Leerstelle (Literatur)

aus ZUM-Wiki, dem Wiki für Lehr- und Lerninhalte auf ZUM.de
Wechseln zu: Navigation, Suche

Die Leerstelle ist Grundbegriff der Rezeptionsästhetik wurde vom Anglisten Wolfgang IserWikipedia-logo.png in die Literaturtheorie eingeführt. Iser knüpfte damit an das Konzept der Unbestimmtheitsstellen von Roman IngardenWikipedia-logo.png an.

Gemeint ist, was "zwischen den Zeilen" steht, also das Unausgesprochene. Aber was unausgesprochen ist, muss man sich in jedem konkreten Fall erschließen. Das bedeutet

1. dass man einen Text lesen kann, ohne die vom Autor eingebaute Leerstelle überhaupt zu bemerken,

2. dass jede Ausfüllung einer Leerstelle je nach Leser unterschiedlich ausfallen kann. (Von unausgefüllt über sehr präzis durchdacht bis zu haltlosen Spekulationen.)


Eine sehr bekannte Leerstelle steht am Schuss des Satzes "An jenem Tage lasen wir nicht weiter." in Dantes Divina Commedia. Sie ist aus dem Kontext leicht auszufüllen, doch bleibt es dem Leser überlassen, ob er in dem Vorgang eine zureichende Begründung darin sieht, dass das Liebespaar in der Hölle ist.

Wenn in Fontanes Roman Irrungen, Wirrungen das 12. Kapitel schließt "Und sie schmiegte sich an ihn und blickte mit einem Ausdrück höchsten Glückes zu ihm auf." und das 13. Kapitel beginnt "Beide waren früh auf", dann bleibt ebenfalls nur ein geringer Interpretationsspielraum. Aber Leerstellen sind nicht immer so einfach auszufüllen wie bei Auslassungen von Passagen, wo - wie auch beim bekannten Götzzitat - die literarische Konvention der Zeit die Auslassung fordert.

Noch geläufiger ist die Märchenformel "Und sie lebten glücklich und zufrieden bis ans Ende ihrer Tage". Hier liegt die Leerstelle am Schluss des Textes. Dasselbe gilt bei vielen Dramenschlüssen.

Nuvola apps edu miscellaneous.png   Unterrichtsidee

Finde heraus, zu welchen Dramen die folgenden letzten Worte gehören und fülle die jeweilige Leerstelle mit deiner Interpretation aus: "Dem Manne kann geholfen werden." "Dem Fürsten Piccolomini" "Der Lord lässt sich entschuldigen. Er ist zu Schiff nach Frankreich."[1]

Noia 64 apps kontour.png   Meinung

Leerstellen sind ein wesentliches Element dessen, was gute Literatur ausmacht und was Freude am Lesen erzeugt. Nicht alle Leerstellen freilich, sondern nur die, die nicht trivial ausgefüllt werden müssen.

Lyrik ist voll von Leerstellen. Deshalb sind Gedichtinterpretationen im Deutschunterricht so beliebt: Weil sie darin schulen, Freude an Literatur zu entwickeln. --Fontane44 (Diskussion) 14:46, 14. Nov. 2015 (CET)


Bitte ändere den Inhalt dieses Beitrags nicht. Denn er gibt eine persönliche Meinung wieder.

Anmerkungen

  1. Etwas anspruchsvoller wird die Aufgabe, wenn man Leerstellen selbst herausfinden und in darstellendem Spiel gestalten lässt, sieh: Leerstellenszenen spielen.

Linkliste