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Grafeneck

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"Grafeneck" (2007) ist ein Kriminalroman von Rainer Gross, er spielt auf der Schwäbischen Alb und beschäftigt sich mit der Aufklärung eines Verbrechens, das in einem Zusammenhang mit der NS-Tötungsanstalt "Grafeneck" steht.

Inhaltsverzeichnis

Zum Autor

  • 1962 in Reutlingen
Rainer Gross studierte Philosophie und Literaturwissenschaft in Tübingen, es schlossen sich Studien an einem theologischen Seminar an.
Seit 2002 lebt er als freier Schriftsteller in Ahrensburg. Als Krimiautor debütierte er mit GRAFENECK, in dem er den pensionierten, eigenwilligen Lehrer Mauser als Protagonisten einführte, der auch im Mittelpunkt des dritten Romans KETTENACKER steht.

Der Roman: Worum geht's

Kap. 1 - 3: Hermann Mauser ist seit dreißig Jahren Grundschullehrer in Buttenhausen (auf der Schwäbischen Alb) und gilt dort ein wenig als Sonderling, vor allem wegen seines Hobbys: Höhlenerkundungen. Am Ostersamstag des Jahres 1997 entdeckt er in einer schwer erreichbaren Lehmkammer der "Münzhöhle" eine mumifizierte Leiche. Der Tote wurde mit einem Kopfschuss erschossen, in der Höhle finden sich aber kaum Blutspuren und auch der Anzug ist unbeschmiert. Wie kam der Tote in diese Kammer, zu der es keinen weiteren Zugang gibt? Mauser hat das unbestimmte Gefühl, dass dieser Leichenfund auch etwas mit ihm zu tun haben könnte.

Am Ostersonntag, nach dem Kirchgang, geht er wieder in die Höhle, untersucht seinen Fund, fotografiert und nimmt Erdproben. Der Anzug des Toten stammt von einer Reutlinger Firma, die seit über 50 Jahren nicht mehr existiert. Der Tote ist nicht in der Höhle gestorben, wie aber kann er so unversehrt hineingekommen sein, zumal es keinen Zugang zu geben scheint? Mauser betrachtet ihn von nun an als "seinen" Toten.

Kapitel 4 - 7: Dennoch meldet er am Montag den Fund dem Ortspolizisten Waiblinger; sie gehen in die Höhle, Waiblinger kann wegen Beleibtheit nicht in die versteckte Kammer vordringen. Die Angelegenheit wird an eine Sonderkommission in Reutlingen weitergeleitet.

Polizist Waiblinger steckt das Areal weitläufig ab, aus Reutlingen kommt Kommissar Greving. Trotz seiner Klaustrophobie geht er mit in die Höhle, muss aber kurz vor der Lehmkammer umkehren. Greving bittet um die fachliche Hilfe des Höhlenforschers, Mauser hält sich aber bedeckt, es ist vielleicht die Geschichte seines Vaters, die er allein herausfinden möchte.

Mauser untersucht das Gelände über der Höhle, sein Sonargerät entdeckt eine Patronenhülse und dann auch eine Patrone. Seine Untersuchung (mit den Mikroskop der Schule) ergibt, dass beide aus einer Pistole stammen wie sein Vater, der damalige Ortspolizist, sie besaß. Dessen Pistole bewahrt Mauser in seiner Werkstatt auf, keiner weiß davon, sie ist ein Erinnerungsstück seines Vaters. Die Vergangenheit beschäftigt ihn, die Zeit, in der die Buttenhausener Synagoge brannte, die Juden verhaftet und schließlich auch seine geistig zurückgebliebene Schwester Mutz abtransportiert wurde - nach Grafeneck. Wenige Tage später hatte sich seine Mutter erhängt.

Die Untersuchungskommission, angeführt von Kommissar Greving, inspiziert den Fundort und transportiert die Leiche ab. Mauser erzählt Greving nichts vom seinem Fund über der Höhle. Er will die Geschichte, die nun die Seine ist, alleine aufarbeiten.

Kapitel 8 - 18: ...

Kommentar

Noia 64 apps kontour.png   Meinung

Der Roman wird dem Begriff Regio-Krimi voll und ganz gerecht: Der Handlungsort ist die dörfliche Welt der Schwäbischen Alb, die Orte sind real und besuchbar, die Natur ist immer im Wahrnehmungsbereich des Protagonisten und damit des Lesers, die Vögel zwitschern, die ersten Blumen blühen, die Luft riecht nach Frühling oder es ist noch österlich kühl usw. Man kann auch von einem Heimat-Roman sprechen, freilich nicht der gemütlichen, idyllischen Art.

Zugleich ist die Sprache alles andere als blumig ausladend, kurze Sätze werden gereiht, auch Halbsätze, es wird nicht viel geredet, die Dialoge sind karg, die wörtliche Rede enthält umgangssprachliche, dialektale Einsprengsel („weißt“) und Verkürzungen.

Die Handlung ist nicht übermäßig auf Spannung angelegt, dazu erleben wir die Ereignisse zu sehr aus der Perspektive eines grüblerischen und mit seiner Familiengeschichte beschäftigten Helden. Auch der Kommissar aus Reutlingen teilt diese Nachdenklichkeit und sinnt insbesondre gerne über Gott und Vergebung nach. (Hier zeigt sich nebenbei auch die theologische Ausbildung des Autors.) Es sind tiefgründige Dialoge über Recht und Unrecht, an denen uns der Autor immer wieder teilhaben lässt.

Als wichtiges Gestaltungsmittel dient die erlebte Rede, durch welche sich dem Leser die grüblerische Innenwelt des Protagonisten darbietet: Wie viel Schuld hat sich sein Vater aufgeladen? Ist er gar ein Kollaborateur gewesen damals? Hat sich Mauser, sein Sohn, in ihm getäuscht?

Dennoch, die Geschichte ist sehr interessant, weil sie ein Kapitel deutscher Vergangenheit und Nazi-Verbrechen aus einer etwas anderen Sicht beleuchtet: Zum einen geht es um das traurige Thema Euthanasie-Opfer, zum anderen um den Nationalsozialismus auf dem Dorf. Dabei erfahren wir, dass die Nazis keineswegs willkommen waren in Buttenhausen, ganz im Gegenteil.

Interessant sind auch die Anschlussthemen, die dieser Roman nahelegt: Was war in Grafeneck, wo liegt es, wie wird heute das Andenken an die Euthanasie-Opfer gepflegt? Der Roman legt fächerübergreifendes Arbeiten nahe, die Handlung als Ausgangspunkt für - hoffentlich sorgfältig organisierte - Internetrecherchen oder gar Exkursionen. Ob dazu eine Klassenarbeit im bekannten Stile (Inhalt, Personen, Motive, Sprache) sinnvoll ist, möchte ich bezweifeln. Ich würde die Erstellung von Projektmappen und/oder Präsentationen vorschlagen.

Klaus Dautel, 21.06.2012


Bitte ändere den Inhalt dieses Beitrags nicht. Denn er gibt eine persönliche Meinung wieder.

Unterrichtsmaterial

"Die Unterrichtsbausteine ... stellen keine in sich geschlossene Unterrichtseinheit dar, sondern sind lediglich als Anregungen gedacht. Annotationen wahlweise als  word-Datei  und als  pdf-Datei  , Bildimpressionen und Anregungen für Erkundungen vor Ort runden das Angebot ab.
Der Roman bietet vielfältige Möglichkeiten für fächerübergreifende Kooperationen mit Geschichte, Religion/Ethik und Geografie."
Inhaltsverzeichnis des Lehrerheftes
Einige weitere Beispielseiten stehen zum Download zur Verfügung

Stimmen

"Heimatkrimi im besten Sinne und ein starkes Debüt
Rainer Gross ist mit seinem Erstling ein kleiner aber feiner Roman gelungen. Vor allem deshalb, weil er es schafft, die zentralen Themen der Geschichte durch Gegensätze zu betonen. Dem Idyll der Schwäbischen Alb stehen die Greuel in Grafeneck gegenüber, dem dörflichen Flair, die große Frage nach dem richtigen Umgang mit der deutschen Vergangenheit und Mausers intime Auseinandersetzung mit der Schuld des Vaters, die anonymen Hightech Ermittlungsmethoden des Teams von Kommissar Greving.
Klingt, als ob sich Gross da ein wenig zu viel vorgenommen hat, für seinen nicht einmal 200 Seiten umfassenden Krimi. Doch mit seinem ruhigen, fast beschaulichen Erzählstil, spinnt er gekonnt die Geschichte um den im Mittelpunkt stehenden Mauser. Freilich, ein richtiger Krimi ist es trotz Mordfall eigentlich trotzdem nicht. Doch auch das, was übrig bleibt, ist höchst lesenswert und man darf gespannt sein, was Gross in Zukunft noch folgen lässt."
"Weder plump noch schrill ist dieser Roman. Er will etwas wissen und hat was zu sagen und ist von den Fragen, die seine Figuren sich stellen, selbst ganz durchdrungen. Gewiss, Gross hat ein Thema, aber er benutzt die kriminalliterarischen Elemente nicht nur als Vehikel. Das Analytische der Kriminalliteratur ist der historischen Nachforschung denkbar angemessen. Und die Figuren sind interessant, und zwar einigermaßen abseits der üblichen Versatzstücke, weil sie aus demselben Stoff wie das Buch selbst sind und sein so überzeugend schwergängiges Grübeln und Denken. "
Teil 1 (29 Minuten) und Teil 2 (22 Minuten) Anhören möglich, Download nicht (www.vorleser.ne).
  • Grafeneck Hörbuch Die Webseite verrät leider nicht, wer liest (und ist auch sonst ziemlich undurchsichtig). Soviel wird aber verraten: Dauer: 05:40:45 | Format: mp3 | Größe: 343 MB

Grafeneck: Die Einrichtung

  • Gedenkstätte Grafeneck 
DOKUMENTATIONSZENTRUM für die Opfer der "Euthanasie"-Verbrechen im Nationalsozialismus Baden-Württemberg. Webseite des Vereins „Gedenkstätte Grafeneck e.V.“
"In Grafeneck begann im Jahr 1940 die sogenannte Aktion "T4". In einem Jahr wurden hier unter nationalsozialistischer Herrschaft 10.654 Menschen mit geistigen Behinderungen oder psychischen Erkrankungen ermordet. Heute existiert in Grafeneck eine Gedenkstätte und ein Dokumentationszentrum zur Erinnerung an die Opfer und gegen das Vergessen in den Diskussionen der Gegenwart."
"Hier erfahren Sie mehr über das "Euthanasie"- Programm des "Dritten Reiches" in Grafeneck. Diese Internetseite ist ein Produkt, das aus einer intensiven Beschäftigung mit diesem Thema im Rahmen einer projektartigen Arbeit entstanden ist."
"Die Webseite ... ist das Ergebnis einer projektartigen Auseinandersetzung mit dem Ort Grafeneck, seiner Geschichte und den Menschen. Im Rahmen der Realschullehrerausbildung wählte unsere Gruppe dieses Thema aus."
"Diese Seite ist Mitglied bei der Schwobakonnektschn ... D'Schwobakonnektschn macht sich zur Aufgabe, alle Internetseiten, die auf beliebige Art und Weise über unsere Heimat Schwaben oder unsere alemannisch-suevischen Wurzeln berichten, auf einer gemeinsamen Homepage zu vereinen, um somit allen Interessierten das zeitraubende "durchhangeln" durch Suchmaschinen zu ersparen." (wernerfrueh.de)

Buttenhausen und die jüdische Gemeinde

"Buttenhausen war eine der wenigen jüdischen Landgemeinden im Süden Württembergs. Am 7. Juli 1787 erlaubte der Ortsherr, Philipp Friedrich, Freiherr von Liebenstein, zunächst 25 Familien die Ansiedlung in dem Lautertaldorf. In den folgenden Jahrzehnten entwickelte sich eine große Gemeinde, die um die Mitte des 19. Jahrhunderts mehr als die Hälfte der gesamten Dorfbevölkerung umfaßte." (www.buttenhausen.de)

Erweiterungen

"Nachdem ich vor einigen Jahren erfahren hatte, dass meine Tante Anna Opfer der NS-„Euthanasie“ geworden war, begann ich Spuren ihres Lebens zu suchen. Erschreckt musste ich feststellen, dass die Erinnerung an Anna - nicht nur in ihrer Familie - ausgelöscht war. Vermutlich wüsste ich ohne dieses Schlüsselerlebnis immer noch genauso wenig über das Ausmaß der nationalsozialistischen Medizinverbrechen wie die Mehrzahl der Bevölkerung. Im Laufe meiner Erinnerungsarbeit fand ich heraus, dass Zwangssterilisation und "Euthanasie"-Verbrechen insgesamt aus dem kollektiven Gedächtnis unserer Gesellschaft verdrängt worden waren und dass Tabuisierung und Verschweigen lange Zeit die geschichtliche Aufarbeitung und ein angemessenes Gedenken für die vielen hunderttausend Opfer der NS-Medizinverbrechen verhindert hatten." (www.sigrid-falkenstein.de)
  • Hans-Ulrich Dapp: Emma Z. Ein Opfer der Euthanasie. Quell Verlag Stuttgart 1990
"Der Autor folgt in diesem Buch den Lebensstationen seiner Großmutter ... fünfzig Jahre nach ihrem Tod in einer nationalsozialistischen Euthanasieanstalt. Er schildert ihre Kindheit in einer traditionsbewußten schwäbischen Familie, die Jahre als Pfarrfrau bis zum frühen Tod ihres Mannes, schließlich ihre Entmündigung und den Aufenthalt in der Psychiatrie ..." (Klappentext) ISBN 3-7918-1906-2