Methoden der Literaturwissenschaft

aus ZUM-Wiki, dem Wiki für Lehr- und Lerninhalte auf ZUM.de
Wechseln zu: Navigation, Suche
Kurzinfo
Unterrichtsmethoden
Auf dieser Seite geht es um Unterrichtsmethoden bzw. Arbeitstechniken im Unterricht.

Die Lehre von der richtigen Lektüre beschäftigt die Leser, seit es Texte gibt. Bereits in der Antike gibt es erste Modelle, die eine allegorische Deutung von Schriften vorführen.

Inhaltsverzeichnis

Mehrfacher Schriftsinn (Augustinus)

Augustinus von Hippo (354-430) postulierte den „mehrfachen Schriftsinn“ für die Auslegung der Bibel. Demnach gibt es eine „göttliche“ Bedeutung, die jenseits der buchstäblichen liegt. Im Mittelalter wird diese Technik zum Dogma des mehrfachen Schriftsinns der Bibel. Nach einem populären Modell gibt es den wörtlichen Sinn, dem der geistige Sinn gegenübersteht. Dieser lässt sich unterteilen in den allegorischen (heilsgeschichtlichen), den moralischen und den anagogischen (auf die Lehre der Kirche bezogenen).

So ist z.B. „Jerusalem“ die Hauptstadt der Juden (wörtlich), die christliche Kirche (allegorisch), die Seele des Gläubigen (moralisch) und das ewige Gottesreich (anagogisch).

Hermeneutik

Hermeneutik war zu dieser Zeit Sache der Kirchengelehrten.

Luther (1483-1546) betonte stattdessen den wörtlichen Sinn (sensus literalis) der Bibel und demokratisierte damit die Hermeneutik. Der Begriff der „Hermeneutik“ wird erst Anfang des 17. Jahrhunderts von dem Theologen Johann Conrad Dannhauer geprägt. Es kommt nun zunehmend zur Trennung der philologischen von der theologischen Hermeneutik.

Schleiermacher (1768-1834) stellt die erste Theorie des Verstehens auf. In seiner Folge entsteht die Schule der biografisch-historischen Interpretation, die versucht, die Bedeutung eines Textes von den Lebensumständen des Autors abzuleiten. Diese Schule gipfelt im Positivismus, dessen prominenter Vertreter Wilhelm Scheerer (1841-1886) ist. Der Positivismus geht davon aus, dass man mit naturwissenschaftlicher Exaktheit den Textsinn erfassen könnte, wenn man nur alle biografischen und textgenetischen Informationen besäße.

Der hermeneutische Zirkel

W. Dilthey (1833-1911) betont die Unterschiede zwischen Geistes- und Naturwissenschaft und lehnt die einfache, von außen betrachtete Kausalität für die Texthermeneutik ab. Stattdessen betont er, dass man den Text „von innen her“ verstehen müsse. Er beschreibt dies im hermeneutischen Zirkel: Wir beobachten Details am Text und schließen daraus auf das Ganze (die Bedeutung), die Bedeutung gibt den Teilen einen Sinn, die Teile dem Ganzen. In einer unendlichen Annäherung erschließt sich so der Sinn eines Textes. Dilthey betont allerdings immer noch die Bedeutung der historischen Epoche und des Erlebnisses („Erlebnislyrik bei Goethe“) des Dichters als Ausgangspunkt für den Text. (Um 1900 wurde auch die Psychoanalyse für die Literaturwissenschaft von Bedeutung.)

Das „Einfühlen“ in den Text wird im Laufe des frühen 20.Jhs immer wichtiger. Die Schule der Phänomenologie und die Schriften Martin Heideggers sind hier sehr einflussreich.

Bei H.-G. Gadamer (1960) führt dies zu einer Umdeutung und Erweiterung des hermeneutischen Zirkels. Verstehen spielt sich nun zwischen Text und Leser als gleichberechtigte Größen ab. Dabei nähern sich beide Pole im Unendlichen an. Er macht erstmals auch für den alten Entwurf des hermeneutischen Zirkels deutlich, dass jede Erkenntnis Vorwissen benötigt, in das neues Wissen eingeordnet werden kann. Verstehen ist also immer subjektiv. Dies wird auch durch die Anerkennung einer klaren Historizität des hermeneutischen Zirkels verstärkt. Während die historische Dimension bei Dilthey eine untergeordnete Rolle gespielt hat, wird sie bei Gadamer als entscheidendes Moment aufgefasst. Die Grundannahme ist, dass der Leser, je größer der zeitliche Abstand zum Entstehungszeitpunkt des Texts wird, ihn desto besser verstehen kann.

Dies ist der erste Schritt weg von der klassischen Hermeneutik. Bislang gingen sämtliche Modelle davon aus, dass es in jedem Text eine Bedeutung gibt, die von dem einen Autor des Textes hineingelegt wurde.

Einfluss des Strukturalismus

Der klassische, auf Ferdinand de Saussure zurückgehende, Strukturalismus, der sich Anfang des 20. Jahrhunderts parallel entwickelte, erklärte die Intention des Autors gewissermaßen für bedeutungslos. Alles, was zählt, ist der Text an sich. Ausgehend von der Beschreibung der Sprache als System (Grammatik) und der Beschäftigung mit den verschiedenen Sprachfunktionen (z.B. durch Jakobson) versuchte man die Besonderheit und Bedeutung eines Texts von seinem Zeichenmaterial her zu erfassen. Im Gegensatz zur Hermeneutik, die einen immanenten, vom Leser eindeutig identifizierbaren Textsinn annimmt, geht der Strukturalismus davon aus, dass der Leser während des Interpretationsvorganges diesen für sich erst kreiert. Während des Lesens nimmt er ein neues Arrangement der den Text bildenden sprachlichen Zeichen vor. Auf Grundlage seines individuellen psycho-sozialen Hintergrunds, nach R. Barthes das allgemein Intellegible, das z.B. Bildung, kulturelle Prägung, Lebenserfahrungen und Milieu umfasst, rezipiert jeder Leser einen Text anders, was folglich zu ganz unterschiedlichen Interpretationen führen kann.

Rezeptionsästhetik

Die in den 60er Jahren entstehende Rezeptionsästhetik überwand die klassische Hermeneutik und den Strukturalismus erstmals und steht damit am Anfang des sogenannten Poststrukturalismus.

Autoren wie H.R. Jauß, W. Iser und R. Barthes prägen die Theorie der Rezeptionsästhetik, die die Bedeutung des Lektüreprozesses betont. Das Kunstwerk entsteht demnach erst in der Begegnung zwischen Leser und Text. Der Autor ist damit nur der Textlieferant, der Leser ist sehr viel wichtiger. Barthes spricht vom "Tod des Autors“, den wir für die Geburt des Lesers in Kauf nehmen müssen. (Vgl. Nietzsche: "Ich fürchte, wir werden Gott nicht los, weil wir noch an die Grammatik glauben.") Es gibt nicht mehr den einen Text, die eine Bedeutung, sondern jeder Leser schafft einen neuen Text. Das Spektrum der Rezeptionsästhetik reicht vom „Lesen als gelenktes Schaffen“ (Sartre) bis zur völligen Beliebigkeit bei der Lektüre (Enzensberger).

Poststrukturalismus

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelten sich weitere Literaturtheorien, die dem Poststrukturalismus zuzuordnen sind:

Die Intertextualität bestreitet die Autonomie des einzelnen Textes. Ihre Anfänge nahm die Intertextualität in den Schriften Michail Bachtins, der die Vielstimmigkeit (Polyphonie) der Figuren in Dostoevskijs Romanen beschrieb (d.h.: viele Meinungen, die gleichberechtigt im Roman stehen). J. Kristeva übertrug dies auf Texte im allgemeinen. Demnach ist die Literatur insgesamt wie ein einziger großer Roman, in dem die einzelnen Texte als Figuren auftreten, die miteinander ins Gespräch kommen. Es ist z.B. unmöglich, ein Sonett zu verfassen, ohne damit gleichzeitig einen Kommentar z.B. zu den Sonetten Shakespeares abzugeben. Kristeva hat einen erweiterten Textbegriff, demzufolge nicht nur gedruckte Texte ein „Text“ sind, sondern im Prinzip jede kulturelle Handlung eine Stellungnahme in einem System ist.

Eine mildere Form der Intertextualität bemüht sich v.a. direkte Text-Text-Bezüge aufzudecken und für die Deutung eines Textes nutzbar zu machen (fast ein Rückfall in die Hermeneutik ...). Beispiel: Die Unterhaltung in FontanesEffi Briest“ über Heines Gedichte.

1960er- und 1970er-Jahre

In den 60ern und 70ern gab es, durch das verstärkte Interesse an der Soziologie, eine erneute Stärkung des historischen Interesses. Die „Produktionsbedingungen“, unter denen Literatur entstand, wurden untersucht. Das Interesse richtete sich auch auf „Randphänomene“. Neben Rückgriffen auf den Strukturalismus sind besonders die Diskursanalyse (Foucault), die kritische Theorie (Adorno) und der New Historicism zu erwähnen, auf die hier nicht näher eingegangen wird. Als „Ableger“ dieser Zeit ließen sich die „gender studies“ begreifen, die sich mit der Frage beschäftigen, wodurch in einer Gesellschaft Männlichkeit und Weiblichkeit definiert werden. Diese Schule geht von der Unterscheidung des „sex“ (= natürliches Geschlecht) und „gender“ (= kulturell erzeugtes Geschlecht) aus. Texte sind Teil eines Systems, das „gender“ erschafft durch Wortwahl, Themen usw.

Dekonstruktion

Die bislang radikalste Ausprägung des Poststrukturalismus ist wohl die Dekonstruktion, für die die Namen Derrida und de Man stehen. Diese Theorie geht von der generellen Sinnfreiheit der Sprache aus. Sprache ist immer vieldeutig, niemals eindeutig zu verstehen. Demnach kann auch ein Autor nichts eindeutig sagen und keine Interpretation „richtig und gültig“ sein. Die Dekonstruktion zeigt Widersprüche in Texten auf, widerlegt bekannte Textinterpretationen und entzieht sich in ihren eigenen Texten dem Verständnis, weswegen sie hier auch nur sehr oberflächlich und falsch wiedergegeben werden kann ...

Siehe auch