Offenbarung

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Der profane Begriff "Offenbarung"

Der Begriff „Offenbarung“ hat neben der religiösen auch alltägliche Bedeutungen:

  • Wenn ein Menu alle Vorstellung sprengt, ein Weinjahrgang alles je dagewesene übertrifft, ein Kunstwerk völlig neue Dimensionen erschließt, dann wird das gelegentlich auch so gesagt: Das ist eine Offenbarung!
  • Wenn jemand zahlungsunfähig ist, sagt man: Er muss den Offenbarungseid leisten.
  • Enger bei der religiösen Begriffsverwendung sind wir, wenn jemand einem anderen Menschen etwas Wichtiges miteilt, was er bislang verschwiegen hat, weil es ihm peinlich war, weil es den anderen nichts angeht, weil es dem anderen Macht verleiht oder weil die Mitteilung aus anderen Gründen ein Risiko birgt, dann sagt man: Er hat sich ihm offenbart.
  • Schließlich benutzen wir das Adverb offenbar, zum Beispiel in dem Satz: Offenbar hat der Präsident über seine Geschäftsbeziehungen im Parlament nicht die volle Wahrheit gesagt. Damit ist gemeint, dass die Wahrheit dieser Feststellung nicht bestritten werden kann, und damit ist der Vorwurf verbunden, dass andere offenbar blind sind und die Wahrheit nicht anerkennen wollen.

Der theologische Begriff "Offenbarung"

Der Begriff „Offenbarung“ ist Bestandteil der monotheistischen Religion. Im Mythos sind die Götter Bestandteil der Welt und benehmen sich wie Menschen: Mal launisch, mal gerecht, mal freundlich, mal feindselig. Man kann gegen den Willen der Götter verstoßen - freveln - und heftig dafür büßen, aber der Verstoß kann ganz ohne böse Absicht geschehen – wie zum Beispiel Ödipus den ihm unbekannten Vater tötet. Im Mythos ist es am besten, wenn die Götter mit sich selbst beschäftigt sind und sich um die Menschen möglichst wenig kümmern. Götter, die zugunsten des Menschen eingreifen, wie Prometheus, können dafür sehr schmerzhaft bestraft werden.

Der eine Gott aber wird als Gegenüber zur Welt dargestellt; er greift zugunsten der Schwachen und Unterdrückten in den normalen Ablauf der Dinge ein, um ihm eine andere Richtung zu geben. Als zum Beispiel die Könige Israels machen, was alle Könige ringsum auch machen (durch ein korruptes System Macht, Reichtum, Luxus sammeln, Städte, Paläste und Tempel errichten mit Mauern drumherum, willkürlich regieren, geschützt durch die Mauern der Geheimhaltung und die Nebelwände der Intransparenz), dann schickt Gott seine Propheten – Elijah, Amos, Hosea -, die in seinem Namen das Unrecht aufdecken. Als König Joschija die Religion dieser Propheten für seinen eigenen Machtsanspruch einspannt, widerspricht ihm der Prophet Jeremiah; als die Babylonier die Juden deportieren, damit das Volk im Vielvölkergemisch aufgeht, halten Ezechiel, Jeremiah und ein Prophet aus der Schule des Jesaia die Anhänger JHWHs zusammen – bis zur Befreiung durch den Perserkönig Kyros.

Aber das meistbenutzte Buch der Bibel ist das Buch der Psalmen. Es zeugt davon, dass Menschen von Gott aus der Verzweiflung befreit werden, dass sie von bösen Handlungen abgehalten werden, dass der Gedanke an Gott ihnen Freude, Hoffnung und Trost gibt. Es ist also nicht immer nur die Wende der Religionsgeschichte, die durch einen Eingriff Gottes herbeigeführt wird, sondern Offenbarung kann sich in jedem menschlichen Leben ereignen.

Beglaubigung der Offenbarung

Offenbarung kann das Leben eines einzelnen Menschen verändern, und sie kann der Religionsgeschichte eine neue Wendung geben. Beides bedingt sich gegenseitig, wie besonders am Fall des Paulus deutlich wird, der durch eine Christusbegegnung vom Feind zum Anhänger des Christentums wurde und anschließend durch seine Heidenmission und die in seinen Briefen entwickelte Theologie die Kirchengeschichte maßgeblich geprägt hat.

Eine heikle Frage ist dann aber die nach der Authentizität einer bestimmten Offenbarung: Hat sich in ihr wirklich Gott gemeldet oder handelt es sich um Einbildung, Einflüsterung des Satans, Einfluss von anderen Menschen? In der Bibel kann man eine Reihe von Stellen finden, in der die Echtheit der Offenbarung durch Wunder beglaubigt wird:

Es lassen sich jedoch auch Stellen finden, die den Zusammenhang in Frage stellen, die zur Skepsis gegenüber Wundern mahnen und den Glauben loben, der ohne wunderbare Erlebnisse auskommt:

Die Auslegungsbedürftigkeit der Offenbarung

Die Bibel ist nicht dazu geschrieben, von einzelnen Menschen auf der Couch oder am Strand gelesen zu werden wie ein Roman; sie ist auch nicht dazu geschrieben, mit Marker und Exzerptheft und Lexikon studiert zu werden wie ein Fachbuch. Viel mehr ist sie geschrieben, damit in der Gemeinde aus ihr vorgelesen wird und die Lesung von einer Auslegung begleitet ist. An vielen Stellen überliefert die Bibel bereits Interpretation der Überlieferung, und die Tusche der Tora-Urschrift war noch nicht durchgetrocknet, da begann sich bereits eine Kommentarliteratur zu bilden, die einige Jahrhunderte später in den Talmud aufgegangen ist.

Das fundamentalistische Fehlverständnis der Offenbarung

Wer nach dem Vorbild Jesu und Petri einen See betritt im festen Glauben, dass das Wasser ihn trägt, wenn Gott nur will, der ist ein Idiot, und wer nach dem Vorbild Abrahams [Genesis 22] seinen Sohn schlachten will, überzeugt, dass ihm Gott schon in den Arm fallen wird, oder wer die Vernichtung der Heiden oder der Homosexuellen oder einer anderen Gruppe vorbereitet, weil das doch angeblich im Gesetz so vorgeschrieben sei, der ist ein Verbrecher. Für Idiotien und Verbrechen solcher Art kann man auch nicht Gott oder der Offenbarung oder der Bibel die Verantwortung geben, denn für meine Interpretation der Bibel in Wort und Tat trage ich die Verantwortung selbst.

Der Fundamentalismus leugnet die Notwendigkeit, Offenbarung auszulegen und die dadurch selbstredend entstehende Vielfalt der Auslegungen, die im Lauf der Zeit aber auch in ein und derselben Zeit durch unterschiedliche Perspektiven entstehen als Reaktion auf die jeweiligen gesellschaftlichen und religiösen Herausforderungen. Weil aber die eigene Auslegung nicht als eine unter anderen möglichen Auslegungen verstanden wird, wird sie mit der Aussage der Offenbarung selbst verwechselt. Es scheint, als habe man die Bibel schon verstanden, wenn man an die Erschaffung der Tiere Art für Art, an die Sintflut, an die Spaltung des Meeres, an die Vernichtung der Baalspriester, an die Brotvermehrung und an die Himmelfahrt Jesu „glaubt“, und als sei es schon Glaubensverweigerung, Gott nicht zuzutrauen, solche Ereignisse zu bewirken. Dem Fundamentalisten fällt gar nicht auf, dass er damit festgelegt hat, welche Allmachtsproben Gott abzulegen hat, um für ihn, einen Menschen, als Gott durchzugehen. Auch diese Logik ist merkwürdig: Das Wunder beweist die Göttlichkeit Gottes und die Berechtigung des Glaubens. Aber von diesem Wunder berichtet nur die Bibel – keine andere historische Quelle. Der Bibel muss man also glauben, sodass der Glaube zum Beweis für den Glauben werden soll.

Richtig ist: Die Suche nach Fakten, die Nutzung der Texte als historische Quellen ist ein Interpretationsansatz biblischer Schriften, und man kann leicht aus der Bibel ableiten, dass dieser Interpretationsansatz an den meisten Texten scheitert. Die Bibel ist eine gute Quelle für das Denken des historischen Paulus, für die Ereignisse der Makkabäerzeit, der Zeit des babylonischen Exils: In diesen Epochen passen auch die Texte der Bibel gut zu außerbiblischen Quellen und archäologischen Funden. Über die Urgeschichte, die Abrahamszeit, die Moseszeit, die Davidszeit gibt es in der Bibel keine Dokumente, die man datieren und ohne begründete Zweifel in den Ablauf der Profangeschichte integrieren könnte; aus dem Leben Jesu ist einzig die Hinrichtung mit einiger Plausibilität datierbar: Auf den 7. April 30.

Ziel und Zweck der Offenbarung

Sinn und Zweck seiner Botschaft hat Jesus in einen kurzen Ruf gekleidet:

Kehrt um! Das Himmelreich ist nah!

Stift.gif   Aufgabe

Suche Dir auf einem Platz einen bestimmten Punkt aus, um dich dahinzustellen. Dreh Dich in eine bestimmte Richtung. Dann gehe geradeaus, bis es nicht mehr sinnvoll ist, weiterzugehen, weil du vor eine Wand gelaufen bist, vor einem Blumenbeet stehst und dir beim Weitergehen die Schuhe schmutzig machen würdest oder an eine andere Grenze geraten bist. Dann drehe dich um und gehe zu deinem Ausgangspunkt zurück!

An welche Situationen erinnert dich diese "Umkehr"?

Wer seine Richtung stur, beibehält kommt irgendwann an eine Grenze, wo es nicht mehr geradeaus weitergeht, wo die Sackgasse zuende ist. Dann bleibt nichts anderes übrig als umzukehren. Angenehmer ist es, auf einen Rat zu hören, ein Hinweisschild zu beachte und die Sackgasse erst gar nicht zu betreten, rechtzeitig nach einem besseren Weg zu suchen.

Menschen arbeiten bis zum Umfallen, trinken bis der Arzt kommt, verstricken sich in die Machenschaften krimineller Banden, sie ignorieren wichtige Tatsachen des Lebens. Menschen halten sich für unbesiegbar, für ewig, sie glauben, ohne die anderen ginge alles besser, Arroganz und Feindseligkeit seien gute Methoden, Wünsche erfüllt zu bekommen.

Offenbarung ist geeignet, den Marsch in die Sackgassen solcher Grundhaltungen zu stoppen, Umkehr anzustoßen, das Leben auf die Wahrheit zu gründen und dadurch frei zu werden.