Einfluss digitaler Medien: Unterschied zwischen den Versionen

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K (Ressourcen und empirische Befunde zum Sprachgebrauch im Netz)
K (Sprache und "neue Medien": Positionen und Befunde)
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Bei einem differenzierteren Blick auf die Sprachverwendung im Netz kann man allerdings schnell feststellen, dass diejenigen Merkmale, die häufig als "typisch netzsprachlich" und damit als '''Elemente einer "Netz-Sprache"''' aufgefasst werden, '''gar nicht in allen Bereichen des Netzes in gleicher Weise gebräuchlich sind'''. In weiten Bereichen des Internets kommen sie sogar überhaupt nicht und wenn, dann bestenfalls in Form von Zitaten, vor. Smileys, Aktionswörter wie *grins*, *knuddel*, *freu*, Akronyme wie ''LOL'' und ''ROFL'' sowie ein an der gesprochenen Umgangssprache orientierter sprachlicher Duktus sind bei genauerer Betrachtung vor allem in der internetbasierten Kommunikation ''im Freizeitbereich'' hochfrequent; in anderen Nutzungskontexten (z.B. Foren-Kommunikation im Bildungsbereich; Beratungs-Chats) kommen sie weit weniger häufig vor. Auf institutionellen Websites, in Wikipedia-Artikeln oder in Newslettern werden sie in der Regel überhaupt nicht verwendet. '''Empirische Befunde''' hierzu liefern z.B. die Untersuchungen in [http://www.studiger.tu-dortmund.de/images/Storrer_2007_Chat-kommunikation_in_beruf_und_weiterbildung.pdf Storrer (2007)] und [http://www.studiger.tu-dortmund.de/images/Zif-Netzwerke-storrer-preprint.pdf Storrer (2011)]. '''Datenbeispiele für die stilistische Variation in Abhängigkeit zu Nutzungskontexten''' bietet das '''[http://www.chatkorpus.tu-dortmund.de Dortmunder Chat-Korpus]''', das Mitschnitte aus unterschiedlichsten Arten von Chats - neben Chats im Freizeitbereich auch Beratungschats, moderierte Chats mit Politikern und Chats im Bildungsbereich - per Mausklick zugänglich macht.
 
Bei einem differenzierteren Blick auf die Sprachverwendung im Netz kann man allerdings schnell feststellen, dass diejenigen Merkmale, die häufig als "typisch netzsprachlich" und damit als '''Elemente einer "Netz-Sprache"''' aufgefasst werden, '''gar nicht in allen Bereichen des Netzes in gleicher Weise gebräuchlich sind'''. In weiten Bereichen des Internets kommen sie sogar überhaupt nicht und wenn, dann bestenfalls in Form von Zitaten, vor. Smileys, Aktionswörter wie *grins*, *knuddel*, *freu*, Akronyme wie ''LOL'' und ''ROFL'' sowie ein an der gesprochenen Umgangssprache orientierter sprachlicher Duktus sind bei genauerer Betrachtung vor allem in der internetbasierten Kommunikation ''im Freizeitbereich'' hochfrequent; in anderen Nutzungskontexten (z.B. Foren-Kommunikation im Bildungsbereich; Beratungs-Chats) kommen sie weit weniger häufig vor. Auf institutionellen Websites, in Wikipedia-Artikeln oder in Newslettern werden sie in der Regel überhaupt nicht verwendet. '''Empirische Befunde''' hierzu liefern z.B. die Untersuchungen in [http://www.studiger.tu-dortmund.de/images/Storrer_2007_Chat-kommunikation_in_beruf_und_weiterbildung.pdf Storrer (2007)] und [http://www.studiger.tu-dortmund.de/images/Zif-Netzwerke-storrer-preprint.pdf Storrer (2011)]. '''Datenbeispiele für die stilistische Variation in Abhängigkeit zu Nutzungskontexten''' bietet das '''[http://www.chatkorpus.tu-dortmund.de Dortmunder Chat-Korpus]''', das Mitschnitte aus unterschiedlichsten Arten von Chats - neben Chats im Freizeitbereich auch Beratungschats, moderierte Chats mit Politikern und Chats im Bildungsbereich - per Mausklick zugänglich macht.
  
Inwiefern das Auftreten der o.a. sprachlichen Auffälligkeiten in Formen der ''informellen'' Netzkommunikation sich auf die '''Schreibkompetenzen Jugendlicher''' auswirkt, ist eine andere Frage. Befunde einer Untersuchung an der Universität Zürich legen nahe, dass die Jugendlichen von heute sehr wohl zwischen dem Schreiben in informellen, dialogischen und dem mündlichen Gespräch angenäherten Settings im Netz und dem Schreiben "traditioneller" Textsorten zu unterscheiden wissen, bei denen es auf eine kontextunabhängige Verständlichkeit ankommt (vgl. Dürscheid/Wegner/Brommer 2010).
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Inwiefern das Auftreten der o.a. sprachlichen Auffälligkeiten in Formen der ''informellen'' Netzkommunikation sich auf die '''Schreibkompetenzen Jugendlicher''' auswirkt, ist eine andere Frage. Befunde einer Untersuchung an der Universität Zürich legen nahe, dass die Jugendlichen von heute sehr wohl zwischen dem Schreiben in informellen, dialogischen und dem mündlichen Gespräch angenäherten Settings im Netz und dem Schreiben "traditioneller" Textsorten zu unterscheiden wissen, bei denen es auf eine kontextunabhängige Verständlichkeit ankommt (vgl. Dürscheid/Wagner/Brommer 2010).
  
 
→ ''s. Artikel "[http://www.studiger.tu-dortmund.de/images/Storrer-web2020-preprint.pdf Über die Auswirkungen des Internets auf unsere Sprache]" von A. Storrer''
 
→ ''s. Artikel "[http://www.studiger.tu-dortmund.de/images/Storrer-web2020-preprint.pdf Über die Auswirkungen des Internets auf unsere Sprache]" von A. Storrer''

Version vom 27. November 2011, 14:04 Uhr

Vorlage:Deutsch/Abitur

Inhaltsverzeichnis

Sprache und "neue Medien": Positionen und Befunde

Im öffentlichen Diskurs und auch in der journalistischen Behandlung des Themas "Sprache im Internet" wird häufig diskutiert, ob und inwiefern der (schriftliche) Sprachgebrauch in "neuen" Medien wie Internet und SMS die Alltagssprache sowie die Sprachkompetenz junger Leute beeinflusse.

Besonders in der journalistischen Auseinandersetzung mit dem Thema wird dabei häufig der Eindruck erweckt, es gebe eine "Netz-Sprache", die - in Form einer eigenen Varietät - für die Sprachverwendung im Internet charakteristisch sei. Von dieser "Netz-Sprache" wird angenommen, dass sie die Sprachverwendung im Alltag und insbesondere die Schreibfähigkeiten Jugendlicher bzw. die Kompetenz zu differenzierter, situationsangemessener Sprachverwendung negativ beeinflusse.

Bei einem differenzierteren Blick auf die Sprachverwendung im Netz kann man allerdings schnell feststellen, dass diejenigen Merkmale, die häufig als "typisch netzsprachlich" und damit als Elemente einer "Netz-Sprache" aufgefasst werden, gar nicht in allen Bereichen des Netzes in gleicher Weise gebräuchlich sind. In weiten Bereichen des Internets kommen sie sogar überhaupt nicht und wenn, dann bestenfalls in Form von Zitaten, vor. Smileys, Aktionswörter wie *grins*, *knuddel*, *freu*, Akronyme wie LOL und ROFL sowie ein an der gesprochenen Umgangssprache orientierter sprachlicher Duktus sind bei genauerer Betrachtung vor allem in der internetbasierten Kommunikation im Freizeitbereich hochfrequent; in anderen Nutzungskontexten (z.B. Foren-Kommunikation im Bildungsbereich; Beratungs-Chats) kommen sie weit weniger häufig vor. Auf institutionellen Websites, in Wikipedia-Artikeln oder in Newslettern werden sie in der Regel überhaupt nicht verwendet. Empirische Befunde hierzu liefern z.B. die Untersuchungen in Storrer (2007) und Storrer (2011). Datenbeispiele für die stilistische Variation in Abhängigkeit zu Nutzungskontexten bietet das Dortmunder Chat-Korpus, das Mitschnitte aus unterschiedlichsten Arten von Chats - neben Chats im Freizeitbereich auch Beratungschats, moderierte Chats mit Politikern und Chats im Bildungsbereich - per Mausklick zugänglich macht.

Inwiefern das Auftreten der o.a. sprachlichen Auffälligkeiten in Formen der informellen Netzkommunikation sich auf die Schreibkompetenzen Jugendlicher auswirkt, ist eine andere Frage. Befunde einer Untersuchung an der Universität Zürich legen nahe, dass die Jugendlichen von heute sehr wohl zwischen dem Schreiben in informellen, dialogischen und dem mündlichen Gespräch angenäherten Settings im Netz und dem Schreiben "traditioneller" Textsorten zu unterscheiden wissen, bei denen es auf eine kontextunabhängige Verständlichkeit ankommt (vgl. Dürscheid/Wagner/Brommer 2010).

s. Artikel "Über die Auswirkungen des Internets auf unsere Sprache" von A. Storrer

Generell ist festzustellen, dass heutzutage viel mehr schriftlich kommuniziert wird als früher. Die Schrift ist nicht mehr ein Medium fast ausschließlich für die Distanzkommunikation, sondern wird gerade in sozialen Netzwerken, ICQ, Foren und Chats auch häufig für die informelle Freizeitkommunikation verwendet.

Das führt insgesamt zu einer Veränderung im kulturellen Stellenwert der Schrift und sollte im Deutschunterricht entsprechend aufgegriffen werden. Heute wie jeher ist es wichtig, Schülerinnen und Schüler dabei zu begleiten, ein Bewusstsein für funktionale Angemessenheit bei der Verwendung sprachlicher Mittel zu entwickeln (siehe z.B. den Bereich "Sprachen in der Sprache" im Lehrplan Deutsch/NRW). Dabei sollte es nicht darum gehen, den Sprachgebrauch der Jugendlichen in der Freizeit zu kritisieren. Ein ökonomischer, spontaner und an der Mündlichkeit orientierter Umgang mit der Schrift kann in Kontexten, in denen es gerade um Spontaneität und einen schnellen dialogischen Austausch geht, wesentlich zielführender sein als die Einhaltung aller Konventionen, die für die Verständnissicherung in schriftlicher Distanzkommunikation wichtig sind. Umgekehrt gibt es nach wie vor (und wird es auch weiterhin geben) diverse Situationen, in denen die Einhaltung der Konventionen von Orthographie und Interpunktion sowie einer auf maximale Verständlichkeit im Distanzbereich gerichteten Syntax und Textgrammatik wichtig und - mit Blick auf erfolgreiches kommnunikatives Handeln - zielführend sind.

Ressourcen und empirische Befunde zum Sprachgebrauch im Netz

  • Dortmunder Chat-Korpus: Umfangreiche Sammlung von Chat-Mitschnitten an der TU Dortmund: 140.000 Nutzerbeiträge aus Chats in unterschiedlichen sozialen Handlungsbereichen (Webchats und IRC-Chats im Freizeitbereich, Chats in Lehr-/Lernkontexten, in verschiedenen Formen institutioneller Beratung und in journalistischen Nutzungskontexten). Ein großer Teil der Mitschnitte kann in einer HTML-Version direkt per Browser eingesehen und für Unterrichtszwecke kopiert oder ausgedruckt werden.
  • Dürscheid, Christa, Franc Wagner, Sarah Brommer (2010): Wie Jugendliche schreiben. Schreibkompetenz und neue Medien. Berlin und New York: de Gruyter.
  • Storrer, Angelika (2010): Über die Auswirkungen des Internets auf unsere Sprache. In: Burda, Hubert/Döpfner, Mathias/Hombach, Bodo/Rüttgers, Jürgen (Hg.): 2020 - Gedanken zur Zukunft des Internets. Essen: Klartext Verlag, S. 219-224. - Download: PDF-Preprint
  • Storrer, Angelika (2011): Sprachstil und Sprachvariation in sozialen Netzwerken. In: In: Barbara Frank-Job, Alexander Mehler & Tilmann Sutter (Hrsg.): Die Dynamik sozialer und sprachlicher Netzwerke. Konzepte, Methoden und empirische Untersuchungen an Beispielen des WWW. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. - Download: PDF-Preprint

Unterrichtskonzepte und -materialien

  • Frank Schneider, EinFach Deutsch Unterrichtsmodelle. Sprachursprung - Sprachskepsis - Sprachwandel: Diskussionen über die Sprache von Herder bis heute. Gymnasiale Oberstufe. Schöningh. ISBN 3140224559
umfangreiches Material, gut aufbereitet; ermöglicht einen flexibel gestalteten Unterricht

Journalistische und künstlerische Kommentare zur Sprachverwendung in SMS und Chat

In der heutigen Gesellschaft wird der Raum für die Sprache immer kleiner. Wie SMS unsere Kommunikation verändert, wenn in 160 Zeichen das Leben erzählt wird.
Sehr lesenswerter Beitrag mit Ergebnissen von neuen Untersuchungen. Der Text bietet zahlreiche Ansatzpunkte für die Verwendung im Unterricht: klare Aussagen, die sicherlich auch Anlass zu Diskussionen bieten. - Eine Aussage: Zweisprachigkeit habe für sich genommen keinen messbaren Einfluss auf die Sprachleistung der untersuchten Grundschüler.

Jasper - Der HDL-Song - [original & live]

Siehe auch