Neurodidaktik

aus ZUM-Wiki, dem Wiki für Lehr- und Lerninhalte auf ZUM.de
Wechseln zu: Navigation, Suche

Der Begriff der Neurodidaktik wurde 1988 von Gerhard Preiß, Prof. für Didaktik der Mathematik an der Pädagogischen Hochschule Freiburg i. Br., als neue wissenschaftliche Disziplin vorgeschlagen. Preiß war der Auffassung, dass solch eine neue Disziplin zukunfstfähig sein würde. Er selbst hat jedoch kaum etwas Substantielles zu dessen inhaltlicher Ausgestaltung beigetragen.

Inhaltsverzeichnis

Neurodidaktik und Lernen

"Die aktuelle Gehirnforschung teilt mit, was sie in der Grundlagenforschung über erfolgreiches Lernen herausgefunden hat. Der Magdeburger Gehirnforscher Henning Scheich konzentriert seinen Bericht über erfolgreiches Lernen auf folgende Punkte:
Erstens: individuelle Erfolgserlebnisse sichern Motivation und Gedächtnis, und zweitens: klare Lernherausforderungen für bewältigbare Problemstellungen verhindern Vermeidungsverhalten. [...] Erfolgreiches (schulisches) Lernen beruht für Scheich auf der richtigen Mischung von Anregungen und Anforderungen, Motivation, Erfolgserlebnissen und neuen Herausforderungen; kurz gesagt: es beruht auf Zufriedenheit aufgrund von Aufgabenbewältigung (Leistung), also auf einem emotionalen Sachverhalt.
Scheich beschließt seine Ausführungen mit einem überraschenden Satz zum Verhältnis von Gehirnforschung und Pädagogik: „Dies ist die Weisheit bestimmter Klassiker der Pädagogik und deshalb ein alter Hut. Wir wissen jetzt aber, warum sie Recht hatten.“ Nicht anders der Bremer Gehirnforscher Roth. Er betont sehr ausdrücklich, dass die aktuelle Gehirnforschung nichts vorträgt, was für den guten Pädagogen einstweilen inhaltlich neu wäre. „Der Fortschritt“, sagt Roth, „besteht vielmehr darin, zeigen zu können, warum das funktioniert, was ein guter Pädagoge tut, und das nicht, was ein schlechter tut. Nur so aber können bessere Konzepte des Lehrens und Lernens entwickelt werden, und die meisten Experten sind sich inzwischen darin einig, dass die gegenwärtigen Konzepte schlecht sind.“"

Auch als mp3 hörbar auf den Webseiten der Radioakademie des SWR2.

Institutionen und Informationen

"Weltweit stehen wir am Anfang einer Integration von Gehirn- und Bildungsforschung. Die bisherigen Ergebnisse machen jedoch die vielfältigen Bezüge zwischen Gehirnforschung einerseits und Bildung andererseits deutlich. Das Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen kann mit einem klaren Forschungsauftrag die Integration leisten. Lernprozesse lassen sich heute mit kognitiv-neurowissenschaftlichen Methoden in einer Weise untersuchen, wie es noch vor wenigen Jahren undenkbar erschien."
Universität Ulm Abteilung Psychiatrie Prof.Dr.Dr. Manfred Spitzer
"Das Gehirn ist mit Abstand unser spannendstes Organ und auch unser kompliziertestes Organ. Man sagt ja oft, das Gehirn sei das komplizierteste Stück Materie, das es im Universum überhaupt gibt." So Manfred Spitzer im Alpha-Forum."
Das komplette Gespräch (19.03.2004) können Sie im 'BR-Alpha-Forum' nachlesen."
"Wie lernt unser Gehirn? Wie funktionieren Wahrnehmung und Denken? Wie wirken Gefühle? Die aktuelle Gehirnforschung kann auf diese Fragen zum Teil verblüffende Antworten geben. Es vergeht kaum ein Monat, in dem nicht wichtige, neue Erkenntnisse zu Tage gefördert werden. Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer, Direktor der psychiatrischen Uniklinik in Ulm, erklärt in der Sendereihe "Geist & Gehirn", wie das Wunderwerk in unserem Kopf funktioniert.
Alle Folgen auch als Online-Video: Begleiten Sie Manfred Spitzer auf seiner verblüffenden und höchst unterhaltsamen Reise in die Tiefen unseres Denkapparates. Klicken Sie einfach auf die Nummer der Folge, die Sie sehen möchten..."

Neurowissenschaft und Lernen

"Der Spaß entsteht von ganz allein, wenn man etwas vom Gelernten verstanden hat.
Motiviert lernen heißt gleichzeitig auch besser lernen - das hat der Psychatrieprofesser . Manfred Spitzer vom Transferzentrum für Neurowissenschaft und Lernen in Ulm zusammen mit 30 Gehirnforschern zeigen können: Lernen und positive Emotionen sind unmittelbar verknüpft. Der Spaß entsteht, wenn man etwas vom Gelernten verstanden hat. Die Lösung, im Unterricht Druck aufzubauen oder die Schüler zu verängstigen, funktioniert nicht: Dieser negative Stress schadet nur." (3sat.online)
  • Wolf Singer (2002): Was kann ein Mensch wann lernen? Ergebnisse aus der Hirnforschung. (Theorie und Praxis der Sozialpädagogik 1: 10-14, Sammelband: 4-8) als pdf-Dokument

Kritik

Einige Grundannahmen der Neurodidaktik werden innerhalb der Pädagogik und im Rahmen interdisziplinärer Diskurse kontrovers diskutiert. Weitgehend unbestritten ist, dass die Neurowissenschaften interessante Einsichten in 'basale' Lernvorgänge auf neuronaler Ebene liefert. Strittig ist jedoch die darüber hinausgehende These, dass diese Einsichten für die Gestaltung von schulischen Lernumgebungen von praktischer Relevanz seien. Diese Kritik wird sowohl von Pädagogen und Psychologen (z.B. Becker 2005, 2006a, 2006b, Bopp 2006, Paulus 2003, Stern in DIE ZEIT vom 01.07.2004 Nr.28) vorgetragen, aber auch von namhaften Hirnforschern wie Gerhard Roth (vgl. Becker/Roth 2004).

Diese Kritik an der Neurodidaktik setzt an verschiedenen Punkten an. Pointiert zusammengefasst vertritt die Entwicklungspsychologin Elsbeth Stern (vgl. Blakemore & Frith 2006, Einleitung) folgende These: Der Versuch, mit Hilfe der Neurowissenschaften das deutsche Bildungssystem zu verbessern ist mit dem Plan vergleichbar, mittels einer neurophysiologischen Beschreibung von Hunger die Unterernährung in der Welt zu bekämpfen.

Im Einzelnen umfasst die Kritik an der praktischen Relevanz der neurowissenschaften für die Pädagogik/Didaktik folgende Kernthesen:

  • Kritiker weisen insbesondere davon hin, dass neurodidaktische Methoden oder Konzepte sich 'nicht aus den neurowissenschaftlichen Studien bzw. Forschungserkenntnissen ableiten lassen', auf die sie sich berufen; dies sei durch eine detaillierte Lektüre der entsprechenden Studien und entsprechender Berücksichtigung der pädagogischen Forschung zum Verhältnis von Theorie und Praxis leicht erkennbar. Neurwissenschaftliche, und hier insbesondere bildgebende, Methoden (fMRI; vgl. Bopp 2006) seien hinsichtlich ihrer räumlicher und zeitlicher Auflösung heute noch zu grob, untersuchten zu primitive Lernprozesse und Lerninhalte und seinen insgesamt zu artifiziell und schulfern, um konkrete Hinweise auf die Gestaltung schulischer Lernumgebungen zu erlauben (geringe externe Validität). Hier wäre die lange und methodisch ausdifferenzierte Tradition der empirischen Unterrichtsforschung (vgl. z.B. Terhart 2000) nach wie vor der angemessenere Weg, didaktische Konzepte hinsichtlich ihrer Wirksamkeit empirisch zu überprüfen.
  • Zudem seinen die bisher vorgelegten neurodidaktischen Methoden oder Konzepte im Kern nicht neu, sondern formulierten mit einer neuen Begrifflichkeit um, was seit längerem (zum Teil seit der Reformpädagogik Anfang des 20. Jahrunderts) zum Methodenrepertoire der Allgemeinen Didaktik und pädagogischen Psychologie zähle; es handele sich also weitgehend um alten Wein in neuen Schleuchen.
  • Die Hirnforschung sei, wenn überhaupt, in naher Zukunft lediglich in speziellen Bereichen der pädagogischen Diagnostik von praktischem Nutzen.
  • Der Begriff Neurodidaktik werde daher von vielen Autoren als ein Marketing-Label verwendet, um der eigene didaktische Position durch Verweis auf eine aktuell hochangesehene Naturwissenschaft mehr Aufmerksamkeit und Autorität zu verschaffen.
  • Die Pädagogik/Erziehungswissenschaft solle die Hirnforschung dennoch aus theoretischen und disziplinpolitischen Gründen aufmerksam und kritisch rezipieren, um 'feindliche Übernahmeversuche' seitens der Hirnforschung abzuwehren.

Literatur

  • Becker, N./Roth, G. (2004): Hirnforschung und Didaktik. Ein Blick auf aktuelle Rezeptionsperspektiven. In: Erwachsenenbildung, 50, H. 3, S. 106-110.
  • Becker, N. (2006a): Rezensionsaufsatz zu: Friedrich, Gerhard (2005): Allgemeine Didaktik und Neurodidaktik. Eine Untersuchung zur Bedeutung von Theorien und Konzepten des Lernens, besonders neurobiologischer, für die allgemeindidaktische Theoriebildung. Peter Lang. Frankfurt am Main. In: Zeitschrift für Pädagogische Psychologie, 20, H. 1-2/2006. S. 125-130.
  • Becker, N. (2006b): Die neurowissenschaftliche Herausforderung der Pädagogik. Bad Heilbrunn/Obb.: Verlagsbuchhandlung Julius Klinkhardt.
  • Blakemore, Sarah-Jayne & Frith, Uta (2006): Wie wir lernen. Was die Hirnforschung darüber weiß. DVA.
  • Cechura, S. (2008): "Kognitive Hirnforschung. Mythos einer naturwissenschaftlichen Theorie menschlichen Verhaltens." Hamburg 2008, Inhaltsverzeichnis, Einleitung und ein Kapitel
  • Friedrich, G. (2005): Allgemeine Didaktik und Neurodidaktik. Eine Untersuchung zur Bedeutung von Theorien und Konzepten des Lernens, besonders neurobiologischer, für die allgemeindidaktische Theoriebildung. Frankfurt am Main: Peter Lang.
  • Herrmann, U. (Hrsg.) (2006): Neurodidaktik - Grundlagen und Vorschläge für gehirngerechtes Lehren und Lernen. Weinheim und Basel: Beltz Verlag, S. 215 - 228.
  • Spitzer, M. (2003a): Lernen. Gehirnforschung und die Schule des Lebens. Korr. Nachdr. Heidelberg, Berlin: Spektrum, Akad. Verl.
  • Spitzer, M. (2005): Vorsicht Bildschirm! Elektronische Medien, Gehirnentwicklung, Gesundheit und Gesellschaft. Stuttgart, Düsseldorf Leipzig: Ernst Klett Verlag.
  • Terhart, E. (2000): Lehr-Lern-Methoden. 3. Aufl.. Weinheim: Juventa.
  • Treml, A. K. (2006): Muss Erziehung neu erfunden werden?, Vierteljahrsschrift für wissenschaftliche Pädagogik, Heft 3, 2006, S. 388ff.

Linkliste

  • Becker, N. (2006): Pädagogik und Hirnforschung - eine vorläufige Bilanzierung der Diskussion. Deutsches Jugendinstitut (10/2006). Thema des Monats: Veränderung und Kontinuität im Lebenslauf. Blick von Außen I. [4]
  • Bopp, M. (2006): Rezension von »Manfred Spitzer: Vorsicht Bildschirm! Elektronische Medien, Gehirnentwicklung, Gesundheit und Gesellschaft. Stuttgart, Düsseldorf Leipzig: Ernst Klett Verlag 2005«. In: Erziehungswissenschaftliche Revue 5, 2006. Julius Klinkhardt Verlag. [5]
  • DIE ZEIT. (25. Sept. 2003, Nr. 40, Friedrich, G.) Im Land der märchenhaften Zahlen. Die Neurodidaktik wird die Pädagogik nicht umwälzen – dennoch kann sie vieles leisten. http://www.zeit.de/2003/40/Neurodidaktik4
  • DIE ZEIT (01.07.2004 Nr.28): Wer macht die Schule klug? Die Hirnforschung, sagt der Neurowissenschaftler Manfred Spitzer. Die Lernforscherin Elsbeth Stern widerspricht: Deutschlands Lehrer brauchen besseres Handwerkszeug für den Unterricht 6
  • Paulus, J. (2003): Lernrezepte aus dem Hirnlabor. Mithilfe der Neurobiologie wollen Wissenschaftler die Pädagogik revolutionieren. Die Beweise für ihre Thesen sind dürftig. DIE ZEIT 11.09.2003 Nr.38 [7]
  • Spitzer, M. (2003b): Medizin für die Pädagogik. Warum wir es uns gar nicht leisten können, das Lernen nicht wissenschaftlich zu untersuchen. Eine Antwort auf Jochen Paulus’ Angriff gegen die „Neurodidaktik“. DIE ZEIT 18.09.2003 Nr.39 [8]
  • Schramm, M. (2005): Gehirnforscher Gerhard Roth - unzurechnungsfähig?
  • Zilles, Karl (2004): Hirnforschung widerlegt nicht Freiheit

Siehe auch