Hesperus oder 45 Hundposttage

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Hesperus oder 45 Hundposttage. Eine Biographie. ist ein Roman von Jean Paul, der 1795 veröffentlicht wurde.

Inhaltsverzeichnis

Textbeispiele

Weshalb ein Landesfürst Verträge nicht zu beachten braucht

Eindrucksvoll, wie deutlich Jean Paul sich hier satirisch dafür einsetzt, dass der Fürst auch an Gesetze gebunden ist, die er selbst erlassen hat. Wenn er das Wort Vertrag betont, so nimmt er offenbar Bezug auf die Staatsvertragstheorien von Hobbes und Locke. - Bekannte Beispiele, wo es im 19. Jahrhundert zu harten Auseinandersetzungen über diese Frage kommt, sind der Protest der Göttinger SiebenWikipedia-logo.png (1837) und der Preußische VerfassungskonfliktWikipedia-logo.png (1859-1866).

In den Werken des Herrn Herkommen – des besten deutschen Publizisten, der aber keine acta sanctorum schreibt – wird es erwiesen, daß ein Landesfürst die Verträge, Privilegien und Bewilligungen zwischen seinem Vorfahrer und den Untertanen gar nicht zu beachten brauche; – daraus folgt, daß er noch weit weniger seine eignen Verträge mit ihnen zu halten vonnöten habe, da ihm die Nutznießung dieser Verträge, die in nichts als im Halten oder Brechen besteht, offenklar als Eigentümer gebührt. Herr Herkommen sagt das nämliche auf allen Blättern und schwört gar dazu. – Ja kann es einen Dekan oder Rektor Magnifikus geben, der so wenig Vernunft annimmt, daß ihm – da doch nach einer allgemeinen Annahme ein König nicht stirbt und mithin Vor- und Nachfahrer zu einem Mann ineinanderverwachsen – nicht der Schluß daraus beizubringen ist, daß der Nachfahrer seine eigne Verträge für die seines Vorfahrers halten und mithin, da beide nur ein Mann sind, ebensogut wie geerbte brechen könne? Wer philosophisch darüber reden wollte, der könnte dartun, daß überhaupt gar kein Mensch sein Wort zu halten brauche, nicht bloß kein Fürst. Nach der Physiologie rückt der alte Körper eines Königs (eines Lesers, eines Berghauptmanns) in drei Jahren einem neuen zu; – Hume treibts mit der Seele noch weiter, weil er sie für einen dahinrinnenden (nicht gefrornen) Fluß von Erscheinungen hält. So sehr also der König (Leser, Autor) im Augenblick des Versprechens an dessen Haltung gefesselt ist: so unmöglich kann er noch daran gebunden sein im nächsten Augenblick darauf, wo er schon sein eigner Nachfahrer und Erbe geworden, so daß in der Tat von uns beiden am 4ten Mai hier kontrahierenden Wesen am heutigen Mai nichts mehr da ist als unsre bloßen Posthumi und Nachfahrer, nämlich wir. Da nun glücklicherweise niemals in einen und denselben Augenblick zugleich Versprechen und Halten hineingehen: so kann die angenehme Folge für uns alle daraus fließen, daß überhaupt gar keiner sein Wort zu halten verbunden sei, er mag Kuppel oder Sägespan eines Thrones sein. Auch die Hofleute (die Thron-Eckenbeschläge) setzen sich diesem Satze nicht darwider.

Jean Paul: Hesperus, 1. Heftlein, Erster Schalttag

Satirische Darstellung des Hoflebens zur Goethezeit

"Mein Held ließ folgenden [Brief] an den Pfarrer ab:

»Mein lieber Herr Adoptiv-Vater! – Ich hatte bisher nicht so viel Zeit übrig, um die Augen aufzuheben und zu sehen, was wir für einen Mond haben. Wahrhaftig, einem Hofe fehlts zur Tugend schon – an Zeit.

Der Fürst führt mich überall wie ein Riechfläschchen bei sich und zeigt seinen närrischen Doktor vor. Mich werden sie bald nicht ausstehen können, nicht weil ich etwan etwas tauge – ich bin vielmehr fest versichert, sie ertrügen den tugendhaftesten Mann von der Welt ebensogut wie den schlimmsten, und das bloß, weil er ein Anglizismus, ein homme de Fantaisie, ein Naturspiel wäre –, sondern weil ich nicht genug rede. Geschäftleute bekümmern sich um keinen Gespräch- und keinen Briefstil; aber bei Hofleuten ist die Zunge die Pulsader ihres welken Lebens, die Spiral- und Schwungfeder ihrer Seelen; alle sind geborne Kunstrichter, die auf nichts als Wendung, Ausdruck, Feuer und Sprache sehen. Das macht, sie haben nichts zu tun; ihre gute Werke sind Bonmots, ihre Meßgeschäfte Besuchkarten, ihre Hauswirtschaft eine Spiel- und ihre Feldwirtschaft eine Jagdpartie, und der kleine Dienst eine Physiognomie. Daher müssen sie fremde Fehler den ganzen Tag in Ohren haben gegen die schlaffe Weile, wie die Ärzte die Krätze einimpfen gegen Dummheit: ein Hofstaat ist das ordentliche Pennypostamt der kleinsten Neuigkeiten, sogar von euch Bürgerlichen, wenn ihr gerade etwas recht – Lächerliches getan habt.

Zu wünschen wäre, wir hätten Festins, oder Spielpartien, oder Komödien, oder Assembleen, oder Soupers, oder etwas Gutes zu essen, oder irgendeine Lustbarkeit; aber daran ist nicht zu denken – wir haben zwar alle diese Dinge, aber nur die Namen davon; der Kammerpräsident würde die Achsel zucken, wenn wir nur des Jahrs viermal so glänzend fröhlich sein wollten, als Sie es des Monats viermal sind. Da unsere Woche aus sieben Sonntagen besteht: so sind unsere Lustbarkeiten nur Kalenderzeichen, Zeit-Abschnitte, auf die niemand achtet, und ein Festin ist nichts als ein Spielraum der Plane, die jeder hat, das Brettergerüst seiner Hauptrolle und die Jahrzeit der fortgesetzten Intrige gegen Opfer der Liebe oder des Ehrgeizes. Hier ist jede Minute eine stechende Moskite, und der Distelsame des schöngefärbten Kummers fliegt weit herum. [...]

Was mir aber dieses glückliche Hofleben oft versalzet, ist der allgemeine Mangel an Verstellung. Denn hier glaubt keiner, was er hört, und denkt keiner, wie er aussieht; alle müssen nach den ordentlichen Spielgesetzen, gleich den Karten, einerlei obere Seite haben und äußere Gesichtstille auf inneres Glühen decken, wie der Blitz nur den Degen, aber nicht die Scheide zerstört. – Folglich kann, da eine allgemeine Verstellung keine ist und da jeder dem andern Gift zutraut, keiner belügen, sondern jeder nur überlisten; nur der Verstand, nicht das Herz wird berückt. Inzwischen ist, die Wahrheit zu sagen, das keine Wahrheit; denn jeder hat zwei Masken, die allgemeine und die persönliche. Übrigens werden die Farben, die auf den wissenschaftlichen, feinen und menschenliebenden Anstrich des Äußern verbraucht werden, notwendig vom Innern abgekratzet, aber zum Vorteil, da am Innern nicht viel ist, und das Studium des Scheins verringert das Sein; [...]"


Jean Paul: Hesperus, 2. Heftlein, 17. Hundsposttag

Die Auswirkungen fürstlicher Jagden auf die Bauern

Schlechte Relation aus der Bittschrift der Oberjägermeisterei

»Da das Wild nicht lesen und schreiben könnte: so sei es die Pflicht der Jägermeisterei, die es könnte, für dasselbe zu schreiben und nach Gewissen einzuberichten, daß alles flachsenfingische Wild unter dem Drucke des Bauers schmachte, sowohl Rot- als Schwarzwildpret. Einem Oberförster blute das Herz, wenn er nachts draußen stehe und sehe, wie das Landvolk aus unglaublicher Mißgunst gegen das Hirschvieh die ganze Nacht in der größten Kälte neben den Feldern Lärm und Feuer machte, pfiffe, sänge, schösse, damit das arme Wild nichts fräße. Solchen harten Herzen sei es nicht gegeben, zu bedenken, daß, wenn man um ihre Kartoffeltische (wie sie um ihre Kartoffelfelder) eben solche Schützen und Pfeifer lagerte, die ihnen jede Kartoffel vom Munde wegschössen, daß sie dann mager werden müßten. Daher sei eben das Wild so hager, weil es sich erst langsam daran gewöhne, wie Regimentpferde den Hafer von einer gerührten Trommel zu fressen. Die Hirsche müßten oft meilenweit gehen – wie einer, der in Paris sein Frühstück aus Aubergen zusammenhole –, um in ein Krautfeld, das keine solche Küstenbewahrer und Widerparte des Wilds umstellen, endlich einzulaufen und sich da recht satt zu fressen.

Die Hundjungen sagten daher mit Recht, sie zerträten in einer Parforcejagd[1] mehr Getreide, als das Wild die ganze Woche abzufressen bekomme. – Dieses und nichts anders seien die Gründe, welche die Oberjägermeisterei bewogen hätten, bei Sr. Durchlaucht mit der untertänigen Bitte einzukommen, Daß Ew. den Landleuten auflegen möchten, nachts in ihren warmen Betten zu bleiben, wie tausend gute Christen tun und das Wild selber am Tage. Dadurch würde – getrauete sich die Obristjägermeisterei zu versprechen – den Landleuten und Hirschen zugleich unter die Arme gegriffen – letzte könnten alsdann ruhig, wie Tagvieh, die Felder abweiden und würden doch dem Landmann die Nachlese, indem sie mit der Vorlese zufrieden wären, lassen. – Das Landvolk wäre von den Krankheiten, die aus den Nachtwachen kämen, von Erkältungen und Ermüdungen glücklicherweise befreiet. Der größte Vorteil aber wäre der, daß, da bisher Bauern über die Jagdfronen murrten (und nicht ganz mit Unrecht), weil sie darüber die Zeit der Ernte versäumten, daß alsdann die Hirsche an ihrer Statt die Ernte in der Nacht übernähmen, wie sich in der Schweiz die Jünglinge für die Mädchen, die sie liebten, nachts dem Getreide-Schneiden unterzögen, damit diese, wenn sie am Morgen zur Arbeit kommen, keine finden – und so würden die Jagdfronen in den Ernten niemand mehr stören als höchstens das – Wild etc.«


Jean Paul: Hesperus, 2. Heftlein, 18. Hundsposttag

Geständnis gegenseitiger Liebe

Unter dem Morgentor des Himmels stand der Mond, der den Leichenschleier aus Gewölk abgehoben hatte von der Milchstraße und von dem ganzen blauen Abgrund. Er trug allmählich einen Grund von Silber auf und zeichnete mit Schatten und Blitzen ein rückendes Nachtstück hinein. Sein Licht schien der Frost in Körper zu verdichten, in weiße Auen, in taumelnde Ströme, in schwebende Flocken, es hing blitzend als weißes Blütenlaub [955] an den Gebüschen, es glimmte die östlichen Berge hinauf, die die Sonne in Eisspiegel gegossen hatte. – Und alles über dem Menschen und um den Menschen war erhaben-still – der Schlaf spielte mit dem Tod – jedes Herz ruhte in seiner eignen Nacht. – [...]

Ja, dann brach sein überfülltes Herz entzwei. – Dann quollen alle mit alten Tränen vollgegossenen Tiefen seiner Seele auf und hoben aus den Wurzeln sein schwimmendes Herz, und er sank vor Klotilden nieder, glänzend in himmlischer Liebe und rinnendem Schmerz – von der Tugend überflammt – vom Mondenlicht verklärt – mit der treuen erliegenden Brust, mit den überhüllten Augen, und die zerrinnende Stimme konnte nur die Worte sagen: »Engel des Himmels! endlich bricht vor dir das [957] Herz, das dich unaussprechlich liebt – o ich habe ja lange geschwiegen. – Nein, du edle Gestalt weichest nie aus meiner Seele. – O Seele vom Himmel, warum haben deine Leiden und deine Güte und alles, was du bist, mir eine ewige Liebe gegeben, und keine Hoffnung und einen ewigen Schmerz?« – Von ihm weggebogen lag ihr erschrocknes Angesicht in ihrer rechten Hand, und die linke deckte nur die Augen, aber nicht die Tränen zu. Ein sterbender Laut flehete ihn an, aufzustehen. Man hörte den zweiten Schlitten von ferne. – »Unvergeßliche! ich martere Sie, aber ich bleibe, bis Sie mir ein Zeichen der Vergebung geben.« – Sie reichte ihm die linke Hand hinaus, und ein heiliges Angesicht voll Rührung wurde aufgedeckt. Er preßte die warme Hand an sein flammendes Angesicht, in seine heißen Tränengüsse. Er fragte zitternd wieder: »O mein Fehler wird immer größer, werden Sie ihn denn ganz verzeihen?«...

Da verhüllte sie das errötende Angesicht in den verdoppelten Schleier und stammelte abgewandt: »Ach dann muß ich ihn teilen, edler Freund meines Lehrers.« – –

Seliger, seliger Mensch! nach diesem Wort bietet dir das ganze Erdenleben keinen größern Himmel an! Ruhe nun in stillem Entzücken mit dem überwältigten Angesicht auf der Engelhand, in die das edelste Herz das für die Tugend wallende Blut ausgießet! Weine alle deine Freudentränen auf die gute Hand, die dir sie gegeben hat! Und dann: wenn du es vermagst vor Entzücken oder vor Ehrfurcht, denn hebe dein reines glänzendes Auge auf und zeig ihr darin den Blick der erhabnen Liebe, den Blick der ewigen Liebe und der stummen und der seligen und der unaussprechlichen! –


Jean Paul: Hesperus, 3. Heftlein, 28. Hundposttag, S.954-957

Klotildens Brief

»Würdigster Freund!

Kein Mädchen ist vielleicht so glücklich als eine Dichterin; und ich glaube, hier in diesem aufgeschmückten Tale wird man zuletzt beides. Sie sind überall glücklich, da Sie sogar an einem Hofe ein Dichter sein können, wie mir Ihre schöne poetische Epistel beweiset. Aber die Phantasie malet gern aus Schminkdosen – das wahre Maienthal kann der Ihrigen nicht soviel geben, als Sie in die drei Landschaft-Blätter desselben zu legen wissen. Sooft ich und Sie einerlei durch Dichtung ersetzen müssen: so ist bloß bei Ihnen der Ersatz größer als das Opfer. Wenn ich Ihnen das Vergnügen, Herrn Emanuel zu sehen, durch Überreden hätte verschaffen können: so hätt' ichs gern getan; aber ich war zuletzt aus Gewissenhaftigkeit nicht beredt genug, um ihn zu einer Reise zu Ihnen zu bringen, die seine sieche Brust der Gefahr des Verblutens aussetzte. Sehen Sie ihn für einen Frühling an, den man alle Jahre neun Monate lang erwarten muß. Ach die Besorgnis für meinen unvergeßlichen und unersetzlichen Lehrer wirft einen Schatten über den jetzigen ganzen Frühling, wie ein Grabmal über einen Blumengarten. [...]

›nur in der kalten, nicht in der schönen Jahrzeit unsers Schicksals‹, sagten Sie einmal, ›tun die warmen Tropfen weh, die aus den Augen auf die Seele fallen, so wie man bloß im Winter die Blumen nicht warm begießen darf.‹ Und warum sollt' ich Ihrer offenherzigen Seele nicht alle Schwächen der meinigen offenbaren? Dieses Zimmer, worin meine Giulia ihr schönes Leben endigte, dieser Spiegel sogar, der mir, als ich mich vor Schmerz von ihrem Sterben wegkehrte, meine erblassende Schwester noch einmal zeigte, die Fenster, aus denen mein Auge so oft des Tages auf einen traurigen dornenvollen Rosenstrauch und auf einen ewig geschlossenen Hügel kommen muß, alles das darf ja wohl meinem Herzen einige Seufzer mehr geben, als eine Glückliche sonst haben soll. Ich weiß nicht, sagten Sie oder Emanuel es: ›Der Gedanke des Todes muß nur unser Besserungmittel, aber nicht unser Endzweck sein; wenn in das Herz wie in die Herzblätter einer Blume die Grabeserde fällt, so zerstöret sie, anstatt zu befruchten‹; aber auf mein Laub hat wohl das Schicksal und Giulia schon einige Erde geworfen. – Und ich trage sie gern, da ich seit Ihrer Freundschaft nun zu einem Herzen flüchten kann, vor dem ich meines öffnen darf, um ihm darin alle Kümmernisse, alle Seufzer, alle Zweifel, alle Fragen einer gedrückten Seele zu zeigen. O ich danke dem Allgütigen, daß er mir so viel, als er mir in meinem Lehrer zu entziehen drohet, schon voraus in seinem Freunde wiedergibt – meine Freundschaft wird unserm Emanuel nachreichen bis in die andre Welt und seinen Liebling begleiten durch diese; und sollte einmal auf uns beide der gemeinschaftliche Schlag seines Todes fallen, so würden wir unsere vereinigten Tränen geduldiger vergießen, und ich würde vielleicht sagen: ach, sein Freund hat mehr verloren als seine Freundin! Klotilde.«


Jean Paul: Hesperus, Drittes Heftlein, 31. Hundsposttag, S.989-990

Während Jean Pauls politische Aussagen heutigen Lesern noch relativ leicht zugänglich sind, entsteht bei den tränenseligen Darstellungen des Gefühlslebens der Personen leicht der Eindruck, es mit Kitsch zu tun zu haben.

Wenn man allerdings die ironische Distanz des Erzählers vom Erzählvorgang und das Spiel mit dem virtuellen Leser, will sagen den Leserinnen, beachtet, bleibt der Kunstverstand in der Komposition unverkennbar. Jean Paul arbeitet nämlich mit der Fiktion, nicht er verfasse den Text, sondern dieser werde ihm täglich durch einen Hund zugetragen. Deshalb wisse er nicht, wie der folgende Erzählverlauf sei, und habe habe keinen Einfluss auf das Erzählgeschehen. Da er aber sich selbst in den Erzähverlauf einfügt und die Handlung ständig kommentiert, durchbricht er immer wieder die - von vornherein unglaubwürdige - Fiktion.

Anmerkungen

  1. ParforcejagdWikipedia-logo.png

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