Spießerkritik und Literatur

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Kurzinfo
Unterrichtsideen
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Inhaltsverzeichnis

Denkanstöße: Warum eigentlich nicht?

1. "Wenn ich groß bin, will ich auch mal Spießer werden.“

Quelle: LBS Spießer, Art: Heike Schugens Text: Anke Heuser, Agentur: BBDO Düsseldorf Regie: Martin Schmid

2. Bemerkenswert ist auch der Titel des hundertausendfach in Schulen kostenlos ausgelegten Jugend-Magazins „Spiesser“, die Weiterentwicklung einer 1994 in Dresden gegründeten Schülerzeitung. In der Wikipedia steht dazu:

„Spiesser – die Jugendzeitschrift (Eigenschreibweise in Großbuchstaben) ist ein werbefinanziertes Magazin für Jugendliche und junge Erwachsene. Es wird in Deutschland in einer Auflage von 400.000 Exemplaren kostenlos ausgelegt. Die Zeitschrift wird herausgegeben von der Spiesser GmbH mit Sitz in Dresden. Das Unternehmen betreibt ebenfalls eine Onlineausgabe „Spiesser.de“, außerdem ist es als Werbeagentur tätig.“ (Wikipedia.de Stand: 26.2.2015)

3. In einer Arte.tv-Sendung charakterisiert Journalist Hajo Kruse den deutschen Spießer als Kleinbürger auf Urlaub: Der typische Tourist.

„Der Spießbürger hat nie über die Mauern seiner kleinen Stadt hinausgeschaut, er ist borniert und lehnt Fortschritt und Moderne ab. Der heutige deutsche Spiesser ist dem französischen Beauf in der Tat sehr ähnlich, er ist aber anders gekleidet: Im Sommer trägt er enge Shorts, die seinen Bierbauch hervorheben, einen kleinen Hut oder eine Schirmmütze, sowie Sandalen mit Söckchen. Diese Markenzeichen bewahrt er selbstverständlich beim Urlaub im Ausland, den er gerne in Gesellschaft von seinen Artgenossen verbringt.“
(das portrait: der spießer, 17.8.2008)

4. Harry Luck, Glücksbuch-Autor: "Spießer sind die glücklicheren Menschen"

"Statt Latte Macchiato, Designer-T-Shirts und Individualreisen lieber Filterkaffee, Kurzarm-Hemden und Pauschalurlaub - noch spießiger geht's kaum noch. Aber warum eigentlich nicht? ARD.de hat mit dem Autor des Buches "Wie spießig ist das denn", Harry Luck, darüber gesprochen, warum "kluge und sympathische Spießer" seiner Meinung nach die glücklicheren Menschen sind." [...]
"Unter "spießig" verstehe ich nicht kleinkariert, borniert und engstirnig, sondern eher ein gepflegtes Uncoolsein. Wer in diesem Sinne spießig ist, widersetzt sich den Marschbefehlen der Trendsetter und tut nicht Dinge nur deshalb, weil sie gerade angesagt sind. Der kluge, sympathische Spießer verhält sich so, wie es gut für ihn ist, ohne dass er anderen damit schadet: Er trinkt alkoholfreies Bier und schaut ARD und ZDF, er bestellt Filterkaffee statt Latte Macchiato und trägt im Sommer luftige Kurzarmhemden, obwohl die Modepäpste das streng verbieten. Wenn man erkennt, dass man sich nicht immer daran orientieren muss "was die Leute sagen", wirkt das unheimlich befreiend und macht insofern auch glücklich." (ARD Themenwoche "Zum Glück" - 16. bis 22. November 2013)

5. Der Wutbürger - der Spießer von heute?

"Bestseller-Autor Gerhard Matzig bringt die Wutbürger gegen sich auf – weil er sie irgendwo zwischen Wellness, Wahnsinn und Wohlleben verortet. [...]
"Welt am Sonntag : Aber ein Merkmal der Wutbürger ist ihre totale Humorfreiheit und jede Form von Selbstironie. Kommt der alte, deutsche Spießer im Wutbürger zu sich?
Matzig : Interessante These. Da viele von den Ws ihre heutige Karriere sehr viel früher als 68er begonnen haben, als sie gegen das deutsche Spießertum der Nachkriegsära zu Felde zogen, müsste man in diesem Fall sagen: Sie haben die Seiten gewechselt. Beziehungsweise: Sie stellen sich als die Spießer heraus, vor denen sie einmal gewarnt haben."
(Die Welt, 16.10.2011)

6. Ist PEGIDA ein anderes Wort für Spießertum? Man google einmal die beiden Begriffe zusammen, hier eine kleine Trefferauswahl:

7. Und schließlich: Teste Dein Spießigkeits-Potenzial auf der Web-Seite von "GLAMOUR": "Spießbürger-Alarm: Zehn Zeichen, dass Sie langsam. aber sicher spießig werden." Kostprobe:

  1. "Spießer-Merkmal Nummer 1: Es macht Ihnen nichts aus, wenn sich ein Gespräch eine Stunde um die Frage dreht, warum es im Ausland so selten "gutes Brot" gibt.
  2. Spießer-Merkmal Nummer 2: Sie schlagen auf der Mieterversammlung Ihres Hauses vor, Altglas künftig getrennt nach Hellgrünglas und Dunkelgrünglas zu sammeln."
  3. Spießer-Merkmal Nummer 3: Sie essen Hähnchen und Burger mit Besteck.
  4. Spießer-Merkmal Nummer 4: ..."


Worum geht es im Folgenden?

  1. Wären wir nicht gerne ganz normal und ein wenig spießig? Das ist die Frage.
  2. Darum werden zunächst einige Begriffe geklärt: Spießer, Spießbürger und Philister
  3. In einem weiteren Schritt tauchen wir in das Selbstverständnis der deutschen Romantik (und Vor-Romantik) ein: Der Bürger ist der Spießer, der Künstler das Genie.
  4. Dazu wird der Genie-Begriff beleuchtet und zur Debatte gestellt: Damals und heute.
  5. Dann geht es um den Kleinbürger, wie er im 20. Jahrhundert in der Gesellschaft (und der Literatur) auftaucht.
  6. Schließlich: Wie sieht der Spießer des 21. Jahrhunderts aus?

Das Ziel ist es, sich über das angemessene Verhältnis von Angepasstheit und Außenseitertum Gedanken zu machen.

Zu einigen Texten gibt es Aufgabenstellungen und Arbeitsaufträge.

Spießer damals

Begriffsklärungen

Philister

Das Wort Philister (von hebräisch: פְּלִשְׁתִּי pelischtim) bezeichnet:
• ein Volk, das um 1175 v. Chr. in der palästinischen Küstenlandschaft ansässig wurde und der Region Palästina den Namen gab, siehe Philister
• eine Person, die Kunst und Literatur gegenüber nicht aufgeschlossen ist, siehe Philister (Ästhetik)
• einen kleinbürgerlichen Menschen, siehe Spießbürger
• die im Berufsleben stehenden „Alten Herren“ einer Verbindung, siehe Alter Herr (Studentenverbindung)
"Der Ausdruck Philister bezeichnet abwertend jemanden, der Kunst (zumeist Avantgarde-Kunst) und damit zusammenhängende ästhetische oder geistige Werte nicht schätzt oder verachtet, dabei aber unkritisch vorgefertigte, oft als bürgerlich bzw. spießbürgerlich bezeichnete Vorstellungen übernimmt und anwendet.
Angeblich tauchte der Begriff in dieser Bedeutung erstmals in Jena im späten 16. Jahrhundert auf. In Universitätsstädten bezeichnete er einen nicht studierenden Bürger, der zu den Studenten in einem ähnlich spannungsgeladenen Verhältnis lebte wie in der Bibel die Philister mit den Hebräern; siehe auch Philister (Studentenverbindung). Aus diesem Kontext heraus definiert Schopenhauer einen Philister als Menschen ohne geistige Bedürfnisse.
Als Begriff der Auseinandersetzung um Kunst und Literatur ging er seit der Romantik über den studentischen Kontext hinaus und wurde u. a. von Brentano, Heine und Novalis verwendet. Romantische Autoren beriefen sich auf ihr unabhängiges Genie; im Philister fanden sie einen Begriff, der ihre konservativen Gegner im Kulturbetrieb bezeichnen sollte. Der Spott über den Philister war so verbreitet, dass man von einer eigenen Textgattung sprechen kann, der Philistersatire."
(Quelle: Wikipedia: Philister (Ästhetik), 27.2.2015)

Spießbürger

Spießer steht für:

• eine Kurzform des Schmähbegriffs Spießbürger aus dem Mittelalter
• einen Soldaten, der mit einem Spieß kämpft, der Pikenier
• einen jungen Hirsch oder Rehbock, dessen Geweihstangen noch nicht verzweigt sind
• Spiesser (Zeitschrift), eine Jugendzeitschrift

Entstehung des Begriffs „Spießbürger“

"Die Bezeichnung geht auf die im Mittelalter in der Stadt wohnenden Bürger zurück, die ihre Heimatstadt mit dem Spieß als Waffe verteidigten. Spießbürger unterschieden sich von den in der Vorstadt wohnenden Pfahlbürgern, gehörten jedoch innerhalb der Stadtgesellschaft zu den eher ärmeren Bürgern, da sie bei den städtischen Fußtruppen Dienst taten, während wohlhabendere Bürger hierfür Söldner bezahlen konnten. Der Spieß als Waffe war relativ günstig herzustellen und zugleich gegen die adligen Ritterheere des Hoch- und Spätmittelalters effizient einzusetzen (siehe Pikeniere). Er verhalf Bürgern und Bauern in den Bauern- und Hussitenkriegen zu hohen Siegen in den Schlachten gegen die adlige Kavallerie. Die Bezeichnung „Spießbürger“ war früher durchaus positiv konnotiert, da der Dienst zur Verteidigung der Heimatstadt als Ehre angesehen wurde.
Offenbar sank dann das Ansehen des „Spießbürgers“ und seiner Bezeichnung ab, „vielleicht weil man zu den Spießbürgern nur die ärmsten und untauglichsten wählete, dagegen die reichern bessern zu Pferde dieneten“. „Jetzt gebraucht man es nur im verächtlichen Verstande von einem jeden geringen Bürger“ (Wörterbuch Adelungs, 1811). Studenten, die noch lange vor allem aus adeligem oder reichem Bürgerhaus kamen, verwendeten den Begriff schließlich in ihrer Studentensprache. „Spießbürger“ wurde so – ähnlich dem Ausdruck „Philister“ – eine gängige Bezeichnung, die Höhergestellte gegenüber kleinbürgerlichen und aus ihrer Sicht engstirnigen Menschen gebrauchten.“
Quelle: Wikipedia: Spießbürger, 27.2.12015
Das Zitat von Johann Adelung stammt aus lexika.digitale-sammlungen.de

Vorromantische Spießer-Kritik: 18. Jh

Der vernünftige, disziplinierte, kühl rechnende und jeglicher Fantasie misstrauende Bürger taucht schon vor der Romantik auf, z.B. in jener vorromantischen, von einigen Intellektuellen getragenen Jungmänner-Bewegung, welche Sturm und Drang genannt wird. Deren bester Vertreter ist und bleibt:

J.W. (noch nicht 'von') Goethe

Aus dem Briefroman "Die Leiden des jungen Werthers“ (1774): Der vernünftige Albert (1. Buch) und der pedantische Gesandte (2. Buch)

1. Buch, Brief Am 12. August

"Gewiß, Albert ist der beste Mensch unter dem Himmel. Ich habe gestern eine wunderbare Szene mit ihm gehabt. Ich kam zu ihm, um Abschied von ihm zu nehmen; denn mich wandelte die Lust an, ins Gebirge zu reiten, von woher ich dir auch jetzt schreibe, und wie ich in der Stube auf und ab gehe, fallen mir seine Pistolen in die Augen. – »Borge mir die Pistolen«, sagte ich, »zu meiner Reise«. – »Meinetwegen«, sagte er, »wenn du dir die Mühe nehmen willst, sie zu laden; bei mir hängen sie nur pro forma«. – Ich nahm eine herunter, und er fuhr fort: »seit mir meine Vorsicht einen so unartigen Streich gespielt hat, mag ich mit dem Zeuge nichts mehr zu tun haben«. – Ich war neugierig, die Geschichte zu wissen. – »Ich hielt mich«, erzählte er, »wohl ein Vierteljahr auf dem Lande bei einem Freunde auf, hatte ein paar Terzerolen ungeladen und schlief ruhig. Einmal an einem regnichten Nachmittage, da ich müßig sitze, weiß ich nicht, wie mir einfällt: wir könnten überfallen werden, wir könnten die Terzerolen nötig haben und könnten – du weißt ja, wie das ist. – ich gab sie dem Bedienten, sie zu putzen und zu laden; und der dahlt mit den Mädchen, will sie schrecken, und Gott weiß wie, das Gewehr geht los, da der Ladstock noch drin steckt, und schießt den Ladstock einem Mädchen zur Maus herein an der rechten Hand und zerschlägt ihr den Daumen. Da hatte ich das Lamentieren, und die Kur zu bezahlen obendrein, [...]«.
Und bei diesem Anlaß kam er sehr tief in Text: ich hörte endlich gar nicht weiter auf ihn, verfiel in Grillen, und mit einer auffahrenden Gebärde drückte ich mir die Mündung der Pistole übers rechte Aug' an die Stirn. – »Pfui!« sagte Albert, indem er mir die Pistole herabzog, »was soll das?« – »Sie ist nicht geladen«, sagte ich. – »Und auch so, was soll's?« versetzte er ungeduldig. »Ich kann mir nicht vorstellen, wie ein Mensch so töricht sein kann, sich zu erschießen; der bloße Gedanke erregt mir Widerwillen«.
»Daß ihr Menschen«, rief ich aus, »um von einer Sache zu reden, gleich sprechen müßt: ›das ist töricht, das ist klug, das ist gut, das ist bös!‹ und was will das alles heißen? Habt ihr deswegen die innern Verhältnisse einer Handlung erforscht? Wißt ihr mit Bestimmtheit die Ursachen zu entwickeln, warum sie geschah, warum sie geschehen mußte? Hättet ihr das, ihr würdet nicht so eilfertig mit euren Urteilen sein«. »Du wirst mir zugeben«, sagte Albert, »daß gewisse Handlungen lasterhaft bleiben, sie mögen geschehen, aus welchem Beweggrunde sie wollen«. Ich zuckte die Achseln und gab's ihm zu. – »Doch, mein Lieber«, fuhr ich fort, »finden sich auch hier einige Ausnahmen. Es ist wahr, der Diebstahl ist ein Laster: aber der Mensch, der, um sich und die Seinigen vom gegenwärtigen Hungertode zu erretten, auf Raub ausgeht, verdient der Mitleiden oder Strafe? Wer hebt den ersten Stein auf gegen den Ehemann, der im gerechten Zorne sein untreues Weib und ihren nichtswürdigen Verführer aufopfert? Gegen das Mädchen, das in einer wonnevollen Stunde sich in den unaufhaltsamen Freuden der Liebe verliert? Unsere Gesetze selbst, diese kaltblütigen Pedanten, lassen sich rühren und halten ihre Strafe zurück«.
»Das ist ganz was anders«, versetzte Albert, »weil ein Mensch, den seine Leidenschaften hinreißen, alle Besinnungskraft verliert und als ein Trunkener, als ein Wahnsinniger angesehen wird«. »Ach ihr vernünftigen Leute!« rief ich lächelnd aus."

:Quelle: Projekt Gutenberg

Stift.gif   Aufgabe

Unterstreiche und recherchiere:

  1. Was ist Albert für ein Typ?
  2. Was ist Werther für einer?
  3. Die Perspektive ist nicht neutral: Woran erkennt der Leser dies?
  4. Worum geht es - außer um Pistolen?

2. Buch: Am 24. Dezember 1771

"Der Gesandte macht mir viel Verdruß, ich habe es vorausgesehn. Er ist der pünktlichste Narr, den es nur geben kann; Schritt vor Schritt und umständlich wie eine Base; ein Mensch, der nie mit sich selbst zufrieden ist, und dem es daher niemand zu Danke machen kann. Ich arbeite gern leicht weg, und wie es steht, so steht es; da ist er imstande, mir einen Aufsatz zurückzugeben und zu sagen: »er ist gut, aber sehen Sie ihn durch, man findet immer ein besseres Wort, eine reinere Partikel«. – Da möchte ich des Teufels werden. Kein Und, kein Bindewörtchen darf außenbleiben, und von allen Inversionen, die mir manchmal entfahren, ist er ein Todfeind; wenn man seinen Period nicht nach der hergebrachten Melodie heraborgelt, so versteht er gar nichts drin. Das ist ein Leiden, mit so einem Menschen zu tun zu haben.
Das Vertrauen des Grafen von C... ist noch das einzige, was mich schadlos hält. Er sagte mir letzthin ganz aufrichtig, wie unzufrieden er mit der Langsamkeit und Bedenklichkeit meines Gesandten sei«. Die Leute erschweren es sich und andern. Doch«, sagte er, »man muß sich darein resignieren wie ein Reisender, der über einen Berg muß; freilich, wäre der Berg nicht da, so wär der Weg viel bequemer und kürzer; er ist nun aber da, und man soll hinüber!«
Mein Alter spürt auch wohl den Vorzug, den mit der Graf vor ihm gibt, und das ärgert ihn, und er ergreift jede Gelegenheit, Übels gegen mich vom Grafen zu reden, ich halte, wie natürlich, Widerpart, und dadurch wird die Sache nur schlimmer. Gestern gar brachte er mich auf, denn ich war mit gemeint: zu so Weltgeschäften sei der Graf ganz gut, er habe viele Leichtigkeit zu arbeiten und führe eine gute Feder, doch an gründlicher Gelehrsamkeit mangle es ihm wie allen Belletristen. Dazu machte er eine Miene, als ob er sagen wollte: »fühlst du den Stich?« aber es tat bei mir nicht die Wirkung; ich verachtete den Menschen, der so denken und sich so betragen konnte. Ich hielt ihm stand und focht mit ziemlicher Heftigkeit. Ich sagte, der Graf sei ein Mann, vor dem man Achtung haben müsse, wegen seines Charakters sowohl als wegen seiner Kenntnisse«. Ich habe«, sagt' ich, »niemand gekannt, dem es so geglückt wäre, seinen Geist zu erweitern, ihn über unzählige Gegenstände zu verbreiten und doch diese Tätigkeit fürs gemeine Leben zu behalten«. – das waren dem Gehirne spanische Dörfer, und ich empfahl mich, um nicht über ein weiteres Deraisonnement noch mehr Galle zu schlucken.
Und daran seid ihr alle schuld, die ihr mich in das Joch geschwatzt und mir so viel von Aktivität vorgesungen habt. Aktivität! Wenn nicht der mehr tut, der Kartoffeln legt und in die Stadt reitet, sein Korn zu verkaufen, als ich, so will ich zehn Jahre noch mich auf der Galeere abarbeiten, auf der ich nun angeschmiedet bin."

:Quelle: Projekt Gutenberg

Stift.gif   Aufgabe

Unterstreiche und recherchiere:

  1. Was bedeutet "Joch", was ist eine "Galeere"?
  2. Welchen Galeerendienst leistet Werther seiner Meinung nach?
  3. Könnte man die Perspektive nicht auch umkehren: Was der Gesandte von seinem Sekretär hält?
  4. Verfasse einen Brief des Gesandten an den Grafen. Überlege, wodurch er veranlasst sein könnte?


Aus dem Drama "Faust. Der Tragödie erster Teil": Einige „Bürger“ auf Osterspaziergang in der Szene "Vor dem Tor":

Andrer Bürger:
Nichts Bessers weiß ich mir an Sonn- und Feiertagen
Als ein Gespräch von Krieg und Kriegsgeschrei,
Wenn hinten, weit, in der Türkei,
Die Völker aufeinander schlagen.
Man steht am Fenster, trinkt sein Gläschen aus
Und sieht den Fluß hinab die bunten Schiffe gleiten;
Dann kehrt man abends froh nach Haus,
Und segnet Fried und Friedenszeiten.

Dritter Bürger:
Herr Nachbar, ja! so laß ich's auch geschehn:
Sie mögen sich die Köpfe spalten,
Mag alles durcheinander gehn;
Doch nur zu Hause bleib's beim alten.

Stift.gif   Aufgabe
  1. Was charakterisiert die Tätigkeit des Spazierengehens?
  2. Worüber könnten diese Spaziergänger sich noch unterhalten?
  3. Verfasst einen solchen (ungereimten) Dialog.

Die ROMANTIKER und die Spießer: 19. Jh

Für viele Autoren der Romantik ist der Spießer der anti-künstlerische Typ schlechthin, der fantasielose Alltagsmensch. Er heißt aber nicht Spießer, sondern Philister.

Clemens Brentano

Bei den Romantikern wird die Kritik des bürgerlichen Kleingeistes, des Normalbürgers, der im Alltagsleben aufgeht, zur Säule der Selbstdefinition als frei denkende Intellektuelle. Dabei schaut nicht der Wohlhabende mit aristokratischem Naserümpfen auf den in seiner Kleinwelt verfangenen Kleinbürger herab (siehe: Spießbürger), sondern eher der sich in sozial prekären Lebensverhältnissen befindende Künstler auf den erfolgreicheren und wohlsituierten Bürger.

„Phillister leben nur ein Alltagsleben.“

DER PHILISTER von CLEMENS BRENTANO (* 1778)

[…] Wenn der Philister morgens aus seinem traumlosen Schlafe wie ein ertrunkener Leichnam aus dem Wasser herauftaucht, so probiert er sachte mit seinen Gliedmaßen herum, ob sie auch noch alle zugegen; hierauf bleibt er ruhig liegen, und dem anpochenden Bringer des Morgenblattes ruft er zu, er solle es in der Küche abgeben, denn er liege jetzt im ersten Schweiße und könne, ohne ein Wagehals zu sein, nicht aufstehen; sodann denkt er daran, der Welt nützlich zu sein, und weil er fest überzeugt ist, daß der nüchterne Speichel etwas sehr Heilkräftiges sei, so bestreicht er sich die Augen damit, oder der Frau Philisterin, oder seinen kleinen Philistern, oder seinem wachsamen Hund. Seine weiße, baumwollene Schlafmütze, zu welchen diese Ungeheuer große Liebe tragen, sitzt unverrückt, denn ein Philister rührt sich nicht im Schlaf. Wenn er aufgestanden, geht es an ein gewaltiges Zungenschaben und Ohrenbohren, an ein Räuspern und Spucken, entsetzliches Gurgeln und irgendeine absonderliche Art sich zu waschen, nach einer fixen Idee, kalt oder warm sei gesund; sodann kaut er einige Wacholderbeeren, während er an das gelbe Fieber denkt; oder er hält seinen Kindern eine Abhandlung vom Gebet und sagt, wenn er sie zur Schule geschickt, zu seiner Frau: „Man muß den äußern Schein beobachten, das erhält einem den Kredit." Sodann raucht er Tabak, wozu er die höchste Leidenschaft hat, oder welches er übertrieben affektiert haßt. Zweifelsohne zieht der Philister nun auch alle Uhren des Hauses auf und schreibt das Datum mit Kreide über die Türe; trinkt er Kaffee, so würde es ihn schr kränken, wenn seine Frau ihm nicht ein halbdutzendmal sagte: „Trinke doch, er ist so schön warm; trink doch, eh er kalt wird“-- usw.; wenn er ihm aber nicht warm gebracht wurde, wehe dann der armen Frau! Seine Kaffeekanne ist von Steingut, und ist er ein langsamer Trinker, so hat sie ein ordentliches Kaffeemäntelchen um, wie ein anderer Philister auch, denen diese braunen Kannen überhaupt sehr ähnlich sehen. Doch ich will ihn seinen Tageslauf ad libitum führen lassen und der Philister Eigenschaften und Meinungen gedrängt anführen.
Sie nennen die Natur was in ihren Gesichtskreis oder vielmehr in ihr Gesichtsviereck fällt, denn sie begreifen nur viereckige Sachen, alles andere ist widernatürlich und Schwärmerei. …

Clemens Brentano: Der Philister, vor, in und nach der Geschichte. Gehalten als Tischrede im März 1811 in der „Christlich-Theutschen Tischgesellschaft“ in Berlin. In: C.B.,Werke, Hrsg. v. Wolfgang Frühwald u. Friedhelm Kemp, Bd. 2, München 1980 , S. 1209

Dazu noch mehr bei Günter de Bruyn: Die Zeit der schweren Not. Schicksale aus dem Kulturleben Berlins 1807 bis 1815, Fischer Verlag 2010 S. 233 ff

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Diskutiert:

Was stört Clemens Brentano eigentlich an diesem Typus?
Ist er vielleicht auch ein wenig neidisch?

Joseph Freiherr von Eichendorff

Der Isegrimm

Aktenstöße nachts verschlingen,
Schwatzen nach der Welt Gebrauch
Und das große Tretrad schwingen
Wie ein Ochs, das kann ich auch.

Aber glauben, daß der Plunder
Eben nicht der Plunder wär,
Sondern ein hochwichtig Wunder,
Das gelang mir nimmermehr.

Aber Andre überwitzen,
Daß ich mit dem Federkiel
Könnt’ den morschen Weltbau stützen,
Schien mir immer Narrenspiel.

Und so, weil ich in dem Drehen
Dasteh’ oft wie ein Pasquill,
Läßt die Welt mich eben stehen –
Mag sie’s halten, wie sie will!

1837

(Quelle: Wikisource: Der Isegrimm)

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Arbeitsauftrag:

1. Klärt zunächst die Wörter: Isegrimm, Tretrad, überwitzen, Federkiel, Pasquill (Wörterbuch)
2. Recherchiert dann im Internet
  • welche Tätigkeit, welchen Beruf J.v.Eichendorff in diesen Jahren ausübte?
  • aus welchem sozialen Stand J.v.Eichendorff kommt
3. Formuliert die Aussage des Gedichtes in eigenen Worten (Schreiben)

Aus dem Leben eines Taugenichts (1826)

Der Taugenichts verlässt die väterliche Mühle und wird durch einen glücklichen Zufall Gärtnerbursche (Erstes Kapitel):
"Darauf kamen mehrere Bedienten die Treppe herauf und herunter gerennt, die sagten gar nichts, sondern sahen mich nur von oben bis unten an. Sodann kam eine Kammerjungfer (wie ich nachher hörte) grade auf mich los und sagte: ich wäre ein scharmanter Junge, und die gnädige Herrschaft ließe mich fragen, ob ich hier als Gärtnerbursche dienen wollte? – Ich griff nach der Weste; meine paar Groschen, weiß Gott, sie müssen beim herum tanzen auf dem Wagen aus der Tasche gesprungen seyn, waren weg, ich hatte nichts als mein Geigenspiel, für das mir überdies auch der Herr mit dem Stabe, wie er mir im Vorbeigehn sagte, nicht einen Heller geben wollte. Ich sagte daher in meiner Herzensangst zu der Kammerjungfer: Ja, noch immer die Augen von der Seite auf die unheimliche Gestalt gerichtet, die immerfort wie der Perpendickel einer Thurmuhr in der Halle auf und ab wandelte, und eben wieder majestätisch und schauerlich aus dem Hintergrunde heraufgezogen kam. Zuletzt kam endlich der Gärtner, brummte was von Gesindel und Bauerlümmel unterm Bart, und führte mich nach dem Garten, während er mir unterwegs noch eine lange Predigt hielt: wie ich nur fein nüchtern und arbeitsam seyn, nicht in der Welt herumvagieren, keine brodtlosen Künste und unnützes Zeug treiben solle, da könnt ich es mit der Zeit auch einmal zu was Rechtem bringen. – Es waren noch mehr sehr hübsche, gutgesetzte, nützliche Lehren, ich habe nur seitdem fast alles wieder vergessen. Ueberhaupt weiß ich eigentlich gar nicht recht, wie doch alles so gekommen war, ich sagte nur immerfort zu allem: Ja, – denn mir war wie einem Vogel, dem die Flügel begossen worden sind. – So war ich denn, Gott sey Dank, im Brodte. –
In dem Garten war schön leben, ich hatte täglich mein warmes Essen vollauf, und mehr Geld als ich zu Weine brauchte, nur hatte ich leider ziemlich viel zu thun. Auch die Tempel, Lauben und schönen grünen Gänge, das gefiel mir alles recht gut, wenn ich nur hätte ruhig drinn herumspazieren können und vernünftig diskuriren, wie die Herren und Damen, die alle Tage dahin kamen. So oft der Gärtner fort und ich allein war, zog ich sogleich mein kurzes Tabackspfeifchen heraus, setzte mich hin, und sann auf schöne höfliche Redensarten, wie ich die eine junge schöne Dame, die mich in das Schloß mitbrachte, unterhalten wollte, wenn ich ein Kavalier wäre und mit ihr hier herumginge. Oder ich legte mich an schwülen Nachmittagen auf den Rücken hin, wenn alles so still war, daß man nur die Bienen sumsen hörte, und sah zu wie über mir die Wolken nach meinem Dorfe zuflogen und die Gräser und Blumen sich hin und her bewegten, und gedachte an die Dame, und da geschah es denn oft, daß die schöne Frau mit der Guitarre oder einem Buche in der Ferne wirklich durch den Garten zog, so still, groß und freundlich wie ein Engelsbild, so daß ich nicht recht wußte, ob ich träumte oder wachte."

Quelle: Wikisource

Der Taugenichts wird Zolleinnehmer (2. Kapitel)

"Und so war ich denn wirklich Zolleinnehmer, ehe ich mich’s versah.
Ich bezog nun sogleich meine neue Wohnung und war in kurzer Zeit eingerichtet. Ich hatte noch mehrere Geräthschaften gefunden, die der selige Einnehmer seinem Nachfolger hinterlassen, unter andern einen prächtigen rothen Schlafrock mit gelben Punkten, grüne Pantoffeln, eine Schlafmütze und einige Pfeifen mit langen Röhren. Das alles hatte ich mir schon einmal gewünscht als ich noch zu Hause war, wo ich immer unsern Pfarrer so kommode herumgehen sah. Den ganzen Tag, (zu thun hatte ich weiter nichts) saß ich daher auf dem Bänkchen vor meinem Hause in Schlafrock und Schlafmütze, rauchte Taback aus dem längsten Rohre, das ich nach dem seligen Einnehmer gefunden hatte, und sah zu, wie die Leute auf der Landstraße hin- und hergingen, fuhren und ritten. Ich wünschte nur immer, daß auch einmal ein paar Leute aus meinem Dorfe, die immer sagten, aus mir würde mein Lebtage nichts, hier vorüber kommen und mich so sehen möchten. – Der Schlafrock stand mir schön zu Gesichte, und überhaupt das alles behagte mir sehr gut. So saß ich denn da und dachte mir mancherlei hin und her, wie aller Anfang schwer ist, wie das vornehmere Leben doch eigentlich recht kommode sei, und faßte heimlich den Entschluß, nunmehr alles Reisen zu lassen, auch Geld zu sparen wie die andern, und es mit der Zeit gewiß zu etwas Großem in der Welt zu bringen. Inzwischen vergaß ich über meinen Entschlüssen, Sorgen und Geschäften die allerschönste Frau keineswegs.
Die Kartoffeln und anderes Gemüse, das ich in meinem kleinen Gärtchen fand, warf ich hinaus und bebaute es ganz mit den auserlesensten Blumen, worüber mich der Portier vom Schlosse mit der großen kurfürstlichen Nase, der, seitdem ich hier wohnte, oft zu mir kam und mein intimer Freund geworden war, bedenklich von der Seite ansah, und mich für einen hielt, den sein plötzliches Glück verrückt gemacht hätte. Ich aber ließ mich das nicht anfechten."

Quelle: Wikisource

Stift.gif   Aufgabe

Arbeitsauftrag:

  1. Unterstreicht diejenigen Stellen, die auf einen geschäftigen Lebensstil hinweisen
  2. Unterstreicht dann mit einer anderen Farbe, was für den Taugenichts das gute Leben ausmacht.
  3. Vergleicht eure Unterstreichungen und beurteilt die Handlungsweise des Taugenichts aus eurer Sicht.

Heinrich Heine

Die Harzreise

„Im Allgemeinen werden die Bewohner Göttingens eingetheilt in Studenten, Professoren, Philister und Vieh... Die Zahl der göttinger Philister muß sehr groß seyn, wie Sand, oder besser gesagt, wie Koth am Meer; wahrlich, wenn ich sie des Morgens, mit ihren schmutzigen Gesichtern und weißen Rechnungen, vor den Pforten des akademischen Gerichtes aufgepflanzt sah, so mochte ich kaum begreifen, wie Gott nur so viel Lumpenpack erschaffen konnte.“
Aus: Reisebilder. Erster Teil: Die Harzreise (1826), zit. nach: DHA, Bd. 6, S. 84.


Buch der Lieder

XXXVII

Carl Spitzweg Sonntagsspaziergang 1841

Philister in Sonntagsröcklein
    Spazieren durch Wald und Flur;
    Sie jauchzen, sie hüpfen wie Böcklein,
    Begrüßen die schöne Natur.

Betrachten mit blinzelnden Augen,
    Wie alles romantisch blüht;
    Mit langen Ohren saugen
    Sie ein der Spatzen Lied.

Ich aber verhänge die Fenster
    Des Zimmers mit schwarzem Tuch;
    Es machen mir meine Gespenster
    Sogar einen Tagesbesuch.

Die alte Liebe erscheinet,
    Sie stieg aus dem Totenreich,
    Sie setzt sich zu mir und weinet,
    Und macht das Herz mir weich.

aus: Buch der Lieder. Lyrisches Intermezzo (v. 1824)

Arthur Schopenhauer (1788 - 1860)

aus: Wilhem Busch: Herr und Frau Knopp, 1876
"... ein Mensch ohne geistige Bedürfnisse (...) Kein Drang nach Erkenntnis und Einsicht, um ihrer selbst willen, belebt sein Dasein, auch keiner nach eigentlich asthetischen Genüssen ... Wirkliche Genusse sind für ihn allein die sinnlichen: durch diese hält er sich schadlos. Demnach sind Austern und Champagner der Höhepunkt seines Daseins, und sich alles, was zum leiblichen Wohlsein beiträgt, zu verschaffen, ist der Zweck seines Lebens ... Und doch reicht dies alles gegen die Langeweile nicht aus ... Daher ist dem Philister ein dumpfer, trockener Ernst ... charakteristisch. Nichts freut ihn, nichts erregt ihn, nichts gewinnt ihm Anteil ab ...
Zweitens folgt, in Hinsicht auf andere, dass, da er keine geistige, sondern nur physische Bedürfnisse hat, er den suchen wird, der diese ... zu befriedigen imstande ist. (Geistige Anforderungen werden) wenn sie ihm aufstoßen, seinen Widerwillen, ja, seinen Hass erregen; weil er dabei nur ein lästiges Gefühl von Inferiorität und dazu einen dumpfen, heimlichen Neid verspürt ..."
Arthur Schopenhauer: Aphorismen zur Lebensweisheit, Kap. II: Von dem, was einer ist. Alfred Kröner Verlag Stuttgart 1974, S.43 ff oder Projekt Gutenberg

Das Gegenmodell: Der Künstler als Genie

Das Genie: Was sagen die Lexika?

Genie, Begriff der literaturtheoretischen Diskussion des 18. Jh.s zur Bezeichnung des mit überragendem schöpferischem Vermögen begabten Dichters oder Künstlers. Er ist eng mit der Periode des Sturm und Drang verbunden, die man früher auch Geniezeit nannte, und richtete sich gegen die Vorstellungen der klassizistischen Regelpoetik und ihren engen Begriff der Naturnachahmung (Mimesis); die neuen Grundbegriffe der Poetik sind Erfindung, Originalität und Natur. (...) Autoren des Sturm und Drang wie Goethe... nahmen diese Gedanken auf .... Das G. erschien ihnen als exemplarische Verwirklichung des allein aus sich schaffenden autonomen Individuums, das kraft seiner Autonomie von vornherein aller Beschränkungen durch konventionelle poetologische Regeln und Normen enthoben war.

Volker Meid: Sachwörterbuch der deutschen Literatur, Reclam Stuttgart, CD-ROM-Ausgabe 2000, S. 415

Genie (franz.), bezeichnet sowohl den höchsten Grad von schöpferischer Begabung, die wirksam ist als originale Kraft der Auffassung (Intuition), der Kombination (Phantasie), der schöperischen Gestaltung und Darstellung, als auch den mit dieser Begabung Begnadeten. In der deutschen Dichtung und Philosophie des 18. Jh bis hin zur Romantik ist das G. der überragende Ausnahmemensch. Kant nennt den genialen Menschen einen „Günstling der Natur“, G. die angeborene Gemütsanlage, durch welche die Natur nicht der Wissenschaft, sondern der (schönen) Kunst die Regel vorschreibt. (...)

Zu neuerer Zeit wurde bisweilen der Versuch unternommen, G. mit Irrsinn in Beziehung zu setzen (...), schon Platon spricht vom „göttlichen Wahnsinn“ der Dichter. Tatsächlich verfielen zahlreiche geniale Menschen dem Wahnsinn und wirklich hat der das G. zeitweilig überfallende Schaffensdrang Ähnlichkeit mit bestimmten originellen und gedanklich hochproduktiven Phasen aus den leichteren psychopathologischen Randgebieten (... Vorstadien der Schizophrenie).


Philosophisches Wörterbuch, Kröner, Stuttgart 1991, S. 240/1

Stift.gif   Aufgabe

Nenne Namen von Männern und Frauen, die nach diesen Definitionen als Genie bezeichnet werden können. Begründe deine Wahl.

Und was sagt Immanuel Kant?

Genie ist das Talent (Naturgabe), welches der Kunst die Regel gibt. Da das Talent, als angebornes produktives Vermögen des Künstlers, selbst zur Natur gehört, so könnte man sich auch so ausdrücken: Genie ist die angeborne Gemütsanlage (ingenium), durch welche die Natur der Kunst die Regel gibt.

Was es auch mit dieser Definition für eine Bewandtnis habe, und ob sie bloß willkürlich, oder dem Begriffe, welchen man mit dem Worte Genie zu verbinden gewohnt ist, angemessen sei, oder nicht (welches in dem folgenden § erörtert werden soll): so kann man doch schon zum voraus beweisen, daß, nach der hier angenommenen Bedeutung des Worts, schöne Künste notwendig als Künste des Genies betrachtet werden müssen.

Denn eine jede Kunst setzt Regeln voraus, durch deren Grundlegung allererst ein Produkt, wenn es künstlich heißen soll, als möglich vorgestellt wird. Der Begriff der schönen Kunst aber verstattet nicht, daß das Urteil über die Schönheit ihres Produkts von irgendeiner Regel abgeleitet werde, die einen Begriff zum Bestimmungsgrunde habe, mithin einen Begriff von der Art, wie es möglich sei, zum Grunde lege. Also kann die schöne Kunst sich selbst nicht die Regel ausdenken, nach der sie ihr Produkt zustande bringen soll. Da nun gleichwohl ohne vorhergehende Regel ein Produkt niemals Kunst heißen kann, so muß die Natur im Subjekte (und durch die Stimmung der Vermögen desselben) der Kunst die Regel geben, d. i. die schöne Kunst ist nur als Produkt des Genies möglich.

"Man sieht hieraus, daß Genie 1) ein Talent sei, dasjenige, wozu sich keine bestimmte Regel geben läßt, hervorzubringen: nicht Geschicklichkeitsanlage zu dem, was nach irgendeiner Regel gelernt werden kann; folglich daß Originalität seine erste Eigenschaft sein müsse. 2) Daß, da es auch originalen Unsinn geben kann, seine Produkte zugleich Muster, d. i. exemplarisch sein müssen; mithin, selbst nicht durch Nachahmung entsprungen, anderen doch dazu, d. i. zum Richtmaße oder Regel der Beurteilung, dienen müssen. 3) Daß es, wie es sein Produkt zustande bringe, selbst nicht beschreiben, oder wissenschaftlich anzeigen könne, sondern daß es als Natur die Regel gebe; und daher der Urheber eines Produkts, welches er seinem Genie verdankt, selbst nicht weiß, wie sich in ihm die Ideen dazu herbei finden, auch es nicht in seiner Gewalt hat, dergleichen nach Belieben oder planmäßig auszudenken, und anderen in solchen Vorschriften mitzuteilen (...). (Daher denn auch vermutlich das Wort Genie von genius, dem eigentümlichen einem Menschen bei der Geburt mitgegebenen, schützenden und leitenden Geist, von dessen Eingebung jene originale Ideen herrührten, abgeleitet ist.) ...


Immanuel Kant, Kritik der Urteilskraft (1790): §46 Schöne Kunst ist Kunst des Genies

Wenn wir nach diesen Zergliederungen auf die (...) Erklärung dessen, was man Genie nennt, zurücksehen, so finden wir: erstlich, daß es ein Talent zur Kunst sei, nicht zur Wissenschaft, in welcher deutlich gekannte Regeln vorangehen und das Verfahren in derselben bestimmen müssen; zweitens, daß es, als Kunsttalent, einen bestimmten Begriff von dem Produkte, als Zweck, mithin Verstand, aber auch eine (wenn gleich unbestimmte) Vorstellung von dem Stoff, d. i. der Anschauung, zur Darstellung dieses Begriffs, mithin ein Verhältnis der Einbildungskraft zum Verstande voraussetze; daß es sich drittens nicht sowohl in der Ausführung des vorgesetzten Zwecks in Darstellung eines bestimmten Begriffs, als vielmehr im Vortrage, oder dem Ausdrucke ästhetischer Ideen, welche zu jener Absicht reichen Stoff enthalten, zeige, mithin die Einbildungskraft, in ihrer Freiheit von aller Anleitung der Regeln, dennoch als zweckmäßig zur Darstellung des gegebenen Begriffs vorstellig mache; daß endlich viertens die ungesuchte unabsichtliche subjektive Zweckmäßigkeit in der freien Übereinstimmung der Einbildungskraft zur Gesetzlichkeit des Verstandes eine solche Proportion und Stimmung dieser Vermögen voraussetze, als keine Befolgung von Regeln, es sei der Wissenschaft oder mechanischen Nachahmung, bewirken, sondern bloß die Natur des Subjekts hervorbringen kann.

Nach diesen Voraussetzungen ist Genie: die musterhafte Originalität der Naturgabe eines Subjekts im freien Gebrauche seiner Erkenntnisvermögen. Auf solche Weise ist das Produkt eines Genies (nach demjenigen, was in demselben dem Genie, nicht der möglichen Erlernung oder der Schule, zuzuschreiben ist) ein Beispiel nicht der Nachahmung (denn da würde das, was daran Genie ist und den Geist des Werks ausmacht, verlorengehen), sondern der Nachfolge für ein anderes Genie, welches dadurch zum Gefühl seiner eigenen Originalität aufgeweckt wird, Zwangsfreiheit von Regeln so in der Kunst auszuüben, daß diese dadurch selbst eine neue Regel bekommt, wodurch das Talent sich als musterhaft zeigt. Weil aber das Genie ein Günstling der Natur ist, dergleichen man nur als seltene Erscheinung anzusehen hat; so bringt sein Beispiel für andere gute Köpfe eine Schule hervor, d. i. eine methodische Unterweisung nach Regeln, soweit man sie aus jenen Geistesprodukten und ihrer Eigentümlichkeit hat ziehen können: und für diese ist die schöne Kunst sofern Nachahmung, der die Natur durch ein Genie die Regel gab.


ebd., §49 Von den Vermögen des Gemüts, welche das Genie ausmachen

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Arbeite Kants Ausführungen mit Lineal und Farbstift durch, unterstreiche die wesentlichen Merkmale des Genies und fasse dies in einem 100-Wörter-Text zusammen.

Der romantische Künstler als Genie

In diesem Textauszug aus dem Goethezeitportal.de werden fünf Merkmale künstlerischer Genialität genannt:

"Mit Herder und Kant teilt Wackenroder (*) die Vorstellung vom Genie als angeborene Gemütsgrundlage und von Gott erhaltenen Gabe: der Genius des Künstlers liegt in der Seele versteckt und verborgen, die Kunstbegeisterung kommt aus dem innersten der Seele. Synonym zum Begriff Geist verwendet er den Begriff Genius. Er differenziert zwischen dem forschenden Geist der Wissenschaften und dem bildenden Geist der Kunst; daran ist zu erkennen, dass Geist sowohl im Gefühl als auch in der Kunst zu finden ist. Als besonderen Merkmal seiner Künstlergenies, wie Raffael oder Dürer, führt Wackenroder wiederholt Enthusiasmus und Inspiration an. Das Genie zeichnet sich durch folgende … Begriffe aus: Empfindung, Gefühl, Herz, Gemüt, Seele und Geist."

(Quelle: www.goethezeitportal.de)

* gemeint ist Heinrich Wilhelm Wackenroder (1773 - 98), der bereits mit 22 Jahren Aufsätze über Kunst, Malerei und Musik verfasste. Die »Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders« werden zu einer Programmschrift der romantischen Kunstreligion.

Das Genie heute

In diesem Artikel aus Der ZEIT wird dem romantischen Genie-Begriff widersprochen und eine etwas andere Merkmalsliste erstellt:

"Genial!! Große Geister fallen nicht vom Himmel. 
Sieben Zutaten sind nötig, um Weltveränderer zu werden.

von Andreas Sentker in DIE ZEIT 14. Oktober 2011
"Für die heutige Wissenschaft, für Hirnforscher und Psychologen, Historiker und Soziologen ist das geborene Genie nur noch romantische Verklärung. Ihre Studien zeigen: Menschen, die wir als genial betrachten, haben manches mitgebracht, als sie zur Welt kamen. Intelligenz etwa, oder Temperament. Vieles andere mussten sie sich erkämpfen.
Die Analyse gibt Aufschluss darüber, welche Faktoren Menschen zu Genies werden ließen. Bildung, Kreativität, Inspiration, Intuition, Unabhängigkeit, Beharrlichkeit und Glück sind sieben wesentliche Zutaten für jene, die sich anschicken, die Welt zu verändern – und sie sind alsamt eher irdischer Natur."
Der vollständige Artikel im Internet: Genie-Kult (Die ZEIT)
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Empfindung und Gefühl oder Bildung und Beharrlichkeit?

  1. Worin ähneln sich die beiden oben aufgeführten Merkmalslisten?
  2. Was sind die hauptsächlichen Unterschiede?
  3. Haltet eure Position in einigen Sätzen fest?
P.S.: Es lohnt sich, den ganzen ZEIT-Artikel zu lesen, weil darin auch einige aktuelle Namen genannt werden.

Der Kleinbürger im 20. Jh

KLEINBÜRGERTUM,

"in der vor- und frühindustriellen Gesellschaft derjenige Teil der Stadt-Bevölkerung, der gegenüber dem Großbürgertum nur über geringen Besitz und Bildungsstand und dementsprechend wenig soziale Aufstiegschanchen und politischen Einfluss verfügte ... Heute ist Kleinbürger eine meist abwertende Bezeichnung für Menschen, die einen mit Kleinbesitz und „Halbbildung“ verbundenen Lebensstil pflegen, ein auf Wahrung privater Besitzinteressen gerichtetes konservatives Bewusstsein entwickeln, soziale Reformen in ihrer Gesellschaft fürchten und daher zu Vorurteilen und Denken in Stereotypen neigen."
(Brockhaus Mannheim 1990 Bd.12 S.67)

Ödön von Horvath

Eine Aufwertung des Spießers erfolgt bei Ö.v.Horvath und seinem ‚neuen‘ Volksstück: Kleinbürger sind doch (fast) alle.

Ö.v.Horvath : Gebrauchsanweisung (1932)

"Nun besteht aber Deutschland wie alle übrigen europäischen Staaten zu neunzig Prozent aus vollendeten oder verhinderten Kleinbürgern (...) Will ich also das Volk schildern, darf ich natürlich nicht nur die zehn Prozent schildern, sondern als treuer Chronist meiner Zeit, die große Masse. Das ganze Deutschland muß es sein!
Es hat sich nun durch das Kleinbürgertum eine Zersetzung der eigentlichen Dialekte gebildet, nämlich durch den Bildungsjargon. Um einen heutigen Menschen realistisch schildern zu können, muß ich also den Bildungsjargon sprechen lassen. Der Bildungsjargon (und seine Ursachen) fordert aber natürlich zur Kritik heraus -- und so entsteht der Dialog des neuen Volksstücks, und damit der Mensch und damit erst die dramatische Handlung -- eine Synthese aus Ernst und Ironie. 
Mit vollem Bewußtsein zerstöre ich nun das alte Volksstück, formal und ethisch -- und versuche die neue Form des Volksstücks zu finden. Dabei lehne ich mich mehr an die Tradition der Volkssänger und Volkskomiker an, denn an die Autoren der klassischen Volksstücke. Und nun kommen wir bereits zu dem Kapitel Regie. (...)
Dialekt. Es darf kein Wort Dialekt gesprochen werden! Jedes Wort muß hochdeutsch gesprochen werden, allerdings so, wie jemand, der sonst nur Dialekt spricht und sich nun zwingt, hochdeutsch zu reden (...)“
(Ö.v.H.: Sportmärchen, andere Prosa und Verse. Gesammelte Werke 11, hrsg. von Traugott Krischke, suhrkamp Verlag Frankfurt 1988, S. 219/20)

Der Lehrer als Kleinbürger

Ödön von Horvath: "Jugend ohne Gott" (Roman 1937) - Erstes Kapitel: Die Neger
"Auf meinem Tische stehen Blumen. Lieblich. Ein Geschenk meiner braven Hausfrau, denn heute ist mein Geburtstag.
Aber ich brauche den Tisch und rücke die Blumen beiseite und auch den Brief meiner alten Eltern. Meine Mutter schrieb: »Zu Deinem vierunddreissigsten Geburtstage wünsche ich Dir, mein liebes Kind, das Allerbeste. Gott der Allmächtige gebe Dir Gesundheit, Glück und Zufriedenheit!« Und mein Vater schrieb: »Zu Deinem vierunddreissigsten Geburtstage, mein lieber Sohn, wünsche ich Dir alles Gute. Gott der Allmächtige gebe Dir Glück, Zu- friedenheit und Gesundheit!« 
Glück kann man immer brauchen, denke ich mir, und gesund bist Du auch, gottlob! Ich klopfe auf Holz. Aber zufrieden? Nein, zufrieden bin ich eigentlich nicht. Doch das ist ja schliesslich niemand.
Ich setze mich an den Tisch, entkorke eine rote Tinte, mach mir dabei die Finger tintig und ärgere mich darüber. Man sollt endlich mal eine Tinte erfinden, mit der man sich unmöglich tintig machen kann!
Nein, zufrieden bin ich wahrlich nicht.
Denk nicht so dumm, herrsch ich mich an. Du hast doch eine sichere Stellung mit Pensionsberechtigung und das ist in der heutigen Zeit, wo niemand weiss, ob sich morgen die Erde noch drehen wird, allerhand! Wie viele würden sich sämtliche Finger ablecken, wenn sie an deiner Stelle wären?! Wie gering ist doch der Prozentsatz der Lehramtskandidaten, die wirklich Lehrer werden können! Danke Gott, dass Du zum Lehrkörper eines Städtischen Gymnasiums gehörst und dass Du also ohne wirtschaftliche Sorgen alt und blöd werden darfst! Du kannst doch auch hundert Jahre alt werden, vielleicht wirst Du sogar mal der älteste Einwohner des Vaterlandes! Dann kommst Du an Deinem Geburtstag in die Illustrierte und darunter wird stehen: »Er ist noch bei regem Geiste.« Und das alles mit Pension! Bedenk und versündig Dich nicht!
Ich versündige mich nicht und beginne zu arbeiten.
Sechsundzwanzig blaue Hefte liegen neben mir, sechsundzwanzig Buben, so um das vierzehnte Jahr herum, hatten gestern in der Geographiestunde einen Aufsatz zu schreiben, ich unterrichte nämlich Geschichte und Geographie.
Draussen scheint noch die Sonne, fein muss es sein im Park! Doch Beruf ist Pflicht, ich korrigiere die Hefte und schreibe in mein Büchlein hinein, wer etwas taugt oder nicht.
Das von der Aufsichtsbehörde vorgeschriebene Thema der Aufsätze lautet: »Warum müssen wir Kolonien haben?« Ja, warum? Nun, lasset uns hören!
Der erste Schüler beginnt mit einem B: er heisst Bauer, mit dem Vornamen Franz. In dieser Klasse gibts keinen, der mit A beginnt, dafür haben wir aber gleich fünf mit B. Eine Seltenheit, so viele B's bei insgesamt sechsundzwanzig Schülern! Aber zwei B's sind Zwillinge, daher das Ungewöhnliche. Automatisch überfliege ich die Namensliste in meinem Büchlein und stelle fest, dass B nur von S fast erreicht wird – stimmt, vier beginnen mit S, drei mit M, je zwei mit E, G, L und R, je einer mit F, H, N, T, W, Z, während keiner der Buben mit A, C, D, I, O, P, Q, U, V, X, Y beginnt.
Nun, Franz Bauer, warum brauchen wir Kolonien?"

aus Ö.v.Horvath "Jugend ohne Gott", Kapitel 1, dtv 2010 4. Auflage 2014, der Text folgt der Erstausgabe von 1937

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  1. Unterstreiche alles, was dir "kleinbürgerlich" erscheint.
  2. Begründe deine Unterstreichungen.
  3. Wie beurteilst Du die Person des Lehrers?
  4. Möchtest Du den Roman weiterlesen?

Der ewige Spießer

Ö.v.Horvaths Roman Der ewige Spießer (1930) gibt es bei Radio Bayern 2 als Hörspiel zum Hören und zum Herunterladen.

Ö.v.Horvath im Prolog zum Roman:

"Der Spießer ist bekanntlich ein hypochondrischer Egoist, und so trachtet er danach, sich überall feige anzupassen und jede neue Formulierung der Idee zu verfälschen, indem er sie sich aneignet.
Wenn ich mich nicht irre, hat es sich allmählich herumgesprochen, dass wir ausgerechnet zwischen zwei Zeitaltern leben. Auch der alte Typ des Spießers ist es nicht mehr wert, lächerlich gemacht zu werden; wer ihn heute noch verhöhnt, ist bestenfalls ein Spießer der Zukunft. Ich sage "Zukunft", denn der neue Typ des Spießers ist erst im Werden, er hat sich noch nicht herauskristallisiert.
Es soll nun versucht werden, in Form eines Romans einige Beiträge zur Biologie dieses werdenden Spießers zu liefern. Der Verfasser wagt natürlich nicht zu hoffen, daß er durch diese Seiten ein gesetzmäßiges Weltgeschehen beeinflussen könnte, jedoch immerhin." (Ö.v.H. Der ewige Spießer. Erbaulicher Roman in drei Teilen. Suhrkamp Frankfurt 1980 S. 7)


Leseempfehlung als Beispiel böser bzw. boshafter Satire: Die Beschreibung eines spanischen Stierkampfs im Kapitel 23.

"Was ist in Spanien das spanischste? Natürlich der Stierkampf, auf spanisch: Corrida de toros – besonders Rigmor konnte ihn kaum mehr erwarten.
Die Stierkampfarena hatte riesige Dimensionen, und sie war noch größer, wenn man bedenkt, daß allein Barcelona drei solch gigantische Arenen besitzt. Trotzdem war alles ausverkauft, es dürften ungefähr zwanzigtausend Menschen dabeigewesen sein, und Schmitz erhielt nur mehr im Schleichhandel drei Karten im Schatten.
Die Spanier sind eine edle Nation und schreiten gern gemessen einher mit ihren nationalen Bauchbinden und angenehmen weißen Schuhen. Sogar auf den Toiletten steht »Ritter« statt »Herren«, so stolz sind die Spanier. Fast jeder scheint sein eigener Don Quichotte oder Sancho Pansa zu sein.
Gleich neben dem Hauptportal erblickte Schmitz die Stierkampfmetzgerei, hier wurden die Stierleichen von gestern als Schnitzel verkauft. Ein großes Polizeiaufgebot sorgte für Ruhe und Ordnung.
Drinnen in der Arena musizierte eine starke Kapelle, und der feierliche Einzug der Herren Stierkämpfer begann pünktlich. »Sie werden da etwas prachtvoll Historisches erleben«, erinnerte sich Kobler an die Worte des Renaissancemenschen von Verona. Und das war nun auch ein farbenprächtiges Bild. Die Herren Stierkämpfer traten vor das Präsidium in der Ehrenloge und begrüßten es streng zeremoniell.
Und dann kam der Stier, ein kleiner schwarzer andalusischer Stier. Er war schon jetzt wütend, denn in seinem Rücken stak bereits ein Messer, und das war programmgemäß. In der Arena standen jetzt nur drei Herren mit roten Mänteln und ohne Waffen. Geblendet durch die plötzliche Sonne, hielt der Stier einen Augenblick, dann entdeckte er die roten Mäntel und stürzte drauflos, aber graziös wichen die Herren dem plumpen Tier aus. Großer Beifall. Auch Rigmor und Kobler applaudierten – da lauschte der Stier. Es schien, als fasse er es erst jetzt, daß ihm was Böses bevorsteht.
[...]
Nun geriet aber das Publikum ganz in Ekstase, hundert Strohhüte flogen dem Tod zu. Schmitz war empört. »Das ist ja der reinste Lustmord!« entrüstete er sich. »Diese Spanier begeilen sich ja an dem Todeskampf eines edlen, nützlichen Tieres! Höchste Zeit, daß ich meinen Artikel gegen die Vivisektion schreib! Recht geschieht's uns, daß wir den Weltkrieg gehabt haben, was sind wir doch für Bestien! Na, das ist ja widerlich, da sollt aber der Völkerbund einschreiten!« Aber auf Kobler wirkte der Stierkampf wieder ganz anders. So ein Torero ist ein sehr angesehener Mann und ein rentabler Beruf, dachte er. Es ist ja natürlich eine Schweinerei, aber er wird ja sogar vom König empfangen, und alle Weiber laufen ihm nach! Und auf Rigmor wirkte der Stierkampf wieder anders: Sie hatte eine nervöse Angst, daß einem der Herren Stierkämpfer was zustoßen könnte – sie konnte kaum hinsehen, als wäre sie auch ein armes, verfolgtes Tier, immer öfter sah sie infolgedessen Kobler an, um nicht hinabsehen zu müssen, und kam dabei auf ganz andere Gedanken. »Möchten Sie, daß ich Torero wär?« fragte er. »Nein!« rief sie ängstlich, aber dann lächelte sie plötzlich graziös und schmiegte sich noch mehr an ihn, denn es fiel ihr was Ungehöriges ein."

Ö.v.H. Der ewige Spießer. Erbaulicher Roman in drei Teilen. Suhrkamp Frankfurt 1980 S. 89-91 oder Projekt Gutenberg

H.M.Enzensberger: Wir Kleinbürger

"Von der Unaufhaltsamkeit des Kleinbürgertums" heißt ein Beitrag Hans Magnus Enzensbergers zum "Kursbuch 45", das 1976 erschien und insgesamt das Thema "Wir Kleinbürger" behandelt. Enzensberger beschreibt im Tonfall ironischer Bewunderung das Kleinbürgertum, "wozu ich mich zähle" als "die experimentelle Klasse par excellence"" wider alle Vorhersagen, namentlich die marxistischen, voller "Überlebenskraft", zwar ohne reale Macht, aber kulturell und zivilisatorisch ein Welterfolg.

Auszüge daraus wurden im SPIEGEL 38/1976 veröffentlicht unter dem Titel: "Was ist so verführerisch am Freizeithemd?"

"Das Kleinbürgertum verfügt in allen hochindustrialisierten Gesellschaften heute über die kulturelle Hegemonie. Es ist zur vorbildlichen Klasse geworden, der einzigen, die im massenhaften Maßstab die Lebensformen des Alltags produziert und für alle andern verbindlich macht. Sie besorgt die Innovation. Sie legt fest, was für schön und erstrebenswert gilt. Sie bestimmt, was gedacht wird. (Die herrschenden Gedanken sind nicht mehr die der Herrschenden, sondern die des Kleinbürgertums.) Sie erfindet Ideologien, Wissenschaften, Technologien. Sie diktiert, was Moral und Psychologie bedeuten. Sie entscheidet darüber, was im sogenannten Privatleben "läuft". Sie ist die einzige Klasse, die Kunst und Mode, Philosophie und Architektur, Kritik und Design erzeugt. [...]
Jede alternative Regung innerhalb unserer Kultur hat das Kleinbürgertum unverzüglich enteignet und absorbiert -- es genügt, an das Beispiel der Rock-Musik zu erinnern, die ursprünglich eine autonome Äußerung von jungen Proletariern war, ebenso wie fünfzig Jahre zuvor der Jazz. Selbst ursprünglich ganz subversive Ideologien wie die des Anarchismus oder des Marxismus sind heute großenteils von der kleinen Bourgeoisie in Beschlag gelegt.
Die Frage also bleibt: was ist so einzigartig, so verführerisch am Tischfeuerzeug, am Pepsodent-Geschmack, an der Konkreten Poesie, am Hobby-Raum, an Sesame Street, an der Plastik-Zitrone, an der Verhaltensforschung, an Emanuela, an Deodorants, am Sensivity Training, an der Polaroid-Kamera, an der Auslegeware, an der Para-Psychologie, an Peanuts. an der Metallic-Legierung, am Freizeithemd [...]?
Ist gegen das, was unserer Klasse einfällt, wirklich kein Kraut gewachsen? Wird es niemandem erspart bleiben, auch den Kongolesen nicht, sich mit Unterhosen auszurüsten, die ein französischer Designer entworfen hat? Müssen auch die Vietnamesen Valium schlucken? Führt kein Weg vorbei an der Verhaltenstherapie, an der Concorde, an Masters & Johnson, an der Curriculum-Forschung?
Und die Polstergarnitur in lederähnlichem, atmungsaktivem, schmutzunempfindlichem Material, mit Sitz- und Rückenkissen aus Polyätherschaum, fahr- und drehbar durch Chromrollen. Dieses traumhaft schöne, günstige Einzelstück, das mich rücksichtslos verfolgt, das, wie der Igel im Märchen, immer schon da ist, auf dem Geburtstagsfest, im Fernsehen ..."

Vollständig zu lesen unter dieser Adresse SPIEGEL 38/1976

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  1. Was ist die These in diesem Text?
  2. Füge der Konsumartikelliste weitere, aktuellere Gegenstände hinzu, die Enzensbergers These stützen könnten.
  3. Was ist dann nicht-kleinbürgerlich? Gibt es auch den Großbürger?
  4. Könnte hier der Begriff Bildungsbürgertum weiterhelfen?

Die Spießer im 21. Jh

Weitere Materialien

Links

Siehe auch