Zielsprache ist Verkehrssprache

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Inhaltsverzeichnis

Plädoyer für ‘Zielsprache ist Verkehrssprache’

Qualität durch Authentizität

Vorliegender Artikel stellt sowohl einen Erfahrungsbericht als einen Streifzug durch die Sekundärliteratur dar und will im Hauptanliegen als Ermutigung für diejenige Kollegen dienen, die gerne erfahren möchten, wie und auf welchem Wege man in und außerhalb der Klasse den mündlichen Fremdsprachenerwerb qualitativ besser gestalten kann.

Wissenswert: Wissenschaftliche Untersuchungen haben ergeben, dass muttersprachliche Lehrer weniger streng auf Fehler reagieren als nicht-muttersprachliche. Nun, diese Feststellung stimmt exakt mit meiner langjährigen Berufserfahrung als Deutschlehrer in den Niederlanden überein. Wenn nämlich Gäste aus dem deutschsprachigen Ausland (meist Kollegen oder Sprachassistenten) für kürzere oder längere Zeit zu mir in den Unterricht kommen (und glauben Sie mir, das waren im Laufe der Jahre nicht wenige), erteilen sie mir im Nachhinein oft Komplimente für die weitgehend authentische Gestaltung des Unterrichts und das Niveau der Sprechfertigkeit meiner Schüler. Von niederländischen Fachkollegen bekommt man solche Anerkennung äußerst selten. Woran mag das wohl liegen?

Ebenso wissenswert: Die niederländische Schulaufsichtsbehörde besuchte 1998 im Rahmen der ‘Basisvorming’ (Schulreform in der Unterstufe, 1993) eine Vielzahl von Unterrichtsstunden unter Fremdsprachenlehrern und war von ihren Befunden ziemlich geschockt: Fremdsprachenlehrer benutzen im Klassenraum die Zielsprache viel zu sporadisch. Im Deutschunterricht waren es satte 33%, also nur einer von drei Kollegen! Die Behörde stellte weiter noch fest, dass

  • in diesen modernen Zeiten der Frontalunterricht immer noch vorherrscht,
  • der Fremdsprachenlehrer sich stark durch sein Lehrbuch gebunden fühlt,
  • ein Großteil der Stunde auf Grammatik verwendet wird,
  • der Unterricht sich kaum auf die reale Außenwelt bezieht,
  • der Unterricht wenig abwechslungsreich ist und den Schüler langweilt,
  • oben erwähnter Stand der Dinge sich sowohl auf die Unter- wie auf die Oberstufe bezieht.

Kommt einem erneut die Frage: Woran mag das wohl liegen?

Über das Thema ‘Zielsprache = Verkehrssprache’ ist schon sehr viel diskutiert und publiziert worden. Experten streiten sich seit Jahrzehnten über die Frage, wie kommunikative Lernziele auf effektivstem Wege erreicht werden können.


STAND DER DINGE

Vorläufig muss man feststellen, dass

  1. ein erheblicher Teil der Fremdsprachenlehrer sich in den letzten Jahrzehnten durch die stark veränderte Gesellschaft (zunehmende Mobilität, offene Grenzen, audiovisuelle Medien) in ihrer Berufsausübung überfordert fühlt.
  2. der kommunikative Sprachunterricht die Grammatik-Übersetzungsmethode seit etwa 1980 endgültig in den Hintergrund gedrängt hat. Heutzutage gelten die 4 Fertigkeiten Lesen, Hören, Sprechen und Schreiben. Das setzt bei vielen – besonders den älteren – Fachkollegen ein Umdenken voraus, eine Entwicklung, die anfangs auf Kosten des Selbstbewusstseins gehen könnte.

HOLISTISCHE SPRACHSTRATEGIE

Die Fachliteratur unterscheidet zwischen einer analytischen und einer holistischen Sprachstrategie, wobei die analytische die Sprache als System betrachtet und die holistische Version die Sprache mit persönlichen Inhalten und kommunikativen Zielen in Verbindung bringt. Edmondson und House[1] gehen von 6 wesentlichen Unterschieden aus:

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Die Kritik an der analytischen Strategie gilt vor allem folgende qualitative Mängel:

  1. Die Unterrichtskommunikation verläuft meist über den Lehrer.
  2. Echte, inhaltsbezogene und natürliche Kommunikation ist selten vorhanden.
  3. Situationen sind oft künstlich.
  4. Die Muttersprache steht als primäres Kommunikationsmittel immer zur Verfügung.
  5. Der Lerngegenstand (die Fremdsprache) ist zugleich Kommunikationsmittel.
  6. In sprachlichen Äußerungen überwiegt die Lernfunktion.
  7. Der Lehrer bestimmt die Sprechanlässe; Kommunikation beschränkt sich für den Lernenden auf ‘übende Interaktion’.
  8. Der Lehrer stellt Fragen, gibt Anweisungen, vermittelt Wissen und bewertet, während der Schüler meist nur reagiert. Durch dieses Reagieren wird der Transfer in die außerunterrichtliche Realität natürlich nicht begünstigt.
  9. Inhalt und Funktion eines Schülerbeitrags spielen oft eine untergeordnete Rolle.
  10. Die Bewertung des mündlichen Sprachgebrauchs richtet sich viel zu einseitig nach Kriterien der grammatischen Korrektheit.


Defizite in der Lehrerausbildung

Erik Kwakernaak[2] – Fachdidaktiker an der Universität Groningen - veröffentlicht 2007 für die Fachzeitschrift ‘Levende Talen’ einen interessanten Artikel, in dem er feststellt, dass die Professionalität mancher Fremdsprachenlehrer im Moment zu wünschen übrig lässt. Als eine der Ursachen dafür sieht er die Fachdidaktik an den niederländischen Lehrerausbildungen, die – anders als im Ausland – ein großes Defizit aufweist: hier zählt überwiegend der Fachinhalt und in viel zu beschränktem Maße, wie man in der Praxis das Fach unterrichtet. Das hat letztendlich dazu geführt, dass es heutzutage an unseren Schulen einen Berufsstand gibt, dessen Autorität überwiegend auf gediegenen Kenntnissen der deutschen Grammatik, im allgemeinen jedoch in weit geringerem Maße auf seiner Sprechfertigkeit beruht.

Der amerikanische Sprachwissenschaftler Stephen Krashen[3] geht in seiner Monitortheorie (1982) davon aus, dass junge Personen eher durch Erwerbs- als durch Lernprozesse Kenntnisse erlangen. Die Lehrerausbildungen lägen also nach seiner Auffassung völlig auf der falschen Spur ...

Expertenstimmen

Nun kurz zurück in die Geschichte. Seit dem Ende der 70er Jahre vollzog sich allmählich eine Wende zugunsten des holistischen Sprachprinzips und der kommunikativ orientierten Fremdsprachendidaktik. Didaktiker stellten von nun an Authentizität in den Vordergrund und propagierten den sogenannten classroom discourse, d.h. man bevorzugt den Unterricht selbst als Kommunikationsanlass, weil der nämlich den elementaren Lebensraum für Schüler und Lehrer darstellt. Gerhard Neuner[4] spricht in diesem Kontext sogar von einem ‘Fundamentum kommunikativer Strategien, das nicht nur für die sprachliche Realisierung der authentischen Rolle von großer Bedeutung ist, sondern das auch für künftige Rollen und Situationen außerhalb des Unterrichts einen hohen Stellenwert besitzt’. In solchen “Klassengesprächen” spielen folgende Elemente eine außerordentlich wichtige Rolle:

  • Unterrichtsrelevante Redemittel; sie bilden für den Schüler den Anfang, sich authentisch in der Zielsprache zu äußern.
  • Interaktion zwischen Schüler und Lehrer und zwischen Schülern unter einander. Dazu einige Stimmen aus dem Expertenbereich:
Butzkamm (1989)
‘Eine Fremdsprache lernt man nur dann als Kommunikationsmittel benutzen, wenn sie ausdrücklich und genügend oft in dieser Funktion ausgeübt wird.’
Edmondson (1995)
‘Das Entscheidende für den Lernerfolg im Fremdsprachenunterricht ist die Natur der Interaktion im Unterricht.’
Storch[5] (1999)
‘Die Bedeutung der unterrichtlichen Kommunikation ist für den Fremdsprachenunterricht so wichtig, weil sie sprachlich geprägt ist und das Sprachverhalten der Schüler wesentlich beeinflußt.’

BLICK VORWÄRTS

Wie nun im Deutschunterricht an niederländischen Schulen qualitative Veränderungen in die Wege leiten? Zuerst sollte man sich dann fragen, was man in der heutigen Situation exakt verändern möchte. Kurz und bündig, man wünscht sich, dass

  • Lehrer ihr dirigistisches Verhalten mehr und mehr abbauen,
  • Schüler zu mehr Initiative, Selbstständigkeit und Eigenverantwortung gelangen,
  • mehr lernergeleitete Kommunikation entsteht.

Um auch nur annähernd an diese Ziele heranzukommen, müssen wir auf der Suche nach einer stärker symmetrischen Rollenverteilung in der Klasse, nach einer verbesserten Interaktionsstruktur und nach authentischen Kommunikationsanlässen.

Aus diesen Prämissen könnte man folgern, dass der Lehrer seine Rolle in und vor der Gruppe neu definieren sollte. Er müsste dazu bereit sein, sich nicht länger ausschließlich auf Autorität und Expertentum zu berufen und den Schritt der geteilten (Lehrer < > Schüler) Steuerung des Unterrichtverfahrens wagen.


GRUNDVORAUSSETZUNGEN

Was braucht man zur Verwirklichung des Prinzips Zielsprache = Verkehrssprache?

  1. Eine positive und ermutigende Gruppenatmosphäre im Unterrichtsraum
  2. ‘Natürliche’, authentische Verwendung der Zielsprache (auf der Grundlage aktueller und landeskundlicher Themen)
  3. In jeder Unterrichtsphase und in allen Bereichen wird die Fremdsprache konsequent angewandt.
  4. Schüler sollen durch positives Feedback zum Sprechen eingeladen und ermutigt werden.
  5. Der Lehrer ist Betreuer des Unterrichtsverfahrens; er semantisiert Wortschatz nur dann, wenn der Schüler ihn nicht selbst erschließen kann. Fragen nach unbekannten Wörtern sollen grundsätzlich an die Klasse weitergegeben werden. Erst dann kommt das Wörterbuch in Betracht.
  6. Lehrer und Schüler stehen zur Notwendigkeit der sprachlichen Interaktion.
  7. Der Lehrer reduziert seinen Redeanteil und sein Frage-Antwort-Spiel.
  8. Der Lehrer vermeidet durch gute Vorbereitung Verständnisschwierigkeiten im Unterricht und die damit verbundenen Wiederholungen.
  9. Der Lehrer verteilt Arbeitsaufträge (Einzel-, Partner- und Gruppenarbeit); Schüler tragen die Ergebnisse in der Klasse vor.
  10. Der Lehrer fördert die Eigeninitiative seiner Schüler; diese können eigene Ideen, Themen, Materialien einbringen.
  11. Im Gespräch werden zu jeder Zeit Selbstkorrekturen und Korrekturen durch Klassenkameraden gefördert.
  12. Die Sprechfertigkeit steht vollkommen im Zeichen der kommunikativen Kompetenz der Teilnehmer; die Grammatik spielt daher keine zentrale Rolle.
  13. Lernerfehler sind entwicklungsbedingt und werden toleriert, so lange die Kommunikation gelingt. Fachexperten legen dabei großen Wert auf sogenannte implizite Fehlerkorrekturen (Storch5, S.316).


Einige praktische Tipps

Für frischgebackene Kollegen: Fangen Sie spätestens morgen an! Die Schüler im Bereich der Zielsprache völlig für sich zu gewinnen, ist ein langwieriger Prozess, der sich normalerweise über Jahre hinzieht. Aber irgendwann soll man anfangen, und jeden Unterrichtstag konsequent weitermachen. Einmal kommt der Tag, wo Veränderungen spürbar werden, wo ‘Authentizität’ greifbar nahe kommt und Ihre Schüler Sie auch außerhalb des Klassenraums spontan auf Deutsch begrüßen und mit Ihnen in der Zielsprache zu sprechen anfangen!

  • Vermeiden Sie konsequent die Muttersprache. Auch bei disziplinarischen Spannungen und Konflikten.
  • Fangen Sie jede Unterrichtsstunde an mit einem kurzen ‘social talk’; als Sprechanlass nehmen Sie z.B. die Tagesaktualität.
  • Machen Sie’s sich zur Aufgabe, in jeder Deutschstunde die vier Fertigkeiten (Lesen, Hören, Sprechen und Schreiben) in irgendeiner Form zu integrieren.
  • Wenn möglich, erteilen Sie jedem Schüler (kurz) das Wort.
  • Fürchten Sie sich bitte nicht vor eigenen Sprachfehlern, Sie haben den Schülern gegenüber einen ungeheuren Vorsprung!
  • Trauen Sie sich, vom Lehrbuch wegzukommen und setzen Sie (zur Maximierung der Authentizität) regelmäßig eigene (Text-)Materialien ein:
    Achten Sie bei der Themenwahl auf eine gute Mischung aus Erlebniswelt der Schüler einerseits und landeskundlichen Themen, die Sie als Experte für wichtig halten, andererseits.
  • Denken Sie sich Gruppenarbeiten aus, die Sie während der Stunde durchführen könnten und woran alle Teilnehmer mündlich aktiv beteiligt sind.
  • Gewähren Sie ihren Schülern eine Wahlfreiheit (z.B. einmal die Woche eine eigene Textauswahl aus Jugendmagazinen, vom Internet und und ..., damit sie ihre eigenen Interessen nachgehen und ihre Stärken im sprachlichen Bereich ausnutzen können und sich zudem noch mitverantwortlich fühlen für den Lernprozess.
  • Prüfen Sie die Sprechfertigkeit Ihrer Schüler in jeder Schulperiode mindestens einmal.
  • Prüfen Sie sowohl monologisch als auch dialogisch.
  • Setzen Sie nicht nur Dialogkarten ein, sondern bieten Sie dem Schüler auch (vor allem) die Gelegenheit zum freien Sprechen.
  • Halten Sie sich an das Prinzip der ‘impliziten Korrektur’ (Verbesserung eines Sprachfehlers im wiederholten Satz, wodurch eine Unterbrechung des Gesprächs vermieden wird).
  • Halten Sie die langjährigen Leistungen (7.-12. Klasse) und die zwischenzeitlichen Fortschritte oder auch eventuellen Stillstand im Lernprozess Ihrer Schüler in einer Übersicht fest, wobei Sie auf einen Blick feststellen können, ob der jeweilige Schüler für sein Lehrjahr den Anforderungen des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens (Stufen A1 – C2) gerecht wird.

Ein etwas erfahrener Kollege überlässt die Unterrichtskommunikation (classroom discourse) nicht dem Zufall, sondern baut sie durch die Jahre planvoll und systematisch aus.

Es wäre sinnvoll, in der Fachschaft regelmäßig über inhaltliche Fragen zum Thema ‘Zielsprache ist gleich Verkehrssprache’ zu sprechen. Eine Fachgruppe braucht eine klare und systematische Beschreibung für die Gesprächsfertigkeit im ganzen Curriculum (von der 7. bis zur 12. Klasse). Jung und alt könnten sich zum regen Gedankenaustausch inspirieren. Falls gut vorbereitet, können solche Besprechungen zu Vereinbarungen führen, die mittel- und langfristig eine äußerst positive Wirkung - man denke dabei an eine größere Zusammengehörigkeit, einen qualitativ höheren Organisationsgrad, ein höheres Fach- und Sprachniveau unter Kollegen, gesteigerte Arbeitsfreude und im Rahmen der Sprechfertigkeit eine Qualitätssteigerung unter den Schülern - zur Folge haben könnte.

Übrigens: Deutsch sprechen sollte sich nicht nur auf den Klassenraum beschränken, sondern auch außerhalb und mit anderen Gesprächsteilnehmern (Kollegen der Fachgruppe, übrige Kollegen, Schüler ...) sollte möglichst viel und regelmäßig in der Zielsprache gesprochen werden.

FRISCH GEWAGT IST HALB GEWONNEN

Wer in der Schule seine Hingabe zur deutschen Sprache verkünden und über die Jahre den fremdsprachlichen Lernprozess seiner Schüler aufmerksam verfolgen möchte, eignet sich am besten auf der Stelle die holistische Sprachphilosophie an und macht heute noch das Prinzip ‘Zielsprache ist gleich Verkehrssprache’ zum festen Bestandteil seiner professionellen Berufsauffassung.

Aber, seien Sie gewarnt! Gut Ding will Weile haben. So etwas geht nicht vor heute auf morgen! Die Entwicklung und die Förderung sprachlichen Handelns setzt fortwährend eine intensive Auseinandersetzung zwischen Lernenden voraus. Es ist ein langwieriger Prozess. Nur wer in seiner beruflichen Karriere diesen Weg schon gegangen ist, kann dabei mitreden. Es ist ein Gefühl, das sich schwer beschreiben lässt, das aber während des Lernprozesses immer deutlicher spürbar wird!

Ich kann Sie nur beruhigen: der lange Weg zum Ziel lohnt sich wirklich!


Es ist an der Zeit, dass wir in Bezug auf den Deutschgebrauch in niederländischen Klassenräumen den Spieß drehen. Zielsprache ist von nun an Verkehrssprache: Sowohl im Interesse Ihrer Schüler wie in Ihrem Interesse als Deutschlehrer.

Ich wünsche Ihnen und Ihren Schülern viel Erfolg!


Quellen

  1. Edmondson, Willis J. und House, J., Einführung in die Sprachlehrforschung, 3. Auflage, Tübingen 2006, S. 316
  2. Kwakernaak, E., De doeltaal als voertaal, een kwaliteitskenmerk, Groningen, 2007
  3. Krashen, S.D.,Principles and Practice in Second Language Acquisition,Oxford, 1982
  4. Neuner, G., Soziologische und pädagogische Dimensionen der Kommunikation und ihre Bedeutung für eine pragmatische Fremdsprachendidaktik, Paderborn 1979, S. 95-113
  5. Storch, G., Deutsch als Fremdsprache - Eine Didaktik, Paderborn 1999