Das Böse

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Inhaltsverzeichnis

Der Teufel

Ein interessantes Thema

Ob es sich um mittelalterliche Bilder und Mysterienspiele, Flugschriften der frühen Neuzeit, Romane, Opern oder Filme handelt: In jedem Genre ist der Teufel dabei. 2012 haben sich 10000 Menschen alleine im Harz zur Walpurgisnacht getroffen, um als "Hexen" und "Teufel" miteinander Party zu machen.[1] Zahlreiche Filme befassen sich mit dokumentierten oder erfundenen Teufelsaustreibungen. Zweifellos gehört der Teufel also zu den biblischen Figuren, die die Fantasie der Menschen am nachhaltigsten beeinflusst haben. Aber wie ist der böse Geist überhaupt in die Bibel hineingeraten und was treibt er in ihr und in der Kirchengeschichte und in der offiziellen Lehre der Kirche? Und wie sollen wir uns dazu verhalten? - Letzten Endes muss das jeder für sich entscheiden; hier können nur ein paar Fakten versammelt werden, was man über den Teufel wissen kann.

Eine eigentümliche "Karriere"

"Satan" ist ein hebräisches Wort und bedeutet zunächst einmal "Feind, Widersacher". In diesem Sinne kommt es vor in Salamos Erleichterungsseufzer:

Jetzt aber hat mir der Herr, mein Gott, ringsum Ruhe verschafft. Es gibt keinen Widersacher [Satan] mehr und keine Gefahr.


1 Könige 5,8

In der persischen Zeit, die mit der Rückkehr aus dem babylonischen Exil ab 537 v. Chr. beginnt und 331 v. Chr. mit den Eroberungen Alexanders endet, lernten die Juden die dualistische Philosophie des ZarathustraWikipedia-logo.png kennen, und jetzt wird aus dem Begriff "Satan" ein Titel und in der weiteren Entwicklung ein Name.

Besonders interessant ist der Vergleich zweier Texte, die dieselbe Begebenheit, die Volkszählung unter König David, erzählen:

Die Bücher 1-2 Samuel und 1-2 Könige bilden zusammen das deuteronomistische Geschichtswerk, welches in wesentlichen Teilen unter König Josia (639-609) abgefasst wurde. Hier schildert man die Sache so:

Der Zorn des Herrn entbrannte noch einmal gegen Israel, und er reizte David gegen das Volk und sagte: Geh, zähl Israel und Juda! Der König befahl Joab, dem Obersten des Heeres, der da war: Durchstreift alle Stämme Israels von Dan bis Beerscheba, und mustert das Volk, damit ich weiß, wie viele es sind.


2 Samuel 24,1-2

Die Bücher der Chronik sind nach dem babylonischen Exil geschrieben worden Entstehungszeiten zwischen 537 v. Chr. (Ende des Exils) und 331 v. Chr. (Ende des Perserreiches) werden angegeben. Hier liest sich die Begebenheit so:

Der Satan trat gegen Israel auf und reizte David, Israel zu zählen.

1 Chronik 21,1

Der Dualismus ermöglicht es, Gott von der Verantwortlichkeit für das Böse zu entlasten, indem man diese einem Widersacher (hebr: Satan) überträgt.

In der Zeit, in der die Juden unter griechischer Oberhoheit lebten (331-165) wurde auch die Bibel ins Griechische übersetzt; die Übersetzung hat den Namen Septuaginta, Werk der Siebzig. Dort wird der Name Satan entweder mit dem griechischen Wort diabolos wiedergegeben, oder das Wort Satan wird an anderen Stellen (z.B. 1 Könige 11,14) auch einfach unübersetzt gelassen und als hebräisches Lehnwort in den griechischen Text eingefügt, manchmal mit einer griechischen Endung als satanas. diabolos bedeutet wörtlich der, der alles durcheinander bringt, im griechischen Sprachgebrauch lassen sich dann als Bedeutungen belegen: der Gehässige, der Verleumder; diabolé bedeutet schlechter Ruf, üble Nachrede. Das deutsche Wort Teufel ist als Lehnwort aus der griechischen Sprache dem Wort diabolos nachgebildet.

Im Neuen Testament tritt der Teufel als Widersacher Jesu Christi auf, vor allem in der Versuchungsszene, z.B. Matthäus 4,1-11. Näher am historischen Jesus dürften wir sein, wenn die Evangelien Jesus als Exorzisten schildern, der die bösen Geister vertreibt. Dies ist auch ein Streitgegenstand mit seinen Gegnern:

Als die Pharisäer das hörten, sagten sie: Nur mit Hilfe von Beelzebul, dem Anführer der Dämonen, kann er die Dämonen austreiben. Doch Jesus wusste, was sie dachten, und sagte zu ihnen: Jedes Reich, das in sich gespalten ist, geht zugrunde, und keine Stadt und keine Familie, die in sich gespalten ist, wird Bestand haben. Wenn also der Satan den Satan austreibt, dann liegt der Satan mit sich selbst im Streit. Wie kann sein Reich dann Bestand haben? Und wenn ich die Dämonen durch Beelzebul austreibe, durch wen treiben dann eure Anhänger sie aus? Sie selbst also sprechen euch das Urteil. Wenn ich aber die Dämonen durch den Geist Gottes austreibe, dann ist das Reich Gottes schon zu euch gekommen.

Matthäus 12,24-28

Eine wichtige Rolle spielt der Satan schließlich in der jüngsten Schrift des Neuen Testamentes, der geheimen Offenbarung, die wiederum mit ihrer Bildgewalt eine große Inspirationsquelle der Kunst aller Epochen werden sollte.

Die katholische Kirche hat im Lauf der Geschichte eine Lehre über den bösen Geist entwickelt. Ihre Zusammenfassung im gültigen Katechismus der katholischen Kirche lautet:

394 Die Schrift bezeugt den unheilvollen Einfluss dessen, den Jesus den "Mörder von Anfang an" nennt (Joh 8,44) und der sogar versucht hat, Jesus von seiner vom Vater erhaltenen Sendung abzubringen'. Der Sohn Gottes aber ist erschienen, um die Werke des Teufels zu zerstören (1 Joh 3,8). Das verhängnisvollste dieser Werke war die lügnerische Verführung, die den Menschen dazu gebracht hat, Gott nicht zu gehorchen.

395 Die Macht Satans ist jedoch nicht unendlich. Er ist bloß ein Geschöpf; zwar mächtig, weil er reiner Geist ist, aber doch nur ein Geschöpf: er kann den Aufbau des Reiches Gottes nicht verhindern. Satan ist auf der Welt aus Hass gegen Gott und gegen dessen in Jesus Christus grundgelegtes Reich tätig. Sein Tun bringt schlimme geistige und mittelbar selbst physische Schäden über jeden Menschen und jede Gesellschaft. Und doch wird dieses sein Tun durch die göttliche Vorsehung zugelassen, welche die Geschichte des Menschen und der Welt kraftvoll und milde zugleich lenkt. Dass Gott das Tun des Teufels zulässt, ist ein großes Geheimnis, aber wir wissen, dass Gott bei denen, die ihn lieben, alles zum Guten führen wird.(Röm 8,28)


Katechismus der katholischen Kirche

Das Gebet um die Befreiung vom Bösen (Der Exorzismus)

Unter Exorzismus versteht man das Gebet um die Befreiung des Menschen von bösen Mächten. Diese Bitte ist Bestandteil des Vater Unser, des meistgebeteten Textes der Welt: Erlöse uns von dem Bösen. Diese Bitte ist integraler Bestandteil der Taufe, die das Sakrament der Trennung vom Bösen und der Eingliederung in die Kirche ist. Und das Exorzismus-Gebet wird gesprochen, wenn ein Mensch glaubt, dass böse Geister von ihm Besitz ergriffen haben.

Mediziner und Psychologen glauben, dass die Phänomene, die von der Kirche als Besessenheit betrachtet werden, als neurologische und psychische Krankheit zu erklären und bestmöglich mit den Methoden der Medizin zu behandeln sind. Aber die zumeist vorgetragene Erklärung, eine Kombination aus Epilepsie, Schizophrenie und Hysterie, wirkt auf andere Beobachter, als habe man schlecht zueinander passende Erklärungen zusammengefügt, um eine übernatürliche Ursache nicht zugeben zu müssen. In dem Film Der Exorzismus der Emily Rose, der nach dem Vorbild des authentischen Falls der Anneliese Michel gedreht wurde, wird diese Kontroverse ausführlich in Form einer Gerichtsverhandlung ausgetragen.

Hexenverfolgung

Authentisches Hexentum

Es vergeht kein Fernsehabend, an dem nicht auch eine Sendung angeboten wird, die den Zuschauer das Fürchten lehrt. Dabei werden nach wie vor die bösen Geister aller Kulturen und Epochen aufgeboten: Untote aus Afrika, Vampire aus Rumänien, Hexen im Mittelwesten der Vereinigten Staaten, Aliens aus den Tiefen des Weltalls oder Zeitreisende aus der fernen Zukunft bevölkern die Schreckensszenarien von Serien wie Ghosthunter oder Akte X, von Kassenschlagern wie Independence Day oder Rosemarys Baby. Wenn in solchen Filmen die Kirche auftaucht, dann ist es fast immer die katholische, die in ihren Traditionen viel mehr fantasieanregend Mystisches mitschleppt: Exorzismus, Stigmatisation, Wunder und die geheimen Keller der Inquisition, das ist der Stoff, aus dem man spannende Geschichten spinnen kann.

Obwohl wir über Chemie und Elektrizitätslehre verfügen, gab 2000 die Mehrheit der Jugendlichen an, die Wirklichkeit werde von übernatürlichen Mächten beeinflusst,[2] viele haben Spiritismus zumindest mal ausprobiert, und niemand kann sich der Schockwirkung entziehen, die eine raffinierte Inszenierung der bösen Geister auslöst.

Umso mehr waren Menschen früherer Zeiten dem Schrecken hilflos ausgeliefert, der von unerklärlichen Krankheiten, Blitz und Donner, Vulkanausbrüchen, Erdbeben, gefährlichen Tieren und anderen Tod bringenden Phänomenen ausging. Abhilfe schafften die Geschichten, die dem Ungeheueren wenigstens Namen gaben, und die Schamanen, Druiden, die heiligen Männer und Frauen, die in der Lage waren, es mit den übernatürlichen Kräften aufzunehmen. Seit mindestens 100.000 Jahren ist diese Art der „Religion“ bei Menschen nachweisbar. Und seit je hat sie Kunst, Musik, Tanz und Drogen, also die ganze Kultur für sich in Dienst genommen. Aus vergleichenden Untersuchungen an Relikten verschwundener Kulturen und einigen noch lebendigen in isolierten Menschengruppen lässt sich auch ein Bild gewinnen, was wohl unter authentischem Hexentum zu verstehen ist: Eine ursprüngliche Form der Religion als Auseinandersetzung mit übernatürlichen Mächten.

Die Motive der Hexenverfolgung

1000 Jahre lang hat das Christentum in Deutschland mit dem Hexentum – genauer: mit vielen lokalen Ausprägungen ursprünglicher Religion - koexistiert - trotz gelegentlicher Übergriffe. Dabei muss man beachten, dass schon in Kulturen, die außer dem Schamanismus keine Religion kennen, eine große Furcht vor denen herrscht, die Geisterreisen unternehmen. Wie die Geister selbst unheimlich sind, so geht das Grauen auch auf die über, die sich mit ihnen professionell befassen. Und manchmal werden die Schamanen auch getötet, zum Beispiel wenn sie die Kranken nicht mehr heilen können,[3], erst recht natürlich, wenn sie ihrer Gruppe Unglück bringen.

1500 brach die Neuzeit an, die so vieles durcheinander brachte: Der frühe Kapitalismus trennte Arme und Reiche, die Wissenschaft Wissende und Unwissende, der Absolutismus Herren und Machtlose, die Reformation Katholiken und Protestanten. Buchdruck und Druckgrafik ermöglichten die Benachrichtigung vieler Menschen auf einmal, und zum Interessantesten gehörte damals wie heute das Unheimliche, der Teufel, der die Kinder holt, der Werwolf, der ins Dorf einfällt.

Die Theologie hielt es seit je für möglich, dass böse Geister vom Menschen Besitz ergreifen. Nun aber kommt 1484 das Handbuch eines Inquisitors heraus – der Hexenhammer von Heinrich Kramer -, das Hexerei definiert und Anleitungen für Prozesse gegen vom Teufel besessene Frauen und Männer enthält. Gleichzeitig beginnt mit der Reformation eine Abfolge von brutalen Auseinandersetzungen, in denen die mittelalterliche Ordnung des römischen Reiches in die neuzeitliche Ordnung souveräner Territorialstaaten übergeht.

Das ist der Hintergrund der Hexenprozesse, in denen nachweislich etwa 4000 Frauen und Männer verurteilt wurden, wobei aber sehr viele Dokumente verloren gingen, so dass die Opferzahlen auf etwa 60.000 hochgerechnet worden sind. Zahlen, die in die Millionen gehen, werden seit dem 18. Jahrhundert immer wieder genannt, sind aber nicht auf Belege gestützt. 75 – 80 % der Opfer waren Frauen; die Hexenverfolgung war auch Teil frühneuzeitlicher Bestrebungen, Frauen zugunsten männlicher Konkurrenz aus dem Arbeitsleben herauszudrängen.[4]

Man darf sich die Hexenverfolgung nicht als eine zentral gesteuertes Vorgehen denken. Wie schon die Reste der vorchristlichen Religion von Region zu Region anders aussahen, so auch deren Verfolgung. Mircea Eliade erzählt das Beispiel der Benandanti,[5], die seit unvordenklichen Zeiten in Mittelitalien vier mal im jahr gegen böse Geister kämpften. Ende des 16. Jahrhunderts gerieten sie in den Fokus der Inquisition. Anfangs leugneten sie noch vehement, irgendetwas mit dem Teufel oder sexuellen Ausschweifungen zu tun zu haben. Doch die Inquisitionsprozesse führten dazu, dass die Benandanti das zugaben, was ihnen ihre Richter unterstellten und sich nun selbst als vom Teufel Besessene beschrieben. Innerhalb eines halben Jahrhunderts wurde diese Gruppe vernichtet.

Die Bewertung der Hexenverfolgung

Aus heutiger Sicht sind die Todesurteile nicht zu rechtfertigen, und die Beteiligung der Kirche an den Prozessen ist selbstverständlich mit ihrem Auftrag, Agentin des Reiches Gottes auf Erden zu sein, nicht zu vereinbaren. Daran ändert sich natürlich auch nichts, wenn man Dietmar Nix zum Teil Recht gibt, dass von Kirchengegnern Zahlen übertrieben und Zusammenhänge falsch dargestellt worden sind.

Johannes Paul II. hat den richtigen Instinkt bewiesen, als er es gegen Widerstände durchsetzte, Gott im Namen der Kirche für ihre historischen Vergehen um Vergebung zu bitten.[6] Davon stehen zwar die Getöteten nicht wieder auf; aber die Menschenrechte werden zum Maßstab kirchlichen Handelns erklärt, und das ist ein nötiges Signal in einer Welt, in der bis heute das Wirken böser Geister für ein Phänomen gehalten wird, das man durch Morde (in Tansania in den neunziger Jahren 100-200 Fälle) bekämpfen kann.

Einzelnachweise

  1. http://www.zeit.de/news/2012-05/01/brauchtum-walpurgis-im-harz-hexentanz-und-teuflisches-treiben-01133803
  2. 13. Shell Jugendstudie 2000, Band 1, 157-180
  3. siehe Klaus Müller: Schamanismus, München 1997, 94
  4. Anke Wolf-Graf: Frauenarbeit im Abseits, München 1981, Teil III: Auf den Spuren der Frauenarbeit, Seite 290-405.
  5. Mircea Eliade: Geschichte der religiösen Ideen Band 3/1, Freiburg 1983, 220-223
  6. Das große Schulbekenntnis des Papstes, feierlich gesprochen am 12. März 2000 im Petersdom: Oft haben die Christen das Evangelium verleugnet und der Logik der Gewalt nachgegeben. Die Rechte von Stämmen und Völkern haben sie verletzt, deren Kulturen und religiöse Traditionen verachtet:.