Lernförderliche Überarbeitungsmethode zum Thema Bildergeschichten

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Inhaltsverzeichnis

Projekttitel

Das Projekt „Lernförderliche Überarbeitungsmethode zum Thema Bildergeschichte“ ist im Rahmen eines Seminars an der Universität Siegen entstanden. Es wurde untersucht, ob ein gezielt formulierter Lehrerkommentar und ein dazugehöriger Überarbeitungsbogen von den Schülern und Schülerinnen einer 5. Klasse angenommen werden, sodass diese Art der Rückmeldung zu einer, im Gegensatz zur Erstfassung, verbesserten Endfassung der Bildergeschichte führt.

Rahmenbedingungen

Schulform

Gesamtschule

Klassenstufe

5. Klasse

Zeitlicher Rahmen

zwei 60-minütige Schulstunden

Informationen zum Projekt

Das Projekt wurde in eine Unterrichtssequenz eingebettet, die das Thema „Bildergeschichten schreiben“ behandelte und mit einer Klassenarbeit zur selbigen Thematik abschließen sollte. Vorausgesetzt werden konnte das Wissen über den Aufbau einer Erzählung (Einleitungssatz, Hauptteil, Schluss) und über den Aufbau einer Spannungskurve. Eine ganze Erzählung zum Thema Bildergeschichten wurde zu einem früheren Zeitpunkt von den Kindern noch nicht verfasst.

Ausformulierte Schreibaufgabe

Welche Geschichte erzählst du?

a) Schaue dir die Bilder genau an und bringe sie in eine sinnvolle Reihenfolge.

b) Schreibe dann für deine Klassenkameraden eine spannende Geschichte zu den Bildern.

Deine Erzählung wird später Teil eines Spiels, bei dem deine Klassenkameraden anhand deiner Erzählung die Bildergeschichte nachlegen können.

Grad der Profilierung

Schreibaufgaben stellen für viele Schüler und Schülerinnen ein Problem dar. Daher sollten diese so gestellt werden, dass sie einen, für die Schüler und Schülerinnen erkennbaren, authentischen Sinn bekommen und zum Lösen eines Problems herausfordern. Um dies gewährleisten zu können, müssen bestimmte didaktische Bedingungen erfüllt werden. Dazu gehört eine erkennbare Funktion der Aufgabe. Um Entscheidungen bezüglich der Form des Textes, des Inhalts und der sprachlichen Mittel treffen zu können, muss den Schreibenden zum einen das Ziel des Textproduktes und dessen Adressaten bekannt sein.

Daneben hat die Lehrperson dafür zu sorgen, dass den Schülern und Schülerinnen das neben dem für die Aufgabe erforderlichen Weltwissen (u.a. Textsortenwissen) auch notwendiges Sprachwissen (z.B. Formulierungstipps) bereitgestellt wird.

Wie bereits angedeutet spielt der Kontext, in den die Aufgabe eingebettet wird, eine besondere Rolle. Die Gelegenheit zur sozialen Interaktion während des Schreibprozesses kann das Problem der Zerdehunung der Sprechsituation erleichtern.

Da durch diese Zerdehnung auch keine unmittelbare Reaktion des Zuhörers mehr aufgenommen kann, stellt das Feedback durch die Mitschüler, die Lehrperson o.ä. eine letzte wichtige Bedingung dar.

(Vgl. Bachmann/Becker-Mrotzek [2010], 194-195)

Funktion

Die für die Schüler und Schülerinnen erkennbare Funktion der Schreibaufgabe besteht darin, dass die einzelnen Bildergeschichten in einem Hefter gesammelt werden und anhand dieser Geschichten die Reihenfolge der unsortierten Bilder nachgelegt werden sollte. Dementsprechend konnten die Mitschüler als Adressaten für die Texte identifiziert werden. Diese Funktion konnte nur teilweise erfüllt werden, da dieses Bildergeschichten-Spiel den Fünftklässlern als zu banal erschien. Dennoch stellte sich im Verlauf der ersten Unterrichtsstunde heraus, dass das Vorlesen des eigenen Textes vor der Klasse oder zumindest dem Tischnachbarn eine weitere Funktion der gestellten Aufgabe darstellte. Die Begeisterung der Schüler und Schülerinnen ihr Textprodukt kundzutun konnte kaum gestillt werden.

Wissen (Weltwissen & Sprachwissen)

Die Bildergeschichte hat sich in der Sekundarstufe I etabliert. Sie bietet einen guten Anlass zum Erzählen. Die Aufgabe des Betrachters besteht darin, die Bilder hinsichtlich der Mimik, Gestik und der meist enthaltenen Pointe zu erschließen.

Wie bereits erwähnt (s.o.) wurde das Wissen über den Aufbau einer Erzählung und von Spannung innerhalb einer Erzählung vorausgesetzt. Weiteres Wissen wurde für die Erstfassung der Bildergeschichte nicht bereitgestellt, da das erste freie Schreiben einer Erzählung u.a. zur Lernstandserfassung unberührt bleiben sollte.

Spezielles Textsortenwissen („Merkmale einer guten Bildergeschichte“) wurden nach dem Schreiben der ersten Bildergeschichte mit den Schülern und Schülerinnen im Unterrichtsgespräch gemeinsam erörtert und festgehalten. Sprachwissen wurde in diesem Projekt in Form von Formulierungstipps und gelenkten Fragen im Überarbeitsbogen zur Erstfassung bereitgestellt. „Merkmale einer guten Bildergeschichte“:

  • Überschrift
  • Zeitform
  • Gliederung
  • Spannungsaufbau
  • Roter Faden (Kohärenz)
  • Wörtliche Rede
  • Interessante sprachliche Gestaltung (keine Wdh./ viele Adjektive)

(weitere Informationen zur Textsorte: Bildergeschichten)

Interaktion

Soziale Interaktion zwischen den Schülerinnen und Schülern wurde in Form einer Feedback Phase durch den Sitznachbarn arrangiert. Nachdem die Erstfassung formuliert wurde, sollte die Kohärenz des eigenen Textes dadurch überprüft werden, dass der Partner (im besten Fall jemand, der eine andere Geschichte ausgewählt hat) anhand der Geschichte die einzelnen Bilder in die richtige Reihenfolge bringt.

Wirkung

Als letztes Merkmal eines guten Schreibarrangements ist die Wirkung zu nennen, die meistens in direktem Zusammenhang mit der sozialen Interaktion steht.

Wie bereits angemerkt konnten die Schreibenden eine erste Rückmeldung durch den eigenen Sitznachbarn erfahren. Desweiteren wurde einigen Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit gegeben in der Schlussphase der ersten Unterrichtsstunde ihre Erstfassung im Plenum vorzutragen. Diese Phase war vor allem geprägt durch das qualitativ hochwertige Feedback der Klassenkameraden, die nicht nur Positives hervorhoben, sondern Negatives in konstruktiver Weise mitteilten.

Jeder Schüler und jede Schülerin bekam zudem eine persönliche Rückmeldung durch die Studentinnen in Form eines Überarbeitungsbogens und eines Lehrerkommentars.

Geplante Unterrichtsstunden

1. Stunde

Drei mögliche Bildergeschichten werden in verkehrter Reihenfolge an der Tafel befestigt, sodass die Schülerinnen und Schüler einen kurzen Moment Zeit haben, sich zu entscheiden, welche Geschichte sie gerne bearbeiten möchten. Die Geschichten haben unterschiedliche Anforderungsniveaus, die den Lernenden jedoch nicht mitgeteilt werden. Es wird sich darauf verlassen, dass sich die meisten eine Geschichte, die den jeweiligen Möglichkeiten entspricht, aussuchen.

Sobald jeder eine Bildergeschichte vorliegen hat, wird die Schreibaufgabe bearbeitet. Dafür bekommen die Schülerinnen und Schüler ca. 30 Minuten Zeit. Im Anschluss daran folgt die bereits beschriebene Phase der Überprüfung der Kohärenz des eigenen Schreibproduktes durch den Nachbarn. Die Schülerinnen und Schüler bekommen außerdem die Anweisung darauf zu achten, was ihnen besonders gut an der Geschichte des Sitznachbarn gefällt.

In einigen Fällen können Partnerwechsel organisiert werden, wenn beide Partner die gleiche Geschichte bearbeiten oder ein Paar besonders schnell ist. In der Schlussphase der ersten Unterrichtsstunde sollten die Merkmale einer guten Bildergeschichte noch einmal erarbeitet werden (s.o.) und zwar anhand einiger Geschichten, die auf freiwilliger Basis vorgetragen werden.


Überarbeitungsbogen und Lehrerkommentar

Zwischen den beiden Schulstunden ist es die Aufgabe der Lehrperson, die Erstfassungen zu sichten, einen Überarbeitungsbogen zu erstellen, diesen für jedes Kind einzeln auszufüllen und einen entsprechenden Lehrerkommentar zu verfassen. Der Überarbeitungsbogen sollte die wichtigsten Merkmale einer Bildergeschichte enthalten und so gestaltet werden, dass die Schülerinnen und Schüler daran ablesen können, welche Punkte in ihrer Geschichte sehr gut und welche noch verbesserungswürdig sind. Der Lehrerkommentar ist am besten so aufzubauen, dass die Schreibenden zum einen Wertschätzung für ihr bisheriges Produkt erfahren, zum anderen aber motiviert werden, es zu überarbeiten.


2. Stunde

Die zweite Stunde beginnt mit einer zehnminütigen Betrachtung des persönlichen Überarbeitungsbogens und des Lehrerkommentars. Die Schülerinnen und Schüler werden angehalten noch nicht mit der Überarbeitung zu beginnen, sondern sich ggf. Notizen zu machen.

Im Anschluss daran soll die Erstfassung überarbeitet werden.

Gerne können die Schreibprodukte am Ende vorgetragen werden. Wenn der Lehrperson alle Endfassungen vorliegen, kann diese das Bildergeschichten-Spiel vorbereiten und der Klasse zur Unterhaltung bereitstellen.

Materialien

Arbeitsblätter für die SchülerInnen

Aufgabenblatt
Überarbeitungsbogen

Sonstige Materialien

  • Jede Bildergeschichte einmal als Großdruck für die Tafel
  • Magnete

Reflexion der Durchführung

Die Unterrichtsstunden konnten alles in allem wie geplant durchgeführt werden.

Im Nachhinein musste jedoch festgestellt werden, dass einige Punkte besser hätten geplant werden können, wenn die Klasse den Studentinnen bekannt gewesen wäre. In diesem Fall wäre es sicherlich von Vorteil gewesen die Aufgabe binnendifferenzierter zu gestalten, da sich in der Klasse vier inklusive Kinder befanden, von denen zwei den Förderschwerpunkt Sprache hatten. Es wurden zwar Bildergeschichten mit unterschiedlichen Schwierigkeitsstufen vorgegeben, jedoch konnte die Lernenden sich in vielen Fällen keine ihren Möglichkeiten entsprechende Geschichte aussuchen.

Während des Schreibprozesses bzw. nach dem Vorlesen einiger Texte konnte eine weitere Schwierigkeit der vorgegebenen Funktion des Schreibarrangements festgestellt werden. Einige Fünftklässler hielten sich penibel an die vorgegeben Bilder, während andere ihrer Fantasie freien Lauf ließen. In den letzteren Fällen konnte nicht mehr unbedingt davon ausgegangen werden, dass die Bilder der Geschichte korrekt zugeordnet werden würden. Dementsprechend waren einige Schülerinnen und Schüler gezwungen ihren kreativen Schreibprozess mit Blick auf das Bildergeschichten-Spiel zu zügeln. Hierfür muss in jedem Fall eine Lösung gefunden werden.

Als besonders konzentrationsfördernd hat sich die Phase des gegenseitigen Vorlesens erwiesen. Im Anschluss daran, waren alle wieder hoch motiviert.

Eine weitere Schwierigkeit, die behoben werden kann, wenn man eine Klasse über einen längeren Zeitraum unterrichtet, zeigte sich zu Beginn der zweiten Stunde. Die Schülerinnen und Schüler sollten sich den Überarbeitungsbogen und den Lehrerkommentar zunächst zehn Minuten lang ansehen, ohne dabei bereits mit der Korrektur ihrer Erstfassung zu beginnen. Die Kinder konnten mit dieser Überarbeitungsmethode zunächst nicht viel anfangen. Sie überflogen den Bogen und erkundigten sich höchstens danach, welche Note ihr Text bekommen hätte. Erst als es schließlich hieß, dass die Überarbeitung nun gestartet werden kann, fingen die Schülerinnen und Schüler an sich für den Bogen und den Kommentar zu interessieren und damit zu arbeiten. Es konnte jedoch festgestellt werden, dass die Lernenden diese Art der Rückmeldung an sich gerne und gut annahmen, sodass ein mehrmaliges Anwenden dieser Methode über längere Zeit sicher erfolgreich sein kann.

Vier Schülerinnen und Schüler, die in der ersten Unterrichtsstunde krank waren, bearbeiteten in der zweiten die Bildergeschichte und bekamen im Nachhinein einen ausgefüllten Überarbeitungsbogen von den Studentinnen, konnten jedoch keine Überarbeitung selbst mehr vornehmen.

Ergebnisse

Entstandene Schülertexte

Unter den folgenden Links kann eine Auswahl entstandener Schülertexte eingesehen werden. Links (gelb hinterlegt) ist jeweils die Texterstfassung zu sehen, rechts (grün hinterlegt) die entsprechende Textendfassung. Rot markiert werden alle Überarbeitungen, die im Rahmen des Schreibprozesses entstanden sind.

Bewertungsverfahren für die Schülertexte

Überarbeitungsbogen Kind 1
Überarbeitungsbogen Kind 2
Überarbeitungsbogen Kind 3
Überarbeitungsbogen Kind 4

Bewertung von Schülertexten anhand von ausgewählten Beispielen

Im Folgenden wird der Überarbeitungsprozess von Schüler/in 1 beispielhaft genauer untersucht.

Betrachtet man die Endfassung der vorliegenden Geschichte, so wird schnell deutlich, dass sich das Kind bemüht hat alle Kritikpunkte, die aus Überarbeitungsbogen und Lehrerkommentar hervorgehen, zu verbessern. Kritisiert wurden die fehlende wörtliche Rede und eine zu ungenaue Beschreibung der Orte, Gegenstände und Personen, die in der Geschichte vorkommen. Außerdem wurde vorgeschlagen, dass die schreibende Person genauer auf die Gefühle der Handelnden eingehen könnte.

Auf den ersten Blick wurden in der Endfassung hauptsächlich Additionen vorgenommen. Dabei wurden nicht nur Adjektive und nähere Beschreibungen (z.B. rießen [sic!] großer Storch; an den schönen Fluss) sondern vor allem eine Unterhaltung zwischen Storch und Frosch hinzugefügt. Im Schlussteil der Erzählung geht das Schulkind auch auf die Gefühle ein, die Frosch und Storch in und nach der Streitsituation haben (z.B. …der Frosch war sooo sauer das [sic!] er weg hüpfte./ Freddy war sehr traurig…). Diese Additionen können als geglückt betrachtet werden.

Durch das Umstellen eines Satzes, in dem in der zweiten Version genauer beschrieben wird, wo sich die Krone befindet (nämlich auf dem Kopf eines Frosches), kommt es zur Deletation eines Adjektivs (dicken schleimigen Frosch → Der Frosch war schleimig.). Diese Streichung ist schade, aber nicht als missglückt zu betrachten.

Interessanter sind Ersetzungen (Substitutionen), die den Handlungsverlauf der zweiten Version der Geschichte gegenüber der ersten verändern. Die Information aus der Erstfassung, dass der Storch den Frosch fressen möchte, dieser jedoch weg hüpft und der Storch nur noch dessen Krone zufassen bekommt, wird ersetzt. In der Endfassung geht aus keinem Satz hervor, dass der Frosch gefressen werden soll. Vielmehr entsteht ein Streit um die Krone des Frosches, die der Storch für sich beanspruchen möchte. Mit dieser Veränderung geht einher, dass der Frosch in der zweiten Version aus purem Ärger verschwindet, während er in der ersten Erzählung aus Angst wegspringt. Auch das Ende der Geschichte wird anders konzipiert. In der ersten Version findet der Storch, dessen Schnabel durch die Krone gefesselt ist, den Weg nach Hause. Da er den Frosch nicht aufhalten konnte und nur dessen Krone erwischt, ist der Storch in der Endfassung noch den ganzen Tag mit dieser unterwegs und fliegt nicht direkt nach Hause.

Diese Substitutionen sind der schreibenden Person geglückt, da die Handlung so für den Leser interessanter wird und genauer nachzuvollziehen ist. Die vorgegebenen Bilder bieten viel Freiraum für Eigeninterpretationen, sodass diese Änderung des Handlungsverlaufes auch aus dieser Sicht möglich war.

Gesamtes Fazit des durchgeführten Schreibarrangements

Über das gesamte Projekt lässt sich sagen, dass die Schreibarrangements von den Schülern und Schülerinnen sehr gut angenommen wurden.

Zeitweise sind Schwierigkeiten aufgekommen, da solche Überarbeitungsmethoden der Klasse bisher unbekannt waren. Eine Überarbeitung des eigenen Textprodukts auf der Grundlage eines Überarbeitungsbogens und eines Lehrerkommentars hat in allen Fällen zu einer verbesserten Endfassung geführt. Die Schüler und Schülerinnen haben vorzugsweise Änderungen an ihrem Einleitungssatz, der wörtliche Rede und der genauere Beschreibung der Orte und Charaktere vorgenommen.

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Benutzer:AnneUniSiegen