Benthams hedonistisches Kalkül

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Einführung in den Utilitarismus:   Fallbeispiel · Informationen über Jeremy Bentham · Benthams hedonistisches Kalkül · Anwendung · Kritik· Auseinandersetzung mit der Kritik

Stift.gif   Aufgabe 3: Prinzip der Nützlichkeit.


Nun werden wir sehen, was Bentham unter Nützlichkeit versteht.

  1. Lies den Text.
  2. Erläutere das Verfahren zur Feststellung der Nützlichkeit im ZUMPad.

Für eine Anzahl von Personen wird der Wert einer Freude oder eines Leids, sofern man sie im Hinblick auf jede von ihnen betrachtet, gemäß sieben Umständen größer oderkleiner sein: das sind die sechs vorigen, nämlich

a) die Intensität,
b) die Dauer,
c) die Gewissheit oder Ungewissheit,
d) die Nähe oder Ferne,
e) die Folgenträchtigkeit,
f) die Reinheit einer Freude oder eines Leids.

Hinzu kommt ein weiterer Umstand, nämlich

g) das Ausmaß, das heißt die Anzahl der Personen, auf die Freude oder Leid sich erstrecken; oder (mit anderen Worten) die davon betroffen sind.

Wenn man also die allgemeine Tendenz einer Handlung, durch die die Interessen einer Gemeinschaft betroffen sind, genau bestimmen will, verfahre man folgendermaßen. Man beginne mit einer der Personen, deren Interesse am unmittelbarsten durch eine derartige Handlung betroffen zu sein scheinen, und bestimme:

a) den Wert jeder erkennbaren Freude, die von der Handlung in erster Linie hervorgebracht zu sein scheint;
b) den Wert jeden Leids, das von ihr in erster Linie hervorgebracht zu sein scheint;
c) den Wert jeder Freude, die von ihr in zweiter Linie hervorgebracht zu sein scheint. Dies begründet die Folgenträchtigkeit der ersten Freude und die Unreinheit des ersten Leids;
d) den Wert jeden Leids, das von ihr in zweiter Linie anscheinend hervorgebracht wird. Dies begründet die Folgenträchtigkeit des ersten Leids und die Unreinheit der ersten Freude.
e) Man addiere die Werte aller Freuden auf der einen und die aller Leiden auf der anderen Seite. Wenn die Seite der Freude überwiegt, ist die Tendenz der Handlung im Hinblick auf die Interessen dieser einzelnen Person insgesamt gut; überwiegt die Seite des Leids, ist ihre Tendenz insgesamt schlecht.
f) Man bestimme die Anzahl der Personen, deren Interessen anscheinend betroffen sind, und wiederhole das oben genannte Verfahren im Hinblick auf jede von ihnen. Man addiere die Zahlen, die den Grad der guten Tendenz ausdrucken, die die Handlung hat und zwar in Bezug auf jedes Individuum, für das die Tendenz insgesamt gut ist; das gleiche tue man in Bezug auf jedes Individuum, für das die Tendenz insgesamt schlecht ist.

Man ziehe die Bilanz; befindet sich das Übergewicht auf der Seite der Freude, so ergibt sich daraus für die be-troffene Gesamtzahl oder Gemeinschaft von Individuen eine allgemein gute Tendenz der Handlung; befindet es sich auf der Seite des Leids, ergibt sich daraus für die gleiche Gemeinschaft eine allgemein schlechte Tendenz.

Es kann nicht erwartet werden, dass dieses Verfahren vor jedem moralischen Urteil und vor jeder gesetzgebenden oder richterlichen Tätigkeit streng durchgeführt werden sollte. Es mag jedoch immer im Blick sein, und je mehr sich das bei solchen Anlässen tatsächlich durchgeführte Verfahren diesem annähert, desto mehr wird sich ein solches Verfahren dem Rang eines exakten Verfahrens annähern.... Das gleiche Verfahren lässt sich ebenso auf Freude und Leid wenden, ganz gleich, in welcher Gestalt sie auftreten..."

Quelle: (gekürzt nach) Jeremy Bentham: Eine Einführung in die Prinzipien der Moral und Gesetzgebung, übers. v. Annemarie Pieper nach krit. Ausgabe v.H.L.A. Hart, hg. v.S.H.Burns, London 1970, S. 11-12.

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