Christus

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Inhaltsverzeichnis

Held und Erlöser

Gerd Theißen [1] hat herausgearbeitet, dass das Christentum als Religion sich durch zwei Axiome kennzeichnen und von anderen Religionen unterscheiden lässt:

  • Das Christentum ist - wie Judentum und Islam – eine monotheistische Religion.
  • Das Christentum ist – anders als das Judentum – eine Erlöserreligion.

Der Monotheismus – die Verehrung eines einzigen Gottes – ist mehrfach in der Geschichte entwickelt worden. Auch die griechischen Philosophen vor Sokrates – Thales von Milet, Heraklit von Ephesos, Demokritos von Abdera und andere – versuchten im 6. Jahrhundert v. Chr. das All in einer Weise zu verstehen, die in sich logisch sein sollte. Dabei kamen einige von ihnen mit logischen Schlussfolgerungen zu dem Gedanken, dass es nur ein höchstes Wesen geben könne, in dem alles, was ist, seinen Ursprung habe.

Die Motivation der biblischen Propheten von ElijaWikipedia-logo.png und AmosWikipedia-logo.png bis JesaiaWikipedia-logo.png und JeremiaWikipedia-logo.png, die die Verehrung des einen Gottes JHWH auf Kosten aller anderen Götterwesen fordern, war ethisch: JHWH steht für Gerechtigkeit, vor allem Gerechtigkeit für die Schwachen. Die Heldengeschichten der Völker und der Erlösungsbetrieb am Tempel werden abgelehnt. In der ToraWikipedia-logo.png und vor allem in den Büchern der Geschichte kommen wohl Heldengeschichten vor:

  • Dawid besiegt den Riesen Goliath. (1 Samuel 17)
  • Der Richter/Retter Gideon besiegt die Übermacht der Midianiter. (Richter 6-8)

Aber insgesamt ist die Bibel kein Heldenepos, selbst Moses, Führer in die Freiheit und Gesetzgeber, wird von Gott für seine Aufsässigkeit bestraft. (Deuteronomium 32,48-52)

Nun sind Menschen von Heldengeschichten fasziniert. Die wenigsten Epen, Theaterstücke, Romane, Opern oder Filme kommen ohne einen Helden aus. Joseph Campbell [2] ist der Frage nachgegangen, wie die gängigen Motive der Heldengeschichte mit unseren psychischen uns sozialen Wünschen und Sehnsüchten korrespondieren. Die nachfolgende Tabelle ist aus der Auseinandersetzung mit seinem Werk, das bei vielen Hollywoodregisseuren auf dem Schreibtisch liegen dürfte, hervorgegangen:

Mythen Biografische Themen Soziale Themen Riten
Betreten der Gefahrenzone

Entscheidender Verlust

Abschluss der Lehre

Ablösung von der Herkunftsfamilie

Pubertät

Entdeckung des Ich

Gesellschaftliche Rolle finden Katechese

Initiation

Namengebung

Entdeckung der höheren Herkunft Ignoranz der anderen

Weg des Helden als normaler Entwicklungsschritt

Begabung

Bestehen im Wettbewerb

Salbung
Drachenkampf Schwarzweißprojektion

Entdeckung des Bösen

Macht Dämonenvertreibung
Unerhörte Grausamkeiten Auseinandersetzung mit der Angst

Erfahren der Härte des Lebens

Abschreckung Initiationsprüfung

Opfer

Verklärung (Apotheose)

Der Held redet mit den Tieren

Hochzeit

Wiedergewinnen der Geborgenheit an der Mutterbrust

Frieden

Wohlstand

Reichtum

Neueinkleidung

Hochzeit

Speise der Unsterblichkeit

Jungbrunnen

Paradies

Tod im Zusammenhang mit dem Traum von der Rückkehr in den Uterus Utopie und

Vision mit politischer Wirkung

Heilige Mahlzeit

Das Christentum behauptet nun,

  • dass Jesus von Nazaret, der Messias (Christos) im Sinne des Judentums, der Retter (Soter, Salvator) der Welt ist, der Erlöser eines jeden einzelnen, der Held, der diesen Namen mehr als alle verdient.
  • dass von Jesus Christus her bestimmt werden muss, welches Heldentum überhaupt sinnvoll und anstrebenswert ist,
  • dass schließlich Jesu Erlöserrolle nur aufgrund seiner einzigartigen Beziehung zu dem einen Gott - er ist der Sohn Gottes - möglich ist.

Es entstehen zwei Fragen, die uns zögern lassen, uns für den Erlöser Jesus zu öffnen:

  • Ein Anhänger der homerischen Mythen oder anderer mythischer Vorstellungen von Helden könnte fragen: Wie kann man die Erlösereigenschaften Christi – Geburt von der Jungfrau, Tauf-Initiation in seine ungewöhnliche Rolle, Wunder, Auferstehung, Himmelfahrt – bei ihm für wahr nehmen, ganz ähnliche Geschichten anderer Heldenfiguren aber als „Mythen und Märchen“ (2 Petrus 1,16) abtun?
  • Ein Jude oder Muslim könnte fragen: Was haben Jesus und die von ihm Beauftragten den anderen voraus? Nimmt die Idee eines Erlösers nicht gerade die Leistung der prophetischen Protestreligion wieder zurück, die darin bestanden hatte, dem faktischen Machthaber (ebenso wie anderen Menschen, zum Beispiel "Priester" und Künstler) den gestohlenen übernatürlichen Glanz zu nehmen und ihn auf seinen "Job" festzulegen, nämlich Gerechtigkeit zu üben?

Mit diesen Fragen hat sich die Kirche seit den Tagen des Paulus auseinandergesetzt, und es ist eine Hauptaufgabe des Religionsunterrichtes, die Schülerinnen und Schüler mit ihnen zu konfrontieren.

Grenzbegriffe

Was lässt sich überhaupt mit Begriffen begreifen und wie und warum? – Dabei geht es offenbar sehr unterschiedlich zu, je nachdem man es mit einer Natur- oder Geisteswissenschaft zu tun hat; immer aber geht dem Begriff die normale gesprochene Alltagssprache voraus, die in der Wolle gefärbt metaphorisch ist. Wenn nun ein alltägliches Bildwort – Verstand, Intelligenz – zum Begriff wird, dann bedeutet das nichts anderes als dass seine Benutzung geregelt – definiert - wird. Zum Beispiel sieht die Definition des Begriffs Intelligenz bestimmte Testverfahren vor, deren Ergebnis in einer Zahl ausgedrückt werden kann, dem Intelligenz-Quotienten.

  • Naturwissenschaftliche Begriffe sind formal, es sind Elemente einer mathematischen Sprache, die eindeutige Entscheidungen hinsichtlich der Objekte und der richtigen Resultate von Berechnungen ermöglicht.
  • Philologische und historische Begriffe sind ebenfalls in wissenschaftlichen Bezugssystemen eindeutig definiert, aber nicht Elemente von Berechenbarkeit. Denn das Verhalten der Menschen in der Geschichte und in der Sprache ist vieldeutig, man kann es nicht vorausberechnen oder in formale Gleichungen auflösen.
  • Philosophische Begriffe sind ihrer Natur nach perspektivisch. Von einem „Ansatz“ her bekommt man immer nur eine Seite der Wirklichkeit in den Blick. Zwar versuchen Philosophen immer wieder einen Blickpunkt einzunehmen, von dem aus sie die Blickpunkte der Philosophenkollegen „überblicken“ können; es gibt dabei sogar „Fortschritte“, aber einen Überblick über das Ganze, über Gott und die Welt, gibt es nicht und kann es nicht geben.

Alle Begriffe, von denen bis hier die Rede war – die normalen Begriffe – benennen Erfahrungen, die Menschen wirklich machen oder sich wenigstens ausdenken können. Es gibt aber noch andere: Mit Hilfe von Grenzbegriffen sind wir nämlich in der Lage, etwas zu bezeichnen, was wir noch nie in irgendeiner Form erlebt haben und uns daran als Idee, als Zielvorgabe zu orientieren.

Ein Beispiel dafür ist Gesundheit. Die Weltgesundheitsorganisation definierte 1946 in ihrer Charta: Gesundheit ist der Zustand vollständigen körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens und nicht allein das Fehlen von Krankheiten und Gebrechen. [3] Man kann es ausprobieren: Niemals wird man umfassendes Wohlbefinden an sich feststellen, schon die Suche nach Einschränkungen des vollständigen körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens vertreibt das uneingeschränkte Wohlbefinden. Unser Empfinden ist dem Wohlfühlen am nächsten, wenn wir unsere Aufmerksamkeit nicht darauf richten, sondern uns mit etwas anderem beschäftigen.


Ähnliches gilt von den anderen Grenzbegriffen der nachfolgenden Liste, die keineswegs vollständig ist und auch mit anderen Schwerpunkten gefüllt werden kann.

Grenzbegriffe

...im guten Sinne ...und die Störungen bei ihrem Fehlen
Wohlbefinden

Gesundheit

Schmerz

Todesgefahr

Gerechtigkeit Willkür
Sicherheit

Geborgenheit

Angst
Frieden Hass
Ordnung Chaos
Ruhe Lärm

Stress

Selbstverwirklichung Fremdbestimmung
Summe: Heil Nichtigkeit

Die in der Tabelle benannten Grenzbegriffe bezeichnen Werte, von denen wir träumen und nach denen wir uns sehnen; aber wir können das nicht einfach auch sein lassen. Denn diese Werte haben orientierende Kraft. Dabei kann man die Gerechtigkeit der Geborgenheit vor- oder nachordnen, die Sicherheit über das Wohlbefinden stellen oder umgekehrt: Entscheidend ist, dass Ideen vorhanden sind, denn sonst laufen wir orentierungslos durch die Wüste des Lebens.

Auch der Zusammenhang der Grenzbegriffe zu den Heldengeschichten, zu all den Romanen, Theaterstücken und Filmen, ist kaum zu übersehen. Es ist die Prämisse, die jede gute Geschichte mit "ihrem" Grenzbegriff verknüpft. James Frey [4] sagt dazu:

Hat jede spannende Geschichte ihre Prämisse? Ja. Eine und nur eine Prämisse? Ja.

Und daraus ergibt sich auch die zentrale Anweisung zur Figurenkonstruktion:

Im Zentrum der Figur: Die beherrschende Leidenschaft

Und dabei geht es um Leidenschaft für Liebe, Ruhm, Reichtum, Gesundheit, Gerechtigkeit, Sieg. Davon erzählen Schnulzen und Groschenkrimis genauso wie die großen Werke der Weltliteratur, und Theater und Film machen nichts anderes.

Die Entwicklung zum Glaubensbekenntnis

Auferstehung als "Urknall" des Christentums

Die Auferstehung Jesu ist der Urknall des Christentums.[5]

Wir wissen nahezu nichts von Jesus, was nicht durch die österliche Erfahrung eingefärbt ist. Die Metapher "Urknall" bezeichnet höchst präzise, was die österliche Erfahrung ist: Sie kann nicht als historisches Ereígnis, nicht als individuelles Erlebnis begriffen werden wie auch der Urknall nicht als physikalischer Prozess verstanden werden kann. In beiden Fällen können wir nur durch die beobachtbaren Wirkungen auf eine Ur-Sache zurückschließen. Wie die plötzliche Existenz der Kirche durch ein gewaltiges Erlebnis verursacht worden sein muss, so wird auch der Urknall durch Zurückberechnen aus den erforschbaren Vorgängen im Weltall rekonstruiert. Psychologische Erklärungshypothesen - etwa der Auferstehungsglaube sei eine Form der "Trauerarbeit" gewesen - können nicht über den zwingenden Schluss auf ein Urereignis hinwegtäuschen. Das kann man gut an einer Geschichte aus dem Johannesevangelium zeigen:

Simon Petrus, Thomas, genannt Didymus (Zwilling), Natanaël aus Kana in Galiläa, die Söhne des Zebedäus und zwei andere von seinen Jüngern waren zusammen. Simon Petrus sagte zu ihnen: Ich gehe fischen. Sie sagten zu ihm: Wir kommen auch mit. Sie gingen hinaus und stiegen in das Boot. [Johannes 21,3-4]

So schrecklich der Tod Jesu gewesen ist, es war auch eine Erleichterung. Ein Verstorbener beansprucht die Seinen nicht mehr in dem Maß wie ein Lebender. Die Jünger sind jetzt nicht mehr genötigt, sich mit den schwer vermittelbaren Forderungen der Begrpredigt auseinanderzusetzen, zu zweit aufzubrechen um den Armen das Reich Gottes zuzusagen. Sie machen jetzt das, was sie gelernt haben und können: Petrus geht fischen, und die anderen finden das eine gute Idee und machen mit. Diese Rückkehr zu alten Gewohnheiten durchbricht die Erfahrung der Auferstehung nachhaltig.

Die Schüler Jesu sind jetzt herausgefordert, die Anliegen Jesu weiter zu verfolgen - und zwar unabhängig, ohne Hilfe des Meisters. Wenige Jahrzehnte später gibt es nicht nur das Zusammenleben der Gemeinde Jesu und die mündliche Weitergabe seiner Botschaft und der Geschichten über ihn, sondern nachweislich auch schriftliche Aufzeichnungen, die zu Vorstufen der griechischen Bibel wurden.

Eine Kernfrage des Neuen Testamentes lautet: Was hat sich durch das Auftreten, den Tod und die Auferstehung Jesu eigentlich verändert? Die Antwort ist nicht einmal, sondern vielfach gegeben worden. Ein oft gebrauchter Begriff ist die Rechtfertigung; unter dieser Überschrift ist daher den verschiedenen neutestamentlichen Erlösungsmodellen ein eigener Artikel gewidmet.

Namen für Jesus

Seit Ostern waren die Jünger Jesu der Überzeugung, dass Jesus nicht nur ein besonderer Mensch gewesen war, ein weiterer Prophet, sondern dass in ihm Gott selbst für die Erlösung der Menschen tätig geworden war. Neben das jüdische Bekenntnis zu Gott, der uns aus Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus [Deuteronomium 6,12] trat gleichberechtigt das neue Bekenntnis zu Gott, dem Vater, der Jesus Christus aus den Toten auferweckt hat. [Galaterbrief 1,1]

Damit hatte Gott, so glaubten die Anhänger Jesu, endgültig gezeigt, wie er in Wahrheit ist und dass er dafür sorgen will, dass der Traum des Menschen vom Heil in einer Weise wahr wird, die unsere Vorstellungen sprengt. Die Anwesenheit Gottes in Jesus drückte man nun in einer ersten Stufe so aus, dass man traditionelle jüdische Namen für Erlöserfiguren auf Jesus anwandte:

  • Das Lamm. Damit verbanden sich drei Assoziationen:
    • Das Lamm war ein Opfertier der Juden, das als Opfer der Familie zum Passahfest besonders vertraut war [Exodus 12].
    • Es symbolisiert Unschuld, Reinheit, Fehlerlosigkeit, denn nach Exodus 12,5 darf nur ein makelloses Lamm zum Paschafest genommen werden. So sagt 2 Korinther 5,21: Er hat den, der keine Sünde kannte, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm Gerechtigkeit Gottes würden.
    • Auf Jesus ließ sich eine Prophezeiung des Propheten Jesaia [53,7] anwenden: Wie ein Lamm, das man zum Schlachten führt, so tat auch er seinen Mund nicht auf. Jesus verzichtete darauf sich vor Pilatus zu verteidigen.
  • Messias, der Gesalbte und Gesandte (Gottes) ist in griechischer Übersetzung (Christos) mit lateinischem Ende (Christus) zum „Nachnamen“ Jesu geworden.
  • Menschensohn: Eine Figur, die aus Visionen des Daniel [7,13-14] bekannt ist, mit denen der Seher Ezechiel [2-3] sich selbst von Gott bezeichnet hört.
  • Sohn Gottes: In den Königspsalmen (z. B. 2,7; 88,28) und anderen Texten wird die Rückkehr des historischen Königs Dawid (1040-1000 v. Chr.) als künftige Erlösergestalt vorausgesagt und ihm in Gottesrede der Titel „Mein Sohn“ gegeben. Im jüdischen Verständnis ist also die Bezeichnung „Sohn Gottes“ nicht weit entfernt von dem Namen „Messias“.
  • Wort (griechisch: Logos) Gottes. Diese Bezeichnung benutzt nur der Evangelist Johannes [1,1-4]. Sie bezeichnet Jesus als Schöpfungsmittler, denn in Genesis 1 wird die Welt durch Befehle Gottes ins Sein gerufen. Was es bedeutet, Jesus als Gottes ewiges Wort anzusprechen, wird entfaltet in vielen anderen Metaphern der Rolle Jesu: Jesus ist Weg, Wahrheit und Leben [14,6], Brot des Lebens [6,35], Licht der Welt [8,12], Tür zur Rettung [10,9], guter Hirt [10,11], Auferstehung und Leben [11,25], wahrer Weinstock [15,1 und 5]. In Anspielung auf die Selbstvorstellung Gottes vor Moses - Ich bin, der ich bin. [Exodus 4,14] und auf die sein Todesurteil heraufbeschwörende Antwort Jesu vor dem Hohen Priester - Ich bin es. [Markus 14,62] formuliert Johannes die Metaphern der Rolle Jesu als Ich bin-Aussagen. Der historische Jesus hat so nicht gesprochen sind, Johannes gliedert aber sein Evangelium durch diese zentralen Metaphern. Sie erklären Jesus zum Helden aller Helden, zum Verwirklicher aller durch Grenzbegriffe beschreibbaren positiven Qualitäten des individuellen und sozialen Lebens.

Die Entwicklung der Lehre über Jesus

Schon das Neue Testament ist in griechischer Sprache geschrieben: Die Religion, die im jüdischen Kulturraum entstanden war, muss sich im römischen Reich behaupten, in dessen Ostteil griechisch gesprochen und gedacht wird.

Die Griechen haben aber kaum Probleme damit, den christlichen Monotheismus zu verstehen. Auch ihre eigenen Philosophen - allen voran Platon und Aristoteles - hielten es für zwingend, dass es nur einen Gott geben kann, der die sichtbare Welt und die unsichtbare Welt der Geister, von deren Existenz man ebenso fest überzeugt ist, in Bewegung hält.

Aber für die philosophischen Schulen ist es unvorstellbar, dass Gott, der Inbegriff der Erhabenheit und Einheit, sich einlassen könnte auf die Art körperliches Leben, die wir Erdlinge kennen. Als Paulus in Athen auf den Mann zu sprechen kommt, den Gott dazu bestimmt und vor allen Menschen dadurch ausgewiesen hat, dass er ihn von den Toten auferweckte [Apostelgeschichte 17,31], verlieren die Griechen die Lust weiter zuzuhören.

Verschiedene einflussreiche Autoren - z.B. Markion (100-160) - versuchen den Griechen das Christentum dadurch schmackhaft zu machen, dass sie sagen, Jesus sei gar nicht wirklich Mensch gewesen, sondern nur zum Schein. Demgegenüber müssen sich in Rom 200 die Täuflinge zu dem Satz bekennen: Er ist geboren von der Jungfrau Maria und hat gelitten unter Pontius Pilatus. (Taufbekenntnis Rom 200) Damit ist die Menschlichkeit des Erlösers an den Eckpunkten seines Lebens - Geburt und Tod - dem Zweifel entzogen.

Arius (260-336), ein Priester, der die meiste Zeit in der ägyptischen Stadt Alexandria lebte, erkannte zwar die Menschlichkeit Jesu an, bestritt aber, dass er in einer einzigartigen Verbindung zu Gott stand. Damit war wieder ausgeschlossen, dass der erhabene Gott in die Leiden der materiellen Welt verstrickt sein könnte. Auf dem Höhepunkt des Streites begrüßten sich die Alexandriner auf der Straße mit Sätzen wie Es gab ihn nicht, bevor er nicht geschaffen wurde. Gab dann einer zur Antwort Eines Wesens! (damit war gemeint, dass Jesus Gott im Wesen gleichgestellt sei), ging die Schlägerei los.

Es war Kaiser Konstantin, der die Bischöfe des römischen Reiches 325 zum Konzil in Nikaia zusammenbrachte, das sich auf die Formel verständigte, die heute noch Woche für Woche im Glaubensbekenntnis ausgesprochen wird:

Wir glauben an den einen Herrn Jesus Christus,

den Sohn Gottes, der als Einziggeborener aus dem Vater gezeugt ist, Gott aus Gott, Licht aus Licht, wahrer Gott aus wahrem Gott, gezeugt, nicht geschaffen, eines Wesens mit dem Vater; durch den alles geworden ist, was im Himmel und was auf Erden ist; der für uns Menschen und wegen unseres Heils herabgestiegen und Mensch geworden ist, gelitten hat und am dritten Tage auferstanden ist, aufgestiegen ist zum Himmel, kommen wird um die Lebenden und die Toten zu richten.[6]


Griechisches und christliches Denken

Die Philosophie befasst sich nicht mit irgendwelchen seltenen oder fernen Erscheinungen, sondern mit dem, was wir sehr oft und mit großer Selbstverständlichkeit tun: Wir benutzen zum Beispiel recht häufig die Vokabel "sein". Aber was wir eigentlich genau damit meinen, ist die Fragestellung der Ontologie (zu deutsch: Lehre vom Sein).

Wie kann ich an die Frage herangehen, was ein Stuhl ist?

1. Ansatz: Essentialistische Ontologie

Ich schaue mir an, aus welchen Materialien der Stuhl besteht, zum Beispiel aus Holz, Schaumstofffüllung und Baumwollgewebe. Dann schaue ich mir an, welche Form diesen Materialien gegeben wurde. Aus Materie und Form setzt sich das Wesen (lateinisch essentia) einer Sache zusammen. Daher hat die essentialistische Ontologie ihren Namen.

Die geschilderte Untersuchungsmethode wäre gut für Menschen, die Interesse daran haben, selber einen Stuhl herzustellen. Ein Sein (oder Wesen) verstehen bedeutet für solche Menschen, das, was ist, selbst konstruieren zu können.

Folgt man dieser Perspektive weiter, dann erscheint die Form, die Idee, der Plan eines Stuhles oder einer anderen Sache viel vornehmer und erhabener als ihre materielle Verwirklichung: Die Idee des Stuhles kann niemand zerstören, um den wirklichen materiellen Stuhl zu vernichten, reicht ein Feuerchen.

Wenn es also einen Gott gibt, den man sich als das erhabenste aller Wesen denken muss, dann kann man sich nicht vorstellen, dass er irgendwas mit Materie zu tun hätte, dass er veränderbar wäre oder gar leiden könnte. Gott muss in der essentialistischen Philosophie eine reine Idee sein.


2. Ansatz: Relationale Ontologie

Ich kann aber auch herausfinden, wozu der Stuhl da ist, nämlich zum Sitzen. Die meisten Menschen stellen ja nicht alle Tage Stühle her, aber sie benutzen welche. Wenn ich anfange das Sein zu untersuchen, dann sollte ich nicht so tun, als wäre ich, der Forschende, gar nicht mit im Raum: Mich interessieren die Sachen und vor allem die Mitmenschen doch erst mal deshalb, weil ich mit ihnen etwas anfangen kann, weil ich mit ihnen eine Beziehung (lateinisch relatio) haben kann. Daher heißt dieser Ansatz relationale Ontologie.

Auch das Wesen eines Menschen kann als eine Beziehung aufgefasst werden: Es ist die Beziehung der Identität mit sich selbst. Und Selbstidentität ist das Ergebnis von Arbeit, wie der schöne Buchtitel von Richard David Precht verdeutlicht: Wer bin ich, und wenn ja, wie viele?

Wenn man dieser Perspektive folgt, dann muss man sich Gott als die erhabenste und vollkommenste denkbare Beziehung denken; das ist die Beziehung der Liebe. Ein Gott, der die Menschen liebt, ja, der Liebe ist: Das ist der Gottesgedanke der Christen.


Gegenüberstellung

Kategorie Essentialistische Ontologie Relationalistische Ontologie
Maßgebliche Erfahrung Herstellung, Konstruktion Selbsterfahrung als Lebewesen
Sein = Form (in Materie) Sein für andere
Primär Identität Beziehung
Abgeleitet Beziehung als Eigenschaft unter anderen Identität als Beziehung zu sich selbst
Gottesidee Das Unveränderliche Die Liebe

Christliche Theologie argumentiert logisch nach dem Vorbild der griechischen Philosophie. Sie hält aber zugleich daran fest, dass Gott kein logisches Konstrukt ist, sondern Held einer Geschichte, in der auch wir Menschen mitspielen.

Nicht übergangen werden darf zuletzt, dass die philosophische Einstellung auch ethische, psychologische und soziale Folgewirkungen hat. Die griechische Philosophie nahm zum Beispiel keinen Anstoß daran, dass ein Mensch als Sklave zum Besitz eines anderen gehört.[7] Im Christentum konnten Sklaven von Anfang an Mitglieder der Gemeinden werden. Auch Kaiser Konstantin sah in Sklaven nicht einen bloßen Besitz, vergleichbar einem gezähmten Tier, und verbot 325, Sklaven im Gesicht zu brandmarken.

Stift.gif   Aufgabe 1

Versuche, die Menschenwürde jedes Menschen mit dem Gottes- und Seinsbegriff der relationalen Ontologie in Verbindung zu bringen!

Christus im Bild

Siehe auch

Anmerkungen

  1. Gerd Theißen: Zur Bibel motivieren, Gütersloh 2003
  2. Joseph Campbell: Der Heros in tausend Gestalten (1948) tb Ausgabe dt. Frankfurt 1999
  3. Quelle: http://www.dhmd.de/forum-wissenschaft/fachtagung03/richter_vg.htm
  4. James Frey: Wie man einen verdammt guten Roman schreibt, (1987), dt. Köthen 1996, Zitate auf S. 75 und S. 33
  5. Das sagte der Gießener Rligionspädagoge Franz-Josef Bäumer auf einer Tagung der religionspädagogischen Arbeitsgemeinschaft Gießen am 30. März 2006
  6. Glaubensbekenntnis von Nikaia
  7. Siehe zum Beispiel den Artikel Sklaverei in der Antike