Marionettentheater in Italien

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Ferdinand Gregorovius schildert in Wanderjahre in Italien eindrucksvoll die Kultur des Marionettentheaterspiels in Rom im 19. Jahrhundert.

Gegenwärtig spielen in Rom zwei Marionettentheater (Teatri delle marionette oder dei burattini), eins auf der Piazza Montanara, das andere auf der Piazza Sant'Apollinare. Jenes ist das echt volkstümliche Theater für die unterste Klasse der Bevölkerung, dieses hat schon zivilisierte Puppen, welche auch in Frack und Glacéhandschuhen spielen und ihre Vorstellung jedesmal mit einem prächtigen Ballett endigen. Die Puppen auf der Montanara dagegen sind noch nicht von der Kultur ergriffen, sondern gehen in mittelalterlichem Kostüm, und ihre Art, sich zu betragen, ist reckenhaft und von einer wilden Ungebärde. Sie tragieren fast durchgehende alte Ritterstücke, bisweilen auch Geschichten von Äneas und dem König Turnus, in der Regel aber spielen sie die mittelalterlichen Romanzen und den ganzen Ariosto von A bis Z, so daß sie die romantischen Sagen im Volk lebendig erhalten, was kein kleines Verdienst ist.

Am heutigen Tage hängt am Arco dei Saponari, wo das Marionettentheater aufgeschlagen ist, ausnahmsweise ein großes papiernes Aushängeschild, auf welchem in langen Buchstaben zu lesen ist, daß man spielen wird den Cristoforo Colombo, wie er die Indien entdeckt hat, nämlich im Jahre 1399, wie solches der Wahrheit gemäß der Zettel besagt.

Die Piazza Montanara, eher Straße als Platz zu nennen, gegen den Fuß des Tarpejischen Felsens gelegen und zwischen ihm und dem Tiber, ist einer der Sammelplätze des römischen Volkslebens, namentlich für die untersten Schichten und die vom Lande herkommenden Campagnolen. Alles sieht hier erbärmlich und unsauber aus; die Bedürfnisartikel, welche dort auf den Bänken feilgeboten werden, zeigen, daß hier für Quatrini gehandelt wird. Wer wird jene zahllosen Zigarrenstummel kaufen, welche die Jungen von den Straßen aufgelesen haben, und die nun in hölzernen Kisten zum Verkaufe ausliegen? Der arme Mann und der Arbeiter von der Campagna kauft sie für seine Pfeife oder als Kautabak. Es fehlt auch nicht der Straßenschreiber, welcher an der Ecke jenes Hauses hinter seinem Tische sitzt, Papier und Feder vor sich und das großmächtige Tintenfaß, aus welchem er mit derselben Geläufigkeit Liebesbriefe, Drohbriefe, Kontrakte, Beschwerden und Bittgesuche aufzusetzen weiß. In dieser Gegend hat also das Marionettentheater sein passendes Lokal gewählt: es findet sein Publikum an den Straßenjungen, den Bettlern, Arbeitern und Handlangern, welche abends sich am Ariosto zu ergötzen ein Recht haben.

Nun tut sich das gähnende Tor der Seifensieder auf, in welchem es dunkel und ungeheuerlich ist, und schon dringen durch diese Höhle Stimmen von lärmenden und quäkenden streitbaren Jungen, welche vor der Kasse und an der steinernen Treppe des Hauses lungern und sich drängen. Da es heute obenein Karnevalstag ist, so wird das Publikum sehr zahlreich sein. Das schmutzige alte Haus steht in einem kleinen Wolfswinkel, welchen eine Lampe erhellt, wenn der Mond nicht hineinscheint. Unten findet sich ein zimmerartiges Loch, worin die Billetts verkauft werden. Wir können dreierlei Plätze haben: im Paradiese für zwei, im Parterre für einen, und auf dem Palchettone für drei Bajocci. Da wir vermögende Leute sind, bezahlen wir den besten Platz.

Nachdem das Billett gelöst ist, gilt es, sich ins Haus zu schieben. Dies aber ist kein geringes Unternehmen, denn die enge Treppe ist von Schaulustigen, namentlich von Jungen, vollgepfropft, von denen jeder der erste sein will, und ein ohrenzerreißender Lärm wird verführt. Hundert Füße und Hände sind im Aufruhr, und keine anständige Tasche ist vor Fingerübungen sicher. Man wird durch eine enge Tür in das Haus geschoben, denn hier geht alles im Schub hinein, und ebenso werden die Zuschauer nach Beendigung des Spiels, da alles hinausstürzt, im eigentlichen Sinne des Wortes wieder an die freie Luft gesetzt. An der Türe aber steht gedankenvoll ein päpstlicher Jäger und bemüht sich um die Drangsale der Menschen, sooft es ihm einfällt. [...]

Es haben sich auch einige Damen, Wölfinnen und tarpejische Nymphen, auf dem Palchettone eingefunden; es ist Zeit zum Beginnen. Man ruft: «Anfangen! Anfangen!» Die Musik beschwichtigt. Welche Musik! In der Ecke des Palchettone sitzen eingedrückt drei Musikanten, erzdurchtönende Männer, langausatmende Tubabläser. Wenn sie nicht von den Posaunisten Jerichos abstammen, so stammen sie sicherlich von den alten pelasgischen Tyrrhenern, welche die ersten Tuben nach Italien in die Stadt Tarquinii gebracht haben. Ihre Musik ist niederreißend, wahre Ruinenmusik. Trotz des Heulens, Pfeifens, Schreiens und trotz all des schrillen Spektakels blasen die Musikanten mit unerschütterter Standhaftigkeit, und es fährt bisweilen durch das Chaos der Töne ein armstarker schrecklicher Trompetenstoß.

Nun werden die Puppen spielen, und wir können die herrlichsten Geschichten sehen, den Kaiser Karl und die Paladine, den Orlando, den Medoro, den Lancelot, den Zauberer Malagis, den Sultan Abdorrhaman, die Melisandra, den Ruggero, König Marsilio und die schöne Königin Ginevra; wir können ganze Völkerschaften von Mohren und Sarazenen und die schrecklichsten Bataillen anstaunen.

Heute spielen sie die schöne Geschichte «Angelica e Medoro» oder «Orlando furioso e li Paladini». Der Vorhang geht auf, und die Puppen erscheinen. Da kommen der tapfere Orlando und sein Schildknappe Pulcinella mit einem Schwunge gleichsam durch die Luft; jener ist vom Scheitel bis zur Sohle gepanzert, und das Schwert Durandal ist an seiner Hand befestigt. Der Pulcinella trägt die weißen Hosen, den weißen weitärmeligen Rock und die spitze weiße Kappe. Die Puppen sind zwei Fuß und darüber hoch, ihre Glieder höchst gelenk; sie leisten alle menschenmöglichen Bewegungen mit einer burlesk-komischen steifen Grandezza, wobei das Klopfen ihrer hölzernen Beine, auf welchen sie beständig balancieren, um sich aufrecht zu halten, das Aufhüpfen, Aufspringen und die puppenhafte Gebärdung zu dem Pathos der von oben her unsichtbar deklamierenden Stimmen eine ganz ergötzliche Wirkung hervorbringen.

Allmählich gewöhnt sich das Auge an die Maße dieser Gliederchen, indem es die natürlichen Verhältnisse herabstimmt, und wenn nun eine Marionette nicht gehorchen will und plötzlich eine nachhelfende Menschenhand herunterfährt, so erscheint diese dem Auge als die ungeschlachte Hand eines Riesen und als etwas Unnatürliches.

Während die Puppen spielen und in bombastischen Ritterreden einander herausfordern oder sich verliebte Herzensergießungen machen, geschieht es bisweilen, daß es einem Jungen im Parterre einfällt, mitzuspielen, und daß er ein Stück Holz auf die Bühne unter die Marionetten schleudert. Ich sah eines Abends, da man die Geschichte des bösen Ganelon gab, einen Buben diesem schändlichen Verräter ein Stück Holz nach dem Kopfe werfen, und ich glaube, er tat das aus demselben heroischen Mitgefühl, welches den edlen Ritter Don Quichotte so weit fortriß, alle Puppen eines Marionettentheaters mit seinem tapfern Degen zusammenzuhauen, weil sich seine Ehre dagegen sträubte, zu dulden, daß schändliche Verräter eine edle und tugendsame Dame auf ihr Schloß gefangenführten. Der Anteil an dem Stück zeigt sich immer auf das lebhafteste, und es fehlt nicht an kritischen und witzigen Bemerkungen, welche beweisen, daß der Zuhörer mit dem Gegenstande vertraut ist.

Den höchsten Jubel rufen immer die furiösen Szenen hervor, die sich natürlich häufen. Als Orlando über die Untreue Angelikas in Raserei gerät, schüttelt er sich mit einer so beispiellosen Wut, daß ihm Panzer, Beinschienen und Helm Stück für Stück abfallen und er wie Amadis von Gallien im Büßerhemde dasteht. Hierauf schlägt er mit dem Degen eine Hirtencapanne, zwei Bäume und einen Felsen nieder, immer brüllend: «a terra, a terra!» Dazu brüllt auch Pulcinella: «a terra, a terra!» und rüttelt aus Leibeskräften an der Capanne. In den Kampfszenen, deren soviel als möglich in jedem Stück vorkommen müssen, wird hinter den Kulissen stets die Trommel gerührt. Die kämpfenden Paladine oder Ritter und Mohren schlagen wohl drei Minuten lang mit unbeschreiblicher Tapferkeit aufeinander; die Puppen werden dabei in der Luft mit großer Geschicklichkeit gegeneinandergeschwenkt und ihre Arme an den Gelenkfäden so bewegt und gegeneinandergeschlagen, daß die Degenklingen sich beständig treffen und ein fürchterliches Getöse machen. Ich sah Orlando mit immer gleicher Tapferkeit zehn Hirten erschlagen und ungezählte Mohren niederstechen. Ist es eine Schlacht, so rennen sich die Heere stoßweise an und hauen wütend ein; der unterliegende Teil stirbt jedesmal paarweise. Denn es fallen je zwei Puppen; auf diese immer wieder zwei und so weiter, bis ein greuelvoller Leichenhaufen aufgeschichtet liegt, worauf sich dann der Paladin triumphierend oder der Pulcinella einen Witz machend hinstellt.

Der Pulcinella, welcher in einem gurgelnden Tone spricht, der zur komischen Rolle vortrefflich passend ist, liebt es, in der platten Mundart Trasteveres zu reden. Die Ausgelassenheit dieses Volkshumors ist so groß wie oftmals die Feinheit der Einfälle. Er ist ein unveräußerliches Eigentum der romanischen Völker, der Italiener und der Spanier. Er zeigt, wie im Wesen der Volkspoesie das Tragische und Komische zusammengehen. Auch der Leporello ist nichts anderes als der Pulcinella. Calderon hat die komische Volksfigur ganz vortrefflich und weit volkstümlicher aufgenommen als irgendein anderer Tragödiendichter, vor allem in seinem Faustischen Stück «Der wundertätige Magus». In unserem Puppenspiel «Faust», welches vor dem Volk leider selten geworden ist, erscheint derselbe Pulcinella wieder, wenn auch im deutschen Kittel; im Goetheschen «Faust» hat Wagner den ursprünglichen Charakter verloren und ist eine dem Volke unverständliche scholastische Figur geworden. Der Pulcinella ist eigentlich zum Mephistopheles erweitert, und namentlich ist der Teufel in der parodistischen Gartenszene ganz pulcinellenhaft. Nun besteht aber das Wesen der italienischen Figur nicht in der Ironie, sondern in der Parodie, welche hier wieder ein ganz bewußtloser Zug des ausgelassenen Humors überhaupt ist.

Die schöne Geschichte des Cristoforo Colombo spielt das Puppentheater bereits seit vierzehn Tagen unausgesetzt dreimal am Abend. Es ist ein ausgesuchtes Spektakelstück und reizt die Neugierde besonders durch die unerhörte Erscheinung der Indianer. Die Fabel ist aus allen zu einem Ritterdrama erforderlichen Bestandteilen zusammengesetzt. Diese Dinge sind: schändlicher Verrat, Liebe und Eifersucht, ritterliche Herausforderung und Kampf, und so viel Schlachterei als möglich. Der schändliche Verräter im Stück ist Roldan, die einzige geschichtliche Person neben dem Colombo in diesem trefflichen Drama. Roldan ist zu den Indianern übergegangen, man sieht ihn sogar auf einem Throne sitzen, über und über mit Federn ausstaffiert, so daß er einem Paradiesvogel ähnlich ist. Die Indianer sind ebenfalls mit prächtigen Federbüschen gekrönt und tragen mitunter Federn auch an den Beinen nach Art des Merkur. Roldan redet sie «Soldati» an. Sie sind übrigens gut einexerziert und erscheinen in der Schlacht mit Flinten und Schießgewehren. Colombo dagegen trägt einen stattlichen spanischen Rock mit einer Halskrause und ein schwarzes Barett. Man hat ihn nicht als Paladin aufgefaßt, sondern als Admiral; daher ist ihm der Degen nicht an der Hand befestigt. Er handelt gar nicht, desto mehr aber seine Ritter Pisandro, Glorimondo und Sanazaro. Vor seinen Augen fordern sich zwei edle Damen, welche nach Ariostischer Weise Panzer tragen, zum Kampf, worauf die beleidigte Martidora ihre Feindin und deren Gemahl erschlägt. Der Pulcinella ist Colombos Schildknappe. Ein Engel erscheint ihm und gibt ihm einen Ring, mit welchem er Roldan und die Indianer so verzaubert, wie Ritter Hüon den Sultan von Babylon und die Heiden mit dem Horn verzaubert hat. Die gefiederten Indianer fahren beim Anblick des Rings in die Lüfte, aber Roldan bleibt regungslos an den Boden geheftet stehen. Hierauf erscheinen zwei Rüpelgeister, welche ihn auf Befehl Pulcinellas grausam durchprügeln. Dieser Akt der Gerechtigkeit erregte ein unglaubliches Jauchzen unter dem Parterre, welches vor moralischem Wohlbehagen nicht anders schrillte als eine Wolke von Mauerschwalben; dazu wurde auf der Trommel der Gerechtigkeit gerasselt, und ein Hornbläser hauchte in erschütternden Tönen seine Seele aus. Ich sah wieder einige Jungen dem schändlichen Verräter mit Papiertüten nach dem Kopfe werfen, um ihm so die gründlichste Verachtung des Parterre kundzugeben.

Nun folgte ein Zwischenakt. Wer niemals einen solchen auf der Montanara erlebt hat, kann sich keine Vorstellung von Lärm machen. Man glaubt in der Arche Noah zu sein und alle Tiergeschlechter schreien zu hören. Es ist das nächtliche Tierleben im Urwald, wie es Humboldt beschreibt, und dieses Gezeter von 300 Jungen begleitet mit einer wahrhaft göttlichen Ruhe ein pflichtschuldiger Hornbläser. Vom Parterre kriechen nun beständig Jungen nach dem Palchettone empor, um sich dort einzuschmuggeln: sie klettern wie Marder, Wiesel und Eidechsen. Bemerkt sie der wachthabende päpstliche Jäger auf dem Palchettone, so schlägt er ihnen mit der Faust auf die Köpfe, daß sie hinunterpurzeln. Hat er sich weggedreht, so sind sie wieder oben. Kaum aber ist der Vorhang zum Zwischenakt gefallen, so kriechen einige Jungen an die Bühne und heben ihn von unten auf, um zu sehen, ob es nicht bald wieder losgeht.

Der Schluß des Cristoforo Colombo war eine der glänzendsten Schlachtszenen; denn beide Heere, Indianer wie Spanier, rückten mit Feuergewehr an, welches losgebrannt wurde. Auch eine Kanone wurde abgefeuert, worauf die Indianer alle paarweise, doch erst nach heldenmütigem Kampfe, niederfielen. Dies Schießen, Trommeln, Hornblasen, das Klappern der im Kampf zappelnden Marionetten und das gellende Kreischen des Parterre war das ausgesuchteste Schlachtgetöse, das je auf einer Bühne gehört worden ist.

In der Regel spielen die Marionettentheater dreimal des Abends. Sie beginnen mit Ave-Maria; das erste Stück ist das kürzere, dann folgt ein größeres, welches man Camerata lunga nennt. Wir wollen nicht mehr zur Camerata lunga bleiben, sondern nach dem zweiten Marionettentheater auf Piazza Sant'Apollinare gehen.

Da führt uns der Weg über den Sant'Eustachio-Markt mitten in ein unabsehbares Gewühl von Menschen und in einen Orkan von schrillenden, pfeifenden, knarrenden und schnurrenden Tönen, die das Ohr zu zerreißen drohen. Nicht wie bei uns zulande beschenkt sich hier die Welt am Christabend, sondern sinnvoller am Tage, da die drei Magier dem Christkinde die Bescherung brachten. Dieser Begebenheit zu Ehren wird mit dem 6. Januar hinter dem Pantheon jener Markt eröffnet. Mehrere Straßen hindurch gibt es nichts als Ausstellungen von Spielwaren jeder Art, welche oft auf das sinnreichste zusammengestellt sind. Es scheint davon so viel vorhanden zu sein, daß man die ganze Kinderwelt versorgen könnte. Nun wogt durch diese Straßen eine Flut von Menschen; man trommelt auf kleinen Trommeln, man bläst auf Muschelhörnern, man kreischt mit Schnarren, und besonders wird auf kleinen Pfeifen gepfiffen, welche die Form von Kinderspielzeug haben, als Pulcinelle, Springmännchen, Hündchen und Vögelchen von Ton. Buben, die als Pulcinelle herausstaffiert sind, gehen bandenweise mit solchem Gepfeife durch die Straßen. Es ist ein dämonischer Lärm. Er steckt an, alles pfeift und kreischt, und selbst mancher feingekleidete Herr widersteht nun dem Drange nicht länger und setzt auch die Pfeife an den Mund. Diese Tausende von schrillen Tönen bringen eine Wirkung hervor, welche selbst einen Philosophen närrisch machen könnte. Seltsam! Dieselbe Neigung, die den Menschen bisweilen plagt, sich in eine fremde Maske zu werfen, treibt ihn auch, seine Stimme und Sprache zu maskieren und in die wunderlichsten Laute ausbrechen zu lassen. Wie der im Zorn kreischende Mensch will er ganz und gar aus seiner Haut fahren.

Wir sind in Sant'Apollinare angelangt. Dieses zweite Marionettentheater, ehemals Teatro Fiano und in der Zeit der jüngsten römischen Republik durch die sarkastische Figur Cassandrino beliebt, welche sich jetzt in den politisch unschuldigen Pulcinella verwandelt hat, ist, wie ich schon gesagt habe, das zivilisierte Puppentheater. Die Puppen spielen hier vor einem anständigen Publikum auf einer kleinen, zierlich ausgestatteten Bühne, welche sauber gemalte Kulissen jeder Art aufzustellen vermag und mit einem vollständigen Bühnenapparat ausgerüstet ist. Der Zuschauerraum in einem kleinen Saal besteht aus dem Parterre und dem Palchettone. Für einen Sitz in jenem zahlt man drei, für den Palchettone aber fünf Bajocci. Der Preis verwehrt also der untersten Klasse den Eintritt. Man sieht die mittlere und die halbgebildete Welt, welche das Vergnügen eines Marionettenspiels nicht verschmäht. Das Proszenium hat sogar Lampen, vor denen ein kleines Orchester in den Zwischenakten spielt, und der Vorhang ist neu und elegant.

Man gibt hier wohl auch Ritterstücke, wie den bekannten Volfango fiero, aber in dem schönsten Kostüm, da die Ritter vergoldete Harnische, die Damen samtene und seidene Schleppkleider tragen; doch meist spielt man Salonstücke in Glacéhandschuhen, Konversationsdramen, Lokalpossen und Heiratsgeschichten, in denen bisweilen reiche Engländer herhalten müssen. Der Pulcinella hat dasselbe Kostüm wie sein Zwillingsbruder auf der Montanara, und ist auch seine Natur dieselbe, so hat er sich doch in höherer Gesellschaft Lebensart angeeignet. Ganz erstaunlich ist seine Gelenkigkeit, denn sitzend weiß er sogar die Beine übereinanderzuschlagen und mit den Füßen zu schlenkern wie ein Engländer. Bei Hochzeiten oder bei andern festlichen Gelegenheiten lassen sich Herren sind Damen des Stücks mit Anstand auf die Polster nieder und schauen einem Ballett zu, welches das Orchester mit Musik begleitet. Außerdem wird jedes Stück mit einem Ballett geschlossen.

Die Kunstfertigkeit und Grazie, wozu es diese Puppen gebracht haben, ist wirklich bewundernswürdig; denn nicht allein führen sie die schwierigsten Tänze ebenso feenhaft und anmutig aus als die Cerrito oder die Pepita, sondern auch der Anstand ihrer Bewegungen und die huldreichen Mienen, mit welchen sie sich verneigen und grüßend die Arme bewegen, sind hinreißend. Man vermißt hier nichts, was einem Ballett der Oper zukommt. Diese Puppen tanzen mit den ausgesuchtesten Beinschwenkungen, und bald schweben sie in lustiger Polka, bald wiegen sie sich wie Schmetterlinge, bald drehen sie sich auf der äußersten Zehenspitze, bald knien sie zur Attitüde nieder, und jedesmal endigen sie ihr Ballett mit einer großartigen malerischen Gruppe, zuweilen in bengalischem Feuer. In allem Ernst, es ist das Nonplusultra von Gelenksamkeit, wozu es Puppen gebracht haben.

Wir haben also gesehen, daß dies melancholische und düstere Rom in seiner Physiognomie auch einen kindlichen Zug zeigen kann und daß der Pulcinella auf all diesen Trümmern, Katakomben und Totenschädeln lustig sein Wesen treibt und so fröhlich ist wie das Heimchen auf dem Grase der zerstörten Kaiserpaläste und die grüngoldene Eidechse, welche an dem Grabmal der Cäcilia Metella sich emporschlängelt.


Quelle: Ferdinand Gregorovius: "Wanderjahre in Italien", S. 167ff