An einem Tag wie diesem

aus ZUM-Wiki, dem Wiki für Lehr- und Lerninhalte auf ZUM.de
Wechseln zu: Navigation, Suche

An einem Tag wie diesem ist ein Roman des Schweizer Schriftstellers Peter Stamm (* 1963) aus dem Jahre 2006

Worum geht's

"Andreas liebte die Leere des Morgens, wenn er am Fenster stand, eine Tasse Kaffee in der einen, eine Zigarette in der anderen Hand, und auf den Hof hinausschaute, den kleinen, aufgeräumten Hinterhof, und an nichts dachte als an das, was er sah. In der Mitte des Hofes ein mit Efeu bepflanztes, viereckiges Beet, darin ein Baum, aus dem in der Mitte und oben ein paar dünne Äste wuchsen, zurechtgestutzt nach dem wenigen Raum, der zur Verfügung stand. Die leuchtend grünen Container, Glas, Verpackungen, Restmüll, das regelmäßige Muster der Zementplatten, von denen einige etwas heller waren, vor Jahren ersetzt aus irgendeinem Grund. Die Geräusche der Stadt waren nur leise zu hören, ein homogenes Rauschen, dazwischen entfernte Vogelrufe und sehr deutlich das Geräusch eines sich öffnenden und wieder schließenden Fensters.
Dieser besinnungslose Zustand hielt nur wenige Minuten lang an. Noch bevor Andreas die Zigarette zu Ende geraucht hatte, fiel ihm der gestrige Abend ein. Was er denn unter Leere verstehe, hatte Nadja gefragt. Für sie bedeutete Leere einen Mangel an Beachtung, an Liebe, die Abwesenheit von Menschen, die sie verloren hatte oder die sich nicht genug um sie kümmerten. Die Leere war ein Raum, der einmal ausgefüllt gewesen war, oder von dem sie glaubte, er könnte ausgefüllt sein, das Fehlen von etwas, das sie wohl selbst nicht genau hätte bezeichnen können. Er habe keine Ahnung, hatte Andreas gesagt, er interessiere sich nicht für abstrakte Begriffe.“

Andreas, der Protagonist, Mitte 40, lebt als Deutschlehrer in Paris, dort arbeitet er in einem Vorort-Gymnasium, er ist Schweizer, hat vor 18 Jahren sein Land verlassen und seitdem wenig Kontakt zu seinen Eltern und seinem Bruder und seinen Freunden gepflegt. Er ist Junggeselle, unpolitisch, pflegt regelmäßigen und unverbindlichen Umgang mit Freundinnen, verheiratet oder geschieden, und wird von der Routine des Alltags zusammengehalten. Er hat wenig Freunde, lediglich von einem Sportlehrer ist die Rede. Er hat kein Lebensziel, keinen Ehrgeiz, kaum Erinnerungen, nur die Erinnerung an eine Jugendfreundin, Fabienne, beschäftigt ihn immer wieder, es war eine Beziehung, die erst gar nicht begonnen hatte und als Sehnsucht bei ihm weiterwirkt.

Andreas ist starker Raucher und eine Untersuchung seiner Lunge ergibt den Verdacht auf Lungenkrebs. Den Befund wartet er allerdings nicht ab. Statt dessen entschließt er sich, seine Stelle zu kündigen und seine Wohnung zu verkaufen.

Mit einer jungen Praktikantin, Delphine, beginnt er (besser sie mit ihm) eine Beziehung und sie fahren zusammen in einem 2CV in die Schweiz in sein Heimatdorf. Delphine reist jedoch bald wieder ab, da ihr die Indifferenz von Andreas, auch seine Heimatlosigkeit und Ungebundenheit unerträglich wird. Im Heimatdorf kommt es zur Begegnung mit Fabienne, die in der Zwischenzeit mit seinem Schulfreund verheiratet ist und eine gutbürgerliches Leben führt. Er ist weiterhin fasziniert von ihr, sie treffen sich einige Male und lieben sich. Diese Begegnung endet mit einem Kuss auf den Mund, der einzige, und dieser setzt einen Schlusspunkt unter diese Geschichte, er hat sie jetzt sozusagen aufgearbeitet.

Das kann wie eine Befreiung verstanden werden, danach besucht er im gleichen Dorf seinen Bruder, der ebenfalls eine gutbürgerliche Ehe mit Haus und Kindern führt, sie gehen auf den Friedhof, um das Elterngrab zu besuchen, bevor es aufgelöst wird, dann fährt Andreas einige Tage lang gen Westen. Mehr oder weniger zielstrebig steuert er den Campingplatz an, auf dem Delphine die Sommer ihrer Jugend verbracht hat und wo er sie dann tatsächlich wieder findet. Zuvor scheint es jedoch, als habe er sich einigen Entschlüssen angenähert, denen er entfliehen wollte: Der ärztliche Befund der Lungenuntersuchungen, eventuell eine neue Existenz mit Delphine in ihrem neuen Arbeitsort Versailles ... Delphine jedenfalls freut sich über sein unerwartetes Erscheinen am Meer und fällt ihm spontan um den Hals.

Noia 64 apps kontour.png   Meinung

Der Stil ist absichtsvoll karg, spröde, zeitweise monoton, was besonders an Dialogen und den Rede-einleitenden Verben deutlich wird: Außer ‚sagen’ und ‚fragen’ gibt es keine anderen Verben, die direkte Rede scheint sich der indirekten anzunähern, Emotionalität und Dramatik wird vermieden, Distanz und auch Indifferenz prägt die Beziehungen des Protagonisten zu seinen Mitmenschen.

Die Handlung entwickelt sich sehr langsam, ein dramatischer Spannungsbogen ist erahnbar, aber auch nicht recht beabsichtigt. Fast könnte man meinen, der ganze Handlungsbogen läuft auf den Kuss hinaus, den richtigen und einzigen Kuss, den Andreas von Fabienne zum Abschied erhält. Die Vorbereitung des Entschlusses zum Aufbruch bzw. zum Abbruch benötigt die ersten 70 Seiten, die Reise ins Offene, in die Heimat zurück ebenfalls.

Dafür wird sehr intensiv beobachtet, was sich in der näheren Umgebung abspielt, man schweift mit den Augen des Protagonisten umher und nimmt Dinge wahr, die zwar vorhanden sind, aber wenig Zusammenhang ausmachen. Immer wieder verläuft sich der Leser in die Vorstellungen und Träume des Protagonisten oder in dessen Vergangenheit, die Übergänge sind plötzlich und unscheinbar.

Ich als Leser war tatsächlich lange Zeit hineingezogen in diese Geschichte oder besser: diesen Text, verspürte dann aber mittendrin doch so etwas wie Überdruss, als klar wurde, dass nichts Spektakuläres zu erwarten war, kein Aufbäumen, keine Katharsis, keine Rettungs- oder Entführungs- oder Fluchtaktionen. Und dennoch ist eine merkliche Veränderung im Weltbezug des Protagonisten zu erkennen: Der Besuch bei seinem Bruder, der Gang auf den Friedhof, die Suche nach Delphine, die Möglichkeit eines gemeinsamen Anfangs an einem anderen Ort - all dies deutet ins Positive, aus der Leere (nicht nur des Morgens) heraus, in Richtung Bindungsbereitschaft.

Also ein positives Ende? Irgendwie schon, aber eben irgendwie! -- Klaus Dautel


Bitte ändere den Inhalt dieses Beitrags nicht. Denn er gibt eine persönliche Meinung wieder.

Stimmen

  • Felicitas von Lovenberg: Das große Schulterzucken. Peter Stamm beschreibt einen emotionalen Totalschaden
"Der Teilnahmslosigkeit seines Protagonisten und des lakonischen, kunstvoll schlichten Erzähltons, der impassibilité stehen ein unbedingter Formwille und ein Stilbewußtsein gegenüber, die in der jüngeren deutschsprachigen Gegenwartsliteratur ihresgleichen suchen. Während An- dreas seit Jahren auf einem Fleck verharrt, bewegt sich der Roman unaufhörlich vor- wärts und nimmt den Leser mühelos mit. Diese Dynamik, in der ständig, doch unaufdringlich Entfernungen zwischen Menschen, Orten und Gegenständen vermes- sen werden, trägt dazu bei, daß man den Roman nicht aus der Hand legen kann, ob- wohl er uns Andreas’ Interpretation der Ereignisse und damit jede Dramatik konsequent vorenthält.
Peter Stamm hat mit seinem wenig sympathischen Protagonisten, der keinerlei Überheblichkeit in seine Unbelebtheit legt, einen Nachfahren von Albert Camus’ „Fremdem“ Meursault geschaffen. Andreas steht als Mittvierziger mit emotionalem Totalschaden stellvertretend für eine Befindlichkeit, die sich nicht einmal aus sich selbst etwas macht – und bei der es sich keineswegs nur um eine wohlfeile literarische Erfindung oder gar Einbildung handelt. Stamm führt die Teilnahmslosigkeit einer Generation vor, der auch ohne einschneidende Erfahrungen der Sinn abhanden gekommen scheint – ohne sie damit zu denunzieren. Als Leserin kann man sich indes eines gewissen Widerwillens, ja einer Genervtheit angesichts dieser gebündelten Mattigkeit nicht erwehren. Daß ausge- rechnet dieser Mann ohne Eigenschaften, der ohne jedes innere Engagement misantrophisch vor sich hin vegetiert, das Erregungspotential besitzen soll, dauernd mit irgendwelchen Frauen zu schlafen, die er nicht einmal begehrt, nimmt man ihm nicht recht ab." (Frankfurter Allgemeine Zeitung Seite 46 / Samstag, 29. Juli 2006, Nr. 174)
  • Weil Delphine auf ihn wartet Annäherung ans grüne Leuchten: Peter Stamms neuer Roman "An einem Tag wie diesem" kündigt dem Leben nicht ohne Hoffnung. Von Ursula März, Frankfurter Rundschau 8.7. 2006
"An diesem Romanplot haftet einige Sentimentalität. Am Romanstil, am mählichen Spannungsaufbau eine gute Portion Routine. An der Kunst der Lakonie das Übel der Redundanz. Man könnte so ziemlich alles gegen diesen Roman einwenden, was gegen Stamms Literatur regelmäßig eingewendet wurde. Aber man übersähe dabei, wovon er auf anrührende Weise erzählt: Von dem Versuch, der Routine des Pessimismus', der selbstgefälligen Philosophie der Lebensleere, in den Rücken zu fallen. Peter Stamm hat den Versuch unternommen, eine in düsterer Monotonie beginnende Geschichte in der hellen Leichtigkeit eines Rohmer-Films enden zu lassen. Das ist ihm geglückt."
"In seinem spannenden Roman "An einem Tag wie diesem" erzählt Peter Stamm von einem Frauenhelden, dem sein scheinbar geregeltes Leben zerfällt.
[...] Wie Stamm mit der Sehnsucht des Helden nach der versäumten großen Liebe spielt, wie er - bei allem Witz und einer gehörigen Portion Ironie - Spannung aufzubauen versteht, das ist nur zu bewundern.
Wie geht es aus? Das möchte man schon gern wissen. Und da es zum Lesevergnügen gehört, sich genau das bis zur letzten Seite zu fragen, soll das Ende zwar nicht verraten, aber doch - entgegen dem Kritikercodex - mit dem Klappentext angedeutet werden, dass die Reise des Helden "bis ans Ufer des Atlantiks" führt, "in die Arme einer Frau, deren Liebe er beinah verspielt hatte".
Peter Stamm bewältigt auch diesen ein wenig filmreif geratenen, aber freilich offenen Schluss mit großer Eleganz." (Der Spiegel, 21.08.2006)

Siehe auch