Emotionsregulation

aus ZUM-Wiki, dem Wiki für Lehr- und Lerninhalte auf ZUM.de
Wechseln zu: Navigation, Suche

Inhaltsverzeichnis

Verwendete Quellen

Wie entstehen Emotionen? Emotionsgenese (Gross & Thompson 2007)

Der Ursprung von Emotionen ist noch nicht vollständig erforscht. Konsens besteht lediglich darüber, dass unser Geist und Körper in einer Geschwindigkeit zusammenwirken, die unser Wahrnehmungsvermögen übersteigt.


Häufig lautet die Konsequenz deshalb:

Wir fühlen - wir reagieren!


Wobei jede Art von emotionsbasiertem Ausdrucksverhalten selbst wieder eine völlig neue emotionale Erfahrung generieren kann, es handelt sich somit um ein rekursives Modell.

Bei Emotionsgenese geht es nach Gross folglich vorrangig um folgende Fragen:

  • Welche Emotionen haben wir?
  • Wann haben wir diese Emotionen?
  • Wie erleben wir diese?
  • Wie bringen wir dieses Erleben im Verhalten zum Ausdruck?

(Querverbindung zum Themengebiet Emotion)

Was ist Emotionsregulation?

Nach Gross (2007) beschreibt Emotionsregulation, den Prozess, durch den Individuen das Erleben, die Intensität, die Dauer, den Zeitpunkt und den Audruck von aktivierten Emotionen beeinflussen.


Durch Emotionsregulation können positive/negative Emotionen verstärkt, aufrechterhalten oder abgeschwächt werden. Emotionsregulation kann somit als eine Sammlung von kognitiven UND verhaltensbasierten Strategien zur Beseitigung, Aufrechterhaltung und Veränderung von emotionalem Erleben und dessen Ausdruchsverhalten aufgefasst werden.

Dies umfsasst alle Prozesse, welche die spontane Entfaltung von Emotionen beeinflussen. Wir alle zeigen viele, individuelle und teils unbewussste Reaktionen, um mit unseren Emotionen umgehen zu können.


Wir fühlen - wir (über-)reagieren: wir überfressen uns, überarbeiten uns, verbringen zu viel Zeit im Internet, prokrastinieren, wir trinken Alkohl oder konsumieren andere Drogen, wir machen uns Sorgen, wir leugnen die Emotion, wir verdrängen die Emotion,


Wir verwenden viel Zeit darauf, uns von unseren Emotionen abzulenken, vor ihnen davon zu laufen, anstatt sie wahrzunehmen, vermeiden wir sie, verstecken uns vor ihnen. Dies an sich ist ebenfalls Emotionsregulation, nur eine, die aus dem Ruder gelaufen ist.

Emotionsregulation ist eine Fähigkeit, welche entwickelt werden kann, dies erfordert aber Ausdauer und Übung. Beispielsweise gehören hierzu die Fähigkeit unangenehme Gefühle zu tolerieren und zu akzeptieren und gute Kommunikationsfähigkeiten (Querverbindung zum Themengebiet Soziale Kommunikation/Soziale Interaktion).

Möglichkeiten zur Emotionsregulation

Grob lassen sich zwei Möglichkeiten unterscheiden, wie wir unsere Emotionen regulieren:

1. Selbstregulation

2. Soziale Emotionsregulation, d.h. wir nutzen andere, als Möglichkeiten einer externen Emotionsregulation. Dies stellt die Basis für unsere sozialen Beziehungen, soziale Kommuniktaion, soziale Interaktion dar


Darüber hinaus regulieren wir auch die Emotionen anderer, beispielsweise unserer Kinder, welche z.T. dies noch nicht eigenständig leisten können.


Konkretes Beispiel:

Fällt ein kleines Kind hin, so kann man beobachten, wie es sich hilfesuchend nach der jeweiligen Bezugsperson umsieht, um die eigenen Emotionen mit der Rückmeldung der sozialen Umwelt abzugleichen, zu regulieren. Wirkt die Bezugsperson erschrocken, verzieht entsprechend das Gesicht, äußerst dies also in Mimik und/oder Gestik, so fängt nicht selten das Kind ebenfalls an zu weinen. Äußert die Bezugsperson hingegen keine Bedenken ("Komm, steh auf, nichts passiert") so erhält das Kind die Rückmeldung, dass keine besondere emotionale Reaktion nötig ist und bleibt dementsprechend ebenfalls auf einem mittleren Erregungsniveau. Im Idealfall steht es auf, nur um kurz darauf abgelenkt sich anderen Dingen zuzuwenden.


Wie läuft der Prozess der Emotionsregulation ab?

Grundsätzliches

Diese Prozesse KÖNNEN, MÜSSEN aber NICHT BEWUSST ablaufen! Sie KÖNNEN kontrolliert oder automatisch ablaufen. Kontextabhängig können Personen mehrere Emotionsregulationsstrategien anwenden, auch gleichzeitig.

Es können 2 Ebenen der Emotionsregulation unterschieden werden:

1. Intraindividuelle Ebene: Meint die Beeinflussung des eigenen Erlebens.Es werden negative affektive Zustände vermieden oder beseitigt, positive aufrechterhalten oder herbeigeführt. 2. Interindividuelle Ebene: Meint die Beeinflussung des eigenen Erlebens und des Erlebens anderer, sowie die Beeinflussung der emotionalen Beziehungsgestaltung mit anderen Menschen.

3 Beweggründe auf der interintividuellen Ebene sind ausschlaggebend:

  • Sozial erwünschte Selbstdarstellung: Impression Management, meint die bewusste oder unbewusste Steuerung des Eindrucks, den Personen oder Organisationen auf andere machen. Ausschlaggebend dabei ist der Wunsch der (individuellen, gesellschaftlichen,statistischen) Norm entsprechend, positiv durch sein Gegenüber wahrgenommen werden.
  • Soziale Kontrolle: Zielrichtung ist hier die (normierende) Beeinflussung des Verhaltens anderer.
  • Prosoziale Gründe: Entscheidend für unsere Emotionsregulation ist hier das Vermeiden oder Abwenden von Schaden für Mitmenschen, wir wollen sie nicht verletzten, beschützen.
  • Emotionsregulationsstrategien im Arbeitsumfeld:die Motivataion Emotionen zu regulieren ensteht aus der erlebten Diskrepanz zwischen der empfundenen emotionalen Reaktion und der den Normen bzw. Vorschriften entsprechend angemessenen, erwünschen emotionalen Reaktioon (gesellschaftliche Normierung). Hierbei werden unterschieden: Deep Acting (antetedent-fokussierte Emotionsregulationsstrategie) und Surface Acting (reaktionsfokussierte Emotionsregulationsstrategie). Beim Deep Acting verändern Mitarbeiteer ihre empfundene Emotion, um sie an Emotionsdarbietungsregeln sozial erwünscht anzupassen, beim Surface Acting hingegen erfolgt nur die Anpassung des Emotionsausdrucks an die Darbietungsregeln. Letzteres birgt somit die Gefahr einer "inneren Emigration", einer inneren Kündigung, es wird kein echter emotionaler Bezug mehr zur Arbeit hergestellt, was wiederum die Intenstät der Kognition über in der Arbeit anstehende Probleme verringert und in der Konsequenz sinkt die Motivation sich überhaupt mit diesen zu beschäftigen (Querverbindung Themengebiet Emotion-Kognition-Motivation, Wechselwirkungsmodell)

Das Emotionsregulationsmodell von Gross (1998) Gross/Thompson (2007)

Zentraler Gedanke ist die Regulationsprozesse an verschiedenen Stellen im zeitlichen Verlauf der Emotionsentstehung zu verorten. Es geht also um eine chronologische Anordnung und Bewertung der Möglichkeiten von Emotionsregulation!

1. Antezedenzfokussierte Regulationsstrategien

(Schwerpunkt des Unterrichts in diesem Themengebiet!)

  • Zeitpunkt des Eingreifens: früh, Emotionen haben sich noch nicht vollständig auf allen Reaktionsebenen entfaltet und eine emotionsbezogene Reaktionstendenz wurde noch nicht ausgelöst.
  • Ziel ist die VORWEGNAHME und KONTROLLE von Emotionsreaktionen durch AKTIVE Situations- und Gedankenselektion und -beeinflussung.
  • 4 Subtypen/Ansatzpunkte antezedenzfokussierten Regulationsstrategien werden unterschieden:(Querverbindung zum Themengebiet Kognition, Motivation)
    • 1. Auswahl einer Situation: Vermeidung von Situationen, die der betroffenen Person sehr wahrscheinlich Unbehagen bereiten werden.
    • 2. Modifikation der Situation: Veränderung von Situationen, die bei der betroffenen Person Unbehagen ausgelöst haben, während diese sich in der entsprechenden Situation befindet. Beispiel: Hilfe eines Elternteils, wenn das kind nicht in der Lage ist, ein Puzzle zu lösen und dadurch Wut erlebt.
    • 3. Ablenkung der Aufmerksamkeit: kann bereits in frühester Kindheit erlernt werden, kommt immer dann zum Einsatz, wenn die gegebene Situation nicht vermieden oder verändert werden kann. Wir wenden diese Emotionsregulationsstrategie im Alltag ständig an. Beispiel: Wir konzentrieren uns kurz vor einer Prüfung auf unseren Tisch, schauen aus dem Fenster, sortieren unseren Platz, um unsere Aufregung konstant zu halten, zu senken, aber auf jeden Fall nicht noch zusätzlich zu steigern.
    • 4. Kognitives Reappraisal (Neubewertung, im Sinne einer kognitiven Veränderung): durch die kognitive Umformung wird der Ablauf und die Entstehung der Emotion verändert, bevor emotinale Reaktionstendenzen (vollständig) gereriert wurden. Eine potenziell emotionsauslösende Situation wird neutralisiert, indem ihre Bedeutung uminterpretiert bzw. modifiziert wird. Dadurch werden sowohl behaviorale und physiologische Reaktionen (organische Komponente) als auch des Emotionserleben (psychische Komponente) verändert. Es geht also darum, die eigenen Gedanken bezüglich eines emotionalen Reizes zu verändern. Beispiel: Ein Fachoberschüler bewertet die anstehenden Fachabiturprüfungen um in eine schaffbare Herausforderung und Hürde die es auf dem Weg zum Studienwunsch/Berufswunsch zu überwinden gilt. Er denkt an den nach den Prüfungen anstehenden Urlaub mit Freunden, um die aktuelle Situation (wenig Freizeit, andauerndes Lernen) angenehmer zu machen.

Dazu passendes Schaubild.

2. Reaktionsfokussierte Regulationsstrategien (Querverbindung zum verhaltensorientierten Handlungskonzept im Rahmen der Einzelfallhilfe Sozialer Arbeit)

  • Zeitpunkt des Eingreifens: spät, die Emotion bzw. die emotionsbezogenen Reaktionstendenzen wurden bereits initiiert, d.h. Emotionen haben sich bereits vollständig auf allen Reaktionsebenen entfaltet.
  • Ziel ist die Reaktionsveränderung, dies umfasst Versuche, diese spezifischen, physiologischen, subjektiven, ausrucksbezogenen Komponenten einer Emotion zu modifizieren.
  • Problem: hier wird KEIN Einfluss auf die Entstehung der Emotion genommen, sondern nur der Ausdruck dieser beeinflusst.
  • Beispiel: Expressive Suppression, d.h. beispielsweise Gesichtsausdrücke vermeiden, die etwas über den emotionalen Zustand Preis geben können. Eine kritische Auseinandersetzung damit findet ihr hier Expressive Suppression. Hier wird folglich also nur die vorhandene Emotion in ihrer Ausprägung, in ihrem Ausdruck moduliert, nachdem sie schon entstanden ist.

Fazit: Der zeitlich frühe Einsatz der antetendenzfokussierten Regulationsstrategien macht diese effektiver als die reaktionsfokussierten Regulationsstrategien.

Ziele von Emotionsregulation

  • Durch Emotionsregulation unser Wohlbefinden, unsere Beziehungen und in letzter Konsequenz unsere Leistungsfähigkeit steigern. (Querverbindung zum Themengebiet Motivation)
  • Negativen emotionalen Erfahrungen die Kontrolle über unser Leben nehmen. (Querverbindung zur sozial-kognitiven Theorie, dem Aspekt der Selbstwirksamkeit nach A. Bandura)
  • Lernen unsere Emotionen zu benennen und anstatt ihnen aus dem Weg zu gehen, oder sie zu verschleiern, zu lernen sie zu akzeptieren. ...
  • Dies führt dazu, dass wir unsere eigenen Emotionen und auch die Emotionen anderer erkennen und verstehen lernen. ...
  • Dies erzeugt durch Verstehen Empathie und Mitgefühl. (Querverbindung Themengebiet Verstehen als Teilziel der wissenschaftlichen Pädagogik/Psychologie, Geisteswissenschaftliche Pädagogik/Psychologie)

Fazit: Die Intensität von sowohl positiven, als auch negativen Emotionen kann in jede Richtung beeinflusst werden. Emotionsregulationsforschung interessiert sich jedoch vorrangig für die Verringerung negativer Emotinen, wie z.B. Angst oder Aggression.

Effektive Emotionsregulation besteht demnach darin, positive Emotionen aufrecht zu erhalten und negative Emotionen zu verringern!

Unterrichtsmaterial zu diesem Themengebiet

Lehrplan PLUS schreibt als Anwendungsbeispiel für Emotionsregulation die Emotion Angst vor, darüber hinaus sind zwei weitere Beispiele gemäß des LehrplanPLUS nötig (unten findet ihr eines zur Emotion Aggression, sowie eines zur Emotion Trauer/Liebeskummer - dies ist in der Unterrichtssequenz als Arbeitsblatt enthalten).

Ein systematisches Tafelbild findet ihr Datei:Tafelbild Emotionsregulation.docx.

Unterrichtssequenz zum Thema Emotionsregulation

ACHTUNG: Beispielemotion ist hier Aggression (Lehrplan PLUS Jahrgangsstufe 10)

Übersicht Stunde