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ZUM-Wiki-Theorie

aus ZUM-Wiki, dem Wiki für Lehr- und Lerninhalte auf ZUM.de
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Ausgangspunkt

Im Wikipedia-Bereich besteht eine deutliche Skepsis gegenüber theoretischen Reflexionen über Funktionsweise und Perspektiven der Wikipedia. Der vorliegende Artikel stellt den Versuch dar, die Potenziale des Wiki-Systems zu untersuchen. Zunächst wird sehr ausführlich auf die Realisierung des Wiki-Systems im Rahmen der Wikipedia eingegangen. Die Ausführungen sind weitgehend aus der Wikipedia entnommenWikipedia-logo.png. Im zweiten Abschnitt sollen die Potenziale des ZUM-Wiki beschrieben werden. Allerdings: die Ausführungen zum ZUM-Wiki ohne Kenntnis des vorangehenden Teils zu lesen, ist nicht wirklich sinnvoll.

Inhaltsverzeichnis

Merkmale der Wikipedia

Die Wikipedia zeigt alle Merkmale eines idealen Instruments kollektiver Wissenskonstruktion auf: extrem leichte Technik, so dass jeder sich beteiligen kann, optimale Verlinkungsmöglichkeiten, so dass nicht nur alle Artikel (Wissensbausteine), sondern auch alle Benutzer miteinander vernetzt werden können, und dies weltweit, weil es WP in allen Weltsprachen gibt. Ein weiterer Faktor ist das Engagement der WP-Betreiber (150 Administratoren), die das Instrument funktionstüchtig erhalten. Die WP könnte die Wissenschaft revolutionieren, denn sie bietet die Möglichkeit, unerschöpfliche intellektuelle Ressourcen zur Konstruktion von Wissen zu mobilisieren. Für eine Analyse der WP muss zwischen zwei Bereichen unterschieden werden: zum einen der Kommunikationsplattform als Instrument, zum anderen den Akteuren (Benutzer und Administratoren). Zumindest in der deutschen WP scheint es an einer guten Theorie zu fehlen, was zu Widersprüchen in der Alltagshandhabung durch die Betreiber führt. Grundsätzlich scheint, über die leistungsfähige WP-Kommunikationsplattform hinaus, die WP als Sozialisationsraum für User zu dienen: die Grundregel "assume good faith" könnte das Verhalten der Benutzer nachhaltig positiv beeinflussen.

Wikipedia als Forschungsinstrument

Im 19. und 20. Jahrhundert war die Wissenschaft durch die Herrschaft einer kleineren Gruppe von Experten (Forscher und Lehrer) geprägt, die Wissen mühsam und meist in Einzelarbeit zusammenstellten, um es an ausgewählte, meist unkritische Abhängige weiterzuleiten. Schüler, Studenten und sonstige Belehrte maßten sich nicht an, das vom Experten präsentierte Wissen anzuzweifeln oder gar verändern zu wollen. Sie waren also nicht aktiv an der kollektiven Konstruktion von Wissen beteiligt. Auf diese Weise blieb das Wissen statisch, es gingen wertvolle Ressourcen verloren. Noch vor 10 Jahren war der Denkprozess aller Beteiligten stets durch Kommunikationshemmnisse eingeengt. Selbst Forscher, die gerne interagierten, mussten sich mit der Langsamkeit der Kommunikationsmittel abfinden. Der kollektive Denkprozess, sofern man davon sprechen kann, war extrem langsam, der einzelne Forscher musste auf Impulse warten, bevor er an einem Problem weiterarbeiten konnte. Wenn man für die Interaktion von Forschern die Interaktion von Neuronen im Gehirn als Metapher benutzt, so war diese Interaktion von der Menge, der Vernetztheit und der Geschwindigkeit her mit der Interaktion im Gehirn eines Bandwurms vergleichbar. Selbst das Denken des Einzelnen wurde verlangsamt, weil er auf neue Impulse seiner Kollegen warten musste.

Neue Kommunikationsmittel leiten Paradigmenwechsel ein

Seit der Verbreitung des Internets hat eine exponentielle Vermehrung der Vernetztheit, der Geschwindigkeit und der Neuronenpopulation stattgefunden. Allerdings musste eine Architektur gefunden werden, bei der die Energien der Neuronen und ihrer Interaktionen auf ein Ziel hin fokussiert werden konnte, nämlich auf die Konstruktion von Wissen, wie es auch die Aufgabe des Gehirns im Organismus ist.

Die Wikipedia bietet Struktur für intensive kollektive Reflexion

Die Wikipedia, die die Beteiligung aller intellektuellen Ressourcen in der Welt ermöglicht, bietet diese Architektur an. Allerdings müssen die Neuronen diese Gehirnachitektur auch erkennen und nutzen können. Der Paradigmenwechsel vom alten Wissenschaftssystem zum neuen besteht darin, dass die als Wissen präsentierten Artikel nicht den Status unantastbarer Wahrheit beanspruchen, wie es im alten Wissenschaftsbetrieb war, sondern ganz im Gegenteil: Da die Autoren Laien sind, fühlen sich die Benutzer aufgefordert, an den Texten kritisch mitzuarbeiten, weil sie den Autoren nicht von Anfang an einen Wissensvorsprung zubilligen. Erst durch die wissenschaftliche Gleichstellung aller Benutzer wird ermöglicht, dass vorhandenes Wissen - auch Laienwissen - in die Enzyklopädie eingebracht wird. Schließlich bewirkt die Tatsache, dass die einzelnen Teilnehmer an der gemeinsamen Wissenskonstruktion beteiligt sind, eine Wachheit im Alltag, eine selektive Aufmerksamkeit für Wissen in der realen Welt, die andere Menschen nicht in diesem Maße aufbringen, weil ihnen der Ansatz für diese Denkleistungen fehlt. Diese neue Form der Wissenskonstruktion leitet den Übergang zu einer Wissensgesellschaft ein, die diesen Namen wirklich verdient.

Konsequenzen

Wenn es so ist, so gibt es zwei Ebenen, auf denen die Qualität des Wikipediagehirns optimiert werden kann:

  • Die Architektur des Wikipediagehirns

Das Wikipediainstrument als solches ist bereits sehr leistungsfähig. Die Möglichkeit, zu jeder Ebene stets eine Metaebene zu schaffen, entspricht der Struktur des Gehirns, bei dem Metaschichten aus Neuronenkonstellationen stets aufeinandergelegt werden können. Ferner sorgen WikietikettenWikipedia-logo.png und sonstige Verhaltenscodizes dafür, dass die einzelnen Neuronen in ihren Interaktionen flüssig bleiben und der Interaktionsfluss nicht allzuoft durch Störungen gehemmt wird.

  • Die Qualität der einzelnen Neuronen (Benutzer)

Die Benutzer könnten die Machtelite von morgen bilden. Die aktive Teilnahme an der gemeinsamen Wissenskonstruktion im Rahmen der Wikipedia könnte zu folgenden Verhaltensänderungen führen:

a) Das Kommunikations- und Interaktionsverhalten wird optimiert, weil Verhaltensregeln herrschen, die für die Kommunikation dienlich sind. Freundlichkeit, Empathie, Solidarität sichern einen raschen, befriedigenden Kommunikationsfluss. Allerdings scheint es, dass die Wikipedianer gegenwärtig noch an diesem Punkt arbeiten (müssen). Das könnte daran liegen, dass sie zu wenig Zeit in die theoretische Reflexion investieren und auf diese Weise die Chancen, die in der Wikipedia für die Entwicklung der Wissenschaft - und für die Entwicklung der Wikipedianer selbst - stecken, nicht erkennen (siehe "Ein tolles Instrument von Idioten beherrscht?"Wikipedia-logo.png).
b) Die "Intelligenz" der Benutzer, verstanden als Menge und Vernetzung von Wissen und Denkgeschwindigkeit, könnte exponentiell wachsen, denn im Gegensatz zur realen Welt, in der das Denken permanent unterbrochen wird, kann im Rahmen der Wikipedia kontinuierlich kollektiv nachgedacht werden. Allerdings scheint es, dass im Augenblick der "Cortex" als Instanz, die die kollektive Reflexion organisiert und ihr ein Ziel gibt, noch nicht stark genug ausgebildet ist (siehe a)).
c) Da alle Benutzer über ähnliche Erfahrungen und Verhaltensweisen auf Grund ihres "Wikipedialebens" verfügen, reduziert sich der Explikationsbedarf, was die Geschwindigkeit des kollektiven Denkens fördert. Das merkt man am besten, wenn man mit "Internetverweigerern" in der realen Welt spricht. Hier wird man stets aufgehalten durch Einwände, die keine Relevanz besitzen, wie das Problem des Informationsmülls oder der Spamflut. Auch wenn diese Fragen legitim sind: Wer im Rahmen der Wikipedia arbeitet, kennt die Lösungen und möchte zügig zur Diskussion echter Weltprobleme überleiten.
d) Schließlich lernen die aktiven Wikipediabenutzer - insbesondere die Administratoren - wie man große Mengen von Informationen zügig verarbeitet.

Ähnliche Strukturen in der realen Welt

Im Rahmen der Methode Lernen durch Lehren wird ein Lehr- und Lernmodell seit 1980 erprobt, das ähnliche Merkmale aufweist wie die Wikipedia als Wissenskonstruktionsgebilde. Hier unterrichten sich die Schüler gegenseitig, so dass der Stoff, wie in der Wikipedia, nicht von unantastbaren Experten, sondern von Laien präsentiert wird. Auch hier wird das eingeführte Wissen von den Abnehmern in Frage gestellt und modifiziert, bis am Ende das zu diesem Zeitpunkt optimale Wissen im Rahmen der kollektiven Reflexion emergiert.

Offene Fragen

In ihrer Mehrheit geben die Autoren der Wikipedia als Ziel ihrer Aktivitäten an, "nur eine Enzyklopädie, sonst nichts" aufbauen zu wollen. Sie verlangen für ihre erheblichen Leistungen keine materielle Vergütung. Insofern handelt es sich hier um ein Unternehmen, das von "idealistischen" Zielen geleitet wird. Die an der kollektiven Konstruktion von Wissen beteiligten Menschen bekommen ideelle Belohnungen (sozialer Anschluss, Anerkennung, Erhöhung des Selbstwertgefühls usw.). Eine vertiefte Reflektion über alle Implikationen dieses Prozesses wollen sie nicht angehen. Das führt zu Inadäquatheiten: Die von den Betreibern aufgestellten Prinzipien orientieren sich im Wesentlichen an den Vorstellungen, die Enzyklopädien aus dem 19. und 20. Jahrhundert prägten (z.B. "Ausgewogenheit der Artikel"). Für die Erstellung einer auf Wikipedia-Technik aufbauende Enzyklopädie müssten aber ganz andere Prinzipien aufgestellt werden, die ein Ausschöpfen der neuen Möglichkeiten nicht nur erlaubt, sondern sogar fördert. Beispielsweise sollte die Exzellenz eines Artikels nicht nur nach Bebilderung, Aufbau und Stil bewertet werden, sondern auch nach dem Grad der Vernetzung mit anderen Artikeln, nach der Menge der Leute, die sich an der Erstellung beteiligt haben, nach der Menge und Qualität der Übersetzungen in andere Sprachen, nach der Menge der Zugriffe, nach der Präsentation des Artikels nach außen (Verweise in Web-Homepages auf den Wikipedia-Artikel) usw. Dies wiederum würde die Autoren anregen, die Vernetzungsmöglichkeiten voll auszuschöpfen und einen Paradigmenwechsel auch im Denken der Benutzer einleiten. Wie es im Augenblick betrieben wird, könnte der Eindruck entstehen, dass Menschen aus dem 19.Jahrhundert mit großem Engagement und Können ein Instrument betreiben und pflegen, das für das 21.Jahrhundert konzipiert wurde. (Wohlgemerkt: Das ist nur eine Hypothese).

Machtstrukturen: Feudalsystem?

Man muss zwischen der Wikipedia als Instrument kollektiver Wissenskonstruktion und der Wikipedia als Organisation unterscheiden. Die Wikipedia als Instrument funktioniert eher wie ein Gehirn. Die WP als Organisation zeigt dagegen Ähnlichkeiten mit dem Feudalsystem (nicht negativ gemeint). Das Feudalsystem entwickelte sich, als die zentrale Gewalt, die durch mächtige Herrscher ausgeübt wurde, zu zerfallen begann. Die zentralistische Verwaltungsstruktur wurde schrittweise ersetzt durch ein System von dezentralisierten Vertrauensbeziehungen und Abhängigkeitsverhältnissen (zum Begriff "Vertrauen" siehe die interessanten Ausführungen von Luhmann, 1989).

Wie im Feudalsystem beruht die Arbeitsbeziehung der Administratoren auf Vertrauen

Im Feudalsystem beruhte die Kohäsion der Akteure auf Vertrauen (Truewe). Das war nur möglich in einem System, in dem die Akteure sich gegenseitig kannten, die Zahl also überschaubar war. Die WP-Administratoren bilden eine überschaubare Gruppe (150), wo das Vertrauenssystem noch funktionieren kann (sichtbar an den Vertrauenskundgebungen in den einzelnen Benutzerseiten). Im Sinne der Feudalstruktur kann beispielsweise gedeutet werden, dass interessante Diskussionen nicht auf einem "Marktplatz" geführt werden (beispielsweise in Wikipedia:Fragen zu WikipediaWikipedia-logo.png), sondern in den Seiten von besonders prominenten Administratoren (auch wenn sie selbst gar nicht dabei sind). So kann es passieren, dass tagelang Benutzer sich auf der Seite von Benutzer:ElianWikipedia-logo.png austauschen, ohne dass sie selbst interveniert. Das erinnert an das Territorium eines Burgherrn, der Leute aus dem Umfeld in seiner Burg unter seinem Schutz aufnimmt, ohne selbst vielleicht in der Burg zu sein. Ähnliches geschieht, wenn Benutzer angegriffen werden: Sie bitten um Hilfe bei Mächtigeren, also bei Administratoren. Das Hilfebegehren jedoch wird nach Interessenlage behandelt. Noch einmal: Dies soll die Stuktur nicht verspotten oder kritisieren, sondern nur historisch tradierte Strukturmerkmale verdeutlichen.

Eine weitere Plattform für Informations- und Meinungsaustausch bilden die Stammtische. Das System funktioniert ganz gut, allerdings nur solange die Akteure von der Menge her überschaubar bleiben. Ab einer bestimmten Größe funktioniert das System der Treue nicht mehr und die Beziehungen müssen verrechtlicht werden.

Welche Lösung die WP zur Bewältigung des Problems der Unüberschaubarkeit finden wird, bleibt abzuwarten. Auf jeden Fall muss ein Ausgleich zwischen Integration (Gesamtsystem und dessen Verwaltung) und Differenzierung (kleinere, autonomere Einheiten) gefunden werden.

Distanz gegenüber Theoriebildung

In ihrer Mehrheit lehnen die Wikipediaakteure allzu vertiefte theoretische Reflexionen ab. Dies ist nicht verwunderlich. Auch wenn die Wikipedianer sich im Prinzip einer intellektuellen Aufgabe widmen, ist die WP trotzdem eine Massenveranstaltung und sie verhält sich auch so: Abstraktes Denken bleibt einigen wenigen vorbehalten und wird vom Gros der Akteure mit Misstrauen begegnet. Erst durch eine bessere Rekrutierungspolitik wird die Bereitschaft zur theoretischen Reflexion zu erhöhen sein. Gegenwärtig führt die Theorieresistenz zu Inadäquatheiten. Insbesondere werden nicht alle Möglichkeiten der Wikipedia ausgeschöpft.

Die Wikipediaakteure orientieren sich an ihren Alltagstheorien

I. Wikipedia und Wissenskonstruktion

1. Wissen entsteht dann, wenn Informationen sortiert, gewichtet, hierarchisiert werden. Die in der Wikipedia geleistete Arbeit ist also Wissensproduktion.

Hypothese: Diese Einsicht hat noch keine Mehrheit unter Wikipedianern gefunden. Hier ein Beleg: Zahnstein (siehe Wikipedia_Diskussion:Wikipedistik/HypothesenWikipedia-logo.png: "Zum einen wird in der WP kein neues Wissen geschaffen, sondern nur vorhandenes zusammengefasst"

Dazu: Zusammenfassen und Ordnen von Wissensbausteinen ist "Neues Wissen" schaffen.

2. Jeder Mensch verfügt über Wissen, nicht nur Experten. Die Chancen, die Wikipedia bietet, ist, dass das bisher unveröffentlichte Laienwissen für die Allgemeinheit erschlossen wird. Dieses Wissen reichert das stets von Versteinerung bedrohte "Expertenwissen" an und dynamisiert es.

Hypothese: Diese Einsicht hat noch keine Mehrheit unter Wikipedianern gefunden. Hier ein Beleg (Zahnstein): "Wenn Hinz und Kunz ihre Texte umschreiben können, dann verflüchtigt sich das Expertentum."

Dazu: Breites Wissen kann nur entstehen, wenn Hinz und Kunz ihr unveröffentliches Wissen einbringen. Da sind Experten tendenziell ein Hindernis auf dem Weg zur gemeinsamen Wissensproduktion, weil sie allein durch ihren Status Interventionen von "Laien" erschweren.

3. Die traditionelle Form der Wissenschaft behindert eine effektive Nutzung der intellektuellen Ressourcen aller. Forscher und Wissenschaftler werden mit administrativen Aufgaben eingedeckt (darunter gehört auch der Zwang, über alles und überall zu publizieren). Neue Formen der kollektiven Wissenskonstruktion sind erforderlich. Die Wikipedia bietet diese Chance.

Hypothese: Diese Einsicht hat noch keine Mehrheit unter Wikipedianern gefunden. Hier ein Beleg (Zahnstein): "Als Wissensschaftler ist man in Institutionen eingespannt, die gewisse Vorgaben machen (z.B. Zwang zum Publizieren, Gelder einwerben, Beamtenrecht etc.)"

Dazu: Gerade diese Zwänge behindern Wissenschaft, gerade deshalb ist eine "Revolution" notwendig und Wikipedia wäre ein Instrument dazu.
II. Selbstorganisation

Nimmt man den Organismus als Metapher für ein sich selbst halbwegs organisierendes System, und vor allem innerhalb des Organismus das Nervensystem, so stellt man fest, dass, um die Selbstorganisation zu koordinieren, eine ordnende Instanz unabdingbar ist. So ist der Cortex (vereinfachend) zuständig für die Gesamtorganisation, insbesondere für die Entwicklung längerfristiger Ziele.

Hypothese: Diese Einsicht hat noch keine Mehrheit unter Wikipedianern gefunden. Hier ein Beleg (Zahnstein): "Und bei der Frage der Optimierung habe ich eine gewise Unsicherheit, ob ein selbstorganisierter Prozeß überhaupt optimierbar ist? Oder genauer: Wie optimiert sich so ein Prozeß selber?"

III. Reflexion über die eigene Motivation

Natürlich sperren sich Menschen, zumal Leute, die an der Hochschule arbeiten und daran gewöhnt sind, permanent zu "differenzieren", gegen "Vereinfachungen". Das hat den großen Nachteil, dass sie dadurch oft handlungsunfähig werden. Vor gut 60 Jahren hat Abraham MaslowWikipedia-logo.png eine Beschreibung menschlicher Grundbedürfnisse und Motivationen aufgestellt, die sehr brauchbar ist und heute noch - mit Recht - als Referenz in allen Sozialwissenschaften benutzt wird (mit leichten Modifikationen - z.B. heute geht man nicht mehr von einer Bedürfnishierarchie aus).

Hypothese: Diese Einsicht hat noch keine Mehrheit unter Wikipedianern gefunden. Hier ein Beleg (Saperaud): "Ich muss staunen, mehr nicht? Sabbernde Hunde und das war's? Diese These ist dünnes Eis und nur sinnvoll, wenn man sie zerpflückt. Es gibt bei der WP Idealisten, Selbstdarsteller, Hobbyschreiber, Gelegenheitsschreiber, Selbstdarsteller, Rechtschreibfanatiker, Hausfrauen, Wissenschaftler ...... es gibt so gut wie alles, nur lebende Untote und Außerirdische sind mir bei der Wikipedia noch nicht begegnet."

Dazu: Nun lassen sich alle in diesem Beitrag beschriebenen Motivationen als Unterkategorien der Maslowschen Pyramide einordnen und somit "operationalisieren". Insbsondere der Begriff "Idealisten" ist sehr verführerisch, weil er positive Eigenschaften unterstellt und zu verhängnisvollen "Selbstidealisierungen" führt. Wenn man betrachtet, wie das tatsächliche Verhalten der Wikipedianer realisiert wird, sieht man, dass es keinen Anlass zur Selbstidealisierung gibt. Selbstidealisierende begründen gerne das positive Selbstbild durch den unterstellten altruistischen Charakter ihres Handelns. Inadäquat ist diese "falsche" Selbsttheorie deshalb, weil sie resistent gegen Kritik von außen macht und die Bereitschaft zur Verhaltensänderung schwächt. Besonders offensichtlich ist dieser Widerspruch, wenn man die überraschende verbale Aggressivität mancher Wikipedia-Idealisten beobachtet. Es würde genügen, wenn man als Motiv für das eigene Wikipedia-Handeln (nach Maslow) folgende Bedürfnisse nennen würde: sozialer Anschluss, soziale Anerkennung, Bedürfnis nach Transzendenz (=etwas Sinnvolles tun). Das erspart einem die Selbstidealisierung.

Offenheit bringt mehr Vor- als Nachteile

These: Ein mögliches Defizit der Wikipedia wird durch die anonyme Mitarbeit ausgelöst. Während ein Anmeldezwang und die Angabe des Realnamens die Hemmschwelle heben könnte, die Wikipedia für Falschinformationen zu missbrauchen, können in der Wikipedia all diejenigen mitarbeiten, die Geschichte fälschen, Artikel sabotieren oder populärwissenschaftliche Meinungen als gesicherte Tatsachen integrieren möchten. Der fehlende wissenschaftliche Stil, stets Quellen anzugeben, tut sein Übriges. Oft vermögen nur echte Fachleute, die Fehler überhaupt als solche zu erkennen. Besonders schwer wiegt dieses Defizit, weil die Wikipedia im Web eine einmalige, quasimonopolistische Stellung einnimmt.

Gegenthese: Das Einmalige an der Wikipedia ist, dass die Offenheit des Systems Menschen anregt, ein Wissen einzubringen, dass sie sonst nicht veröffentlichen würden (hidden knowledge). Jede Anmeldungspflicht würde allein durch den Aufwand Leute davon abschrecken, ihr Wissen einzubringen. Die traditionnelle Wissenschaft krankt ja daran, dass der Zwang, jede auch noch so banale Behauptung zu belegen, den Gedankenaustausch sehr verlangsamt. Ich nehme lieber ein paar Fehlinformationen in Kauf (schließlich kann ich selbst diese Informationen noch einmal prüfen), als Leute durch bürokratische Hürden davon abzuhalten, ihr Wissen schnell der Öffentlichkeit zu "schenken".
Man kann die Hoffnung hegen, dass durch massive Anwerbung von Menschen, die ernsthaft an der gemeinsamen Konstruktion von Wissen interessiert sind, eine Eindämmung des Vandalismus stattfinden wird.
Zur Optimierung der Kommunikation innerhalb der Wikipedia würde mehr Offenheit (beispielsweise Veröffentlichung von Fotos in den Benutzerseiten) ein Plus darstellen. Als Korrelat dazu wäre eine Art Nulltoleranzregel für aggressives Verhalten einzuführen.

Geschwindigkeit kann kontraproduktiv sein

1. Geschwindigkeit bei Löschaktionen

Damit die Wikipedia wirklich funktioniert (Gehirnmodell: Geschwindigkeit und Vernetzung) müssen die Interventionen sehr rasch geschehen (so wie auch im Nervensystem die Interaktionen zwischen den Neuronen mit hoher Geschwindigkeit erfolgen). Gerade bei Löschaktivitäten besteht allerdings die Gefahr, dass wertvolle Inhalte vom Löscher gar nicht erkannt oder falsch verstanden und prompt gelöscht werden. Hier stehen sich zwei Prinzipien gegenüber: das Gebot der Geschwindigkeit auf der einen Seite und auf der anderen Seite das Gebot, sich Zeit zu lassen, um Inhalte, die nicht sofort einzuordnen sind, nach ihrer Qualität zu prüfen. Hypothese: die Qualität der Wikipedia würde sich erhöhen, wenn die Wikipedianer den tendenziellen Widerspruch zwischen Geschwindigkeit und Gründlichkeit erkennen und angehen würden.

2. Wenig Nachhaltigkeit

Wikipedianer huschen von einem Thema zum anderen, von einem Gesprächspartner zum anderen und verfahren absolut unlinear. Das ist im Prinzip sinnvoll, denn auch das Gehirn funktioniert nicht linear. Es werden Informationen überall gepickt und erst im Nachhinein in Kohärenz gebracht. Der Nachteil ist allerdings, dass wenig Aktionen konsequent durchgeführt werden können. Hat ein Benutzer einen Gesprächspartner für drei Interaktionen gewonnen und möchte dann auf dieser (noch dünnen) Basis eine Aktion aufbauen, so steht der Partner nach kurzer Zeit gar nicht mehr zur Verfügung, befasst sich mit ganz anderen Themen und gibt keine Antwort mehr. Betrachtet man, wie beispielsweise Elian mühsam an ihrem Artikel über die "Wikipedia" arbeitet und immer wieder durch unproduktive Aktionen behindert wird (z.B. "Kofferwortdiskussion"), so sieht man, wie nachhaltige Arbeit behindert wird. Hier sei Benutzer:Hans BugWikipedia-logo.png zitiert: "(...) das Internet ist ein flüchtiges Medium, das nur "auf Zeit" gebaut ist, das nie auf die Ewigkeit baut). -- Hans Bug Neue Selbstgespräche 08:49, 25. Mär 2005 (CET)". Als Hypothese könnte formuliert werden: Durch mehr zielbezogene Nachhaltigkeit in den Beziehungen ist die Qualität der Wikipedia zu erhöhen. Hier ist ein Modell zu empfehlen, bei dem eine kurzfristige Verpflichtung zwischen Benutzern (Miniprojekt) zur Erstellung eines Artikels eingegangen wird.

Bürokratisierung anthropologisch bedingt

Wenn man davon ausgeht, dass das Bedürfnis nach Kontrolle aus phylogenetischen Gründen das alles überragende Handlungsmotiv ist, dann tendiert jeder Mensch - auch der Wikipedianer - seinen Lebensbereich unter Kontrolle zu bringen. Die Kontrollhandlungen entwickeln eine Dynamik, die nur dann zu regulieren ist, wenn man sich dieser Dynamik bewusst ist. Bezogen auf die Wikipedia bedeutet es, dass die Benutzer die größtmögliche Offenheit anstreben (so viele Menschen wie möglich müssen am Aufbau der Enzyklopädie wirken), aber aufgrund ihres Bedürfnisses nach Kontrolle (Komplexitätsreduktion, Raum überschaubar halten) Verfahren entwickeln, die im Widerspruch zum Ziel stehen. Das ist nicht typisch für die Wikipedia, sondern typisch für jede soziale Gruppe, insbesondere für Verwaltungen (Aktenzeichen, Beamtensprache usw.). Hier ein Beispiel: Liste der Abkürzungen (Netzjargon)Wikipedia-logo.png. Diese für Insider leicht zu beherrschenden Regeln und die entsprechende Sprache sind für Außenstehenden immer schwerer zu durchschauen.

Hypothese: bezogen auf die Verhinderung eines Bürokratisierungsprozesses in der Wikipedia besteht ein Bedarf an vertiefter Reflexion über mögliche Widersprüche zwischen Zielen und Verfahren.

Identifikation der Autoren mit Artikeln steht im Widerspruch zur Offenheit

Zwangsläufig entsteht, wenn die Hauptautoren viel Wissen und Zeit in "ihre" Artikel investieren, eine starke Identifikation mit der eigenen Arbeit an diesen Artikeln. Jede Modifikation von außen wird - je nach Qualität - als Unterstützung oder als Angriff empfunden, mit den entsprechenden emotionalen Reaktionen. Einen bereits bestehenden Artikel wesentlich zu verändern, verlangt von den Neu-Dazukommenden viel Wissen und Energie, vor allem wenn sie nicht nur Details, sondern zentrale Aspekte verändern wollen. Das könnte zu einer gewissen Erstarrung der Artikel führen. Dies erklärt auch, warum die meisten WP-Autoren lieber eigene Artikel verfassen, als dass sie an schon bestehenden, mit Lücken behafteten Einträgen mitarbeiten würden.

Das Verhältnis zwischen Experten und Laien

Je bekannter die WP wird, desto mehr werden Experte den Wert der Wikipedia für die Verbreitung ihrer Ideen erkennen. Dadurch wird zwansgläufig die Qualität der Artikel erhöht. Die Aufgabe der Laien wird es sein, allzu penetrante Selbstdarstellungen einzudämmen und Ideen einzubringen, die dem Experten aufgrund seiner Fachfixierung gar nicht einfallen können. Das "Vorbeischauen" von Laien hält den Experten wach und in Bewegung. Der Preis, den der Experte bezahlt, ist dass seine Artikel immer wieder von Laien en passant verändert, ja "beschädigt" werden, oder dass er immer wieder erklären muss, warum ein Eintrag von ihm sinnvoll ist. Besonders anstrengend für Experten wird es sein, wenn sie nach einer langen Überzeugungsphase gegenüber einem Benutzer/Administrator kurz danach erneut Löschaktionen von anderen zufälligen Artikelbesuchern mit hohem argumentativen Aufwand abwehren müssen.

WP als Enzyklopädie oder als Raum für Lehre und Forschung?

Die Potenziale, die im Rahmen der WP angeboten werden, reichen weit über die bloße Erstellung einer "Enzyklopädie" hinaus. Es könnte sogar sein, dass das Ziel, eine Enzyklopädie zu erstellen, die Entfaltung der WP als Forschungsinstrument behindert. Die Dynamik, die durch die Möglichkeit entfaltet wird, gemeinsam an einem wissenschaftlichen Problem zu arbeiten und die Ergebnisse zu veröffentlichen, verträgt sich schlecht mit der Absicht, nur etablierte und ausgewogene Inhalte zu präsentieren. Vielmehr könnten in den Artikeln die jüngsten Erkenntnisse der Forschung vorgestellt werden und damit weitere Innovationsschübe und einen Wettbewerb der Ideen auslösen. Das Prinzip der Enzyklopädie lässt die Darstellung der jüngsten Forschungsergebnisse nicht zu und könnte so den in der WP ohnehin nicht sehr intensiven Wettbewerb der Ideen lähmen.

Die Wikipedia-Akteure: gemeinsam Wissen konstruieren

Ausgangspunkt

Das enorme Denkpotenzial, das Menschen weltweit anbieten, kann mit Hilfe der WP viel besser mobilisiert und der Öffentlichkeit angeboten werden als es mit früheren Kommunikationsmitteln der Fall war. Die WP bietet folgende Möglichkeit an:

  1. Menschen (also Wissens- und Energieträger) kommen zusammen und bringen ihr individuelles Wissen ein.
  2. Dieses individuelle Wissen ist noch kein Problemlösewissen, sondern es muss in Interaktion mit anderen Akteuren sortiert, hierarchisiert, zu Handlungswissen umgeformt werden.
  3. Nach diesem kommunikationsintensiven Prozess muss dieses Wissen gespeichert und der Öffentlichkeit angeboten werden.

Zu 1: Damit eine höhere Qualität erreicht wird, ist es sinnvoll, wenn dieser Prozess nicht dem Zufall überlassen, sondern systematisch angegangen wird. Es sollen also Menschen angesprochen werden, die beruflich an Wissen interessiert sind (Schüler, Studenten und alle anderen Wissensorientierten). Damit ferner das Wissen der einzelnen Akteure für alle anderen Mitkonstrukteure sichtbar wird, müssen die Akteure möglichst viele Informationen über ihr bereits existierendes Wissen bereithalten. Dies setzt voraus, dass sie mehr Vertrauen in die positive Kraft des WP-Systems und dessen Akteure als Angst vor dem möglichen Missbrauch durch die Preisgabe ihrer persönlichen Daten haben.

Zu 2: Dieser Prozess ist im Rahmen der WP schon fortgeschritten. Allerdings müssten Verfahren gefunden werden, die die Zerstörung von Wissen minimieren (Löschaktionen durch Laien, Vandalismus usw.). Grundsätzlich sind Verfahren zur Optimierung der Interaktionen zur gemeinsamen Wissenskonstruktion weiterzuentwickeln.

Zu 3: Die WP bietet durch ihre Enzyklopädiestruktur genau dieses.

Aufmerksamkeit als Währung der Zukunft

In der Wissens- und Kommunikationsgesellschaft ist Aufmerksamkeit ein rares Gut, um das alle kämpfen. Aufmerksamkeit kann man sich dann verschaffen, wenn man Produkte (Wissen, Ideen) anbietet, die neu und für viele Menschen relevant sind. Die Erstellung neuen Wissens und neuer Ideen kann nicht in Einsamkeit erfolgen, sondern nur in Gruppen. All dies spricht für eine stärkere Zusammenkunft von Menschen, wie die Wikipediatechnik es auch ermöglicht. Dies spricht auch dafür, dass in der Wikipedia nicht nur bereits vorhandenes und konsensfähiges ("für die Oma verständliches") Wissen präsentiert wird, sondern die neuesten verfügbaren - noch nicht verbreiteten und abgesegneten - Forschungsergebnisse.

Die Wikipedia als Sozialisationsraum

Wer sich viel in der Wikipedia aufhält, wird von den in ihr herrschenden Regeln und Werten geprägt. Dies betrifft sowohl das gesamte Ziel (eine Enzyklopädie schaffen) als auch die Verhaltensregeln. Die Wikipedia stellt also einen spezifischen Sozialisationsraum dar. Da die Wikipedia die Schaffung ganz unterschiedlicher Felder erlaubt, sofern die Hauptregeln beachtet werden, ist es auch möglich, Zielsetzungen der Schule, der Hochschule und der Forschung im Rahmen der Wikipedia zu verfolgen. Von ihrer Vorstellung her schließt die Wikipedia nicht aus, dass in ihr eine bessere Schule, eine bessere Hochschule und eine bessere Forschung verwirklicht werden.

Anthropologische Basics

Zunächst stellt sich die Frage, was Menschen motivieren kann, Energie in ein Unternehmen einzubringen, das keine materielle Belohnung für sie bereithält. Hier liefert die Maslowsche Bedürfnispyramide Auskunft:

Bedürfnispyramide nach Maslow (1954)

Transzendenz

Selbstverwirklichung

Soziale Anerkennung

Soziale Beziehungen

Sicherheit

Physiologische Bedürfnisse

Zwar hilft die kollektive Wissenskonstruktion nicht bei der Befriedigung der körperlichen Grundbedüfnisse, aber bereits die zweite Bedürfnisebene (Sicherheit) wird angesprochen. Die Zusammenarbeit im Hinblick auf ein sozial anerkanntes Ziel (Aufbau einer Enzyklopädie) kann Sicherheit vermitteln. Dies gilt a fortiori für die Ebene der sozialen Beziehungen, der sozialen Anerkennung und der Selbstverwirklichung. Besonders das hierarchisch höchste Bedürfnis nach Transzendenz kann im Rahmen einer kollektiven, sinnvollen Arbeit befriedigt werden. Der Mensch ist bestrebt, seine Fähigkeiten und Potenziale zur vollen Entfaltung zu bringen. Noch mehr: er möchte seinen Handlungen einen Sinn verleihen und über sich hinauswachsen. Man kann davon ausgehen, dass die Menschen dann bereit sind, intensiv und dauerhaft miteinander zu kommunizieren, wenn sie das Gefühl bekommen, dass diese Kommunikation hilft, ein Wissen zu konstruieren, das wesentliche Probleme der Menschheit zu lösen erlaubt.

(Grafik entnommen aus: Maslowsche BedürfnispyramideWikipedia-logo.png)

Kollektive Forschung

In der realen Welt werden die Forschungsfelder durch die Einschränkung der Speicherkapazitäten (Fachzeitschriften), der materiellen Räume (Schulen und Universitäten) und der körperliche Präsenz der Forscher und Dozenten begrenzt. Der einzelne Forscher ist darauf bedacht, dass seine Erkenntnisse nur unter seinem Namen veröffentlicht werden. In der Wikipediawelt wirkt nicht die einzelne Erkenntnis, sondern ein Hof, ein Schwarm von Erkenntnissen. Es müssen schon bahnbrechende Ideen sein, die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, dann aber das gesamte System in Schwingung bringen. Wenn eine Idee von anderen übernommen wird und in die eigenen Texte integriert wird, dann entsteht Redundanz und Resonanz. In der Wikipedia sind beide erwünscht. Insofern ist es im Interesse der Forschergruppe, dass in der WP möglichst viele Menschen deren Ideen aufgreifen und verbreiten. "Kopiert" werden wird nicht als Gefahr empfunden, sondern als Chance.

Rekrutierung

Die Wikipedia ist als Sozialisationsraum attraktiv, weil sie Leute anzieht, die Wissen gemeinsam konstruieren wollen. Natürlich gibt es vielfältige Motivationen, um in der Wikipedia mitzumachen, aber das Ziel, gemeinsam Wissen zu konstruieren, ist eines davon.

Assume good faith

Ferner ist die Wikipedia attraktiv, weil sie mit dem Motto "assume good faith"Wikipedia-logo.png zumindest von der Intention her auf die Verbreitung humaner Verhaltensweisen abzielt. Zwar schafft die WP Freiräume für allerlei Missbräuche, aber alle Teilnehmer können sich bei ihrem Handeln und vor allem bei Konflikten auf die Regel "assume good faith" berufen. Das stellt gegenüber den Verhaltensregeln in der realen Welt einen erheblichen Fortschritt dar.

Systematische Rekrutierung kompetenter Akteure

Ein Wikipediaproblem liegt im Rekrutierungsverfahren. Grundsätzlich geht es darum, dass ein Wissen, das sonst verborgen bleibt, mobilisiert wird. Das bedeutet, dass auch Akteure, die zu den traditionell theoriefernen Gruppen der Gesellschaft gehören, aufgefordert werden, ihr Wissen einzubringen und bei der kollektiven Konstruktion von Wissen mitzuwirken. Dieses hervorragende Konzept enthält eine kleine, negative Nebenwirkung: es besteht die Gefahr, dass die traditionell theoriefernen Akteure Reflexion - und somit Weiterentwicklung des Projektes - unterbinden. Vor die Wahl gestellt und auf dem Hintergrund einer prinzipiellen Ressourcenorientierung ist eine Öffnung zu den traditionell theoriefernen Akteuren vorzuziehen. Man muss aber die negativen Nebenwirkungen erkennen und eine Gegenstrategie entwickeln. Hier würde eine stärkere Beachtung und Einhaltung der Wikiprinzipien "assume good faith" und "sei freundlich" schon Abhilfe schaffen, denn so würden komplexe Sachverhalte, wenn auch von einigen nicht verstanden, ungestört Eingang in den WP-Rahmen finden.

Aus alledem folgt

Der Schwerpunkt der Arbeit muss liegen auf
a) der Mobilisierung von zusätzlichen Akteuren (Schülern, Studenten und sonstigen Gerndenkern), und zwar weltweit (Ausbau von Benutzerseiten in anderen Sprachen),
b) der Verbesserung der Interaktionen zwischen diesen Akteuren (Verbesserung der Selbstpräsentationen in den Benutzerseiten, stärkere Verlinkung zwischen den Akteuren, den Benutzerseiten in anderen Sprachen, den Artikeln in anderen WPs usw.).

Potenziale des ZUM-Wiki

Das ZUM-Wiki bietet seinen Benutzern dieselbe - sehr einfach zu bedienende - Technik wie die WikipediaWikipedia-logo.png. Insofern stellt es ein hervorragendes Instrument zur Verfügung, um "kollektiv Wissen zu konstruieren". Die Frage stellt sich, wer die Akteure dieses kollektiven Konstruktionsprozesses sind.

Die Zielgruppe

Die Zielgruppe des ZUM-Wiki besteht in erster Linie aus Lehrern. Gegenüber der Wikipedia hat es folgende Vor- und Nachteile:

Die Vorteile: Thematisch kann der Benutzer davon ausgehen, dass die Teilnehmer sowohl Interesse als auch Sachverstand mitbringen. Die Chance besteht also, dass die Beziehungen, die eingegangen werden, aufgrund der Themenbezogenkeit länger andauern und dass mehr als in der Wikipedia Nachhaltigkeit entsteht. Ein weiterer Vorteil besteht in der Tatsache, dass das Lehrerpublikum im sozialen Umgang geschult ist, während der Ton in der Wikipedia sehr rauh bleibt, auch wenn die wichtigsten Grundsätze heißen: "Assume good faith" und "Sei freundlich". Im ZUM-Wiki besteht offensichtlich kein Bedarf, diese Regeln besonders hervorzuheben.

Die Nachteile: Ein großer Vorzug der Wikipedia ist, dass Ressourcen von Fachfremden aktiviert und fruchtbar gemacht werden. Allein die Zahl der Benutzer bewirkt, dass ein kontinuierlicher Verkehr im Wikipedia-Bereich besteht. Dies ist ein entscheidendes Motivationsmoment, die Wikipedia aufzusuchen. Es stellt sich die Frage, ob es dem ZUM-Wiki auf Dauer gelingen kann, eine kritische Menge von Benutzern zu erreichen, ab der Kommunikationspartner permanent zu finden sind. Sehr attraktiv bei der Wikipedia ist außer der Tatsache, dass stets Gesprächspartner zu finden sind, der internationale Charakter. Auch hier stellt sich die Frage, ob es dem ZUM-Wiki gelingen wird, Internationalität zu erlangen.

Die Administratoren

Mit zwölf ist die Zahl der Administratoren im ZUM-Wiki im Vergleich zu 150 in der Wikipedia (ohne die dort sehr aktiven Anwärter auf Admin-Posten zu zählen) sehr gering. Ferner ist angesichts der sonstigen Arbeitsbelastung der Administratoren, die in der Regel an einer Schule unterrichten, ihre Andockbarkeit im Vergleich zu den Wikipedia-Administratoren wesentlich niedriger. Das ist insofern ein Problem, als die Benutzer nicht in erster Linie die Zurverfügungstellung einer Technik suchen, sondern vor allem wiki-erfahrene Gesprächspartner. Von den Administratoren wird erwartet, dass sie eine Wiki-Philosophie entwickeln und vertreten, wie dies in der Wikipedia der Fall ist. Hier fehlt im Augenblick die kritische Menge. Natürlich wird die Situation dadurch entschärft, dass die ZUM-Wiki-Benutzer professionell orientiert sind und weniger Führung - oder gar Kontrolle - benötigen.

Die Benutzer

Es ist zu vermuten, dass anders als bei der Wikipedia die Motivation der Benutzer in erster Linie professioneller Natur ist. Die Benutzer sind auf der Suche nach Gesprächspartnern, die bereit sind, mit ihnen über ihren Unterricht zu sprechen. Deshalb stellt sich - wie bei der Wikipedia - das Problem der Rekrutierung. Allerdings geht es hier nicht darum, die Qualität der Benutzer zu erhöhen, sondern die Quantität. Erst wenn die durch die Wikipedia verwöhnten Benutzer auch in dem ZUM-Wiki rasche Antworten - von anderen Benutzern - auf ihre Fragen bekommen, wird das ZUM-Wiki wirklich attraktiv. Das setzt voraus, dass eine kritische Benutzermenge erreicht wird. Es kommt nicht nur auf die Vernetzung an, sondern auch auf die Reaktionsgeschwindigkeit der potenziellen Partner.

Bibliographie und Links

  • Albert-László Barbási (2002): Linked. The new science of networks. Cambridge:Perseus publishing
  • Stan Davis und Christopher Meyer (1998): Das Prinzip Unschärfe: Managen in Echtzeit - neue Spielregeln, neue Märkte, neue Chancen in einer venetzten Welt, Wiesbaden: Gabler
  • Niklas Luhmann (1989): Vertrauen - Ein Mechanismus der Reduktion sozialer Komplexität. 3., durchgesehene Auflage. Stuttgart: Ferdinand Enke.
  • Jean-Pol Martin (2005): "Wissen gemeinsam konstruieren: am Beispiel der Wikipedia"
  • Florian Rötzer (1999): Megamaschine Wissen: Vision: Überleben im Netz. New York:Campus Verlag
  • Deliberative Prozesse in der Wikipedia eine Seminararbeit welche versucht Habermas' Idee der deliberative Demokratie auf WP anzuwenden.


Siehe auch

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