Norway.today

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Kurzinfo
Sek II
Dieser Artikel befasst sich mit
Kinder- und Jugendtheater.

Inhaltsverzeichnis

Igor Baursima

norway.today (2000)

in Igor Bursima: norway.today, 3 Theaterstücke, Fischer Taschenbuch Verlag Frankfurt 2003 ISBN 3-596-16144-4

Thematik/Struktur

1. Thematik: Internet - Suizid - Liebe - Naturerleben - Virtuelle vs. reale Welt

2. Struktur: Ein Zwei-Personen-Stück in fünf Akten mit eineinhalb Spielorten (Chatroom und Norwegen) und einer Zeitspanne von einem Tag - also fast klassisch.

Inhalt

  • Es beginnt in einem Chatroom: Das Mädchen kündigt ihren Selbstmord an und wartet auf Antwort. Es antwortet August, beide tasten im Dialog ihre Motivation ab (August: "mein scheißfuckingtodernst") und vereinbaren den gemeinsamen Selbstmord:
  • Szenenwechsel / Ortswechsel: Schnee, Kälte, der "Rand der Welt", Ankunft mit dem Taxi an der großen Kante mit dem 600 Meter Gefälle. Sie stellen fest, dass sie sich nicht gut genug kennen, um gemeinsam zu sterben: Er ist ein depressiver Typ, sie behauptet ein glücklicher Menschentyp zu sein. Sie streiten sich, weil sie ihn verdächtigt, es nicht wirklich zu wollen.
  • Szenenwechsel, Perspektivwechsel, der Zuschauer sieht die Wand vor sich und die beiden über sich: August will sich noch ein bisschen Zeit lassen, über Nacht, Julie versucht ihn mit sich zu reißen, sie kämpfen am Abgrund, Julie fällt und hält sich verzweifelt am Rand fest. August lässt sie hängen und zappeln und schreien, bis er sie dann doch hochzieht. Sie werfen sich gegenseitig vor, sich umbringen zu wollen. Es wird dunkel, sie bauen das Zelt auf.
  • Szenenwechsel, Nacht, vor und in dem Zelt: Es gibt Polarlichter, die beide völlig verzaubern, weil sie so etwas noch nie gesehen haben. Julie hat eine Kamera und filmt es; dabei filmen sie sich gegenseitig, wie sie sich ihre Sympathie gestehen. Sie begeben sich ins Zelt und schmusen, so gut es in der Kälte geht. Jetzt teilt sich die Szene in einen besprochenen Liebesakt vor dem Zelt und einem Liebesakt im Zelt, dieser aber als Film: Die Bühne teilt sich in zwei Wirklichkeiten, die erdachte Liebe in Worten und die visualisierte auf der Leinwand.
  • Szenenwechsel, Morgen, Juli in einem Kleid: Sie wollen ihren Abschied inszenieren und versuchen die letzten Abschiedsworte in die Kamera zu sprechen; aber es gelingt nicht, sie sind nicht zufrieden mit ihrem letzten Auftritt oder der Begründung für ihre Tat. Sie gelangen jedoch auf diesem Weg zu einer unausgesprochenen Erkenntnis, dass sie nämlich in diesen Stunden etwas Entscheidendes erlebt haben: Liebe, Natur, Beziehung ... Sie werfen die Kassetten in den Abgrund und verlassen den Ort.

Kurzcharakteristik

Die Sprache des Stückes biedert sich dem Jugendjargon nicht an, sondern enthält poetische und intellektuell anmutende Passagen. Natürlich kommen auch four-letter-words vor, besonders häufig aber ist das Wort „fake“- als Gegensatz zu „real“. Das Wort ‚fake‘ oder sogar ‚superfake‘ bezeichnet programmatisch alles, was die Jugendlich vom Leben abhält, nichts ist für sie ‚real‘ im Sinne von intensiv, authentisch, welthaltig. Die bisherige Welt Protagonisten ist geprägt durch die virtuellen Medien: Internet, Film, Musik, Video - eine aus der Wirklichkeit abgeleitete zweite Wirklichkeit.

Das Stück arbeitet sehr bedeutungsvoll mit symbolischen Ebenen: Die erste ist schon einmal die Namesgebung (die Protagonisten heißen Julie und August, die Handlung aber spielt dagegen im kältesten Norden in Eis und Schnee).

Der Chatroom wird quasi als Vakuum, Dunkelkammer oder als leerer Raum gestaltet, in dem sich Stimmen finden und abtasten.

Norwegen ist wiederum Natur pur: Kälte, Schnee, weite Aussicht und vor allem Polarlicht, ein Naturereignis.

Die Protagonisten versuchen diese Realität in ihre virtuelle Welt zu zwingen, indem sie mit der Videokamera festzuhalten versuchen, was passiert: Die Polarlichter, ihre letzten Worte, ihre Liebe.

Dieser Versuch erweist sich schließlich als unbefriedigend: Die Abschiedsvorstellung misslingt, der große Abgang lässt sich nicht inszenieren, weil letzten Endes die Gründe für den Selbstmord fehlen und weil sich etwas ganz Reales, noch nie Dagewesenes ereignet hat: Naturerfahrung und Liebe.

Darum auch werden die Datenträger, die Videokassetten, die Symbole der zweiten, virtuellen Realität, stellvertretend umgebracht, die jungen Leute werfen nicht ihr Leben weg, sondern die Datenträger, denen sie sich bisher unterworfen haben.

Schulische Eignung

Noia 64 apps kontour.png   Meinung

Es ist ein faszinierendes Theaterstück und soll zu den meistgespielten Jugendtheaterstücken zählen. Aber für Klassenstufe 8-10 halte ich es nicht für geeignet, da die Absicht zum Selbstmord nicht ausreichend motiviert ist, z.B. Scheidung der Eltern, Verlusterfahrung, Versagensangst, Mobbing, Identitätskrise, Probleme mit Sexualität und Beziehungen, Liebeskummer, Pubertätskrise. Es ergeben sich daraus keine Ansätze zum Gespräch über das Warum und Wozu, und dann auch keine schlüssigen Anlässe zum Perspektivwechsel: Ratsuchender und Ratgeber. Stattdessen:

  • In einer höheren Klassenstufe behandeln z.B. 11-13 (vgl. den Artikel in PRAXIS DEUTSCH 181 plus Szenenausschnitte auf DVD)
  • Nimm zwei statt eins! Lesen im Vergleich mit Hesses 'Unterm Rad', Goethes 'Werther', Kynasts 'Alles Bolero', Lenz' 'Arnes Nachlass', Nilsson 'So lonely'.
  • Schreiben statt sprechen! Spielen statt schreiben!

--Klaus Dautel


Bitte ändere den Inhalt dieses Beitrags nicht. Denn er gibt eine persönliche Meinung wieder.

Fachdidaktik

  • Heike Wehren-Zessin: If you are thinking about suicide ... , PRAXIS DEUTSCH 181, September 2003: Zeitgenössische Theaterstücke S. 51-55
"Baursimas Stück um die krisenhafte Befindlichkeit Heranwachsender wird durch Methoden der szenischen Interpretation sowie durch Vergleiche mit authentischem Material und einer Tatort-Folge erarbeitet und diskutiert." (S.51) - Für Klassenstufe 11-13
  • Rainer Gerdzen: Literatur und Quantenphysik. Gedankenexperimente zu "norway.today". DeutschMagazin (Oldenbourg) 3/2008 S. 47 - 52 (ab Klasse 11)

Suizid und Prävention

→ Suizid
  • www.youth-life-line.de - Suizidprävention im Internet, betrieben von Jugendlichen aus Tübingen und Reutlingen (Ba-Wü), betreut von Psychologen und Pädagogen und dem örtlichen 'Arbeitkreis Leben'
  • Gunther Klosinski: Wenn Kinder Hand an sich leben, Selbstzerstörerisches Verhalten bei Kindern und Jugendlichen, Beck'sche Reihe 1999 ISBN 3406420834

Siehe auch

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