Säkularisierung

aus ZUM-Wiki, dem Wiki für Lehr- und Lerninhalte auf ZUM.de
< Gymnasium Gerabronn‎ | 2010‎ | Ethik‎ | K1
Wechseln zu: Navigation, Suche

Inhaltsverzeichnis

Einführung

Die Säkularisierung bezeichnet den Prozess der Trennung zwischen Kirche und Staat; und insbesondere die Ablösung der weltlichen Macht der Kirche durch den Staat als Folge der Aufklärung in Europa.
Der Begriff leitet sich aus dem lat. saeculum ab, was soviel wie Zeitalter oder Jahrhundert bedeutet. Ein Synonym für die Säkularisierung ist die "Verweltlichung".

Eine "Säkularisation" bezeichnet bestimmte (historische) Ereignisse, an denen sich der Prozess der Säkularisierung erkennen lässt.

Für weitere begriffliche Erklärungen bietet sich folgendes Video des Deutschen Hygiene Museums an: Säkularisierung

Säkularisierung in der Geschichte und ihre Folgen

Schon im 15. und 16. Jahrhundert kam es in Europa zu gelegentlichen Verweltlichungen von Ländereien, d.h. ein Landesherr übernahm die Herrschaft über Güter, die zuvor der Kirche gehörten. Der Prozess, der heute als Säkularisierung bezeichnet wird, begann allerdings erst im 18. Jahrhundert, mit der Entstehung einer geistigen Bewegung, der Aufklärung. Die Aufklärung verlangte, dass der Mensch vernünftig handeln solle, von seinem Verstand geleitet. Also auch unabhängig von "unvernünftigen" Religionen und der Kirche, die den Menschen durch Gebote und Verbote vorschrieb, wie sie zu leben hatten.

In Frankreich kam es während der Französischen Revolution zu einer vollständigen Verweltlichung aller Kirchengüter. Diese Säkularisationen wurden auch unter Napoleon I. fortgeführt und betrafen damit auch von ihm eroberte (deutsche) Gebiete. Seit 1905 besteht in Frankreich eine strikte Trennung zwischen Kirche und Staat.

Erwähnenswert ist auch die absolute Trennung von Kirche und Staat im Sozialismus und Marxismus: deren Vordenker Karl Marx bezeichnete Religionen als "Opium fürs Volk". In der Sowjetunion kam es zur vollständigen Enteignung der Kirchen, die Ausübung von Religionen war verboten, Gläubige und Angehörige wurden verfolgt, verbannt oder getötet. Der Staat bezeichnete sich als atheistisch.

Säkularisierung heute

Wie weit die Säkularisierung in Europa fortgeschritten ist, lässt sich am besten am Beispiel Frankreichs und Deutschlands betrachten: In Frankreich herrscht eine strikte Trennung von Kirche und Staat, so sind z.B. religiöse Symbole im öffentlichen Raum verboten, in öffentlichen Schulen gibt es keinen Religionsunterricht. In Deutschland dagegen deuten z.B. Kirchensteuer, Religionsunterricht, und gesetzlich geschützte, kirchliche Feiertage auf ein eher partnerschaftliches Verhältnis von Kirche und Staat hin, auch im Grundgesetz und in verschiedenen Landesverfassungen wird Bezug auf Gott genommen.

In Russland herrscht seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion die Religionsfreiheit, die russisch-orthodoxe Kirche gewinnt an (politischem) Einfluss.

England, Dänemark und natürlich der Vatikan besitzen Staatskirchen: die Anglikanische Kirche (deren Vorsitzender das Staatsoberhaupt, also die Königin ist), die protestantische (Dänemark) und die katholische Kirche (Vatikan). In diesen Ländern besteht also keinesfalls eine Trennung zwischen Kirche und Staat.

In der Türkei verhält es sich ähnlich wie in Frankreich, auch hier sind z.B. Kopftücher an öffentlichen Schulen verboten. Im Gegensatz zu Deutschland (CDU, CSU) sind in der Türkei auch religiöse Parteien verboten.

Auch außerhalb Europas hängen Staat und Kirche oft enger zusammen: Iran und Saudi-Arabien z.B. bezeichnen sich als islamische Staaten, Thailand als buddhistischer Staat.

Kritik

In der Kritik steht vor allem die These, dass der durch die Aufklärung herbeigeführte ideologische Wandel der Ursprung der Säkularisierung gewesen sei. Denn viele Fürsten, die ihre Herrschaft immerhin durch "Gottes Gnaden" legitimierten, nutzten Säkularisationen um Macht und Land zu gewinnen und nicht um "aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit zu gehen" (Vgl.Immanuel Kant: Was ist Aufklärung?).

Auch heutzutage wird die Trennung zwischen Kirche, bzw. Religion und Staat noch immer diskutiert: das Kopftuch- und Burkaverbot sind Beispiele für aktuellere Debatten.

Dabei stellt sich natürlich immer wieder die Frage, inwieweit die Säkularisierung, also die Trennung zwischen Staat und Kirche, bzw. Religion überhaupt sinnvoll und rechtmäßig ist: das Grundgesetz sichert ja jedem Menschen Religionsfreiheit zu. Trotzdem gilt in vielen Bundesländern das Kopftuchverbot für Lehrkräfte, da gerade das Kopftuch nicht nur als religiöses sondern auch als politisches Symbol für die Unterdrückung der Frau gesehen wird. In Frankreich ist das Tragen einer Burka, eines Ganzkörperschleiers, sogar strafbar.

Quellen

http://www.hanisauland.de/lexikon/s/saekularisierung.html
http://www.owep.de/2007_1.php
http://de.wikipedia.org/wiki/Trennung_von_Religion_und_Staat
http://tobias-lib.uni-tuebingen.de/volltexte/2000/191/pdf/gig.pdf
http://www.youtube.com/watch?v=hpdy9eY7Tx0
http://www.carolin-emcke.de/de/article/35.der-verlust-des-politischen-und-der-mythos-der-saekularisierung.html
http://de.wikipedia.org/wiki/Dreyfus-Aff%C3%A4re#Auswirkungen_der_Aff.C3.A4re


Kommentare

Also irgendwie hab ich an diesem Artikel nichts zu beanstanden. Erstens ist dein Artikel sehr übersichtlich und gut gegliedert. Deine Abschnitte erklären gut alle wichtigen Informationen, ohne überladen zu wirken. Ausserdem gefällt mir dass du viele Beispiele eingebracht hast, die man nachvollziehen kann und auch kennt, sowie Kritik am Thema ausgeübt hast. Alles in allem ein guter Artikel! - GG-Ethik-LK

Dein Artikel ist wirklich sehr gut gegliedert und trotz seiner Ausführlichkeit und Länge spannend zum Lesen. Einzig beim Inhalt habe ich ein paar kleine Kritikpunkte. So finde ich, dass die Verfolgung/Unterdrückung von religiösen Gruppen in der UDSSR nicht wirklich zum Thema Sekularisierung passt bzw. kein Beispiel dafür ist, da es auch Religionsfreiheit ein wichtiger Aspekt von Sekularisierung ist. Denn erst wenn Religionen keine politische Macht haben und Religion somit zur "Privatangelegenheit" wird, kann auch jeder frei seine (oder keine) Religion ausüben. Leider werden im Artikel auch vor allem die negativen Aspekte von Sekularierung erwähnt. Welche fatale Folgen aber ein starker politischer Einfluss von Religionen haben kann, zeigen nicht sekulare Staaten wie der Iran. Auch wenn meine Kritikpunkte jetzt ein wenig lang geraten sind, halte ich deinen Artikel dennoch für sehr gut. (DO)

Ich muss DO zustimmen das Beispiel Russland finde ich auch etwas unpassend. Ansonsten finde ich den Artikel auch sehr gelungen und übersichtlich. Auch die geschichtlich angehauchte Gliederung gefällt mir sehr da bei der Sekularisierung meiner Meinung nach vorallem die Entwickelung und Tendenz von Bedeutung ist. --Gg-ethik-HMX 11:04, 2. Jan. 2012 (CET)

Ich habe mich jetzt nach einiger Überlegung entschlossen, das Beispiel Sowjetunion nicht zu streichen: ich will damit zeigen, dass die Säkularisierung (mit Ä!) in ihrer extremsten Form auch schlimme Folgen haben kann, wie eben z.B. die Verfolgung und Unterdrückung der Menschen durch den Staat. Ich habe versucht, den Artikel so objektiv wie möglich zu halten, stimme dir (DO) aber zu, dass die negativen Aspekte der Säkularisierung tatsächlich zu überwiegen scheinen! Und weil auch in einem anderen Kommentar eine persönliche Meinung gefordert wurde, füge ich diese hiermit hinzu:
Ich bin für eine absolute Trennung von Kirche und Staat und finde es unerträglich, wie viel Einfluss die Kirche auch in Deutschland noch hat. In der Schule hat die Religionslehre in ihrer jetzigen Form nichts verloren - die "Lehre von den Religionen" halte ich aber für sehr sinnvoll. Damit meine ich, dass das gemeinsame Praktizieren von Religion nicht in den Unterricht gehört, also z.B. das Beten und Singen. Aber man sollte sich in seiner Schulzeit trotzdem mit den Religionen auseinander setzen, aber eher auf wissenschaftlicher, vergleichender Basis.
Was mir in vergangenen Jahr ebenfalls ein Dorn im Auge war: Der Papst darf öffentlich die Verhütung verdammen (das soll er auch dürfen, auch dem Papst sollte das Recht auf Meinungsfreiheit ja nicht aberkannt werden =P) und gleichzeitig leben seine Untergebenen unter dem Deckmantel der Kirche ihre Perversitäten aus. Trotzdem war der Papstbesuch in aller Munde und er durfte seine umstrittene Rede im Bundestag halten.
Schlussendlich bleibt die Frage: Wie geht Säkularisierung "richtig"? Auch säkularisierte Staaten wie Frankreich bieten keine zufriedenstellende Antwort - das Burkaverbot ist nicht umsonst so umstritten. Also wo die Grenze ziehen zwischen Trennung und Religionsfreiheit, wie weit darf der Staat eingreifen, wie weit ist der Einfluss der Kirche/Religionen tolerierbar? (LH)