Gehen, ging, gegangen

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Gehen, ging, gegangen von Jenny Erpenbeck ist ein Roman über afrikanische Flüchtlinge im 21. Jahrhundert in Berlin und ihre Schicksale.

Inhaltsverzeichnis

Einführung

"Richard, kürzlich pensionierter Professor für alte Sprachen" [...] kommt "an einer Demonstration [...] vorbei, mit der afrikanische Flüchtlinge, die sich weigern, ihre Identität preiszugeben, bei ihrem Hungerstreik unterstützt werden sollen. „We become visible“ lautet das Motto. [...] die „Idee, sichtbar zu werden, indem man öffentlich nicht sagt, wer man ist, hatte ihm gefallen“. Es erinnerte ihn an Odysseus, der dem Zyklopen entrann, weil er sich als „Niemand“ ausgab." faz.net 16.9.15

Zitate aus dem Roman

Richard ist zu einer Versammlung mit Flüchtlingen in einer "besetzten Kreuzberger Schule" gegangen. Die Erwartung, dass man seinen Namen und seine Herkunft nennt, was er nicht will, und das Durcheinander geht ihm auf die Nerven.

"Richard steigt die Treppe hinab, [...] Würde er nicht so langsam gehen, um die Stufen nicht zu verfehlen, könnte man sagen: er flieht." (S.39)

"Für einen Jungen, der unter Nomaden aufgewachsen ist, ist der Oranienplatz, den er anderthalb Jahre bewohnt hat, nur eine Station auf einem langen Weg, ein vorläufiger Ort, der zu dem nächsten vorläufigen Ort führt.!" (S.70)

"Wenn du Glück hast, wirst du geschlagen, wenn du Pech hast, erschossen, hat mir jemand zum Trost gesagt." (S.79)

"Und ich - ich weiß nicht mehr, wer ich bin. Ein Fremder werden. Sich selbst und den andern." (S.81)

"Von dem Moment an, in dem sie dich aus dem Haus rausschicken, musst du selbst einen Schlafplatz finden, du bist frei! Kein Job, kein Ticket, kein Essen [...]" (S.81)

"Italien zum Beispiel lässt Flüchtlinge gehen, gern sogar, denn es hat mehr als genug von ihnen. [...] In Deutschland Arbeit suchen dürfen sie aber erst nach fünf Jahren ununterbrochenen Asyls in Italien [...] Einen Moment lang stellt Richard sich vor, jemand würde ihm auf Arabisch diese Gesetze erklären." (S.87)

Nur zwei Fälle von Windpocken in ihrem Heim retten die Flüchtlinge davor, von einem Tag auf den anderen in ein Lager nach Buckow, 5 Kilometer entfernt von der nächsten Bushaltestelle gebracht zu werden. Der Sprecher des Berliner Senats, der mit ihnen verhandelt hat, fragt sich, ob der Leiter des Heims, der die Botschaft von den Kranken bringt, nicht vielleicht gemeinsame Sache mit den Flüchtlingen macht. Der Leiter des Heims seinerseits ist sauer, weil durch die Krankheit der Umbau des Heims verzögert wird "und fragt sich, wie es sein kann, dass erwachsene Menschen plötzlich aus heiterem Himmel eine Kinderkrankheit bekommen." (S.104)

Die Flüchtlinge sind durch viele Länder gekommen und haben auf ihren Stationen Schicksalsgenossen gefunden, mit denen sie sich besser verbunden fühlen als mit den Helfern vor Ort, die sie meist kaum verstehen können:

"Richard merkt bei jedem seiner Besuche, dass die Männer in den paar Funkwellen mehr zu Hause sind, als in irgendeinem der Länder, in denen sie auf die Zukunft warten. Ein Netz aus Zahlen und Kennwörtern spannt sich quer über die Kontinente und ersetzt ihnen nicht nur das, was für immer verloren gegangen ist, sondern auch den Neuanfang, der nicht stattfinden kann. Das, was ihnen gehört, ist unsichtbar und aus Luft." (S.220)

Die Polizei stürmt eine Flüchtlingsunterkunft, weil Flüchtlinge sich weigern, sich verlegen zu lassen.

"Sollte die Polizei hier tatsächlich für diejenigen Deutschen im Einsatz sein, die so arm sind, dass sie zum Fest nur gestohlenen Gänsebraten auftischen können? Eher doch nicht, denkt Richard, denn sonst hätte er längst schon vor der oder jener Bankfiliale 20 Mannschaftswagen sehen müssen und Polizisten in voller Montur, um die Manager, die Milliarden veruntreut haben, herauszutragen. Ja, denkt er, was hier vor sich geht, sieht wie Theater aus, und es ist auch Theater - ist eine künstliche Front, die eine andere, wirklich existierende Front verdeckt. Das Publikum brüllt aufs Stichwort nach Opfern, und die Gladiatoren tragen aufs Stichwort ihr wirkliches Leben in die Arena. Hatte man ausgerechnet in Berlin schon wieder vergessen, dass eine Grenze sich nicht nur an der Größe des Gegners bemaß, sondern ihn auch erschuf?" (S.261/62)

Richard feiert ein Fest zusammen mit Flüchtlingen, die bei ihm wohnen, und anderen Bekannten.

"Apoll[1] sagt: Ich habe eine Freundin, aber heiraten würde ich sie nicht.

Marion fragt: Warum nicht?

Wenn ich eine deutsche Frau heirate, denkt sie, ich heirate nur, um Papiere zu bekommen.

Du würdest wirklich eine Frau, die dich lieb und die du liebst, nicht heiraten, weil es so aussehen könnte, als tätest du es nur, um Papiere zu bekommen?

Ja, sagt Apoll. [...] Würde zu bewahren, ist eine Anstrengung, die den Flüchtlingen täglich auferlegt wird und sie bis in ihre Betten hinein verfolgt." (S.345)

Anmerkungen

  1. Den ersten Flüchtlingen, die Richard kennen gelernt hat, hat er für sich ihm vertraute Namen gegeben, damit er sie sich leichter merken kann.

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