Ut mine Stromtid

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Textauszüge aus dem Roman Ut mine Stromtid ("Aus meiner Volontärszeit" - Titel der hochdeutschen Ausgabe: Das Leben auf dem Lande) des plattdeutsch schreibenden Dichters Fritz Reuter. Der DialektWikipedia-logo.png ist das Mecklenburgische oder OstniederdeutscheWikipedia-logo.png.

Vor der Behandlung empfiehlt es sich, zur Eingewöhnung kurze andere plattdeutsche Text zu lesen, z.B. Rieke un Dürth, wo ein paar Übersetzungshilfen beigegeben sind.

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

Wat Braesigen sin Herr Kammerrath för 'ne Ort Mann was, un worüm sick Braesig binah dat Krüz verrenken würd. - Dat Hawermann 'ne Austellung kreg, un dat de Fru Pastern ehr Kirchenstaul inbraken was. Wo för de lütte Lowise en Unnerkamen funnen ward, un Worüm Moses abslut man einen Hosendärger dragen un sick nich bi de preußschen Gerichten in Pankrottsaken mellen will. Dat uns' oll Herrgott ümmer noch lewt.

Inhaltsverzeichnis des 3. Kapitels

Textauszug

ZitatAnfang.gif Den annern Morgen kamm Braesig tau rechter Tid, üm Hawermannen nah Pümpelhagen auftauhalen. De jung' Fru satt up de Del' un lohnte de Lüd' af; Jochen satt woll bi ehr un rokte Toback; aewer dat Geschäft besorgte sei. - Von de ollen Lüd' hadd sick noch keiner seihn laten, denn Großmudding hadd tau ehr Swigerdochter seggt: Sei wenigstens kem' hüt nich 'runner, denn sei hadd nicks up den Kopp tau setten, un Großvadding hadd seggt: Dat lustig Lewen würd ok woll ahn em gahn. - "Das 's recht nüdlich von die ollen Burßen," säd Braesig, "daß sie uns das Mittagessen nicht ansäuren wollen, denn, Madam Nüßlern, ich bleib' heut Mittag hier bei Korlen. Abersten Korl, wir müssen gehn. - Adjüs, lütt Kropzeug!" [...] Hawermann hürte bi dese Nahrichten upmarksam tau, denn de Ding'n kunnen in 'n glücklichen Fall mit sine Taukunft tausamhängen; aewer so sihr as em dat ok antreckte, hei kamm in sin Gedanken ümmer wedder up sine ogenblickliche Lag'. - "Braesig," frog hei, "hest Du Di dat mit min lütt Dirning dörch den Kopp gahn laten?" - "Was wollt ich nich, Korl! Abersten - weiß der Deuwel! - ich glaub', wir müssen doch am End' zu Stadt nach Kaufmann Kurzen. - Sie, die Kurzen, is 'ne ordentliche Frau, un er - na, er is auch so 'n Vokativus, als die Kaufmänner all sünd. - Denk Dir, hat mich der Kerl vorigen Sommer 'ne Art Hosenzeug angesnackt - was ich for Sünndagsch tragen wollt - war so'ne Art Schakoladen=Kalür - un denk Dir, als ich damit des Morgens in 'n Dau durch meinen Klewer geh, is sie bis an die Knie ganz krewtroth - rein schörlaken! Un en Kaem hat er mich geschickt, war so 'n preußschen, so 'n ollen süßen, den sie mit allerhand Druppen fabriziren. Hab' en ihm aber wieder retuhr geschickt mit en guten Vers, die Hose will er aber nich wieder nehmen, un ließ mich sagen: er säß auch nich in das Zeug. Na, meint der Kerl denn, daß ich in rothe Hosen sitzen will? - Un, Korl, süh! Dies linksch hier is nu schon Gürlitzer." - "Dat is jo woll de Gürlitzer Kirchthorm?" frog Hawermann. - "Ja, Korl," säd Braesig, stunn still, reckte sin Näs' hoch in Enn', treckte de Ogenbranen bet unner de Hautkremp - denn Sünndagsch drog hei en Haut - sparrte sin leiw Mulwark wid up un kek Hawermannen mit en por Ogen an, de dörch em dörch keken un sick wid achter em in de Firn' verluren. "Korl!" rep hei endlich, "daß Du von den Kirchthurm sagst! - daß Du die Nase in's Gesicht behältst! - Uns' Gürlitzer Paster muß ja Dein lütt Dirning nehmen." - "Paster Behrens?" frog Hawermann. - "Ja, Paster Behrens, der mir un Dir noch bei den alten Knirkstädt in der Provat gehabt hat." - "Ach, Braesig, ick will Di 't man seggen, ick heww binah de ganze Nacht doran dacht, ob dat woll maeglich wir, wenn ick hir up de Neg' bliwen süll." - "Maeglich? - Er muß! denn das is ihm gut, wenn er so 'n klein Würming um sich hat, was ihm mittlerweil in die Hand 'rin wächst, indem daß er selbst keine Kinder hat un seinen Acker verpacht hat, un nu weiter nichts nich thut, als in die Bücher lesen un studiren, daß 's en andern Menschen schon grün un gelb vor die Augen wird, wenn Einer 's bloß von ferne mit ansieht. Das is ihm gut! Un sie, die Frau Pastern, is so kinderlieb, daß alle Gören im ganzen Dorf ihr anhacken, un dabei is sie 'ne bedräpliche un rendliche Frau, un ümmer lustig, un paßt sich mit Deine Swester ganz kaptal." - "Ja, wenn dat güng!" rep Hawermann ut. "Wat verdanken wi beiden desen Mann nich Allens, Zacharies. - Weitst Du noch, wo hei uns, as hei noch Kannidat bi den ollen Knirkstädt was, des Winters Abends Privatstunn'n gaww un schriwen un reken lihrte, un wo fründlich hei gegen uns beiden dummen Jungs was?" - "Ja, Korl, un wo denn ümmer Zamel Pomuchelskopp achter 'n Aben lagg un snorkte, daß sich die Balken bögten, während dem daß wir in den Wissenschaften waren. - Weitst woll noch mit 's Rechen, als wir in die Regeldetri kamen? - Man suche die vierte unbekannte Größe - un denn wurd erst der Ansatz genommen, un denn gung's los! Jn der Fixigkeit war ich Dir über, aber in der Richtigkeit warst Du mir über, auch in der Ottographie; aber in dem Stiel, in Briefschreiben un 's Hochdeutsche, da war ich Dir wieder über, un in diesen Hinsichten habe ich mir nachher ümmer weiter befleißigt, denn jeder Mensch hat sein Lieblingsthema, un wenn ich zu dem Paster komm, denn bedank ich mich noch ümmer bei ihm, daß er mir Bildung beigebracht hat, un denn lacht er so vor sich hin un sagt: er müßte sich mehr bei mir bedanken dafür, daß ich ihm dazumalen seinen Acker verpacht hätte, un daß er nu auf en guten Kuntrakt säße. ZitatEnde.gif


Fritz Reuter: Ut mine Stromtid. 3. Kapitel

Verständnishilfen

Del': Diele - lohnte de Lüd af: zahlte die Leute aus - Taukunft: Zukunft - antrecken: anziehen - Vokativus: Onkel Bräsig verwechselt ständig Fremdwörter - angesnackt: angedreht - sick wid achter em in de Firn' verluren: sich weit hinter ihm in der Ferne verloren - rep ut: rief aus - Regeldetri: Dreisatz -

Nu künn ick hir de ganze Leiw'sgeschicht tüschen Axeln un Frida utführlich beschriwen, un dat möt Jeder seggen, dat ick mi tau mine Leiw'sgeschicht en por Personen utsöcht heww, as sei dortau nich mal in de Bibel tau finnen sünd, en Kürassirleutnant un en Eddelfrölen, aewer - ick will nich, ick dauh't nich! - Denn irstens dauh ick aewerall nich mihr, as ick möt; un wer will mi dwingen, dat ick de jungen Börgerdöchter, de dit maeglicher Wis' lesen, Provatunnerricht in de Leiw' mit en Kürassirleutnant gew, oder de jungen Handlungsdeiners unnerwis', woans sei sick mit en Eddelfrölen anstellen möten? Wer giwwt mi wat dorför? - Un tweitens will ick hir man grad' tau un ein för alle Mal seggen: ick schriw' aewerhaupt nich för de jungen Lüd', ick schriw' blot för de ollen, de sick des Nahmiddag's up dat Sopha leggen un en Bauk mitnemen, üm sick dormit de Fleigen von de Näs' un de Grillen ut den Kopp tau jagen. - Un drüddens: ick heww in dit Bauk noch uterdem drei junge Mätens tau verfrigen, un wer weiten will, wat dat heit, de frag' man bi 'ne Mudder von drei unbegewene Döchter an. Lowise Hawermann möt doch en Mann hewwen, un wir 't nich jammerschad', wenn de beiden oll lütten Druwäppeling'n as olle Jumfern dörch de Welt tründeln füllen? - Un virtens un letztens: ick bün ok gor nich in 'n Stann' dortau, 'ne Leiw' von en Kürassirleutnant richtig tau beschriwen; dat geiht Jochen aewer, dor hürt en Shakespeare oder 'ne Mühlbachen tau, un wer weit, ob 't Shakespeare ok t'recht kregen hadd, denn so vel ick weit, hett hei sick nich doranne wagt. - Kort un gaud: sei kregen sick, un 1843 tau Pingsten würd de Hochtid hollen, un de Herr von So un So gaww sinen Segen dortau, as Utstüer, wil hei süs nich recht wat tau gewen hadd.

10. Kapitel

Verständnishilfen

tüschen: zwischen - dortau: dazu - dauh't: tue - verfrigen: verheiraten - unbegewene: nicht vergebene, unverehelichte - Druwäppeling'n: Reuters Bezeichnung für die Zwillinngsmädchen Lining unf Mining - tründeln füllen: ziehen müssten - in 'n Stann': imstande - dat geiht Jochen aewer: das geht über meine Verhältnisse - Utstüer: Aussteuer.

Dritter Teil

Ein gutes Gewissen und ein guter Ruf gehen nicht immer zusammen

»Nein, gne' Frau, darum bin ich nicht gekommen«, säd Bräsig un reckte sick höger, »ich bin hierher gekommen, um die Wahrheit zu sagen, ich bin hierher gekommen, daß ich meinen Freund, der vor sechzig Jahren mein Spielkamerad gewesen ist, verdeffendieren will.« – »Das brauchen Sie nicht, wenn Ihr Freund ein gutes Gewissen hat, und ich glaube, er hat es.« – »Daraus seh' ich, gne' Frau, daß Sie die menschliche Natur man slecht kennen. Der Mensch hat zwei Gewissen, das eine sitzt inwendig in ihm, und das kann ihm kein Deuwel nehmen, das andere aber sitzt auswendig von ihm, und das ist sein guter Namen, und den kann ihm jeder Schuft nehmen, wenn er die Gewalt hat und klug ist, und kann ihn tot machen vor die Welt, denn der Mensch lebt nich for sich allein, er lebt auch for die Welt. Und mit den bösen Leumund ist das as mit 'ner Distelstang', die der Deuwel und seine Helfershelfer in unsern Acker säen, die steht da, und je besser der Boden ist, desto mastiger wächst sie und blüht und schießt ins Saat, und wenn der Kopp reif is, denn kommt der Wind – keiner weiß, woher er kommt und wohin er fährt – und der trägt die Federn von den Distelkopp über Feld, und das nächste Jahr steht das ganze Feld voll, und die Menschen stehen da und schelten auf das Feld, und keiner will daran, das Unkraut auszuziehen, denn sie wollen sich keine Dornen in die Fingern stechen. Un Sie, gne' Frau, haben sich auch vor die Dornen gefürcht't, als mein alter Freund for einen Betrüger und Dieb aus Ihrem Hause gejagt is, und das wollt ich Ihnen sagen und wollt Ihnen sagen, daß das meinen Korl Hawermann am meisten gesmerzt hat. – Un nu leben Sie wohl! Weiter wollt ich nichts sagen.« – Un dormit gung hei ut de Dör, Fritz tüffelte achter em an.

Fritz Reuter: Ut mine Stromtid, Kapitel 31 (nach:Zeno.org)

Fragen

  1. Wieso spricht Reuter an, dass in der Bibel und bei Shakespeare keine Kürassierleutnants vorkommen?
  2. Welche Textpassagen könnte man mit welcher Begründung humoristisch nennen?
  3. Welche Erzählperspektive nimmt der Erzähler hier ein?
  4. Inspektor Bräsig ist Fritz Reuters populärste Figur: wohlmeinend, des öfteren ungeschickt, nicht zuletzt im Umgang mit Fremdwörtern und nicht selten aufbrausend. Welche Rolle gibt ihm der Erzähler in seiner Ansprache an eine junge adlige Frau? Weshalb wohl spricht er zu ihr auf Hochdeutsch, während der Erzähler und auch Inspektor Bräsig sonst Plattdeutsch sprechen?

Textvorlage

Ut mine Stromtid. Vollständiger Text bei www.zeno.org

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Siehe auch