Ungefähre Landschaft

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Ungefähre Landschaft ist ein Roman des Schweizer Schriftstellers Peter Stamm (* 1963) aus dem Jahre 2001.

Worum geht's

„In der Nacht wurde es jetzt, im April, nie mehr ganz dunkel. Kathrine war früh aufgestanden, obwohl es Samstag war. Sie weckte das Kind, machte ihm sein Frühstück und brachte es zur Großmutter. Sie ging nach Hause, schnallte die Langlaufskier an und fuhr los. Sie folgte den Spuren der Schneemobile bis zur ersten Anhöhe, dann der Stromleitung, die zur Radioantenne führte. Schließlich, nach vielleicht einer Stunde, entfernte sie sich im spitzen Winkel immer weiter von dieser letzten Spur und fuhr hinaus ins grenzenlose Weiß des Fjells.
Gegen Mittag setzte sie sich auf einen Fels, der aus dem Schnee ragte, um auszuruhen und um etwas zu essen. Sie fuhr mit den Händen über die orangen, die gelben und weißen Flechten, die den Stein bedeckten.
Später, als sie schon wieder unterwegs war, bildete sich leichter Dunst, eine Art Nebel, und der Himmel verlor seine Bläue und wurde immer blasser. Aber sie kannte den Weg, sie war schon oft beim Leuchtturm gewesen, und auch als die Sonne endlich nicht mehr zu sehen und das Licht diffus war, daß alles verschwamm, lief sie weiter und hatte keine Angst, sich zu verlaufen.
Kathrine hatte Helge geheiratet, sie hatte das Kind bekommen, sie hatte sich von Helge scheiden lassen. Sie lief zum Leuchtturm, blieb über Nacht und kam an nächsten Tag zurück.“

Die Protagonistin Kathrine ist 28 Jahre alt, lebt in einem Dorf nahe der norwegisch-russischen Grenze und arbeitet als Zollbeamtin. Dort legen regelmäßig russische Fischfangschiffe an, die es zu kontrollieren gilt, die Schiffe der Hurtig-Route haben hier eine ihrer letzten Stationen, bevor sie wieder umkehren. Kathrine war aus dieser Gegend noch nie weggewesen. Sie hat samische Vorfahren väterlicherseits, ist geschieden, hat einen Sohn, Randy, und eine Mutter, die sich um ihn kümmert, wenn Katrine arbeitet.

Die zweite Ehe mit dem gut situierten und erfolgreichen Thomas macht sie nicht glücklich. Eines Tages und mit Hilfe ihres Jugendfreundes Morten findet sie heraus, dass ihr Mann sie belügt und alle seine großartigen Errungenschaften und Leistungen nur Angeberei waren. Daraufhin verlässt sie ihn, zieht vorübergehend in ein Seemannsheim, ihr Mann zieht aus der gemeinsamen Wohnung aus, dessen sehr religiöse Familie verstößt sie mit einem aggressiv-demütigenden Brief, sie geht nicht mehr zur Arbeit.

Statt dessen besteigt sie das Hurtig-Schiff, fährt nach Bergen, von dort mit dem Zug nach Oslo und weiter nach Arhus. Dort wohnt Christian, dessen Bekanntschaft sie in ihrem Dorf gemacht hat, der viel im Ausland arbeitet und mit dem sie per E-Mail kommuniziert. Er verkörpert so etwas wie die weite Welt für sie, vielleicht auch ein ungefähres Glücksversprechen. Er ist aber nicht anzutreffen, von dessen Eltern erfährt sie, dass er sich in Frankreich aufhält. Kathrine fährt weiter über Hamburg nach Paris, von dort weiter nach Boulogne und findet Christian in seinem Hotel. Er ist überrascht und erfreut, am Tag darauf zeigt er ihr die Fischfabrik, in der er gerade sein Montageprojekt abschließt (82). Zusammen fahren sie nach Paris, wo sie die bekannten Sehenswürdigkeiten anschauen, französisch essen, ein kleines Zimmer in einem kleinen Hotel teilen, aber Christian berührt sie nicht, obwohl sie es sich im Stillen wünscht. Sie fahren weiter und in der Nacht im Schlafabteil passiert dann doch etwas. Ab Kopenhagen fährt Kathrine allein weiter, in Stockholm steigen drei junge Frauen in das Schlafabteil, Rechtanwältinnen auf Skiurlaub, Kathrine wird eingeladen, mit ihnen ein paar Tage in Narvik zu verbringen, man spricht viel über Männer und vergleicht die Lebensformen, am vierten Tag besteigt Kathrine das Hurtig-Schiff, dessen Kapitän sie schon auf der Hinfahrt kennengelernt und bei dem sie in Bergen übernachtet hatte, und kehrt nach drei Wochen in ihren Ort zurück. Ihre Flucht endet, sie hat viel gesehen, sie hat kein neues Leben gefunden, sich aber auch kein anderes vorstellen können.

In ihrem Ort begegnet man ihr freundlich, es schneit und sie liebt es ja, wenn es schneit, ihre Mutter, bei der sie wohnt, macht ihr keine Vorwürfe, ihr Sohn freut sich sie wieder zu sehen, ihr Arbeitgeber will sie sofort weiterbeschäftigen und ihre Schwiegereltern sind bereit, ihr zu verzeihen, entschuldigen sich gar, und bitten sie zurückzukehren. Sie aber verweigert sich, sucht statt dessen zielstrebig ihren Jugendfreund Morten auf und gemeinsam planen sie ihren Wegzug: Er wird in Tromsö bei einer Computerfirma arbeiten und sie lässt sich versetzen, eine Wohnung mit zwei Kinderzimmern ist im Gespräch.

„Kathrine ging zur Arbeit. Sie fuhr mit dem Auto. Sie setzte Randy in der Schule ab. Er wurde krank und wieder gesund. Er bekam eine Brille. Er wuchs. Kathrine verdiente Geld und kaufte sich Dinge. Sie gebar ein zweites Kind, ein Mädchen. Solveig. Dann stand sie mit Moren in der Küche. Sie belegten Brote, um das Geld für das Mittagessen zu sparen. Später kauften sie eine Wohnung, dann ein Haus. Sie wohnten in Tromsö, in Molde, in Oslo. Randy fuhr in die Ferien zur Großmutter ins Dorf. Er kam zurück. Es wurde Herbst und Winter. Es wurde Sommer. Es wurde dunkel, und es wurde hell.“ (S. 157/8)

Stimmen

Schlangenlinie am Himmel. Peter Stamm liest die nordische Landschaft · Von Friedmar Apel

"In einem an Johann Peter Hebel erinnernden Stil artistischer Kunstlosigkeit erzählt Peter Stamm von den Wunderlichkeiten des normalen Lebens. Die rührende Solidarität des Erzählers mit seiner Figur rechtfertigt die Welt nicht und enthält sich jedes Glücksversprechens. Glück ist für Kathrine allenfalls Treue zu sich selbst, Standhaftigkeit in der Vermeidung des falschen Lebens. Dennoch scheint im erzählten Verhältnis von Individuum und Landschaft in der Ferne die Idee der Versöhnung auf, und der Leser fühlt sich am Ende milde getröstet. Wie leichter Dunst über einer Landschaft schwebt ein Hauch von Kitsch über dieser bitterschönen Ballade des alltäglichen Lebens. Gerade das aber schreibt Stamms Bild einer Landschaft mit Kathrine inmitten der vielen aussagestarken Gedächtnisromane dieses Herbstes das Signum der Unverwechselbarkeit ein." (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.09.2001, Nr. 215, S. V)

Siehe auch