist augenscheinlich und wird z.B. mit Ausdrücken wie „ich sterbe unter euch“ unterstrichen. Das lyrische Ich spricht von „ersticken unter euch“, das heißt es wird von einer Mehrheit unterdrückt, da es sich nicht der Mehrheit der Gesellschaft anschließt, welche sich durch die Entwicklung hin zu gefühlskalten Menschen auszeichnet. Es ist anzumerken, dass das lyrische Ich sich selbst als von der Entwicklung betroffen ansieht. Das äußert es z.B. mit „Herbstzeitlose meiner Seele“.

Es will sich allerdings auch gleichzeitig von den anderen abgrenzen („Fäden um mich ziehn“). Vielleicht könnte es aber auch bereits zu spät sein. („Vielleicht –ist´s schon zu spät zurück“). Wichtig ist festzuhalten, dass das Gedicht sehr emotional geschrieben ist. Hier können wiederum autobiografische Züge der Autorin wiedererkannt werden, sie zeichnet sich durch einen oftmals emotionalen Schreibstil und einen Glauben an das Gute im Menschen aus. Da die gesellschaftliche Entwicklung vor dem 1. Weltkrieg inkohärent zu ihrem sehr emotionalen Wesen ist, ist dies für sie wahrscheinlich der Anlass sich diesem Problem in ihren Werken zu widmen und sich dem expressionistischen Schreibstil anzuschließen. Im Gegensatz zu anderen expressionistischen Schriftstellern behält sich jedoch ihren emotionalen Schreibstil bei.

Weitere Einflüsse

Sie verfasste weiterhin auch autobiografisch geprägte Prosatexte. In Legenden und Sagen bezeichnete sie beispielsweise Georg Trakl als „Ritter aus Gold“ oder Franz Marc als „blauen Reiter“.

Auch der Einfluss der Religion auf ihr Werk darf nicht vernachlässigt werden. Seit ihrer Kindheit pflegt sie ein inniges und tiefes Verhältnis zu Gott und dem jüdischen Glauben und hält an jüdischen Traditionen fest. Else Lasker-Schüler „machte sich phantastische Vorstellungen von Jerusalem“, sagte z.B. Magarete Küpper. Ferner plagte sie das Gefühl, in Deutschland heimatlos zu sein. Dies war vor Allem der Fall, als sie nationalsozialistischem Terror ausgesetzt war. Das Thema des Wunsches nach der Versöhnung von Juden und Christen verarbeitete sie im Drama „Arthur Aronymus und seine Väter“, in dem aber auch die Judenverfolgung angedeutet wird: „Unsere Töchter wird man verbrennen auf Scheiterhaufen. Nach mittelalterlichem Vorbild! Der Hexenglaube ist auferstanden ... Die Flamme wird unsere unschuldigen jüdischen Schwestern verzehren ...“. Ihr letztes Drama „IchundDich“ handelt ebenfalls vom jüdischen Schicksal, geprägt von der ewigen Heimatlosigkeit und der ewigen Angst und Hoffnung, welche das jüdische Volk seit Jahrtausenden begleiten.

Rezeption zu ihrer Lebenszeit

Die zeitgenössige Rezeption war sehr kontrovers, zum Beispiel äußerte sich Franz Kafka in einem Brief an Felice Bauer über Else Lasker-Schüler folgendermaßen:

„Ich kann ihre Gedichte nicht leiden, ich fühle bei ihnen nichts als Langweile über ihre Leere und Widerwillen wegen des künstlichen Aufwandes. Auch ihre Prosa ist mir lästig aus den gleichen Gründen, es arbeitet darin das wahllos zuckende Gehirn einer sich überspannenden Grossstädterin. Aber vielleicht irre ich da gründlich, es gibt viele, die sie lieben, Werfel z.B. spricht von ihr nur mit Begeisterung. Ja, es geht ihr schlecht, ihr zweiter Mann hat sie verlassen, soviel ich weiss, auch bei uns sammelt man für sie; ich habe 5 K hergeben müssen, ohne das geringste Mitgefühl für sie zu haben; ich weiss den eigentlichen Grund nicht, aber ich stelle mir sie immer nur als eine Säuferin vor, die sich in der Nacht durch die Kaffeehäuser schleppt.“

Eine weitere Rezeption von Gottfried Benn nach ihrem Tod lautet:

„Dies war die größte Lyrikerin, die Deutschland je hatte ... Ihre Themen waren jüdisch; ihre Phantasie orientalisch, aber ihre Sprache war deutsch ... Immer unbeirrbar sie selbst ... vermochte sie in dieser Sprache ihre leidenschaftlichen Gefühle auszudrücken, ohne das Geheimnisvolle zu entschleiern und zu vergeben, das ihr Wesen war.“


Bedeutung in der heutigen Zeit

Else-Lasker-Schüler-Denkmal in Wuppertal

Die Bedeutung von Else Lasker Schüler für die heutige Zeit lässt sich nicht leugnen, Beispielsweise wurden viele Straßen nach ihr benannt. Im Zuge dessen wurde in Berlin-Schöneberg die ehemalige Mackensenstraße 1998 in Else Lasker-Schüler-Straße umbenannt. Ferner existieren zu Ehren von Else Lasker-Schüler einige Gedenktafeln, vorrangig in Berlin. Weiterhin wurde eine Gesamtschule in Wuppertal nach ihr benannt. Das Leben und Werk von Else Lasker-Schüler ist in der heutigen Zeit immer wieder Ausgangspunkt zur Analyse der Literatur in der Epoche des Expressionismus. Auch kann an ihr der Umgang eines Unterdrückerregimes mit Andersdenkenden veranschaulicht werden. Aus diesem Grund gilt sie mit Recht zu einer der bedeutendsten deutschen Frauen zu Beginn des 20. Jahrhunderts und in der Literatur allgemein. Dies zeigt sich unter anderem in der Aufnahme Lasker-Schülers 1975 in eine Briefmarkenserie der Deutschen Bundespost.

Quellen